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Nr. 291

Erscheint täglich «ltzer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- LbonnementS-Preis bei der Spedition 21/* Mk.. bei tai Postämter 2 MI. 5'1 Pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebtchr für die «spalten« Zeile 10 *ßfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg, Sonntag, 18. Dezember 1886.

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Anzeigen nimmst entgegen die Expedition d Blatt»«, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu und Vogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Franlfurt a. M., Berlin,München und Köln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. SR., Berlin, Hannover u. Paris-

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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Ioh. Ang. Koch.

Deutsches Reich.

Berti«, 10. Dez. Der Prinz-Regent Luitpold und der Herzog Max Emanuel nahmen ll3/< Uhr bei den kronprinzlichen Herrschaften das Frühstück. Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich mittags 127- Uhr in das kronprinzllche Palais, woselbst sich die Kaiserin von dem Prinzregenten verabschiedete. Der Kaiser begleitete den Prinzregenten zu dessen Abreise nach Dresden nach dem Anhalter Bahnhofe; außer dem Kaiser waren auch der Kronprinz, Prinz Wilhelm, der Polizeipräsident v. Richt­hofen unv zahlreiche bayerische Offiziere anwesend. Der Prinzregenl verabschiedete sich in herzlichster Weise von dem Kaiser und den Prinzen und begrüßte die bayerischen Offiziere Die Abreise erfolgte um 1 Uhr 10 Minuten. Der Kaiser reichte dem Prinzregenten, welcher schon im Waggon war, nochmals die Hand, als der Zug sich in Bewegung setzte. Nachmittags 4 Uhr empfängt der Kaiser den Fürstbischof von Prag in Gegenwart des Kultus- ministers. Der Fürstbischof wird sodann auch von der Kaiserin empfangen. ImDeutschen Tagebl." lestn wir: Von besonderer Bedeutung ist der Trinkspruch, durch welchen der Kaiser vorgestern bei Tafel den Prinzregenten ehrte. @egen Ende der Tafel erhob sich der Kaiser und trank auf das Wohlsein seines erlauchten Gastes. Er dankte für den Besuch desselben und sprach dann mit be­sonderer Wärme die Schlußworte: daß wir auf immer und ewig gute Freunde bleiben wollen. Der Prinz-Regent war sehr gerührt, dankte sofort mit einigen dieser Rührung Ausdruck leihenden Worten und mit einem herzlichen Hände­druck. Gegenüber den Annahmen, daß Prinz Luitpold von Bayern möglicher Weise seinen Aufenthalt über den Freitag hinaus verlängern werde, muß gemeldet werden, daß der Prinz-Regent verschiedenen Persönlichkeiten gegenüber es bedauert hat, daß er in Berlin, wo ihm sowohl seitens des Kaisers und der Kaiserlichen Familie, wie seitens der Bevölkerung ein so herzlicher Empfang bereitet worden, nicht länger verweilen könne. In diesem Sinne hat der Prinz-Regent sich auch in den Telegrammen ausgesprochen, die er von hier aus an seine hohen Verwandten richtete. Mit Bezug auf die mancherlei Betrachtungen, die sich an den Besuch des Regenten des zweitgrößten Staates des Deutschen Reiches bei dem Träger der deutschen Kaiserkrone knüpfen, darf, wie diePost" meint, wohl gesagt «erden, daß diejenigen, welche dem Besuch des von seinem Minister des Auswärtigen und verschiedenen hohen Militärs be­gleiteten Regenten eine höhere Bedeutung als diejenige

Sranz und Krenz.

Baterländische Erzählung von Georg Horn.

(Fortsetzung.)

Am schlimmsten war es bei Aufdeckung der Jutriguen gegen die Jurys dem Goldschmied Martens gegangen. Nicht nur, daß ihm die Arbeit nicht zu Teil geworden war, von der er sich Gold und Ehre versprochen hatte, er hatte auch von seinen ehemaligen Gönnern die heftigsten Vorwürfe hinnehmen wüsten. Ec begriff sehr bald, daß man sich um jeden Preis des ungeschickten Werkzeuges entledigen wolle und ein grim­miger Haß gegen die, denen er so lange geschmeichelt, er­faßte ihn. Ohnmächtig ballte er die Faust in der Tasche, denn vorläufig konnte er tbue» nichts anhaben, aber in seinem Innern dachte er:Wartet nur, der Martens weiß zu viel, als daß ihr ihn ohne Weiteres abschütteln könntet, und er weiß mehr, als Ihr ahnt."

