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Marburg, Donnerstag, 16. Dezember 1886.

XXI. Jahrgang

OberWsihk Aitrnig

Kreuz und Kranz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

So hatte sich auch Wartens nach Paris begeben und dort auf Rache an den Hohenzollern, au Preußen eigentlich an alle» anständigen Menschen g>sonnen. Ernährt hatte er sich gut, das konnte mau in Parts, wenn mau nicht allzu gewissenhaft war, und schließlich halte ihm ein Zufall sein ungetreues Weib in den Weg geführt. Der von ihr ver­lockte Bürgerssohu aus Potsdam lag längst in fremder Erde, sie aber war hoch gekommen und schließlich die Freundin eines hochgestellten Mannes geworden, des ehe. maligen Kupferstechers Denon, der mü Napoleon kriegte und siegte, und sonst auch der Generaldirektor seiner Museen war. Denon hatte eine sehr einfache Alt, die Museen seines Kaisers za füllen, indem er besttmwte, welche Kunst­werke aus den eroberten Ländern nach Paris zu führen seien. Seine schöne Freundin war aber nicht sehr erbaut gewesen, als ihr eines TageS ihr Mann in den Weg lief; dann hatte sie sich besonnen und überleg, daß e‘*i 'ügsam-s Werkzeug ihr wohl auch in Frankreich von ätug-n sein könne und so hatte das saubere Paar eineu Vertrag mit. einander geschlossen, nach welchem Denon nicht erfuhr, daß Betty Martens' Frau war. Dafür aber galt er für einen Verwandten derselben und Betty überredete ihren Freund, denselben in seinen Dienst zu nehmen. Hier erwies sich Mariens nun sehr anstellig und ward bald Denons rechte Hand. Daß er nebenbei für seine Kasse sorgte, ist selbst­verständlich; er hatte mit seiner Frau ausgemacht, sie wollten, falls die Freundschaft mit Denon einmal eia Ende nehme, ihre Sündengelder zusammenthun, ein Rittergut kaufen und auf dem Lande lebe». Der seutimeMale Zug der Zeit, der sich uameutlich in einer krankhaften Nalurschwärmerei äußerte, war auch in diesen beiden verlorenen Menschen lebendig.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Dez. Der Kaiser wohnte gestern der Vorstellung im Opernhause bei. Heute nahm er die Vor­träge des Polizeipräsidenten von Richthofen, des Marine- Chefs von Caprivi, Albedylls und zahlreiche militärische Meldungen entgegen und machte nachmittags eine Spazier­fahrt. — Die „Nvrdd. Allg. Zig." wendet sich gegen die Behauptung des „Berl. Tagebl.", daß die Mehrforderung zur Erhöhung des Präsenzstandes des deutschen Heeres ein Eingeständnis sei, daß die deutschen Jntereffen durch die bulgarische Krise erheblich berührt würden. Die „Nordd. Mg. Ztg." hebt hervor, daß wir daran festhalten, daß die deutsche Negierung nicht dazu da ist, Bulgarien zu beglücken, sondern Deutschland vor Gefahren zu schützen; die Forderung wegen der Erhöhung der Heerespräsenz- stärke ist in keiner Weise damit zu begründen, daß Deutsch­land durch die bulgarische Krisis bedroht sei, sondern ein­fach damit, daß, wie die Thronrede angedeutet und der Kriegsminister dargelegt hat, das deutsche Heer, verglichen mit den Armeen der anderen Großmächte, an Zahl zu schwach geworden sei. Betreffs der vom „Berl. Tagebl." be­haupteten angeblichen Unsicherheit unserer Beziehungen zu Oesterreich sei nur erneut festzu stellen, daß diese Besorgnis gänzlich grundlos und daß das Vertrauen in die Festigkeit der österreichisch-deutschen Beziehungen unverändert fort­besteht. Deutschland hat genug eigene und wirkliche In­teressen zu vertreten. Wer uns aber einwenden will, daß die Vorgänge in Bulgarien dabei in erster Linie ständen, der ist entweder ein Gegner des Deutschen Reiches oder er hat die polittsche ABC-Schule noch nicht absolviert. — Uebtr den Empfang, welcher der bulgarischen Deputation hier wartetj, wird, wie es scheint offiziös, in der „Post" geschrieben: „Wie wir zuverlässig vernehmen, dürfte die bulgarische Deputation, wenn sie ihren Besuch in Berlin abftattet, jn formeller Beziehung auf denselben Empfang rechnen können wie in Wien. Es erscheint durchaus als korrekt, daß der Minister des Aeußern, Graf sKalnoky, die Deputierten nur als Privatpersonen empfangen hat, nicht als Abgesandte einer Regierung, die, abgesehen von den Zweifeln an ihrer Legalität, nach der inneren Verfassung Bulgariens jedenfalls gar nicht in der Lage ist, mit fremden Mächten zu verkehren, es sei denn durch die Vermittlung ihres Souzeräns, des Sultans Abgesehen aber davon, daß diese formelle Rücksicht bei dem hiesigen Empfang zum Ausdruck kommen müßte, dürfte derselbe ein wohlwollender fein. _ Das deutsche Auswärtige Amt wird sich allerdings darauf beschränken, durch die Vertrauensmänner der bulgarischen Regentschaft der letzteren die Verständigung mit Rußland von neuem zu empfehlen. Aber die deutsche Politik wird auch jede zweckmäßige dahin führende Modalität aufzusuchen und zu befördern bereit sein." — Tas Aus­wärtige Amt soll bereits Schritte gethan haben, um Auf­klärung über die Ermordung des Ur. Jühlke in Kismayu

