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Nr. 300.

Marburg, Donnerstag, A.'Dezember 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Lonn* und Feiertagen. Quartal* AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk.. bei den Postämter 2 Mk. 5'1 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltme Zeile 10 Psg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

ObecheM Jtitiiiig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes sowie d.Annoncen-Bureaux v»n Haasenstein undVoglcr in Franlfurt a. R, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Stoffe in Franlfurt a. M., Berlin.München und Köln; G L. Daube und Co. in Frankfurt a. M.

Berlin, Hannover«. Pari»'

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Erstes Ma tt.

Auf das I. Quartal k. I., in dem unser Blatt den 22. Jahrgang beginnt,- bitten wir die Bestellungen bei den Post­ämtern 'baldigst zu machen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Außer ihren seitherigen Gratisbeilagen

Kreisblatt

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes Sonntagsblatt

wird im neuen Quartal die

Dberheff. Zeitung.

eine weitere 2 mal monatlich erscheinende Beilage unter dem Titel .X"

Der Erzähler

erhalten, dieselbe wird in Buchform erscheinen und^einen größeren Roman, Novelle oder Erzählung zu ihrem Inhalt haben, sodaß sie gesammelt und gebunden ebenso wie das Sonntagsblatt einen Band von bleibendem Werte bildet.

w- Der Nr. 1 k. I. wird ein Wand­kalender mit Märkteverzeichnis beigelegt.

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c) desgl. bei unserer Expedition ... 2.25

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Franzose« und Russe«

bringen den oppositionellen Bestrebungen zur Abschwächung und Verschleppung der Militäroorlage ihre lebhafte Zu­stimmung und Unterstützung entgegen, bei unseren Ver­bündeten, den Oesterreichern, beklagt man sie dagegen tief. Diese Auffassung des Auslandes beweist klar und deutlich, Laß, mit wie schönen Reden die Opposition auch den Schein des Entgegenkommens zu wahren sucht, in Wahrheit ihr Verhalten und ihr Beschluß zur Sicherung Deutschlands gegen Kriegsgefahr weitaus nicht zureicht. Wie im Lande selbst vielfach Stimmen aus dem links-liberalen Lager sich mit der dringenden Forderung erheben, dem Reiche die­jenige militärische Rüstung nicht zu versagen, deren es zu seiner Sicherheit unbedingt bedarf, so ist eS im übrigen ein offenes Geheimnis, daß auch in den Kreisen der par­lamentarischen Oppositionsparteien bei vielen die Neigung obwaltet, die als notwendig anerkannte Verstärkung der Hceresmacht zu bewilligen, und daß die unverzügliche An­nahme der Militärvorüge in einer den verbündeten Re­gierungen acceptablen Fassung völlig gesichert wäre, wenn Der Fraktions- und Parteizwang die einzelnen Mitglieder nicht hinderte, frei nach chrer Ueberzeugung zu stimmen. Zu diesen mehr patriotischen Elementen gehört indeß weder Herr Windtborst, noch Herr Richter. Sie würden, wenn sie jene Parteigenossen ihrer Neigung folgen ließen, ihren Willen nicht durchsetzen. Auch würde es dem Interesse der Parteien, welche so gern auf ihre Geschloffenheit pochen, oder vielmehr eben dieser Führer, deren Macht darauf be­ruht, daß sie eine geschlossene Partei hinter sich haben,

widersprechen, wenn dieselben in einer so wichtigen Frage fich spalteten. Deshalb werden alle Mittel des Partei- und Fraktionszwanges angewandt, um zu verhindern, daß die der Vorlage geneigten Mitglieder der Opposition nach ihrem freien Willen und ihrer freien Ueberzeugung stimmen Deshalb wird auch die die Beschlußfassung über eine so dringliche Frage bis zur Ungebühr verschleppt. Einer der wirksamsten Hebel, um auf die der Vorlage ge­neigten Elemente einzuwirken, ist der Hinweis auf die gegen eine Vermehrung der Heeresstärke gerichteten Parteipro­gramme, auf die sie gewählt seien. Sache der Wähler wird es demgegenüber sein, in der Weihnachtspause deut­lich und in einer gegen jede Verdunkelung sicheren Weise ihre Meinung dahin kund zu thun, daß sie die Sicherheit des Vaterlandes nicht um der Herrschastsgelüste freisinniger oder welfischer Parteiführer oder um der parlamentarischen Machtstellung einzelner Parteien willen gefährdet sehen wollen! X'

Deutsches Reich. S-_.