Einstweilen aber ließ sich Marten» aber immer noch dazu gebrauchen, allerlei Feindliches gegen die Jurys ins Werk zu setzen; obwohl sein Haß sich jetzt geradezu gegen den König, gegen den General, gegen Wöllner, gegen alle Vornehmen" richtete, die denehrlichen Bürger" behan­delten wie eine Citrone, nämlich auspreßten und dann weg- warfen. Uebrigeus durfte Martens solche Ansichten nicht laut aussprechcn, denn einmal gab es doch Viele, die ihn nicht gerade als Muster eines ehrlichen Bürgers gelten lasten wollten, und wenn man beim Bier auch weidlich auf die Regierung schimpfte, die Person des Königs wagte doch uiemaud tu solche Diskurse hineinzuziehen.

Unterdessen war die Quadriga fertig geworden und an einem hellen Junitage des Jahres 1793 standen Wohlers, die Jurys, Mia und ihr Vater in festlichen Gewänden am Ufer der Havel, die im Sonnenschein so blau und glänzend dalag, wie ein edler Stein auf einem köstlichen Kleinod. Mehrere Schiffe mit derben, wetterfesten Männer» besetzt, lagen hart am Ufer uud bargen eine kostbare Last, die Arbeit manchen Jahres, an der Schweiß- und Thränentropfen hinge« i» Unzahl, die aber auch manche Freudeustunde be­reitet hatte. Eine Menge von Menschen umdrängte Wohlers und Jurys, man wußte, daß heute die Quadriga, die endlich fertig war, zu Master nach Berlin gebracht werden sollte.

eines bloßen Aktes der Kourtoisie beimesten, und auch auf die Wahl des Zeitpunktes für den ursprünglich für einen späteren SEcrmin in Aussicht genommenen Besuch Gewicht legen, sicherlich das richtigere Urteil abgeben. Von Herren aus dem Gefolge des Prinzregenten ist der Wort­laut der beim Galadiner vom Kaiser gehaltenen Rede nach München telegraphiert worden. Rach dem dritten Gange erhob sich, derKöln. Ztg." zufolge, der Kaiser und sprach seine unendliche Freude darüber aus, das Glück zu haben, seinen ihm seit Jahren, so schon vom Feldzuge her, lieben Freund an seiner Seite zu haben; er heiße ihn noch einmal herzlichst willkommen und sehe in seinem Besuche neuer­dings einen Beweis seiner ihm längst bekannten Ge­sinnungen; er hoffe, daß dieser Tag den Bund zwischen Preußen und Bayern noch fester kitten werde und daß Seine Königliche Hoheit der Prinzregent jetzt und auf ewig sein treuer Freund bleiben weree. Die Militärkapelle spielte nach diesen Worten die bayerische Nationalhymne, welche stehend angehört wurde. Besonders ausgezeichnet wurden Minister Crailsheim und General Freyschlag, welchen der Kaiser mehrmals zutrank. In der am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staats­sekretärs des Innern von Bötticher, abgehaltenen Plenar­sitzung genehmigte der Bundesrat die Berechnung der nach dem Entwürfe des Reichshaushalts-Etats für 1887/88 zur Deckung der Gesamtausgaben aufzubringenden Ma- trikularbeiträge. Die Vorlage, betreffend die Ausführung der seit dem Jahre 1875 erlassenen Anleihegesetze, wurde dem Ausschuß für Rechnungswesen überwiesen. Ueber die Wiedervorlegung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit statlfindenden Ge­richtsverhandlungen, an den Reichstag soll in einer der nächsten Plenarsitzungen Beschluß gefaßt werden. Im Uebrigen beschäftigte sich die Versammlung mit der Erledigung mehrerer auf die Zollbehandlung von Waren bezüglicher Anträge.

