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Rr. 293

Marburg, Mittwoch, 15. Dezember 1886

XXL Jahrgang.

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Illustriertes Somitagsblatt

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in den Kirchen fraßen die Pferde ihren Hafer vom Altar, im Zeughause war eine Feldschmiede errichtet, und täglich sah man dem Eintreffen des sogenannten Kaisers Napoleon entgegen. In Potsdam wars nicht viel anders als in Berlin und namentlich war im Juryschen Hause viel Herzeleid eiri- gekehlt. Vor Schrecken über die Niederlage von Ieva hatte den alten Jury der Schlag gerührt und wenige Tage darauf trugen sie ihn hinaus auf den Kirchhof. Bei Joel gesellte sich zu der Trauer um den Vater, zu der Sorge um die Zukunft seiner Kinder noch die Angst um sein geliebtes Kunstwerk in Berlin. Man wußte bereits, daß die Fran­zosen es liebten, zu zerschlagen, was sich nicht mit sich schleppen konnten, und fortzuschlcppev, was sich nur fort- schleppen ließ Kunstwerke, Frauen, Eßwaren, Geld, es war alles gute Beute. In feiner Herzensangst beschloß Jmy hinüber nach Berlin zu fahren und mit Schadow zu be­sprechen, ob man nicht am Besten thue, die Quadriga herab zu nehmen und vor den gierigen Augen der Sieger zu ver. stecken. Mia riet ab; sie wollte nichts davon wissen, daß rhr Mann sich in die mit Feinden überfüllte Stadt begeben wollte, es konnten ihm dort schwere Gefahren drohen, aber, wie Schadow gesagt hatte, Jury war wirklich ein Künstler, und er sorgte sich um sein Kunstwerk fast wie um eins seiner Kinder. So ließ er sich denn auch durch die Bitten seiner Mia nicht zurückhalten, sondern fuhr wirklich nach Berlin, wo er um Mittag ankam. Es herrschte eine solche Aufregung in der Stadt, daß cs schwer war, sich einen Weg durckis Gedränge zu bahnen; ein Bekannter, den Jury traf, der Fleischermkister Meiners, erzählte ihm unter Zähne­knirschen, der frauzösisrne Kommandant, General Hulin, habe dem Magistrat und den Beamten befohlen, sich am Branden­burger Thor aufzustellen, weil heut der Kaiser dort einziehe, der Wohlthäter des Menschengeschlechts, der Freund des Friedens.* Am Abend aber erwarte er eine große Illu­mination.

Jury ballte die Faust; er hatte nur eins gehört, der Kaiser zieht durch das Brandenburger Thor ein. Wird sie rS leiden, die droben Wache hält, feine Viktoria, sein Kind, wird sie nicht herabspringen und ihn erwürgen, oder wird

