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Marburg, Sonnabend, 18. Dezember 1886. # XXL Jahrgang.

G:fcheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal- AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/+ Mk.. bei bett Postämter 2 Mk. 51 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertiousgebühr für die gespaltene Zeil« 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

OberlskWik Jeituiig.

Anzeigen nimmt: entgegen die Expedition d. Blatte«, sowie d.Annoncen-Burea^ von Haasensteiu undLogler in Frankfurt c. M-, Caffek, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfu« a. M., Berlin,München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u- Pari«

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. L. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Kreuz und Kranz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

(Fortsetzung)

DaS habe ich verdient,- sagte Bettys Stimme, und es klang wie ein unterdrücktes Schluchzen, zugleich vernahm er an dem Rauschen ihrer Gewänder, daß sie ihm näher trat. Gied mir Deine Hand,' flüsterte sie ihm zu, »ich führe Dich ins Freie, gebe Dir einen Paß und Geld, seit Wocheu arbeite ich an Deiner Flucht und noch eins die Viktoria wird nicht aufgestellt, dafür sorge ich auch!'

Betty!' rang es sich wie ei» Jubelruf von seinen Lippen,warum?*

StA!' gebot sie,man könnte uns hören; warum ich das thue? Weil ich Dich einmal geliebt habe und gern möchte, daß Du nicht ganz schlecht von mir dächtest und dann weil ich nicht ganz vergessen kann, daß ich eine Preußin bin.'

Jetzt fühlte er ihre Hand und ließ sich von ihr fort­ziehen. Der Gedanke an Freiheit, an Wiedervereinigung mit den Seinen, ließ ihn alles Andere vergessen; jetzt wehte ihm die Nachtlust kühl ins Gesicht--wo find meine

Wächter?' fragte er leise.Bon mir bestochen und ent­fernt,' gab sie ebenso zurück,so hier nimm und halle Dich bis Sonnenaufgang nördlich. Weiter kann ich Dir nicht Helsen, Gott schütze Dich!'

Er fühlte einen festen Händedruck, dann stand er allein, allein in dunkler mondloser Nacht tu Feindesland, allein und frei! Wie ein Rasender lies er gerade aus, querfeld­ein, ob uöttftich oder südlich, das ahnte er nicht. Bei Tagesanbruch fand er sich am Rande eines Wäldchens und untersuchte nun die Brieftasche, die ihm Betty beim Scheiden tu die Hand gedrückt hatte. Sie enthielt den Paß eines Mouchards, d. h. eines Polizeispions, dessen Legitimation und eine nicht unbedeutende Wertsumme. Einen Augenblick erfaßie ihn tiefer Ekel, von Denons Freundin Gelb au- nehmen, sich in da« Gewand eines Mouchard hüllen müssen, das war ihm Eins so widerlich wir das Andere. Und doch tS war die einzige Möglichkeit, zu den Seinen zu gelangen!