Die heutige Sitzung der Reichstags - Kommission zur Beratung der Militärvorlage wurde um 10 Uhr vor­mittags eröffnet. Nachdem der Kriegsminister auf speziellen Wunsch des Chefs des Generalstabs der Armee noch die Mitteilung gemacht hatte, daß die den Mitgliedern der Kommission überreichten Karten, soweit sie den Osten Deutschlands betreffen, gleichfalls als vertraulich anzusehen seien, erhielt der Abgeordnete Richter das Wort. Der­selbe schloß sich den Wünschen seiner Frakttonsgenoffen an, die weitere Aufklärungen über die politische Weltlage in Joel selbst wollte da» Werk begleite»; er hatte schon von den Seimgen Abschied genommen und stand der Abfahrt harrend im Schiff. Als dieses sich in Bewegung setzte, er- hob sich ein lautesHurrsh" am Ufer, den« die Jurys hatten auch viele Freunde, und Mia wtntte dem G-ltevten auch frödl'ch mit ihrem Weißen Tuche nach. Lautlos glitten die Schiffe über die glatte Wasserfläche dahin. Joel achtete nicht aus die grünen saust geschwellten Ufer, er saß unten im Schiffsraum bei der Viktoria mit hochschlageudem Herzen, voll Freude, daß sein Werk endlich beendet war und doch mit einem leisen Wehegefühl, daß er es nun hergeben mußte. Aber dann sagte er sich: für die Viktoria tauschest Du Mia ein, für totes Metall warmes Leben, und, sagte er sich mit glücklichem Lächeln:Das Leben ist doch noch schöner als die Kunst l

Sehr bald, nachdem Mia iu der Grotte de» König um die Freilastuug ihres Geliebten angefleht hatte, war der Krieg gegen Fraukreich erklärt worden. Leider blieb der Feldzug des Jahres 1792 ohne Erfolg. Seuchen und Re- genwelter trieben die Truppen zurück, bet denen auch der König geweilt hatte, der mit ihnen alle Sttapazen des Feld­zuges teilte. Am Anfänge dis nächsten Jahres fiel das Haupt des Königs von Frankreich und Friedrich Wilhelm H. begab sich wieder zu seinen Truppen. Der Krieg war uicht unpopulär, man sah nun ein, daß der General nicht ganz Unrecht gehabt hatte mit seiner Furcht vor der französische» Gesinnung, vor der Revolution. Friedrich Wilhelm zumal sagte sich, daß er uicht für den gemordeten König von Frank­reich, sondern für das Königtum überhaupt kämpfe.

Während der Sturm der Revolution durch die Laude brauste, rüstete sich Berlin zu einer recht friedlichen Feier. Am i6. Juli des entsetzlichen Jahres, da iu Frankreich Ströme von Blut flofleu, sollte di- Quadriga auf dem Brandenburger Thor zu Berlin aufgestellt werde». Ein klarer Sommertag warS; der Magistrat von Berlin und der akademische Senat saßen auf eiuer Tribüne, um ihr Gutachten abzugebe», ob daß Ganze vergoldet werden, oder seine natürliche Farbe behalten solle. Da saß auch Meister Schadow, neben ihm der geniale Chodowieckr, der Maler Rode, die beiden Wohler», der Barnneister Langhaus, der