Politik der einzelnen Mächte nicht gegeben werden können, ohne die Friedenspolitik, welche wir treiben, zu erschweren und zu schädigen. Die Situation ist nicht so weit ge­reift, um von deutscher Seite amtlich und öffentlich be­sprochen zu werden. Wenn die öffentlich bekannten von den verbündeten Regierungen als zwingend angegebenen Gründe für die Militärvorlage, sowohl nach der mili­tärischen als nach der politischen Seite hin, der Kommission nicht genügen sollten, so könne gleichwohl der Herr Reichs­kanzler ihnen aus dem Gebiete der bisher nicht öffentlich bekannten diplomatischen Situation nichts hinzufügen, was gegenwärtig ohne Schaden für unsere auswärtigen Be­ziehungen und für den allgemeinen Frieden gesagt werden könnte. Abgeordneter Dr. Bamberger hält die Gefahr, welche von außen droht, für eine permanente. Gleichwohl habe diese Gefahr auf ihn niemals einen besonderen Ein­druck gemacht, soweit sie von Westen drohe. Man über­schätze die chauvinistischen Erscheinungen, die in Frankreich zutage treten. Aus Derouledc mache mau unberechtigter Weise einen einflußreichen Mann, ebenso wie die Fran­zosen^ gleichfalls viel zu viel Gewicht legen auf Acußerungen, die im öffentlichen Leben in Berlin fielen. Dr. Bam­berger berichtigte sodann den Ausdruck, den er angeblich nach Berichten von Zeitungen gemacht habe; er habe nicht von Abrüstung gesprochen, das sei ein Mißverständnis. Er habe vielmehr gesagt, daß eine Ausrüstung sich nicht weiter empfehle, und daß, wenn Deutschland jetzt weiter aufrüste, die Folge davon sein würde, daß die anderen Staaten gleichfalls weiter rüsten, und darin müsse, wie ja auch aus der Aeußerung des Grafen Moltkc zu ent­nehmen sei, eine Kriegsgefahr erblickt werden. Graf von Saldern-Ahlimb (konservativ) erklärt, daß, wenn in ihm noch irgend ein Zweifel über die Notwendigkeit und Nütz­lichkeit der gegenwärtigen Vorlage vorhanden gewesen, der­selbe durch die Aufklärungen, welche er in der Kommission erhalten, geschwunden sei. Auch durch die heutige Er­klärung des Kriegsministers sei er völlig zufriedengestellt. Kein Mensch könne für die politische Gestaltung der Zu­kunft einstehen, dieselbe liege in Gottes Hand. Abg. von Hclldorff (konservativ» erklärte die Bereitwilligkeit seiner politischen Freunde, die Vorlage zu bewilligen. Das vor« gelegte Zahlenmaterial sei zwar von Bedeutung, aber noch größeres Gewicht lege er darauf, daß die ganze Situation dahin dränge, unserer Armee eine noch festere Grundlage zu geben, als sie bis jetzt schon besitze. Das Wort, welches Graf Moltke von der baldigen Entscheidung gesprochen werde allerdings vielfach aufgefaßt. Graf Moltke habe nicht gemeint, daß die schweren Rüstungen unbedingt zum

Kranz und Kreuz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

(Fortsetzung.)

Da stieg am französischen Horizonte ein glänzendes Metror auf, das von ganz Frankreich und auch von gar Vielen in Deutschland für eine helle Sonne gehalten wurde, bis es sich als Irrstem erwieS; der kleine Korporal Bonaparte begann seinen Titanenlauf und verschaffte seinem Atoptiv- Vaterlande, denn er war ja gar kein Franzose, die Herrschaft in Europa. Ohne Schwertstreich ließ sich indessen Europa die Herrschaft nicht aus der Hand nehmen und auch Preußen stemmte sich mit aller Macht dagegen. Die Adlerfahncn rauschten, die Trommeln wirbeltea, die Heere Friedrichs zogen aus und die Viktoria winkte ihnen vom Branden­burger Thore nach. Aber schlimme Zeichen und Vorbe­deutungen! In der Nacht, ehe das Regiment der Gens­darmes aus Berlin durch das Brandenburger Thor aus­marschieren sollte, hatte ein Sturm die Trophäe aus der Hand der Viktoria herabgeschleudert. Und weiter geschah daS Entsetzliche: Bei Jena vernichtete Napoleon Preußens Ruhm und Macht, die Viktoria droben auf dem Thore konnte ihr Antlitz nicht verhüllen, aber es wagte auch Niemand mehr, sie anzuschauen. Ein lauter Schrei des Jammers ging durch das ganze Preußenland, er drang hinauf bis zur Viktoria, aber sie hörte ihn nicht, sie war ja doch nur ein Bild aus Erz.

Da kam das Elend über Preußen, so furchtbar, wie kaum je über ein Volk, und wieder strahlte mitten aus dieser Nacht des Elends ein Kleinod hervor, um das der gewaltthätige Eroberer Preußen wohl beueiveu, das er ihm aber nicht nehmen konnte: die Treue für sein Herrscher­haus! Nicht Ungehorsam, Trotz und Unbotmäßigkeit trug man dem Könige entgegen, sondern Liebe, Gehorsam und Opferwilligkeit, wie sie einst auch der alte Fritz in den dunkelsten Tagen seines Lebens gefunden hatte.

Der König war mit seiner schönen Königin geflohen und die Franzosen brachen herein über Preußen, wie weiland die Landplagen über Aegypten. Am schwersten litt Berlin; eine zahlreiche Einquartierung ward der Stadt anferlegt,

Deutsches Reich.

