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Marburg, Mittwoch, 22. Dezember 1886.

Rr. 299

GnhksWk Jcituno

— Illustriertes Sonntagsblatt.

Wöchentliche Beilagen: Kreis - Blatt f. D. Kreise Marburg u. Kirchhain

J Expedition Mar« 21. — Reaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang, «och.

Eingaben, welche Niedergangs der nis genommen, mächtigung zur Steuervergülung

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annoneen-DureaU- von Haasensteiu untLogler in Frankfurt o. M , Caffek, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfnet a. M., BerlinMünchen und Köln; ®. L. Daube |xnb Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris,

Erscheint täglich außer an Werktagen nach r onn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 5'1 Pfa. (excl. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für di« gespaltene Zeile 10 Pfa, Reklamen für die Zeit« 25 Pfg.

Kreuz und Kranz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

(Freisetzung.)

Freundlich begrüßte der Geistliche den Landwehroffizier, bot ihm eine Pfeife und einen Platz auf seinem dünnbeinigen Roßhaarsopha an und sagte dann: »Sie werden sich über meine Bitte gewundert haben, Herr Leutnant, es handelt sich indessen um eine Sterbende und da dunen wir nicht zögern. Sie werden entschuldigen, wenn ich ich etwas weit oushole. Ich saß heute Morgen über meiner Bibel und suchte nach einem passenden Texte zu meinem nächsten Feld- gottesdienst, da ruft mich meine Wirtin eine alte Frau herein, die mich de- und wehmütig bittet, doch zu einer sterbenden Landsmännin zu kommen, die daS heilige Abendmahl be­gehre. Solchem Verlangen füge ich mich willig, stecke mein Abend«ahlsgerat zu mir, das mir von frommen Menschen für den Feldzug bequem und transportabel geschenkt worden ist, und nachdem ich kurz um Sammlung für mich und Gottes Segen für die Sterbende gebetet, mache ich mich auf, der Frau zu folgen. Die führt mich durch Gasten und Gäßchen, endlich vier Stiegen hoch in ein Hinterhaus, wo ich auf einem elenden Strohlager ein sterbendes Weib finde. DaS begehrt mit mir allein zu fein und erzählt mir eine lange Geschichte voll Schuld und Sünde, aber auch voll tiefer Reue. Abgefallen war die Unglückliche vom Glauben ihrer Väter, nicht um irdisches Gut und eitler Lust willen, sondern weil ihr geängstigtes Gewissen nach Frieden und Erbarmen schrie. Sie hat aber Beides nicht in dem neuen Glauben gefunden und daS Herz ist ihr verschmachtet vor Sehnsucht, Gottes Wort noch einmal zu hören von eines evangelischen Pfarrers Mund und sein Abendmahl noch ein­mal zu empfangen, wie zum ersten Male daheim in der Kirche ihrer Vaterstadt.' . „

Jury machte eine Bewegung, als wolle er deu Pastor

noch beschlossen

Beschluß vom 27. Mai d. Js. für unfallversicherungs- pflichtig erklärten Betriebe der Bau-Schreiner (-Tischler) und Einsetzer den Holz-Berufsgenossenschaften, die Betriebe der Bauschlosser und Anschläger dagegen den Eisen- und Stahl Berussgenosienschaften ^beziehungsweise der Rheinisch- Westfälischen Maschinenbau- und Kleineisenindustrw-Be­rufsgenossenschaft) zu überweisen, gelangten zum Schluß Eingaben wegen Zollbebandlung verschiedener Gegenstände

werde. Die Provinzial - Schulkollegien sollen auf die all­gemeine Einführung dieses Brauchs hinwirken, jedenfalls aber sich, wo ein solches nicht geschehe, ein schriftliches vollständiges Verzeichnis der neu angeschafften Bücher jähr­lich einreichen lassen. — Die ziemlich lange Anwesenheit des Kricgsministers Bronsart von Schellendorff in der russischen Botschaft am Sonntag Nachmittag hat im Laufe des Tages zu allerhand Gesprächen und mannigfachen Kombinationen Veranlassung gegeben. Man will wissen, daß das Erscheinen des Kriegsministers keinem gewöhn­lichen Besuche gegolten hat, sondern daß hinter verschlossenen Thüren sehr ernste Dinge verhandelt worden sind. „Wird es Krieg oder nicht?" Das ist das Thema, um das sich augenblicklich das Tagesgespräch dreht. In Offizierkreisen hört man vielfach die Aeußerung. daß alles zur Mobil­machung fertig ist und daß die Koffer zum Packen bereit stehen. Auffallend ist es ferner, daß die im Herbst ein­gestellten Rekruten jetzt schon nach so kurzer Dienstzeit zu den Felddienstübungen mit herangezogen werden, um nötign- falls sofort in Reih und Glied zu treten.