der gestrigen Sitzung verlangt hatten. Darauf ging er auf die Einzelheiten der Rede des Kriegsministers ein. Den Schwerpunkt der Vorlage legte er auf die dauernde Belastung des Volkes und stellte die österreichische Kriegs­macht an der Hand einer Reihe von Zahlen als viel günstiger hin, als der Kriegsminister dies tagszuvor gethan hatte. Die Präsenzziffer sei nicht allein entscheidend für die Heerestüchtigkeit, cs komme hauptsächlich darauf an, wie viel ausgebildete Soldaten im Kriegsfall vorhanden seien. In Bezug auf die Kriegsmacht Frankreichs erklärte der Redner, daß die dort eingeführte allgemeine Wehrpflicht in Frankreich noch auf Jahre hinaus nicht diejenige günstige Wirkung auf die Kriegstüchtigkeit der Armee ausübe, als dies in Deutschland der Fall sei, wo die allgemeine Wehr­pflicht viel länger existiere. Die Furcht vor der fran­zösischen Kriegsmacht müsse unter diesem Gesichtspunkt sich bedeutend vermindern. Redner teilte verschiedene ver­gleichende Zahlen mit, die mit den vom Kriegsminister mitgetrilten zu Ungunsten des Heeresstärke Frankreichs in vielen Teilen abweichen. Frankreichs Truppen aber seien mehr oder minder über den Erdkreis verteilt. In Algier und Tonking ständen bedeutende Truppenteile, die bei einem Kriege mit Deutschland nicht in Betracht kämen. Die Zahl dieser Truppen betrage aber 70000 Mann. Er versuchte den Nachweis, daß ein großer Teil der fran­zösischen Mannschaften nur 10 Monate ausgebildet würde, und daß, wenigstens nach den Anschauungen des Kriegs­ministers, der fest auf der dreijährigen Dienstzeit bestehe, solche Truppen keine genügende Ausbildung für den Krieg besäßen. Wenn immer auf die Reorganisation des Ministers Boulanger als ein Muster hingewiesen würde, so mache er darauf aufmerksam, daß um diese Reorganisation heftige Kämpfe zwischen Regierung und Kammer ausgebrochen seien, daß aber auch die Kammer jetzt schon ihr jährliches Budgetrecht in dieser Frage gewahrt habe, so daß alljähr­lich die Zahl der Rekruten festgesetzt werde, daß aber auch die Kammer bei den zweijährigen Soldaten zu entscheiden habe, wann und wie viele derselben zu entlassen seien Wenn dem Deutschen Reichstage solche Rechte zuständen, ließe sich viel leichter über die gegenwärtige Vorlage ver­handeln. Die Franzosen hätten übrigens in derselben Zeit im vorigen Dezennium die Präsenzziffer um 17 000 Mann vermehrt, in welcher Deutschland dieselbe um 60000 Mann erhöht habe. Frankreich habe infolge der Erhöhung der Zahl der Infanterie die seinige dann gleichfalls verstärkt. Roch immer hätten wir bei der Infanterie eine um 11000 mit Stolz auf fein Werk, das herrliche Brandenburger Thor sah, dort saß auch der alte Jury, ehrsam im blauen Rock, mrt sorgfältig gezwickeltem Zopf, dem dreieckigen Hütchen und dem Stock, z» dem Mia ihm ein farbiges Band sauber geknüpft hatte. Auch Mia fehlte nicht; sie trug ein schlichte» weißes Kleid mit kurzer Taille und einem rosenfarbene» Gürtelbande, auf dem leicht gepuderten Haar lag ein weiße» Mützchen, das ihr allerliebst stand. Auch vornehme Pro- fessoren- und Ratsherrn-Frauen saßen da in Reifröcken, mit hohen Frisuren und Schönpflästerchen auf den geschminkten Wangen, die sich mit großen grünen Fächern Lust zuwehten. Mit näselnder Stimme erklärte ein Professor seiner unge­lehrte» Eheliebften, das Thor sei eine Nachbildung der Propyläen in Athen, man nenne Propyläen Vorhallen und eine Vorhalle der Stadt Berlin solle dies Thor werden. Die Augen der meisten Zuschauer, an denen es auch im Umkreise um die Tribüne nicht fehlte, waren nach oben ge­richtet, wo Joel Jury die Aufstellung der Quadriga beanf. sichttgte; wie ein Feldherr stand er da oben, dem liebenden Auge seiner Mia kaum kenntlich, deutlich aber einem Manne in verschätztem schwarzen Anzuge, der unter der Menge nicht auf fiel, dessen Augen aber Haß sprühten und dessen Fäuste sich ballten. Jetzt hob sich die Figur, jetzt fiele» die Hüllen, die sie bedeckt hatten, Meister Schadow und Mia, von sehr verschiedenen Gefühlen bewegt, falteten die Hände, sie sahen nicht, daß auch droben zwei Hände sich falteten und zwei dunkle Augen wie verklärt an dem Kunst­werk hingen. Joel wars, der nichts mehr sah als die Sieges­göttin, die ihn zum tüchtigen, nützlichen Glieds der mensch­lichen Gesellschaft gemacht, die ihm das Herz Mias hatte erringen helfen. ,

Und den Kranz bekommst Dn auch noch," flüsterte er.

»Gebt Acht," rief ihm da einer der Arbeiter zu,der eine Flügel wankt!" :

Mit einem Sprunge war Joel an der Stelle, von der. aus er den Flügel beobachten konnte.

Eine Letter und Werkzeug", befahl er. Die Flügel bet Figur waren innen durch starke Kupferbänder befestigt, eines derselben mußte doch nicht kräftig genug gewesen sein; drunten auf der Tribüne saßen Einige, deren Lippen ei- höhnische» Lächeln umzuckte, denn auch sie werkten, daß da