Berlin, 13. Dez. Der Kaiser nahm vormittags den Vortrag des Geh. Kabinettsrats v. Wilmowski ent­gegen uno machte um 2 Uhr eine Spazierfahrt. Gestern abend fand beim Kaiser eine kleine Thcegesellschaft statt. Gestern wurde wegen- Zertrümmerung eines Fensters im kaiserlichen Palais ein Individuum verhaftet. Dasselbe ist der 31 jährige Schlossergesclle Böhnicke aus Salzfurth im Kreise Bitterfeld, welcher sich zuletzt zu Magdeburg aufhielt und welcher völlig herabgekommen, arbeits- und obdachlos hierher wanderte, in der Absicht, durch seine Uu- that im kaiserlichen Palais Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kaiser befand isich im Nebenzimmer und trat un­mittelbar nach der Thal ans Fenster, wo er von der ver­sammelten Menschenmenge jubelnd begrüßt wurde. Gegen­über widersprechenden Nachrichten über das Befinden des Reichskanzlers, Fürsten Bismarck, vernehmen wir, daß derselbe vor einiger Zeit unwohl gewesen, jetzt aber auf dem Wege der Befferung sich befindet, jedoch großer Schonung bedarf; es scheint demnach, als ob die Hierherkunft des Reichskanzlers erst nach dem Neujahrsfeste zu gewärtigen wäre. Professor Schweninger, welcher in den letzten Tagen in Friedrichsruh war, ist heute von dort nach Berlin zurückgekehrt.

Die vierte Sitzung der Reichstagskommission zur Beratung der Militärvorlage wurde heute vormittag 107» Uhr eröffnet. Abgeordneter Windthorst sprach sein leb« Haftes Bedauern darüber aus, daß trotz des von vielen Seiten ausgesprochenen dringenden Wunsches die verbün­deten Regierungen keinerlei Auskunft gegeben haben über die politische Lage in Europa. Das zeige Mangel an Vertrauen zum Parlament. Ueberhaupt habe in den kon­stitutionellen Staaten keine andere parlamentarische Kör­perschaft in auswärtigen Angelegenheiten eine so eigen­tümliche und gering geschätzte Stellung wie der Deutsche Reichstag. Von diesem Gesichtspunkte aus werde er zur Regierungsvorlage Stellung nehmen. Kriegs - Minister Brvnsart v. schellendorff erwiderte hierauf im wesent­lichen folgendes; Erklärungen der verbündeten Regierungen in bezug auf unsere auswärtigen Beziehungen können nur in verantwortlich festgestelltem Wortlaut abgegeben werden und nichts enthalten, .was nicht auch in öffentlicher Sitzung amtlich erklärt werden könnte. Auch wenn der Reichs­kanzler in Berlin anwesend wäre, würde er nicht in der Lage jein, vor ver Kommission Erklärungen über die Be­ziehungen anderer Staaten zu- und untereinander abzu­geben, welche nicht schon bekannt wären, weil weitergehende Darlegungen über intimere Beziehungen und die mögliche

