Marburg, Sonnabettd, 11. Dezember 1886.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marbnrg u. Kirchhain. -
— Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Loch.
Das Kacit der Aktion des General Kaulbars
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rat, der nach der Audienz Kaulbars beim russischen Kaiser stattgefunden hat, beschäftigte sich daher nicht mehr mit der Fortsetzung der bisher Ungeschlagenen Politik, sondern suchte die Mittel und Wege auf, um in gütlicher Weise zu einer Verständigung mit der bulgarischen Negierung zu kommen, rücksichtlich welcher denn Giers der Anschauung war, daß eine derartige Verständigung mit einem Teile dieser Regierung zweifellos im Bereiche der Möglichkeit liege.
Die Mitteilungen, welche hierüber von Seiten der russischen Vertreter aus Konstantinopel und Bulgarien nach Petersburg gelangt sind, lassen darauf schließen, daß die Regentschaft in Bulgarien eifrig darüber aus ist, den verwirrenden Zuständen im Lande ein Ende zu machen und baldmöglichst eine definitive Regierunzsform eingesetzt zu sehen. Mchdem nunmehr bereits die Deputation, welche zum Zwecke der Znformirung der europäischen Höfe entsandt worden ist, sich nach Wien begeben Hal, ist das russische Kabinett genötigt, nunmehr auch rücksichtlich des Empfanges dieser Deputation Stellung zu nehmen und zu erklären, ob es geneigt sei, den billigen Wünschen der Bulgaren zu entsprechen, oder ob es auf dem Wege der Octroyirung eines Herrschers über dieses Land fortfahren werde. Die jüngste Maßregel, welche von Seiten der russischen Regierung ergriffen worden ist, läßt allerdings noch nicht darauf schließen, daß ein nachhaltiger Umschwung in den Ansichten sich vollzogen habe. Wir meinen nämlich die Anfrage der russischen Regierung bei der bulgarischen Bank, ob dieselbe die 700000 Frks. russisches Geld zurückzahlen könne. Da jedoch die bulgarische Bank in der Lage war, auf diese Frage die Antwort zu erteilen, daß die Zurückzahlung zu jeder Zeit eintreten könne, so gewinnt es den Anschein, als ob bereits von einer anderen Seite den Verlegenheiten der bulgarischen Staatskasse abgeholfen worden ist; andererseits aber ersieht man daraus, daß die Regentschaft sich zur rechten Zeit vorgesehen hat, um einer derartigen Eventualität nach-
Anzeigen nimm*, entgegen die Expedition d BlotteS, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu undVogler in Frankfurt a. SR., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln; G- L. Daube und- Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.
Kranz und Kreuz.
Vaterländische Erzählung von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
Der König snhr fort: „Aber rede er die Wahrheit, denn ich habe Seine Geschichte gestern von eiam jungen Mädchen gehört, und weicht Sein Bericht auch nur im Geringsten von jener Erzählung ab, so hat einer von Euch gelogen, und die Folgen fallen auf Euch zurück."
Noch Heller leuchteten Joels dunkle Augen; Mia hatte mit dem Könige gesprochen, nur sie konnte der König meinen. Wie sie cs augefangen hatte, zu dem Herrscher zu gelangen, darüber konnte der Gefangene sich jetzt den Kopf nicht zerbrechen, genug, sie hatte mit dem Könige geredet und nun war er selbst da, der milde, gütige Herr, um fdne Sache in die Hand zu nehmen.
Ohne zu stocken berichtete Joel genau dasselbe, was Mia am gestrigen Tage dem Könige gesagt hatte; beide Erzählungen stimmten aufs Haar miteinander.
„So ist Er nicht den verderblichen Ideen von drüben zugethaa — gehört Er nicht zu denen, welche beabsichtigen, die Fürsten vom Throne zu stürzen?" fragte Friedrich Wilhelm lächelnd.
„Ich ein Neufranke — ich ein Umsturzmaun?" rief Joel. „Totschlägen lasse ich mich mit Freude» für Eure Majestät!"
„Vorläufig soll er »och für mich leben", erwiderte der König, „hat Er den» auch Sehnsucht nach feiner Arbeit?"