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Dez. Der Kaiser nahm vormittags militärische Meldungen und den Vortrag des Generals von Albedyll entgegen und machte nachmittags eine Spazierfahrt. DieNat.-Ztg." schreibt: Seitens der Teilnehmer an dem Diner bei dem bayerischen Gesandten, welchem der Empfang der bayerischen Abgeordneten durch den Prinzregenten folgte, wird festgestellt, daß die Er­zählung derKöln. Bolksztg." vom Erscheinen des Kaisers und dessen einstündiger Unterhaltung mit dem Prinz- Regenten vollständig erfunden ist. Der Kaiser betrat an jenem Tage überhaupt nicht die Wohnung des bayerischen Gesandten. Die Budget-Kommission beriet gestern abend den Etat des Auswärtigen; sie genehmigte die Einnahmen ohne Debatte; ebenso den Gehalt des Staatssekretärs, der Unterstaatssekretäre, der Direktoren, vortragenden Räte, der Hilfsarbeiter, sowie die Neueinstellung für 2 Beamte des Chifsrierbüreaus, nachdem Staatssekretär Graf Bismarck die Forderung damit begründet hatte, daß man sich nicht länger mit Diätaren behelfen könne, da hierdurch die Ge­heimhaltung gefährdet sein könnte. Bei dem KapitelGe­sandtschaft und Konsulate in den Schutzgebieten" teilte Graf Bismarck mit, mit England und Frankreich herrsche volles Einverständnis bezüglich des Verhältnisses zum Sultan von Zanzibar und betreffs des mit diesem seitens des Deutschen Reiches Ende Oktober abgeschlossenen Ver­trages. Auf verschiedene Anfragen teilte Staatssekretär Graf Bismarck mit, daß die baldige günstige Erledigung der Rhein-MaaS-Kanal'Angelegenheit zu erwarten sei. Das Anlegen der Reichspostdampfer in Antwerpen sei vorläufig nur als Versuch für eine bestimmte Zeit in Aussicht ge­nommen. Ob eine Verlängerung des Vertrages eintreten werde, könne er noch nicht bestimmt sagen. Die Kom­mission deS Reichstags zur Vorberatung des von dem Abg. Dr. Reichensperger eingebrachten Gesetzentwurfs, be­treffend die Ergänzung des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich vom 15. Mai 1871, und der von demselben Abge­ordneten eingebrachten Resulution, das Duellwesen betr., besteht aus den Abgeordneten: Robbe, Bios, Francke, Dr. Meyer (Jena), Dr. Roßhirt, Menkeu, Klemm, v. Maffow, Dr. Langerhans, Freiherr v. Mirbach, Hinze, Lipke, Dr. Reichensperger, Dr. Lieber. Der Abg. Dr. Reichensperger ist zum Vorsitzenden und der Abg Freiherr v. Mirbach zum Stellvertreter desselben gewählt. Als Schriftführer fungieren die Abgeordneten Robbe und Hinze.

Die siebente Sitzung der Militärkommission des Reichstags wurde heute vormittag um ll1/« Uhr eröffnet. Vor Eintritt in die Tagesordnung erklärte der Kriegs­minister Bronsart v. Schellendorff, daß er von den Kom­missionsmitgliedern nach den Berichten der Presse in Bezug auf feine Aeußerung, die Dispositionsurlauber betreffend, mißverstanden worden sei. Er habe nicht gemeint, daß vom 1. April an alle Dlspositionsurlauber entlassen werden sollten, sondern nur bei einigen bestimmt bezeichneten Truppenteilen. Abg. v. Huene (Zentrum) hat einen Gegen- gesetzenlmurf eingebracht. Danach soll die Dauer des Gesetzes drei Jahre betragen, vom 1. April 1887 bis 31. März 1890; für die Infanterie statt der geforderten 534, nur 518 Bataillone bewilligt werden. Außerdem soll der bereits mitgeteilte Paragraph, betr. die Befreiung der Theologen vom Militärdienst, dem Gesetz angefügt werden. Der Antragsteller erklärt, daß er die Anträge nur in seinem Namen stelle, die Zentrumspartei habe sich über dieselben noch nicht schlüssig gemacht. Die Tendenz des Antrages sei, eine Erhöhung der Heerespräsenz-Ziffer zwar zu bewilligen, besonders wolle er die Forderung für die technischen Waffen zugestehen, bei der Infanterie aber wolle er die neu geforderten 16 Bataillone zunächst nur auf 1 Jahr bewilligen. Der Kriegsminister erklärt den Antrag für unannehmbar. Die Forderungen der ver­bündeten Regierungen seien darauf berechnet, der ganzen Heeresformation eine bestimmte Festigkeit zu geben. Wenn man aus diesem Gefüge ein wesentliches Stück herausnehme, so sei der ganze Bau nicht viel nütze. -Jibet die Heeres- reform habe auch schon im nächsten Jahre eine aktuelle Bedeutung. Wenn erhebliche Abstriche gemacht würden, so schwebten in kurzer Zeit schon alle Erfolge, welche man von der Vorlage erhoffe, in der Luft. Die verbündeten Regierungen müßten auf der siebenjährigen Dauer des GescheS bestehen: Abg. v. Huene erklärte darauf, daß seine politischen Freunde im Wesentlichen auf seinen An­trägen im Interesse des Volkes beharren würden. Er habe heute die Zeitsrage noch nicht in die Debatte ziehen wollen, doch da es der Herr Minister gechau, so wolle er sich auch zu der Frage äußern. Das Parlament sei dem Volke gegenüber ebenso verantwortlich wie die Regierung. Wenn man so große Summen bewilligen solle, dürfe dies nur auf eine kürzere Zeitdauer geschehen, um die Wirkungen dieser Bewilligungen näher und öfter prüfen zu können. Ausnahmsweise wolle das Zentrum auch die Vermehrung der Infanterie auf rin Jahr bewilligen. Abg. v. Helldorff erwidert, daß durch diesen Vorschlag die ganze geplante Neu­formation zerstört werde. Die einjährige Bewilligung sei nicht geeignet, der Kriegsgefahr und der Boulangerschen Aufrüstung

