Einzelbild herunterladen
 

Rr. 298.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnement^-Preis bei der Expedition 2*/4 Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (ejct. Bestellgeld). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 ®fg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg, Dienstag, 21. Dezember 1886.

.ysj, XXI. Jahrgm,,.

GkiMchk jcitiitig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassels Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a. ä-., Berlin.München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Äreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition. Markt 21. Redaktion, Druck und Lerlag von Joh. Aug. Koch.

Auf das I. Quartal k. I., in dem unser Blatt den 22. Jahrgang beginnt, bitten wir die Bestellungen bei den Post­ämtern -baldigst zu machen, damit in der Uebersendung keine Unterbrechung stattfindet.

Außer ihren seitherigen Gratisbeilagen

Kreisblatt

für die Kreise Marburg und Kirchhain und

Illustriertes Sonntagsblatt

wird im neuen Quartal die

Oberheff. Zeitung, eine weitere 2 mal monatlich erscheinende Beilage unter dem Titel

Der Erzähler

erhalten, dieselbe wird in Buchform erscheinen und einen Hrößeren Roman, Novelle oder Erzählung zu ihrem Inhalt haben, sodaß sie gesammelt und gebunden ebenso wie das Sonntagsblatt einen Band von bleibendem Werte bildet.

-E Der Nr. 1 k. I. wird ein Wand­kalender mit Märkteverzeichnis beigelegt.

Unsere Abonnenten in der Stadt Kirchhain wollen ihre Bestellungen bei unserer dortigen Agentur, Herrn Buch­binder Rindt daselbst, gef. machen.

Bestellungen für hiesige Stadt sind an unsere Expedition oder auch an unsere Träger zu richten.

Der Pränumerations-Preis für das Quartal beträgt: a) bei der Post, frei ins Haus . . . Mk. 2.90. b) bei unserer Kirchhainer Agentur frei ins

Haus........... 2.60

c) desgl. bei unserer Expedition ... 2.25

Neuzugehende Abonnenten in hiesiger Stadt, wie auch in Kirchhain, erhalten bis Ende Dezember die Zeitung gratis.

- Deutsches Reich.

Berlin, 18. Dez. Der Kaiser wohnte gestern der Vorstellung im Schauspielhause bei, nahm heute vormittag militärische Meldungen entgegen, arbeitete darauf mit dem General v. Albedyll, empfing mittags im Beisein der Kaiserin die hier eingetroffene Großfürstin Katharine von Rußland nebst Tochter und machte nachmittags eine Spazierfahrt, wobei er der Großfürstin seinen Gegenbesuch abstattete. Um 5 Uhr nachmittags findet zu Ehren der Großfürstin ein größeres Diner statt. Die Einweihung des neuen Museums für Völkerkunde in der Königgräyer- straße erfolgte heute mittag durch einen Festakt in dem Lichthofe des Gebäudes, der zu diesem Behufe reichen Schmuck angelegt hatte. Der Kultusminister v. Goßler hielt eine längere Ansprache über die Entstehung und Aus­führung des Museums an den anwesenden Kronprinzen, die dieser als Vertreter des Kaisers in längerer Rede erwiderte. DieNordd. Allg-Ztg." schreibt: Eine An­zahl hiesiger Blätter hat in den letzten Tagen Mittei­lungen aus Wien gebracht, welche den Empfang der bul­garischen Deputation durch den Prinzen Neuß mit vielen Einzelheiten schildern. Wir sind in der Lage, zu erklären, daß über jenen Empfang ein authentischer Bericht über­haupt nicht vorliegt und daß alles, was in dieser Be­ziehung veröffentlicht worden, apogryph ist und auf Er­findung beruht. Auch die in Umlauf gesetzten Nachrichten über den Empfang, welcher der Abordnung in Berlin zu teil werden würde, sind falsch : die Deputation wird als solche in Berlin überhaupt nicht empfangen werden, weder anrtlich noch privatim; nur dürften die einzelnen Mit­glieder derselben als Privatpersonen dem einen oder an­deren Beamten des Auswärtigen Amtes einen Besuch ab- statteu, ohne daß letztere jedoch in einsm solchen Falle das Auswärtige Amt vertreten würde. Der Kultusminister hat sich in einer Verfügung dahin ausgesprochen, daß bei der Berechnung der pensionsfähigen Dienstzeit eines Volks­schullehrers auch diejenige Zeit in Anrechnung zu bringen ist, während welcher ein mit einem neu erworbenen Landes­teile übernommener Lehrer in einem anderen Teile des Landes, welchen seine Heimat vor der Vereinigung mit Preußen angehört hat, im öffentlichen Schuldienste oder im unmittelbaren Dienste der damaligen Landesherrschajt sich befunden hat. Die Budgetkommission des Reichs­tags setzte die Beratung des Etats des Auswärtigen Amtes fort, genehmigte die Zuschüsse für die Schutzgebiete und nahm hierbei eine vom Abgeordneten von Franckenstein be­antragte Resolution an, nach welcher der Reichskanzler er­sucht werden soll, die Einnahmen aus den Schutzgebieten von 1888/89 an in den Etat einzustellen. Ferner wurden bewilligt 114 350 Mark Dotation für das archäologische Institut, beziehentlich für die Sekretariate in Rom und Athen. Ohne Debatte wurde dann das Extraordinarium

bewilligt, darunter 150000 Mark Beihilfe zur Förderung der auf die Entschließung Zentralafrikas gerichteten wiffen- schaftlichen Bestrebungen.

