Rr. 302. Marburg, Sonnabend, 25. Dezember 1886.
XII. Jahrgang
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Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Strlag von Joh. Lug. Loch.
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Illustriertes Sonntagsblatt
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Der Erzähler
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Weihnächte«.
„Weihnachten!" Der Jubelruf erschallt wieder von Millionen Lippen in unserem Deutschen Vaterlande. In anderen Landern und bei fremden Nationen mag das Christfest nicht mehr gelten, wie jedes andere große Kirchenfest, ein paar Feiertage, die da kommen und wieder gehen. Uns ist das Christfest mehr. Weihnachten erhält uns die schöne, goldene Poesie der lichtumkränzten Jugend, die Poesie, die im geräuschvollen Leben der Arbeit dem Erwachsenen so kärglich zugemesien. Man sage nur: Weihnachten ist hauptsächlich ein Kinderfest! Das ist genug; denn glücklich, wer sich noch herzlich freuen kann über die .Lust der Jugend, wem im frohen Jubel selbst wieder die 'friedlichen Tage der Kindheit im Gedächtnis emporsteigen; das ist schon eine Erquickung in unserer Zeit, die gebieterisch rastlose Arbeit erfordert zur Gewinnung des täglichen Brotes. Von allen Nationen des Erdballes hält die Deutsche das Haus- und Familienleben besonders heilig, daher steht Weihnachten als das edelste Haus- und Familienfest im höchsten Ansehen. Es sind nur wenige, kurze Tage, aber sie beweisen uns, daß wahre Freude und reines Glück doch noch nicht auf Erden erloschen, daß die herzliche Anhänglichkeit, welche die Deutschen ' unter einander verbindet, immer noch in voller Kraft besteht. Mag die Meinungsverschiedenheit sonst befreundete Kreise zersplittern, wir haben immer noch, was uns wieder bindet. Im politischen Leben ist das der ©ebante an Kaiser und Reich, im Volksleben die deutsche Treue und die deutsche Innigkeit, die so schön gerade im Weihnachtsfest zutage tritt.
Wir können sie aber auch gebrauchen, die deutsche Treue und Anhänglichkeit. Erscheint sie Weihnachten in strahlendem Licht, so darf sie doch auch dann nicht schwinden, wenn graue Wolken am Himmel stehen und ein schweres Wetter droht. Wir sind alle Deutsche! Mag das doch immer mehr erkannt, vor allem immer mehr darnach zu jeder Zeit gelebt werden, so wird es uns reichen Segen bringen. Wir haben allen und jeden Grund, fest zusammen zu halten, fest wie Eisen, uns gegenseitig in Mannheit und Kraft zu stärken. Jetzt brennen allerdings die Ker^n am Wcihnachtsbaum und schaffen ein Bild vollen Friedens und trauten Glückes; vergessen wir dabei aber auch nicht, daß uns gerade in dem zu Rüste gehenden Jahre die Kriegsgefahr recht nahe war. Nicht direkt waren wir bedroht, aber wenn ein allgemeiner europäischer Krieg auSgcbrochen wäre, den Kaiser Wilhelms ehrwürdige Gestalt in erster Reihe hat verscheuchen helfen, wo wäre dann im Deutschen Reiche die ruhige Weihnachten geblieben ? Das Wetter ist glücklich vorüber gezogen, die Gefahr erscheint beseitigt. Wer kann sagen, ob für immer, ob für lange Zeit? Der Zeitpunkt, an dem der eine auf den treuen Beistand des anderen angewiesen, kann herankommen, plötzlich, unvorbereitet und schneller, als wir es
oenken. Wer die Blut- und Eisentaufe im Jahre 1870/71 mit erhalten, der weiß, was treue Kameradschaft, was daS Gefühl fester, unzerbrechlicher Zusammengehörigkeit ausmacht, und darum wollen wir den Weihnachtsruf nach Frieden untereinander nicht ungehört verschallen lassen, vielmehr thun, was wir können, dahin zu wirken, daß der wahre Friede kommt. Wir sind alle Deutsche! Meinungs-Einheit wird nie eintreten, das ist in den untergeordneten Fragen des Lebens unmöglich, heilig und untastbar bleibe nur für alle Zeit die strahlende Devise: Kaiser und Reich!