Mutzi« er ihr mcyr bantoar sein, hatte sie ihn nicht auch davor bewahrt, sein Werk in Paris aufstellen zu müssen? Die grenzenlose Verachtung, die er gegen diese Frau gehegt hatte, milderte sich. Auch dies verlorene Geschöpf hatte nicht vergessen können, daß es eine Preußin war. Zugleich konnte er nicht umhin, die Schlauheit zu bewundern, die fie darauf hatte verfallen lassen, ihm gerade die Rolle eines Mouchards aufzudrängen. An einem solchen war nichts auffallend, weder die zerrissene Kleidung, noch das Erscheinen zu ungewohnter Tagesstunde in Stadt oder Dorf, das konnte ja Alles mit höchst wichtigen politischen Plänen zu­sammenhängen, und da Joel französisch sprach wie ein ge­borener Franzose, auch äußerlich einem solchen ähnlich sah, so war eine Entdeckung nicht zu fürchten. In dem nächsten Städtchen kaufte er sich andere Kleider und kam wirklich glücklich nach Deutschland. Ohne Fährlichkeit und Besorgnis warS nicht abgegangen, aber wie ein Wunder wars doch, als er wieder daheim in dem Hause an der Ecke der Erbrär- straße saß und seine Mia im Arme hielt, während die Kinder ihn jubelnd umschlangen. Stoff zum Erzählen hatte er genug und Zeit auch, der Arbett ward immer weniger, je schwerer die Rot ward.

Ja, eine schwere Zeit wars, in der die Gottesgeißel Napoleon über Preußen herrschte, und doch begannen die Verständigen fie bald eine gute zu heißen. Das eine Kleinod, das den Preußen geblieben war, die Treue für ihren irdi­schen König, schimmerte so hell, daß eS ihnen den Weg wies zu dem himmlifchen Könige, den sie hier vergessen hatten. In der Nacht der Franzosenzeit blühten so edle Blumen, daß ihr Duft die Blätter der Geschichte msereS Vaterlandes durchweht für alle Zeiten.

Und als das Preußenvolk sich wieder zu dem alten Gotte bekannte, der bei Fehrbellin, bei Roßbach und Leuthen ge­holfen hatte, da bekannte er sich auch wieder zu ihm und die Reltungsstunde schlug. Die schöne Königin freilich toimte nicht wieder erweckt werden auS ihrem frühen Grabe, aber ihr Bild lebte tat Herzen jedes Preußen.