— In der am 20. d. Mts. unter dem Vorsitz des StaatsministcrS, Staatssekretärs des Innern, v. Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung des Bundesrats machte zunächst der Vorsitzende Mitteilung von den seitens des Reichstages zu dem Entwurf eines Gesetzes über die Kontrolle des Reichshaushalls und des Landeshaushalts von Elsaß-Loth- ringen für 1880/87 zu der Denkschrift über die Aus­führung der Anleihe - Gesetze und zu der Bekanntmachung wegen Aufnahme der Albumin-Papierfabriken unter die genehmigungspflichtigen Gewerbeanlagen gefaßtcnBeschlüffen. Sodann fand die Wahl eines nichtständigen Mitgliedes des Reichsversicherungsamts aus der Zahl der Mitglieder des Bundesrats statt. Dem Anträge Bayerns, betreffend die Abänderung des Etats der Zollverwaltungskosten für das Königreich Bayern, wurde zugestimmt, von mehreren '' gesetzliche Maßnahmen zur Hemmung des deutschen Landwirtschaft bezwecken, Kennt- dem Hauptsteueramt Duisburg die Er- Abfertigung des mit dem Anspruch auf ausgehenden Zuckers erteilt. Nachdem worden war, 'die durch den BundesratS-

Aus das I. Quartal k. I., in dem unser Blatt den 22. Jahrgang beginnt, bitten wir die Bestellungen bei den Post­ämtern baldigst zu machen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Außer ihren seitherigen Gratisbeilagen

Kreisblatt

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes Sonntagsblatt

wird im neuen Quartal die

zur Verhandlung. .

— Die „Nord. Allg. Ztg." bezeichnet es als erfteulich, uns der letzten Mitteilung des russischen „Regierungsboten"

es gelang ihm nur schwer, denn der schien Flügel an den Füßen zu haben und wurde ordentlich ungehalten, wenn der geistliche Herr Vorübergehende nach dem Wege fragte. Er hatte wohl den Namen der Gasse behalten, in der Betty wohnte, aber den Weg hatte er sich nicht gemerkt. Unter­wegs erzählte er noch manches aus dem Leben des unglück­lichen WeibeS, so auch, daß ihr elender Mann sie verlassen habe, als fie mit Denon gebrochen. Wohlweislich hatte ersterer alles mitgenommen, was sie bis dahin zusammeu- gerafft hatten, sie aber hatte ihn nicht wiedergesehen. Jury wußte nur um sein Ende. Wie er bis zum Spion herab- gesunkeu war; hat er zwar nie erfahren, aber die Schicksale solcher Schurken find fich ja meist gleich, von Stufe zu Stufe herab bis in den Schlamm — bis zum Verbrecher. Ueber Betty war das Elend gekommen, als der Stern Napoleons erblich und ihre Schönhett hinwelkte. Eine ehemalige Dienerin hatte fich ihrer angenommen und fie vor dem Hungertode bewahrt. Hatte sich Joel Jury auf einen traurigen Anblick gefaßt gemacht, so erschrak er doch, als er die bleiche, abgezehrte Gestatt auf dem dürfttgen Lager erb"'**1 keine Spur der stöhnen Schönheit war in ihren Züge« m-yr zu entdecken. Als fie ihn erkannte, flog etwas wie ein Lächeln über ihr Antlitz, sie hob die magere Hand und wintte ihm mit Anstrengung näher zu treten. Ihre Stimme war so schwach, daß er fich tief zu ihr hinunter beugen mußte, um fie zu verstehen. .

„Ach Joel, daß wir das Labsal noch wird! Ich hab Dich gern gehabt — Dich — nur allein — von Allen. Darum lag wir auch Dein Werk am Herzen. Man hat doch auch — so was wie ein Herz, daß man von den ©einigen nicht lassen kann. Die Fremde wird Eiuemrnie zur Heimat — nie.

Ihre Stimme erlosch immer mehr.

„Kannst Du mir sagen, Betty? — Ein Wort nur — der Siegeswagen!' —

eine weitere 2 mal monatlich erscheinende Beilage unter dem Tttel

Der Erzähler erhalten, dieselbe wird in Buchform erscheinen und einen größeren Roman, Novelle oder Erzählung zu ihrem Inhalt haben, sodaß sie gesammelt und gebunden ebenso wie das Sonntagsblatt einen Band von bleibendem Werte bildet.

SSBT* Der Nr. 1 k. I. wird ein Wand­kalender mit Märkteverzeichnis beigelegt.

Unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain wollen ihre Bestellungen bei unserer dortigen Agentur, Herrn Buch­binder Rindt daselbst, ges. machen.

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Haus ...... 2.60

c) desgl. bei unserer Expedition ... „ 2.25

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Deutsches Reich.