Berlin, 19. Dez. Der Reichstag hat gestern bereits seine Arbeiten unterbrochen, um sich der Muße der Weih­nachtspause hinzugeben. Die Situation, in welcher der Reichstag seine Arbeiten verließ, kann kaum treffender als durch den Umstand gekennzeichnet werden, daß in der gestrigen Sitzung eine stundenlange Geschäftsordnungsdebatte sich um den Punkt bewegte, ob die Wiederaufnahme der Arbeiten einige Tage früher oder später stattfinden solle. Dieser Umstand sagt über die Resultate der bisherigen Arbeit des Reichstages alles. Im guten Glauben an die Güte ihrer Informationen und die Vortrefflichkeit ihrer Sach­kenntnis konnte die Mehrheit der Reichstagsabgeordneten keinen Grund sehen, das parlamentarische Tempo zu be­schleunigen, obwohl vom Tische des Bundesrates das Be­dauern der verbündeten Regierungen auch gestern noch hervorgehoben wurde, daß die wichtige Vorlage des Wehr­gesetzes nicht zu dem Zeitpunkt zum Abschluß gebracht worden, welcher notwendig gewesen wäre, wenn man die neue Organisation noch mit dem neuen Etat ins Leben treten lassen wollte. Wenn man nicht wüßte, daß die Mehrzahl unserer Volksvertreter in solchem guten Glauben handelte, würde man absichtliche Verschleppung als mit- wirkendeö Motiv annehmen müssen. Die Hauptaufgabe, von der man vielfach auch im Lande dringend wünschte und hoffte, daß der Reichstag sie erledigen möchte, bevor er sich die Muße der Weihnachtszeit gönnte, ist also un­erledigt und obenein in einer Situation zurückgeblieben, welche leider keineswegs jeden Zweifel ausschließt, daß diese Angelegenheit nach der Pause zu einem befriedigenden Resultat wird geführt werden können. Die zur Sicherung und Kräfttgung der Wehrkraft unseres Reiches geforderten Maßregeln eine Aufgabe, die jeder Reichstagsabgeordnete als die erste und vornehmste seiner parlamentarischen Pflichten betrachten sollte sind durch die in den Kommissionsoer­handlungen und -Beschlüssen ausgedrückte Stellungnahme großer Parteien nicht zur Entscheidung gebracht, und zwar nicht, obwohl von den höchsten Stellen und den mit größter Autorität in militärischen Dingen ausgestatteten Männern dem Reichstage und seinen Mitgliedern kein Zweifel be­lassen worden ist, daß die geforderten Maßregeln für die Sicherheit des Reiches unerläßlich sind. Unter diesen Um­ständen darf man gewiß beklagen, daß der Reichstag seine Geschäfte, und besonders die wichtige Angelegenheit des Wehrgesetzes, in einer derartig zweifelhaften Situation ab­abzubrechen für gut fand. Aber man wird demgegenüber sich im Hinblick auf wiederholt erlebte Vorgänge daran zu erinnern haben, wie günstig in schon mehreren Präzedenz­fällen ein Aufenthalt in der Heimat und eine persönliche Berührung mit ihren Wählern auf Reichstagsmitglieder

Kreuz und Kranz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

(Fortsetzung.)

Der Eindruck, den die Nachri. t von Martens Tode auf Jury machte, wollte sich lange nicht verwischen lassen, nur im Donner der Schlacht vergaß er ihn. Bis jetzt hatte Gott ihn und feinen Sohn wunderbar beschützt; nur einmal hatte eine Kugel seine Schulter gestreift, aber die Verl-tzung war so unwesentlich, daß er nicht einmal den Dienst aus- setzte und in der blutigen Schlacht vor Paris, wo die preußi­schen Garden nach dem Ausspruch eines fremden Offiziers sich wie Löwen schlugen und Alvensleben sie wie ein Engel führte, da stand er in Reih und Glied, während Ftttz und Lude ihre Trommeln um die Wette rühlten. Auch hier blieben Vater und Sohn unversehrt, sodaß sie am großen Einzugstage auch mit dabei sein konnten. Durch den Arc de Triomphe am großen Stern zu Paris, durch dieses in Stein errichtete Bild des Despotismus, des Sohnes der Revolution, sollte der Einzug gescheh,n. Kaum vermochte Meister Jury die Aufregung seines Innern zu bemeifterr. Auf der Spitze des Triumphbogens sollte sein Siegeswagen ja doch aufgestellt werden; so war es der Plan. Einen Blick warf er auf den kolossalen Ban nein sie stand wirklich nicht droben, seine Viktoria, und Viktoria hätte er fast im Jubel seines Herzens gerufen. Diese Erniedri­gung war seinem Vaterlande doch erspait. Mächtig schlug ihm das Herz, aber wo wo mürbe er sie wiederfmdeir? Jener französische Offizier, der ihm die Auskunft über Betty gegeben hatte und der sie kannte, haite ihm auch ihre Adresse mitgettilt. Er beschloß sie aufznsuchen, sie mußte als Denons Freundin um den Verbleib des Siegeswagens wissen. Hatte sie ihm doch gesagt, daß sie seine Aufstellung hindern werde, und daß sie Wort gehalten hatte, zeigte ihm die leere Stelle auf dem Pariser Triumphbogen. Zum