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f d. Kreise Marburg u. Kirchhain.

___________________________________________________ Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck nnd Verlag von Joh. Lug. Koch.

setze voraus, daß es sich um Vermehrung der Etatsstärke solcher Regimenter handle, die im Osten oder Westen Deutschlands in den Festungen liegen; doch empfahl er Ersparnisse die durch einzelne Abänderungen in der Formation wohl erzielt, werden könnten. Da die Fußartillerie aber nicht im Kriegsfälle sofort in Verwendung trete, so habe diese Position gar keine Eile. — Der Kriegsminister be- tonte, daß es den heutigen Verhältnissen nicht entspreche, wenn man die Artillerie an einigen Punkten vermehre dadurch, daß man sie an anderen Stellen verminderet Wenn der Abg. Richter gemeint habe, mit der Fußartillerie sei die Verniehrung nicht so eilig, da sie ja dem Feinde nicht sofort entgegengeworfen werde, so mache er darauf aufmerksam, daß einzelne Teile der Fußartillerie sofort in Aktion treten. — Abg. Rickert erwidert, daß diese Mitteilung auf ihn keinen Eindruck mache, besonders da die Verwendung einzelner Teile der Fußartillerie im Felde doch die Vermehrung im Ganzen nicht rechtfertige. Die gegenwärtigen Zeitverhältnisse drängten zu außerordentlichen Ersparniffen. — Der Kriegsminister repliziert, daß der Bedarf ein unabweislicher sei, die Verteilung aber könne heute noch nicht scharf präzisiert werden. Die Kriege von 1866 und 1870 seien der Kriegsverwaltung sehr über­raschend gekommen. Man müsse im Voraus das Heeres- gefüge festmachcn und die einzelnen Positionen rechtzeitig feststellen. Abg. Richter meinte, daß die Stellung Deutschlands in Bezug auf die Armeeverhältnisse jetzt eine viel bessere sei, als 1870. Die Südstaaten seien fest ein­gefügt worden, wodurch den Ueberraschungcn keine so große Bedeutung mehr beigelegt werden könnte. — Der Kriegs- mmlster macht darauf aufmerksam, daß bei einem Land­kriege Frankreich eine große Zahl Schiffsartillerie als Fuß. und Festungsartillerie benützen könne, wodurch es unserer Artillerie gegenüber sich in großem Vorteil befinde. Eine Herabsetzung der Dienstzeit der Fußartillerie sei unmöglich. — ür. v. Frege (kons.) erklärt, daß die Fußartillerie im Kriege auf das Aeußerste angespannt sei, daß er deshalb die Position empfehle. — Abg. Rickert meint, daß überall und bei jeder Position die unbedingte Notwendigkeit betont