„Nach ihr am allermeisten", erwiderte Joel, „eben träumte ich davon, ich sah die Viktoria und um ihre Lanze schlang sich ein Lorbeerkranz, der unverwelkliche Lorbeer Preußens." — Seine Augen glänzten und waren ins Wette gerichtet, als schauten sie dort wirklich die Siegesgöttin; mit erhobener Stimme sprach er weiter: „Ja, sie ist die Siegesgöttin, »nd nach dem Siege kommt der Frieden, den schützt sie mit ihrer Trophäe und dann wird der Lorbeer- ein Aehrenkranz; in starker Hand hält sie die Zäume, damit sie die mutig aufspringenden Rosse der Leidenschaft regiert, den» sie, die herrliche Siegesgöttin, sie ist ja doch nur meine Mia, mit deren Hülfe ich über mich selbst siegte, die mir den Zaum
bestimmten Resultat führte diese Geschästsordnungsdebatte indeß nicht. Zunächst erhielt dann zu einem einleitenden Vortrage der Herr Kriegsminister das Wort. Derselbe verbreitete sich eingehend über die Heeresstärke der benachbarten Großmächte Rußland, Frankreich und Oesterreich. Er erklärte und wies ziffermäßig nach, daß die HeereS- macht Oesterreichs bei weitem nicht derjenigen Rußlands gewachsen sei. Dann verglich er die Armeen Deutschlands und Frankreichs miteinander und wies weiter nach, daß durch die vermehrten Rekrutierungen und durch die neuen Heeresorganisationen in Frankreich Deutschland im Vergleiche damit zurückstehe. Er stellte notwendige Dislokationen in Deutschland in Aussicht. Die Einzelheiten dieser Mitteilungen wurden als ganz besonders vertraulich bezeichnet. An die Rede des Ministers knüpfte sich von neuem eine Geschäftsordnungsdebatte über den vertraulichen Charatter der Verhandlungen. Sämtliche Redner gelangten trotz des Widerspruchs des Herrn Ministers zu dem Resultat, daß man dem Takt der Kommissionsmitglieder so- wchl wie der zuhörenden Abgeordneten überlassen dürfe, von welchen Mitteilungen sie öffentlich Gebrauch machen wollten und von welchen nicht. Dann folgte abermals eine Geschästsordnungsdebatte über die Frage, ob eine Generaldebatte vorgenommen oder zunächst an die Mitteilungen des Herrn Kriegsministers weitere Erörterungen geknüpft werden sollten. Man entschied sich für ersteres, ließ aber dann eine Pause eintreten. — Nach der Pause tritt die Kommission in die Generaldiskussion ein. Abgeordneter Windthorst eröffnet dieselbe mit der Bemerkung, der Kriegsminister habe nichts neues gesagt, was nidjt schon im Reichstag angedeutet sei. Die Zahlenverhältnisse bezüglich der deutschen Armee und der fremden Heere seien !870 sehr ähnliche wie heute gewesen; er müsse den Nachweis erwarten, daß seitdem wirklich eine Verschiebung stattgefunden habe, welche die geforderte Erhöhung rechtfertige Wenn die auswärtigen Verhältnisse nachweislich sich so verschlechtert hätten, daß ein Krieg ernstlich befürchtet werden müsse, sei die Erhöhung gerechtfertigt. Bis jetzt aber sei Thatsächliches fast gar.nicht beigebracht und ein Vertreter des Auswärtigen Amtes nicht anwesend Redner verlangt eine deutliche Erklärung über unser Verhältnis zu Oesterreich. Abgeordneter v. Helldorf bemerkte, die Militärlast Deutschlands sei im Verhältnis zu Frankreich eme mäßige und die Stärke des deutschen Heeres geringer. Es sei dringend notwendig, daß das Gesetz am 1. April in Kraft trete; nicht nur die militärischen, sondern auch die politischen Verhältnisse hätten sich seit 1880 wesentlich verschlechtert. Die Lage sei ernst anzusehen, das
Majestät wollen jetzt alleene »f mir hören und wat ick d»hn kann vor Dir, bet duhe ick, wennS och man bloS wegen bet brave Mächen wäre, bat Dir aus be Patsche gezogen hat."