Die deutsche Eintracht hat vieles Schöne und Edle erwirkt; das Größte ist das deutsche Kaiserreich. Es be- steht fort und fort in Hellem Glanz und ist im Innern der Ausbau auch noch nicht vollendet, ist im Gegenteil noch manche Lücke auszufüllen, nach außen hin umschließt es doch eine Mauer wie von Stahl Und diese Mauer ist die einzige Liebe zum Vaterland. Es fehlt ja auch bei uns nicht an Schwärmern, die von einer Weltverbrüderung phantasieren, die im Aufgehen der Nationen ineinander das Ideal der Zukunft erblicken. O der Thoren! Freundschaft und Friede unter den Völkern Europas soll herrschen, und was wir Deutschen dazu thun konnten und können, das thun wir gewiß redlich. Wir übersehen manche Herausforderung, weil wir wissen, daß auch der glorreichste Krieg immer ein Bild voller Thränen und Trauer bleibt. Ein kaltherziger Eroberer führt Kriege zur Befriedigung seines Ehrgeizes, nicht ein Fürst, der das Bestreben hat, sein Volk durch die große Arbeit des Friedens glücklich zu machen. Und darum verehren wir unseren Kaiser um so mehr! Aber unseren Namen als Deutsche, unsere deutsche Nationalität wollen wir vor allem hoch hatten und in Ehren. Wer auf diesen Ehrennamen nicht viel und alles giebt, der mag ihn ablegen, denn er hat in Wahrheit ihn schon verloren. Das Nationalitätsbewußtsein, den guten deutschen Stolz wollen wir deshalb hegen und pflegen, so viel in unseren Kräften steht; nicht jenen Stolz, der sich vergißt und überschäumend schwere Konflikte hervorruft, sondern den Stolz, welcher aus Macht, Tapferkeit und Treue entspringt, den Stolz der Ehre.
Weihnachten ist da und wird bald vergangen fein. Die Stille der Festtage wird nicht lange anhalten, denn schon gleich nach dem Jahreswechsel wird im deutschen Parlament aufs Neue der Kampf der Geister beginnen und uns auch im politischen Leben in die rauhe Wirklichkeit aus der Feststimmung zurückversetzen. Es ist ein schwerer Kampf und oft ein scharfes Streiten und Schlagen, aber über alledem weht das Reichspanier und schirmt und schützt die Vertreter des Volkes. Es ist auch eine Arbeit, welche der Erhaltung des Friedens dient, die dort getrieben wird, eine verantwortliche Thätigkeft, von welcher des Deutschen Reiches Wachsen und Gedeihen zum nicht geringen Teile mit ab-
Weihnachte«.
Wie Himmelsglanz und F.ühlingsduft Berauschend und doch erquickend;
Ein wonniges Jubeln aus tiefster Brust, Das Herz erhebend, beglückend:
So ist die Freude, die himmlische Macht, Die dem Hüttchen ersetzt die reichste Pracht; Nicht läßt sie sich zwingen durch Menschenwoit, Frei eilt sie tröstend von Oct zu Ort.
Still, ernst und doch von lieblichem Reiz, So einfach, unendlich doch labend, Ein sanftes Bild voll Zauberkraft, Ein Abbild des traulichen Abend: Das ist der Fliide, der beste Gesell, Den preiß das Volkslied dankend und hell, Der Friede, der mildert die täglichen Sorgen, Der uns vertrauend läßt schauen auf morgen.
Ein tiefer Quell, unendlich reich, Von wächt'ger Gewalt uud wundermild, Voll Zauberreiz, geheimnisvoll, Geg'n Lebensttübsal festes Schild: Das ist die Liebe, die heilige Kraft, Die edelste Güter des Lebens uns schafft, Die beseeligend wirkt auf des Menschen Gemüt, Von der Erde ihn auf zum Himmel zieht.
Der Freude, des Friedens, der Liebe Fest, DaS Fest der schönsten Harmonie, Unwiderstehlich, weil nichts ibm gleich, Die Tage voll himmlischer Poesie: Das ist das Christfest mit strahlendem Licht, Das zerteilt die Winterwolken so dicht, Mit dem Kerzenschimwer vom Weihnachtsbaum Einzieht die Freud« im engsten Raum.
