Nr. 289. - - Marburg, Freitag, 10. Dezember 1886. Mrrrtzj
XXI. Jahrgang.
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Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marbnrg «. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Edition Martt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Ioh. Aug. Koch.
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Erstes Blatt.
Frankreich verbraucht seine hervorragenden Staatsmänner mitreißender . Schnelligkeit, es scheint fast unmöglich für irgend ein Kabinett, sich längere Zeit am Ruder zu halten und festen Fuß zu fassen. Nehmen wir nur, als am nächsten liegend, die drei letzten Ministerien. Jules Ferry hielt sich, eine außerordentliche Leistung, zwei volle Jahre hindurch am Staatsruder; die Kopflosigkeit der französischen Generale in Ton- king, die sich bei Laugson von den Chinesen infam schlagen ließen, führte feinen Sturz herbei. Dann kam der radikale Kammerpräsident Brisfon ans Regiment. Die Deputierten- kammer verstand es aber, ihn in 10 Monaten derart zu ärgern, daß er zurücktrat, als die Okkupatonsforderung für Tonking und Annam nur mit geringer Mehrheit genehmigt war. Das war vor einem Jahre. -Auf Brisson ,■ folgte Freycinet mit einem stark radikalen Ministerium. Half alles nichts! Zwölf Monate hat er amtiert und ist ebenfalls gestürzt. Der offene Grund war eine Lappalie, die geheime Ursache, die Abneigung der extremen Radikalen gegen Freycinet, denen er nicht weit genug ging. Das sind in noch nicht vier Jahren drei Ministerien, Ministerien, an deren Spitze Die bedeutendsten Staatsmänner standen, welche Frankreich heute besitzt.
Wo will das hinaus? ES drängt in Paris unabweisbar zur Katastrophe, wenn die jetzigen Parteiintriguen kein Ende nehmen. Freycinet ist schon zweimal in dieser Weise mitgespielt, man kann es ihm nicht verargen, wenn er nun keine Lust mehr zeigt sich zum Spielball der Parteien herzugeben. Und gelänge es, ihn umzustimmen, wer glaubt dann an eine andauernde Existenz eines. neuen Ministeriums Freycinet? Niemand. Eine kleine, rücksichtslose Partei, die der' extremen Radikalen, beherrscht die Kammer; sie kann das, weil sie bei allen Angriffen gegen die Regierung die Hilfe der Monarchisten findet. Den letzteren kann natürlich nichts angenehmer sein, als möglichst rascher Wechsel der Ministerien, Hindrängen der Regierung zum roten Radikalismus. Der untergräbt das Fundament der Republik am schnellsten. Der rote Radikalismus will herrschen, und weil sich Freycinet nicht unbedingt ihm fügen wollte, kam eben sein Sturz. Frankreich hat recht herzlich wenig Staatsmänner, die im Stande
-* Kranz und Kreuz.
Vaterländische Erzählung von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
Meine Nachforschungen ließen mich die Spur der unglücklichen Familie bis nach einem Städtchen in der Lausitz verfolgen. Da vernahm ich denn, daß der Bater aus Gram gestorben und die Tochter — Susanne mit meinem Kinde, das Städtchen verlassen hatte. Wohin Sie ihren Weg genommen — davon ward mir niemals eine Kunde, mit so angstvollen Herzen ich darnach auch auSgiug. Jede Spur blieb verschüttet. Da sah ich mit Ew. Majestät, von Berlin nach Potsdam znrückfahrend, die Tochter des Wildmeisters. Die Aehulichkeit mit Susanne war überraschend. Wenn ich in ihr meine Tochter gefunden hätte! Ich hatte das Mädchen ja vorher nie gesehen, hatte auch keine Ahnung wer fie war. Über ich mußte mich aus ihre Spur setzen. Und so zog ich den Goldschmied Martens, der mir vom Kaufmann Oswald empfohlen war, in mein Vertrauen, damit er Nachforschungen anstelle. Durch ihn erfuhr ich wer sie war. Es zog mich oftmals mit unwiderstehlicher Gewalt nach der Wtlb- meisterei, um von dem Wildmeister Aufklärung über das Herkommen des Mädchens zu erhalten, das als seine Tochter galt. Aber mein Gewissen! Ich war, um es Ew. Majestät nur offen zu gestehen, zu feig, um vielleicht das Entsetzliche zu erfahren, daß ich der Schuldige an Susannens Tod.— So trieb ich mich gar oft in der Pirschhaide herum, bis ich denn eines Tages die Herrschaft über mich gewann, felbst zu dem Wildmeister zu gehen, um Aufschluß zu erhalten. Ich ließ ihm meinen Besuch anküudig-n durch Martens, das war an dem Abend, als Martens den Messerstich von dem Entenfänger bekam.