Solche Worte büllkten dem jungen Manne die lieblichste
Ehe Schabow die Werkstätte verließ, faßte er Joel noch einmal am Arm, führte ihn vor die Viktoria und sagte einst:
„Ick will nicht sagen gegen Dein Mächen, denn bie hat Kopp unb Herz »f den rechten Flecke, aber bet sage ick Dir, schlage Dir jetzt bie Liebes- und Heiratsgedanken aus dem Sinne »n denke vors Erste nur an des jeflügelte Frauenzimmer hier. Wenn bie mal feste un sicher uf bet »eie Brandenburger Thor steht, denn kannste ooch wieder an Dir denken, eher nich!"
„Meine Braut und ich haben uns schon das Wort gegeben, nicht eher zu heiraten, als bis bie Quadriga fertig ift" entgegnete Joel, „die Viktoria muß ja auch meiner Ma Brautkranz bekommen!"
„Wat is denn bet for en dämlicher Unsinn, be» Du da rebff, fuhr Schabow auf, „wat hat deua bie Viktoria mit Deinem Schatz zu th»n?"
Da begann Joel dem Künstler seinen Traum zu erzählen, still und geduldig hörte Schabow zu, bann riß er be» jungen Mann an seine Brust und rief: „Junge, ick muß Dir umarmen, bet war en Künstlerttaum, ick kenne ihn ooch, denn sonst wär »ischt mit mir los, ick kann's nur »ich wiebererzähten!"
Und bie Singen des wunderlichen Meisters leuchtete» in solchem Feuer, daß man’» sah, er sprach bie Wahrheit.
Der Bericht, den Schabow bem Könige cinfanbte, fiel natürlich so günstig aus, baß jeher Gedanke baran, bete Jmy's könne bie Ausführung des Denkmals »och entzogen werden, aufhören mußte. Denn Recht hatte wieder einmal gesiegt über bie im Finstern schleichende Jntrigue. Dennoch ' hing be» Jmy'S bei Himmel nicht immer voller Geigen. Einmal gab's harte Arbeit für Vater unb Sohn, wen» man be» eingegangenen Verpflichtungen nachkommen wollte, aber ba8 war das Wenigste, beim bie Arbeit war ihnen eine Frenbe unb besonders dir Arbeit an diesem Werk, bie
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Dez. Der Kaiser nahm vormittags die Vorträge des Hofmarschalls Graf von Perpoucher und des Geheimen Käbinettsrats v. Wilmowski entgegen, begab sich mittags in das Königliche Schloß zum Dejeuner mit dem Prinzregenten von Bayern unb machte darauf eine Spazierfahrt. Abends um 9 Uhr findet eine Soiree bei den Majestäten statt. Morgen empfängt der Kaiser nachmittags den Erzbischof Graf Schönborn von Prag. — Der Prinzregent von Bayern verlieh bei seiner Anweseu- hett in Berlin zahlreiche Orden. — Dem Vernehmen nach wird dem Landtage bald nach seinem Zusammentritte eine Vorlage über die Einrichtung neuer Kreise zugehen. — Die heutige erste Sitzung der ersten Militärkommission des Reichstages, welche in dem größten Kommissionszimmer ftattfand, war außer von den Dkügliederu derselben von etwa hundert zuhörendeu Abgeordneten besucht. Vor Be- ginu der Beratungen wurde mitgeteilt, daß der Abgeordnete Grillenberger telegraphisch angezeigt hätte, daß er die Wahl in die Kommission nicht annehme. An seine Stelle ist der sozialdemokratische Abgeordnete Meister getreten. Vor Eintritt in die Tagesordnung fand eine Geschäfts- ordimngsdebatte statt über die Frage der „Vertraulichkeit" der Mitteilungen, welche der Kriegsminister im Plenum für die Kommission in Aussicht gestellt hatte. An dieser Debatte beteiligten sich die Abgeordneten Richter, Rickert, von Helldorff und der Kriegsminister, welcher letzterer nochmals scharf den vertraulichen Charatter seiner Mitteilungen betonte. Der Abgeordnete Rickert sand es eigentümlich, daß die den Kommissiousmitgliedern zugestellten tabellarischen Berichte mit dem Signum „vertraulich" versehen seien, trotzdem jeder aus den Etats der verschiedenen Länder sich selbst solche Zusammenstellungen machen könnte. Zu einem
anlegte, der so sanft ist, daß ich ihn nicht fühle unb doch so stark, daß ich nicht wider ihn ankomme, ja die Siebe, das ist die rechte Viktoria über jedes ttotzige Herz und über ganze Länder, bie Siebe ist auch Preußens Vittoria, bmch bie unsere Könige regiert haben unb mit bet sie auch ferner ihr Volk lenken werden."