Drum bleibt sie uns teuer, die Feier hold, Voll Liebe und Freude und Frieden, Ein Fest so recht für das deutsche Herz, Das nie es vergißt hienieden: Alljährlich schlingt es sein funkelndes Band Um Millionen von Deutschen von Land zu Land Und froh um jeden Christbaum eS klingt. Begeistert das Loblied zum Himmel dringt.
jNachdruck »erboten.]
Versöhnt.
Weihnachts - Skizze von Meta Heyden.
Im Hause des Bankier Felder brannten diesmal zwei Weihnachtsbäume. Der eine war für Cesariue, der andere für Haus. Cesarine war fünf, HanS vier Jahre alt und die beiden waren Geschwister. Da wäre nun wohl auch ein Christbaum genug gewesen, aber wie alles seine Ursachen hat, so hatte auch das Entzünden der beiden Bäume, die streng von einander gesondert standen, seine Ursachen.
Die Ursache der beiden Bäume und ihre Getrenntheit war nach der Frau Bankier Felder, geborene von Selbem, Ansicht der Herr Bankier Felder und nach des letzteren Ansicht seine Frau. Sie sprach es aus, er dachte es nur und zwinkerte lustig mit den Augen, wie das so seine Art war. Die gutmütige Ironie ihres Mannes, die konnte die ehemalige Komteß von Seibern nun vor allen Dingen nicht ausstehen; sie erschien sich dann jedesmal so klein neben ihrem Mann, sie fühlte ordentlich seine Ueberlegenheit und er sollte ihr nicht überlegen sein, sie wollte es nicht, um keinen Preis. War sie deshalb Fran Bankier Felder geworden, sie die schöne und stolze Komteß von Selbem, um nun zu »verkümmern«, wie sie eS nannte, um nichts weiter in der Welt zu bedeuten, als eine bürgerliche lobenswerte Hausfrau! Mtt Nichten! Wie gut es doch war, daß ihr
die liebe Kousiue, die Gräfin Speldorf, auch eine geborene von Selbem, noch rechtzeitig die Augen geöffnet hotte!
Bis vor wenigen Wochen war alles gut gegangen und sie hatte nichts vermißt. Sie war ein armes adliges Fräulein gewesen und da hatte sich der reiche Bankier, der ein so tüchtiger Geschäftsmann war und dabei ein so feines, „beinahe adliges" Wesen an sich hatte, in sie verliebt und sie — sich in ihn. Die Leute meinten zwar, es sei das eine Spekulations - Heirat und fanden das ganz in der Ordnung, sie aber wußte es besser, daß sie ihn nicht deS Geldes wegen geheiratet und er sie nicht, um durch sie in bisher ihm verschlossene Kreise zu gelangen. Daß ihm an letzterem ganz und gar nichts gelegen, das merkten später auch die Leute; er benutzte nicht die ihm durch seine Heirat gebotene Gelegenheit, in jene Kreise zu kommen. Er empfing die zwar arme, aber desto vornehmere Verwandtschaft stets mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit und einer untadelhaften Noblesse, die nichts zu wünschen übrig ließ, ober er selbst suchte sie nur auf, wenn es eben des guten Tones wegen notig war. Und er hatte so eine merkwürdige Art, mit ihnen allen zu verkehr, u; sie konnten ihm nichts vorwerfeu, aber sie fühlten es, wie er sich um nichts geringer dünke, als alle die hohen Herren und Damen uud das besagte ihnen nicht ganz. Er war doch immer nur ein Bürgerlicher und wenn man auch heutzutage über gewisse Vorurteile hinaus war, etwas besonderes war man doch immerhin, je weniger man es sich allerdings merken ließ. Nur vor einem beugte er sich und das war merkwürdigerweise gerade der, von dem die Familie am wenigsten hielt, das war der alte Graf Speldorf, ein alter Junggeselle. Der kam oft zu Felders und die Kinder sprangen dem Onkel stets freudig entgegen. Der alte Graf war Junggeselle eine hocharistokratische Persönlichkeit, war viel gereist und hatte viel gesehen. Er bedauerte eS im Stillen am meisten, daß der Adel nicht mehr die abgesondelte Stellung einnahm, wie