Kriege drängten, sondern, daß die baldige Entscheidung, die ans ganz anderen Gründen möglich sei, für die Vorlage spreche. Der Schwerpunkt der Vorlage liege seiner Ansicht nach in der Schleunigkeit der Forderungen. Die Motive zur Vorlage und die Erklärungen des Vertreters der ver­bündeten Regierungen gäben einen genügend überzeugenden Beweis von der Notwendigkeit der Beschleunigung. Nach der vom Kriegsminister abgegebenen Erklärung verlange die Regierung vom Reichstag ein Vertrauensvotum im eminentesten Sinne, die Negierung verdiene aber dieses Vertrauen. Wenn der Reichstag demselben nicht stattgebe, dann werde er selbst den größten Schaden erleiden. Äbg. Ist. Windthorst drückte seine Befriedigung über das Ent­gegenkommen der verbündeten Regierungen aus, daß sie überhaupt eine Erklärung in Bezug auf die politische Lage abgegeben haben. Wie er sich zum Inhalt der Erklärung stelle, das könne er heute noch nicht sagen. Er habe gar keine Veranlassung, der Regierung ein Vertrauens- Votum zu geben, eben so wenig, als ein Miß­trauensvotum. Er behandle die ganze Frage von rein fachlichen Gesichtspunkten. Der Reichstag trage eine große Verantwortlichkeit durch Ablehnung der Vorlage, dessen fei er sich wohl bewußt, aber auch der Verantwortlichkeit dem Volke gegenüber, welches man neu belasten wolle. Auch das wisse er, daß der Reichstag im Falle der Ablehnung aufgelöst werde. Das zeige auch die absolut zustimmende Haltung der Nationalliberalen, die in solchen Dingen eine scharfe Witterung hätten. Auf einem völlig ablehnenden Standpunkt stände das Zentrum nicht, das hätten die seit­herigen Verhandlungen gezeigt. Abg. Richter meinte, daß int Falle der Auflösung des Reichstags die Regierung mehr Schaden erleiden werde, als sie durch die Verwerfung einiger Regimenter hätte. Er bestreite, daß aus den mili­tärischen Rüstungen in Frankreich und Rußland seit dem Jahre 1880 das Motiv für die Vorlage hergeleitet werden könne. Anders sei es mit der Boulangerschen Vorlage, deren Wirkung aber gar noch nicht genau abgeschätzt werden könne. Redner meinte, daß die vielberufene Aeußerung des Grafen Moltke sich nicht in der Richtung der Politik des Fürsten Reichskanzlers bewege. Was die verlesene Erklärung anlange, so habe ihn dieselbe kaum überrascht, und sei dieselbe nicht geeignet, seine Stellung zu erschüttern. Dieselbe sei überaus dunkel, und diese Dunkelheit könne Niemanden überzeugen, daß die Vorlage notwendig sei. Uebrigens solle man nicht gleich die Hoffnung aufgeben, auch wenn wir gleichzeitig von Rußland und Frankreich angegriffen würden. Hier spielten doch noch viele andere Verhältnisse mit, als die einfachen Zahlen. Regierungs

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er eS wogrn, sich an ihr zu vergreisen, sie ais Beule fort­zuschleppen, er, der noch nie Ehrfurcht gehabt hat vor der Reinheit einer Jungfrau? Was gilt ihm Preußens Viktoria? Meister Jmy hatte vergessen, daß er Schadow aufsuchen wollte, er war wie im Fieber und ließ sich von der großen Menschenwoge forttreiben, dorthin, wo sein Werk stand, nach dem Brandenburger Thor.

Dort erblickte er den ganzen Magistrat, die Beamte« und die Schiitzengilde in ihren Uniformen. Bleich vor Zorn waren sie alle und viele hatten Thräneu in den Augen, was aber auch Jury fast die Thrönen in die Augen ge­trieben hätte, das waren die liederlichen Ladenschwengel und ähnliches Gelichter, das sich grüne Röcke angezogen und mit Goldklunkern behängte, um eine Ehrengarde für den Kaiser zu bilden. Wahrlich, sie machten weder ihm noch sich Ehre.

Und der König kommt doch wieder!* flüsterte hie und da eine Stimme in Joels Ohr; und nun erscholl französi­sches Kommando. Da trabten sie hin, zehn Regimenter französischer Kürassiere, die vom Thor bis an den Stern Aufstellung nahmen. Und wie sie so vorüberzogen, da rief ein bekannter Patriot, der Kriegs- und Domänenrat Krantz mit einem male ganz laut in Schmerz und Zorn:Das sind dieselben Franzosen, die der alte Fritz bei Roßbach jagtel* Die Kürassiere verstanden ihn nich! 'T>er die Um­stehenden drückten ihm die Hand.

Trommelwirbel und klingendes Spiel! Ins Branden­burger Thor hinein stürmten die Mamelucken, die Napoleon sich aus Aegypten mitgebracht halte; bann kam dem Mar­schall Lefebvre, hinter ihm die Grenadiere der Fußgarde und die Jäger, prachwolle Gestalten mit strammer Haltung. Der kleine Mann aber mit dem gelben G-sicht auf dem hohen Pferde, daS war der Kaiser, und er sah in seiner grünen Uniform beinahe unbedeutend auS, nur in den Augen glühte es unheimlich; das war der Blick des WolfeS, gierig und blutdürstig. Um ihn herum waren seine Marschälle Davoust, Augereau, BessiereS, Duroc, Berthier, nach ihm aber tarnen seine Jäger und die Garde zu Pferde. Nun hielt er unter dem Thore, der General Hulin redete ihn an, aber er er-

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain

Expedition- Marit 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

Anzeigen nimmt, entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annonceu-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. SW-, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in FranisuN a. M., Verlin.München und

Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.

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