Erschrocken brach der junge Künstler ab, aber Friedrich Wilhelms Augen strahlten; im Kerker, ein Opfer ber Ungerechtigkeit, staub Joel vor ihm und schwärmte von einem Kunstwerk, bas die Siebe ber preußischen Könige zu ihrem Volk darstellen sollte — gnädig streckte er bem jungen Manne bie Hanb hin und rief: „Ja, Er soll mir die Quadriga beenden, Er allein, denn wer in seinem Werke lebt, ber ist ein Künstler; bie Siebe ist Preußens Vittoria, Er hat seinem Könige eine Sehre gegeben, bie dieser nicht vergessen wird. Er ist frei unb verläßt augenblicklich diese
Joel neigte sich über bie Königliche Hand; ber Wortschwall, mit bem ihn Wöllner überschüttete unb in bem viel bie Rebe von Irrtümern, von jetzt erst enibetftem Talent war, hörte er gar nicht, er schäme in seines Königs Angesicht, ein freier Mann, und seine Seele war voll Jubel.
Was bas für ein Wiedersehen war zwischen Mia unb Joel, zwischen Joel unb den ©einige», das läßt sich wohl nachempfinoen, aber nicht beschreiben. Was hatten sie sich alles zu erzählen und wie saß ber Joel, ber boch sonst nicht auf ben Mund gefallen war, ber Geliebten so stumm gegenüber! Wo hätte er denn Worte hernehmen sollen, um ihr zu banken für das, was sie für ihn gethan! Wen» er aber nicht mit bem Mm.de sprach, so redeten seine Augen für ihn unb diese Sprache verstand Mia ganz genau.
Am folgenden Tage erschien Schabow, Chodowiecki und Robe toieber in Potsdam unb prüfte» noch einmal bie Arbeit, die fett ihrem erste» Besuch mächttg vorgeschriite» war. Die Vittoria war fertig, zwei Pferde ebenfalls, von denen jedes zwölf Fuß maß; die beiden anderen getränte sich Jury bis zum Osterfest des nächsten Jahres abzuliefern. Meister Schabow klopfte Joel ans bie Schulter: „Na, mein Junge, bie Durchstecherei hat »»» ein Enbe; Seine
Rr. 290.
XXI. Jahrgang.
General Kaulbars ist bereits in Petersburg angekommen, um dem Czaren Alexander über seine Thätigkeit in Bulgarien Bericht zu erstatten. Es scheint, daß man in St. Petersburg allmählich zu der Ueberzcugung gelangt ist, daß cs auf dem bisher eingeschlagenen Wege nicht . weiter gehe, da Rußland sich nunmehr nicht nur die Mi. Sympalhieen der Bulgaren verscherzt, sondern auch bei den übrigen Völkern der Balkanhalbinsel mit alleiniger Ausnahme der Montenegriner vielleicht Unruhe und Besorgnis erweckt hat, endlich aber sich dem geeinten Wider- stände Europas sich gegenübergestellt sieht. Der Minister-
Erscheint täglich außer an Werktagen »ach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» AbonnementS-Preis bei der Expedition 2*/t Ml.. bei bett Postämter 2 Mi. M $fg. (excl. Bestellgeld). Insertionsgebühr für die Gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.
drücklichst begegnen zu können. Jedensall muß über alle diese Punkte, welche jetzt in der Schwebe sind, und deren Lösung von Seiten Europas mit Sehnsucht erwartet wird, eine Klärung eintreten, und wir zweifeln nicht daran, daß sofort nach bem Aufenthalt in Wien eine bestimmte Direktive für das Verhalten der bulgarischen Regierung gegeben sein wird. Sollte wider Erwarten Rußland mit bem nun einmal eingeschlagenen System fortfahren wollen, so bürsten wir bas Schauspiel erleben, baß bie große Sobranje neuerdings zu einer Regeutschastswahl schreitet, aus welcher bann, wie es scheint, Weber ber Fürst von Miugrelien, noch ber Fürst Vogorides, sondern ein eingeborener Bulgare als Regent hervorgehen wird, woraus bann neuerliche unb 6ebeutenbe Schwierigkeiten erwachsen würden.
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