Sechs Jahre hintereinander, immer an einem grauen

eutgegmzutreten. Durch Bewilligung der unveränderten Vor­lage würde gerade der Parlamentarismus an Ansehen gewinnen. Abg Richter ist der Ansicht, daß die Vorlegung dieses Gesetzes und die Rede des Grafen Moltke die Franzosen veranlassen würden, ihre Rüstungen zu beschleunigen. Je mehr bei uns auf Beschleunigung gedrängt wird, desto eifriger rüsten die Nachbarstaaten. Abg. Freiherr von Stauffenberg (deutschfteis.) beantragt darauf, den § 2 dahin abzuändern, daß wie im Anträge des Zentrums statt 534 nur 518 Bataillone Infanterie bewilligt werden. § 2 soll ferner folgende Zusätze erhalten:Außerdem werden vom gleichen Tage an (1. April 1887) bis zum 1. April 1890 15 Bataillone Infanterie formiert. Bis zur gesetz­lichen Einführung der zweijährigen Dienstzeit für die In­fanterie erfolgt die ordentliche Rekruteneinstellung bei der­selben im Januar, sofern nicht bei der Etatsfestsetzung ein früherer Einstellungstermin vereinbart wird. Die Ein­jährig-Freiwilligen kommen auf die im $ 1 festgestellte Friedens - Präsenzstärke in Anrechnung.' Der deutschfrei­sinnige Antrag will also ein Bataillon weniger bewilligen, als das Zentrum, und zwar das sächsische Jägerbataillon. Das Zentrum will 16 Bataillone auf ein Jahr, die Frei­sinnigen nur 15 Bataillone Infanterie, aber auf drei Jahre bewilligen. Abg. Gras Behr (Reichspartei) bekämpft die Stauffenbergschen Anträge und besonders das Einrechnen der Änjährig - Freiwilligen in die Präsenzstärke. Besser hätte man gethan, den ganzen § 2 pure abzuleynen. Ebenso seien die Zentrumsanträge zu verwerfen, welche darauf ausgehen, den Parlamentarismus zu stärken. Ebenso be­kämpfte Abg. Frhr. v. Maltzahn die Anträge ti. Stauffen- berg und v. Huene als schädlich. Der Kriegsminister be­tont nochmals, daß er niemals eine zweijährige Dienstzeit zugestehen würde. Ein derartiger Antrag würde mit aller ihm zu Gebote stehender Kraft bekämpft werden. Der Antrag Stauffrnberg sei unannehmbar. Wenn man aber die Einjährig-Freiwilligen auf die Präsenzstärke anrechnen und die Präsenzstärke um die Zahl der Einjährig-Frei­willigen erhöhen wolle, so habe er dagegen nichts einzu­wenden. Er verwahre sich dagegen, daß bet den gegen­seitigen Ausrüstungen Deutschland vorangegangen und da­durch Frankreich dazu Veranlassung gegeben habe; das Gegenteil sei wahr. Nachdem sodann der Kriegsminister und Major v. Schlieben für die Notwendigkeit des sächsischen Jägerbataillons eingetreten, wurde eine Pause gemacht. Nach Wiederaufnahme der Beratungen wurden schließlich mit 16 gegen 12 Stimmen statt der in Paragraph 1 der Vorlage (Friedenspräsenzstärke) geforderten 468,409 Mann nur 4501)00 und zwar auf drei Jahre bewilligt.

Novembertage, hatte Lude von feinem Vater eine Ohrfeige am Brandenburger Thor erhalten, das sechste Mal sagte er trotzig:Vater, zum siebenten Male laß ickt mir uich jefalleu; jetzt hole ick ihr!'

Wo willste ihr denn finden, bummer Junge?'

Weeß ick hefte noch nicht, aber ick nehme mir 'ne Trommel mit un schlage Parademarsch; da bruf hört se, se müßte nich in Potsdam jeboren sin un in Berlin jestanben haben!'

Wenn be ihr matt stabst, et weeß ja kern Mensch, wo se hmgekommen is.'

Natürlich war bie Viktoria gemeint. Freilich wußte es Niemand, nicht Joel Jury, der sie doch zuletzt gesehen hatte, nicht Meister Schadow, der während ihrer Wegschleppuug in Italien gewesen war, Niemand, Niemand! Nur das eine wußte man, sie war nicht in Paris aufgestellt worben, benn wäre eS ber Fall gewesen, so hätte bas irgend eins der pomphaften Bulletins, mit denen Napoleon so freigebig war, gemeldet.

Wo aber mochte sie sein? Hatte man sie zerstört, oder stand sie vergessen in einem ber neu geschaffenen Museen?

Auch von Betty und Mariens hörte man nichts wieder; Joel unb Mia aber gedachten ber Ersteren voll Dank und vergaßen nie, die Verlorene in ihr Gebet eiuzuschließen, ja auch Rosette mußte stets fürbie gute Frau' beten, die ihr ben Vater wiedergeschenkt hatte.

Da ber Wohlstand ber Jurys in biesen schweren Jahren bebenkltch zurück ging, mußte Joel den Weg betreten, ben Mia schon während feiner Gefangenschaft angebahnt hatte, nämlich sich mehr dem Handwerk widmen als ber Kunst. Schwer, unsäglich schwer würbe es ihm, aber er hielt aus bei feiner Pflicht. Anfänglich hatte sich Frau Mia noch manchmal geängstigt, Denon werde ihren Mann reklamieren, aber es geschah nichts dergleichen. Juiy blieb unbelästigt, man hatte ihn vielleicht einfach vergessen über wichtigeren Dingen.

(Fortsetzung folgt.)