zweiten Male in seinem Leben betrat er die Stadl Paris. Wie anders als damals, da er in Trotz und Übermut fein Vaterland verlassen hatte, kam er heute als dessen Befreier, mit einem Zeichen des Kreuzes aus der Brust. Blumen und Lorbeeren warf man den deutschen Soldaten zu; aber den Leutnant Jury erfaßte ein Ekel vor der gioßeu, fran­zösischen Nation. Frankreich war geschlagen worden und man jubelte den Siegern zu; man sah in ihnen die Befreier von dem Bonaparte, dem man göttliche Ehren erzeigt hatte und dessen Namen man nun mit Verwünschungen über» häufte. Er hätte den Frauen in den weißen Kleidern mit den himmelblauen Shawls und den perlendurchflochtenen Haaren ihre Blumen am liebsten wieder ins Gesicht ge­worfen. Da sah er das ernste, hoheitsvolle Antlitz seines Königs, Groll und Ekel waren verschwunden, und nur die höchste, heiligste Begeisterung blieb zurück.

Gleich nach dem Einzuge nahm Jury ein paar Tage Urlaub. De» Siegeswagen zu suchen, war Zweck und Ziel seines Denkens und Thuns, aber er mußte bald einsetzen, daß diese Aufgabe nicht ganz leicht zu lösen war. Madame Betty fand er nicht mehr in dem Hause, das der französische Osfizt-r ihm bezeichnet hatte, der Krieg hatte den Salon gesprengt. Wo die Besitzerin geblieben war, ahnte niewaud. Bei seinem Aufenthalt in Paris suchte er auch die Werkstatt seines alten Meilers Hondo auf. Sie war verödet, der Meister nicht anw.send, nur einen seiner Gefährten fand er. Es war derselbe der einst höhnisch gegen Loel geäußert hatte, wenn die Deutschen ein ordentliches Gesicht haben wollten, müßten sie eS in Paris machen lassen. Traurig saß Maurice an einer angegangenen Porträtbüste des Im­perators, der schließlich doch den deutschen Waffen unterlegen war. Es dauerte lange, bis der Arbeiter den ehmaligeu Gefährten erkannte; zögernd nahm er dessen ihm entgegen- gestreckte Hand und im Tone tiefster Trauer sagte er:Sie hatten Recht, nur daß die Katzbach noch schlimmer war als

Roßbach; wir können die verfluchten deutschen Bäche nicht einmal ordentlich aussprechen, und doch ist unsere Gloire darin ersoffen!" Es flieht noch Manches sagte Jury mit der ehrlichen deutschen Bescheidenheit,worin ihr uns über­legen seid!'

Worin denn?" höhnte der Bildhauer sich selbst, etwa in der Kunst? SM ich den Siegeswagen gesehen habe, weiß ich, daß Houdon ein Stümper ist gegen den, der das gemacht hat."

Den Siegeswagen?' schrie Jo-l auf,Du hast ihn gesehen, wo, wo ist er? ,<

»Das möSteft Du wohl gerne wissen, Kamerad," ent­gegnete der Andere hohnlachend, mit einem irren Aufleuchten seiner Augen,damtt Du ihn wieder iu SDeine Sandwüste schleppen könntest? Aber ich sage Dirs nicht. Suche ihn doch!"--

Manu," stöhnte Jury auf, spanne mich nicht auf die Folter, Du weißt ja nicht, daß ich dies Kunstwerk mit meinen Händen geschaffen habe, daß ich ihm dos Glück meines Lebens danke und daß es mich beinahe Ehre und Leben gekostet hätte."

Du", lachte der Franzose,Du hast ihr geschaffen? Nun sag' ich Dir's erst recht nicht. Frag' doch die schöne Madame, die das Kunstwerk so herabsetzte, die es Pfuscher­und Stümperarbeit nannte, nicht gut genug, den Triumph eines Napoleon zu verherrlichen. Sie war ja Deine Lands­männin, und der einfältige Denon glaubte ihr!"

Da war wieder eine Spur von Betty und zugleich toatb'T dem Deutschen klar, warum der Siegeswagen nicht aufge­stellt worden war. Betty hatte das rechte Mittel ergriffen. Ich werde allerdings nach meiner Landsmännin suchen", erwiderte er in höchster Erregung.

Glück zu, wenn Du sie findest«, sagte der Bildhauer, »wo sie ist, könnte ich Dir nicht einmal sagen, selbst wenn ich wollte, und jetzt lasse mich in Ruhe. Man stört die