Berlin, 20. Dez. Der Kaiser nahm die Vorträge des Hofmarschalls Grafen von Perponcher und des Geh. Kabinettörats von Wilmowski entgegen, empfing nach­mittags den Besuch des Prinzen Wilhelm und konferierte später mit dem Minister von Puttkamer. — Nach Mit­teilungen aus Kreisen, welche dem Hofe nahestehen, hat der Kaiser in den jüngsten Tagen wiederholt Gelegenheit genommen, seiner Verstimmung über die Vorgänge im Reichstage und namentlich in der Kommission zur Vor­beratung der Militärvorlage lebhaften Ausdruck zu geben. Wenn er auch gewohnt sei, baß in anderen Angelegen­heiten den Bestrebungen der verbündeten Regierungen viel­fach Schwierigkeiten bereitet würden, so habe er doch er­wartet, daß man in einer Frage, in der es sich um die Stellung des Reiches zum Auslande handle, größeres Ver­trauen und Entgegenkommen zeigen werde. Daß er sich in dieser Erwartung geirrt habe, betrübe ihn sehr. Es scheint, de» Kaiser, der die parlamentarischen Vorgänge und Verhandlungen noch immer mit der größten Aufmerksam­keit verfolgt, vorzugsweise verdrossen zu haben, daß selbst auf dem Gebiete der militärischen Technik Abgeordnete, denen ein tieferes Verständnis dafür abgeht, den mili­tärischen Autoritäten gegenüber ein Besserwissen behaupten und daß dieselben sogar über die militärischen Einrich­tungen und kriegerischen Vorbereitungen der Nachbarreiche zuverlässiger und vollständiger unterrichtet zu sein vor­geben, ■ als die dort residierenden deutschen Militärbevoll­mächtigten. — Die Provinzial - Schulkollegien haben in­folge einer im vorigen Jahre an sie ergangenen Verfügung des Kultusministers die in den letzten zwei Jahren aus­geführten neuen Anschaffungen für die Schülerbibliotheken der höheren Schulen einer eingehenden Prüfung unter­zogen. Aus den darüber erstatteten Berichten hat sich er­geben, daß von den Lehrerkollegien bei der zu treffenden Auswahl im wesentlichen ein sorgfältiges Verfahren beo­bachtet wird und daß in höchst vereinzelten Fällen die Aufnahme eines Buches in die Bibliotheken zu Bedenken Anlaß gegeben hat. Die Schulkollegien sind von Minister angewiesen worden, die gleiche Sorgfalt der Prüfung dem Gegenstände auch fernerhin zuzuwenden und in ihren 23er- waltungs - Berichten jedesmal sich ausdrücklich darüber zu äußern, ob und in welchen Fällen die Aufnahme eines Buches in die Schüler-Bibliothek zu Bedenken und zur Beseitigung des Buches geführt hat. Um diese Prüfung ausführen zu können, ist es selbstverständlich notwendig, daß die Schulkollegien über die Aufnahme von Büchern in die Bibliothek jährlich in Kenntnis gesetzt werden. Der Minister empfiehlt es zu diesem Behnfe als zweckmäßig, daß, wie es an den meisten höheren Lehranstalten schon jetzt geschieht, der jedesmalige Zugang zu der L>chüln- Bibliothek in den Jahresprogrammen vollständig verzeichnet unterbrechen, dieser aber weyrte ihm ,ehr energisch und fuhr in seiner umständlichen, ruhigen Weise fort:

„Da sie nun hörte, daß die preußischen Truppen in Paris einge;ogen seien, schloß fie ganz richtig, es müßten auch evangelische Geistliche bei ihnen sein, und die alte Fran, die mich geholt, hatte mich wirklich ausge kundschaftet. Die Sterbende war eine große Sünderin gewesen, in dem Pfuhl der Sünde hat sich nur die Erinnnerung an die Jugend, an die Heimat rein erhalten. Ja Anbetracht ihrer aufrichtigen Reue reichte ich ihr das heilige Abendmahl nach Weise unserer Kirche und ihre Seele war darnach voll heiliger Freude. Ich aber sandte die alte Frau nach einem Arzt, nach besserer Nahrung und blieb bei der Kranken, bis jener kam. Er meinte, lange könne fie nicht Mehr leben und ich fragte, ob fie noch einen Wunsch habe. Da forschte sie, ob ich in Potsdam bekannt sei, und als ich bejahte, wollte fie wissen, ob ich dort einen gewissen Jury kenne. Darnach erzählte ich ihr, daß Sie im Heere mit nach Frank­reich gekommen, daß Sie Offizier seien und ich Sie daher kenne — und nun bat sie mich: „Führen Sie ihn zu mir, ich hab ihm ein Geheimnis zu enthüllen!'

„Die Viktoria, die Viktoria!' rief Jury, der fich jetzt nicht mehr länger hatten konnte. ,O, führen Sie mich schnell zu ihr, Herr Prediger, sie allein wird uns sagen, wo der Siegeswagen verborgen ist.'

„WaS sagen Sie? Die Quadriga deS Meisters Schadow vom Brandenburger Thor zu Berlin?' fragte der Geistliche und legte stracks feine Pfeife hin. „Ja, ja, kommen Sie schnell — lieber Herr Landsmann! Lasset uns gehen und nicht mehr reden, damit die Sterbende solches für unser ganzes Land wichtige Geheimnis nicht mit hinüber nehme ins Paradies, das ihr, tote ich hoffe, um ihre Rene willen aufgethau wird, wie dem Schächer am Kreuze.'

Es war für den Geistlichen nicht ganz leicht auf dem Wege mit dem Landtoehrosfizier gleichen Schritt zn halten;