Berlin, 21. Dez. Der Kaiser nahm heute vor­mittags eine Anzahl militärischer Meldungen und die Vor­träge des Generals von Albedyll entgegen und empfing nachmittags den Staatssekretär Grafen Bismarck. Um fünf Uhr ist Familiendiner, woran die hier anwesenden Mitglieder des königlichen Hauses, die Großfürstin Katharina von Rußland mit ihrer Tochter und andere Fürstlichkeiten teilnehmen. Die Abendblätter melden: Anläßlich der zu Anfang April bevorstehenden Heeresvermehrung ist gestern eine aus den Generalstabs - Chefs und den Inten­danten verschiedener Armeekorps bestehende Kommission hier zusammengelreten, um über verschiedene Fragen zu beraten. Die bulgarische Deputation ist heute mittag nach Paris abgereist. In ganz Mitteldeutschland haben die heutigen Schneestürme den Bahnverkehr zwischen Berlin, Dresden, Halle und Leipzig nach Süddeutschland hin, sowie auch nach Schlesien und dem Westen hin teilweise oder gar ganz unterbrochen. Ob es sich verlohnt, den in den Verhandlungen über die Militärvorlage hervorgetretenen Gedanken der Aufbringung des Mehrbedarfs durch eine progressive Reichseinkommensteuer nach feiner materiellen Seite näher zu betrachten, erscheint mehr als zweifelhaft. Denn scyon der erste Blick auf die formalrcchtliche Seite des Planes ergibt dessen gänzlichen Mangel einer praktischen Bedeutung. Er bedeutet nichts anderes als die Erweiterung des verfassungsmäßigen Besteuerungsrechts des Reichs gegenüber den Bundesstaaten und stellt sich insofern als eine noch größere Verschiebung der verrragSmäßigen Unter­lagen der Reichsverfassung dar, als dies die in dem frei­sinnigen Programm aufgestellte Forderung der Errichtung von ReichSmi.isterien gewesen wäre. Dieselben Gründe, welche im Interesse der Erhaltung der inneren Harmonie und des guten bundesfreundlichen Vertrauensverhältnisses zwischen dein Reiche und seinen Gliedern dazu nötigten, mit Nachdruck Front gegen jene Forderung zu machen, würden mit noch größerem Gewicht gegen die Einführung einer progressiven Reichseinkommensteuer selbst dann in die Wagschale fallen, wenn die Weltlage nicht in dem Maße zur Zurückstellung innerpolitischer Streitfragen mahnte, wie gegenwärtig. Zur Zeit aber wäre ein Plan, welcher nur zu sehr dazu geeignet wäre, das zum Wohle Deutsch, lands bestehende Vertrauen zwischen dem Reich und seinen Gliedern zu stören, nicht nur ein schwerer Fehler, sondern geradezu ein Attentat gegen die Sicherheit des Reiches. Der Gedanke kann nur in einem deutsch-freisinnigen Kopfe entspringen. Zugleich dem Reiche die militärischen Hilfs­mittel verweigern, welcher es zur Sicherung gegen äußere Gefahr bedarf, und den inneren Zusammenschluß desselben durch Untergrabung des Vertrauens zwischen Reich und Bundesstaaten unheilvoll zu stören, so ist ungefähr das direkte Gegenteil einer staatserhaltenden Politik. Es zeugt von einem seltenen Mangel an Urteilsfähigkeit, wenn in der deutschen Preße auch über die freisinnige Preffe hinaus der Sache eine praktische Bedeutung beigemessen zu werden scheint; eine solche könnte sie nur insofern gewinnen, als es sich dabei um einen neuen Winkelzug handelt, um der positiven Mitwirkung bei der Fortführung der Reichssteuer­reform fich entziehen zu können. Auf die steuerpolitische Seite der Sache einzugehen, erübrigt fich hiernach. Die drei Herren der bulgarischen Abordnung sprechen sich über den Empfang, den sie gestern beim Grafen Herbert Bismarck gefunden haben, sehr befriedigt aus. Sie haben jeder einzeln volle Gelegenheit gehabt, ihre Ansichten und Wünsche darzulegen; sie haben insbesondere betont, daß die bulgarische Regierung wiederholt und in weitgehender