er müßte doch zunächst wissen, an welchen Positionen die Möglichkeit von Ersparniffen zugestanden werden könne, um danach Amendements zu stellen. Ersparnisse seien notwendig. Bei Nachweis einer Kriegsgefahr mache er keine Einwendungen, aber es handle sich hier um die Friedenspräsenzstärke. Außerdem würden in der Armee große Ausgaben für Paläste gemacht. — Der Kriegs- mmlster bestreitet, daß für Paläste Aiifwendungen gemacht werden, und meint, er könne bei keiner Position die Not- wendigkeit einer Erhöhung der Präsenzziffer mit mathema- tftcher Gewißheit nachweisen; etwas Vertrauen verlange die Militärverwaltung. Er könne bei gewiffenhaftester Prustlng die bestimmte Versicherung geben, die Vermehrung der Fuß-Artillerie sei notwendig, wenn diese im Kriege 1 *111

Berlin, was bedeutet das plumpe Viergespann da oben, und wer hat es gemacht?"

„Das ist Preußens Viktoria, sie soll an die Siege er­innern, die Preußen unter seinen Königen erfocht," ant. »ortete Betty rasch, „der Meister, der es schuf, heißt Sckadow, plump ist das Denkmal nicht und die Berliner sind stolz darauf." 1 0

Ein höhnisches Lächeln umspieltt die Lippen des Fran- zoseo. „So wögen sie es sich künftig in Paris ansehen" erwiderte er. „^ch liebe, kleine Andenken aus den Städten mitzunehmen, die mein unüberwindlicher Kaiser bezwang! Das ist das Einzige, was aus diesem armseligen Lande wert ist, den Landsleuten in Paris gezeigt zu werden."

„Sie wollen die Viktoria mit nach Paris nehmen?" tief Betty und erbleichte. 1

„Was fällt Dir ein?" rannte ihr Martens in deutscher Sprache zu.

-Daß ich es nicht mit anhören kann, daß man mein armes Vaterland in jeder Weise so verhöhnt. Man hat noch einen Funken von Ehre im Leibe. Eine Fra« aus diesem Lande ist denn doch noch ebensoviel wert, als ein französisches Weib!" entgegnete sie mit aufflammenden Augen. — Martens zuckte die Achseln, ein teuflischer Gedanke keimte in seinem Hirn. „Excellenz," wandte er sich an Denon,

,®e«{fle« Minuten sah ich den Mann, der den Guß der Viktoria gemacht hat, sich hier Herumtreiben. Er hat das Denkmal aufgestellt und trägt sich wahrscheinlich mit Dem Gedanken, es herunter zu nehmen, damit es nicht die Triumphe des großen Kaiser? veimehre. Der Mann hält ba8„, wie Excellenz ganz richtig sagen, plumpe Machwerk natürlich für das Höchste, was die Kunst je geleistet hat und lenkt sicher, der Kaiser fei nach Berlin gekommen, nur um sich die Viktoria zu holen. ES wäre wohl gut, sich dieses ManneS zu versichern."

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zu erhalten und eventuell Genugihuung zu fordern. Eines der beiden vor Sansibar befindlichen deutschen Kriegsschiffe soll sich bereits auf dem Wege nach Kismayn befinden.

— Die Reichötagskommission zur Beratung der Militär- Vorlage trat heute in die Spezialdiskusfion des Gesetz- Entwurfs ein und zwar zunächst über § 2, welcher lautet: „Bom l. April 1887 ab werden die Infanterie in 534 Bataillone, die Kavallerie in 465 Eskadrons, die Feld- Artillerie in 364 Batterieen, die Fußartillerie in 31, die Pioniere in 19 und der Train in 18 Bataillone formiert." Eine längere Debatte entspann sich zunächst über die Ver­mehrung des Trains. Abgeordneter Richter hat sich bis jetzt nicht von der Notwendigkeit der Vermehrung des Trains überzeugen können. General v. Hänisch erklärt, daß gegenwärtig alle Trains militärisch neu organisiert würden. Es fehlen uns an Trainmannschafien rund 11000 Köpfe, um die erforderliche Organisation durchzu­fuhren. Im Interesse der ganzen Armee sei die neue Fvrmatton notwendig. Wer jemals beobachtet habe, wie es manchmal hinter der Armee aussehe, der müsse für eine Neuorganisation des Trains eintreten. Abg Freiherr v. Maltzahn schließt sich den Ausführungen des General v. Hänisch an und hält besonders die Vermehrung der Pferde beim Train für wünschenswert, weil später diese Pferde sich viel bester zur Landwirtschaft eigneten, als die jetzt vielfach zum Traindicnst gebrauchten Kavalleriepferde. Abgeordneter Dr. Buhl (natllib.) weist auf den letzten Krieg hin, wo es schwierig gewesen sei, die Verpflegung der Truppen so herzustellen, wie es unbedingt notwendig sei und bei einer Vermehrung des Trains sich leicht hätte er­reichen lasten. Freiherr v. Huene «Zentrum) befürwortete nachdrücklich die Vermehrung des Trains, weil dadurch im Krieg der ganzen Arme«, und besonder» den Mannschaften große Erleichterungen verschafft würden. Auch der Ge­sundheitszustand der Armee hänge vielfach von einem gut organisierten Train ab. Abgeordneter Richter hält es für sehr schwer, bei den einzelnen Punkten genau zu erwägen, welche Formation speziell für die Armee besonders nützlich sei. Doch glaube er, daß für die Landwirtschaft es ganz gleichgültig sei, ob von 200000 Militärpserden 750 mehr für den Train ausgebildet werden oder nicht. General v. Hänisch teilt mit, daß jetzt auch Kavallerie noch viel­fach bei der Artillerie verwendet werde. Was die Ver­mehrung der Eisenbahntruppen anbelangt, so zweifle er nicht daran, daß bei der Ausbildung des ganzen Ver­kehrs die Notwendigkeit dieser Position nicht bestritten werden würde. Aber auch die Verstärkung der Pionierbataillone sei notwendig der allgemeinen Heeresverstärkung wegen. Der Kriegsminister teilte mit, daß alle Pionierbataillone auf dieselbe Etatsstärke gebracht werden sollten, und daß danach die Verteilung der neuen Mehrforderung sich ge­stalten würde. — Bei der Beratung der von der Fuß- artillcrie handelnden Position bemerkte Abg. Richter, er

Joel Jury hatte das würdige Paar erkannt, aber auch er war von ihnen erkannt worden. In Beider Augen flammte wilder Haß auf, denn Betty hatte es dem Manne, der jetzt so gebrochen im Thore lehnte, nie vergeben, daß er sie einst verschmäht hatte. Ihr Haß war um so schärfer, als sie Joel wirklich, wenn auch auf ihre Weise, geliebt hatte. Der Haß des Goldschmieds aber war durch den jahrelangen Aufenthalt tu Frankreich nicht gemildert worden, im Gegen­teil, er loderte um so wilder auf, als die meisten von denen, die er persönlich gehaßt hatte, längst seiner Rache entrückt waren. Der König war tot, der General aus der Mammans- straße lag schon seit drei Jahren auf seinem Gute bei Potsdam begraben, Wöllner war noch früher gestorben. Einer aber lebte noch, Einen konnte er noch fasten, Joel Jury. Der Wagen, in dem die Freundin Denons mit Ml en Sekretär saß, mußte gleich den Anderen eine Weile warten, aber den bleichen Mann im Thor ergriff ein solcher Ekel, daß er mit wankenden Schritt-n die Linden hinanf- giug. Schlimmer als die triumphierenden Feinde sind des Landes eigene, verlorene Kinder. Ein ftanzöstscher Offizier sprengte an ihm vorbei, jetzt sah er, wie derselbe sein Pferd parierte, einen raschen Blick nach dem Siegeswagen hinauf warf nub dann durch das Thor ritt.

»Gott, steh' uns bei, Herr Jury," redete der Kriegs, und Domänenrat Krantz den bleichen Mann an; das war der Denon, er sah so starr nach der Viktoria hinauf. Er wird doch nicht die Absicht haben, sie nach Frankreich zu schleppen?"

Ein dumpfes Stöhnen war dir einzige Antwort, die Joel gab. ।

Denon war unterdessen an Bettys Wagen herangeritten und redete sie mit den Worten an: „Ich habe Quartter für Sie gefunden, meine Freundin, aber sagen Sie mir do», Sie ober Mnsjö Mariens, Sie wissen ja betbe Bescheib in