Weise versucht habe, sich mit Rußland zu verständigen und Rußlands Willen so weit zu erfüllen, als es irgend mit der Unabhängigkeit und Selbständigkeit Bulgariens ver­einbar gewesen sei. Aber alle diese Versuche seien an der Hartnäckigkeit des General Kaulbars gescheitert; auch jetzt noch sei die bulgarische Regierung innerhalb dieser Grenzen bereit, Rußlands Wünsche zu erfüllen; die Wahl des Prinzen Waldemar habe das auch äußerlich bewiesen und es fei zu jeder Zeit, wenn Rußland es wolle, besten noch­malige Wahl ausführbar. Auch fei nicht daran zu denken, daß die Aufstellung der Kandidatur des Prinzen von Koburg, die ihren Ursprung nicht in einer bulgarischen Quelle habe, eine Kundgebung gegen Rußland beabsichtige; nur die Wahl des Fürsten von Mingrelien, der weder durch Geburt, noch durch Erziehung und Stellung die Bewahrung der bulgarischen Unabhängigkeit verbürge, sei unmöglich; sie würde einen wahren Selbstmord bedeuten. Die eigentliche Schwierigkeit der Lösung der bulgarischen Frage liege zur Zeit nicht bei den Bulgaren, sondern bei Sknßland; sobald dieses eine Losung unter Bewahrung der bulgarischen Un­abhängigkeit wolle, sei eine Verständigung leicht ausführbar. Graf Bismarck, der die Herren mit großer Aufmerksamkeit angehört, beschränkte sich, wie dies auch erwartet wurde, darauf, zu betonen, daß Deutschland keine direkten Inter­essen in Bulgarien besitze, daß es aber dringend wünsche, den Frieden bewahrt zu sehen; der einzig mögliche Weg, der dahin führe, sei aber der einer direkten Verständigung zwischen Rußland und Bulgarien, die zu erzielen er den Herren warm ans Herz legte.

München, 19. Dez. Die Hof- und Staatsbibliothek erhielt auf Ansuchen von dem Reichskanzler Fürsten von Bismarck nachstehendes Autograph:Mit Vergnügen erfülle ich Ihren Wunsch und freue mich, daß mir derselbe Gelegenheit gibt, nochmals der Dankbarkeit Ausdruck zu geben, welche Deutschland in Erinnerung an die Wiederherstellung seiner Einheit und Sicherheit Ihrem hochherzigen König und der bayerischen Tapferkeit durch alle Zeiten bewahren wird, v. Bismarck."

Stuttgart, 20. Dez. DerSchwäbische Merkur" untersucht, wie in unseren Nachbarstaaten die Friedens­präsenzstärke geregelt ist. Frankreich hat bekanntlich, um den kürzlich aufgetauchten terminus technicus zu benutzen, ein Aeternat; interessanter sind für uns aber die öster­reichischen Verhältnisse, welches Land ein Dezernat hat. Das Stuttgarter Blatt berichtet darüber:Oesterreich hat ein Dezernat, eine 10jährige Heeresfeststellung. Nicht die Friedenspräsenzstärke des bei den Fahnen dienenden Heeres ist in Oesterreich durch Gesetz festgestellt, vielmehr die Kriegspräsenzstärke des stehenden Heeres, d. h. der Mannschaften der Linie und der Reserve zusammen, im Gegensatz zu den Mannschaften der Ersatzreserve und des Landsturmes. Das österreichische Wehrgesetz vom 5. Dez. 1868 bestimmt in seinem § 13 die Kriegspräsenzstärke des stehenden Heeres auf 800000 Mann mit Gültigkeit bi» Ende 1879; durch Gesetz vom 20. Dezember 1879 ist dieses Dezenuat auf 10 Jahre bis Ende 1889 verlängert worden, lieber die Wirkung dieser gesetzlich festgestellten Kriegsstärke auf die Friedenspräsenzstärke spricht sich der österreichische Staatsrechtslehrer Ulbrich also aus:Mit Rücksicht auf diese Kriegspräsenzstärke des stehenden Heeres und der Kriegsmarine ist das erforderliche Rekrutenkontingent auf beide Reichshälsten zu repartieren. Durch die Fest­stellung dieser Kriegspräsrnzstärke ist mit Rücksicht auf die Dauer der Wehrpflicht das Kadre- und Ausbildungs­system dieses Rekrutenkontingents indirekt bestimmt; eine Verminderung oder Vermehrung dieses Kontingents kann innerhalb des 10jährigen Zeitraums (gegenwärtig bis Ende 1889) nur insoweit in Frage kommen, als der Kaiser dies für notwendig findet. Dadurch ist dem Rechte der jährlichen Rekrutenbewilligung, das dem Reichsrate und dem ungarischen Reichstage zukommt, eine objektive Schranke gezogen. Die sich alljährlich wiederholende Fest­stellung des Rekrutenkontingents ist somit ein rein kalku­latorisches Geschäft." Oesterreich hat eine 10jährige Be­willigung in Anlehnung an eine militärische Einrichtung, die Dienstpflicht im stehenden Heere (3 Jahre bei der Linie, 7 Jahre in der Reserve); Deutschlands Septennat steht in derselben Uebereinstimmung mit der Dienstpflicht im stehenden Heere (3 Jahre bei der Linie, 4 in der Reserve.) Ist, verglichen mit den Bestimmungen der Nachbarstaaten, unser erprobtes Septennat wirklich eine übertriebene Forde­rung der Regierung, ein Angriff auf die Rechte des Parlament» und Volks?"