„Und dieser Elende/ rief der König jetzt mit Donnerstimme, »dieser Schurke behauptete, Sie wollten das Mädchen verführen^ durste unter dessen Ihren Namm ungestraft ver- Itumben, Haß und Verachtung gegen Sie zu erregen?"
.Ein ungeschicktes Werkzeug, Majestät, das ist der einzige Vorwurf, der mich hier treffen kann, daß ich in der Wahl meines Vertrauensmannes nicht vorsiaitig genug war — daß dieser Martens in seiner niedrigen Gesinnung, dem wahren Sachverhalt eine andere Deutung und damit — eine so unheilvolle Wendung gab," erwiderte der General.
»Und ich sollte Ihr ungeschicktes Werkzeug bezahlen, da
sind, eine Politik zu führen, die der Großmacht Frankreich würdig. Die gemäßigten republikanischen Elemente sind längst verbraucht, Freycinet ist der am weitesten nach links stehende Ministerpräsident, der noch einiges Vertrauen bei den Großmächten und bei Europa genoß. Mit ihm schwindet eine weitere Garantie für Frankreichs Friedensliebe
Man kann dem Kabinett Freycinet vielleicht ein einfaches Geschäfsminifterium zum Nachfolger geben; aber das würde sehr bald wieder verschwinden. Wer bleibt dann noch von bekannten Persönlichkeiten? Clemenceau, der radikale Anführer, der wohl ein gewiegter Parteimann, aber nur kein Staatsmann ist, Floquet, ein eitler Mensch, der nicht entfernt das Zeug zu einem Leiter der Geschicke Frankreichs hat, General Boulanger. Keinem von dreien kann man Vertrauen schenken, unter ihrem Regiment wäre alles möglich, ihre Ministerien würden, trocken gesagt, den Anfang vorn Ende der herrschenden Friedensperiode bedeuten. Allerdings ist noch Präsident Grövy da, und der erkennt genau die abschüssige Bahn, welche Frankreich verfolgt, aber Grövy ist ein alter Mann, dessen frühere Energie sehr geschwunden ist. Er kann sich dem roten Radikalismus entgegenstemmen, ihn aufzuhalten versuchen aber wirklich aufhalten kann er ihn nicht. Dazu ist nur die Kammer selbst im Stande, dazu gehört vor allen Dingen Besonnenheit, und daran mangelt es der französischen Volksvertretung bedenklich. Gehen die Dinge weiter, wie sie seit 3—4 Jahren angehoben, so verliert Frankreich unbedingt seinen bisherigen Einfluß als Großmacht in Europa. Diesen Einfluß wird aber auch die radikalste Regierung nicht missen wollen, und um ihn wieder zu gewinnen, giebt es dann nur ein Mittel, und das heißt Krieg! Das ist das Ziel, wohin Frankreich steuert, noch langsam, und einer starken, willenskräftigen Hand würde es noch möglich sein, diese Bahn zu verlasien, eine neue Friedenspolitik einzufchlageir, aber wo ist diese Hand und der Mann, zu dem sie gehört? Es ist zur Stunde niemand da. In Paris spricht im Saale der Volksvertre tung die Leidenschaft; das ist die gefährlichste Sprache, die es geben kann. Dauert sie an, wird sie das Unglück Frankreichs besiegeln.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Dez. Die „Kreuzztg." glittrbt über die in der Thronrede angedeuteten Absichten der Regierung „zur Hebung des Handwerks" folgendes mitteilen zu können:
durch, daß ich ihm eine Arbeit auftrug, die eine reine Hand erfordert/ fuhr der König auf. „Darum also sollte der junge Jury beiseite geschoben werden und ein Revoluiions- mann sein/ sprach der König mehr vor sich hin. „Morgen lasse ich mir Schadow kommen, morgen inquirtere ich den jungen Jury selber und dann wehe dem Musjö Maitens!"
„Majestät/ begann der General zaghaft, „auch der Klügste kann betrogen werden."
„Jedenfalls sagen Sie Wöllner, es solle in der Jury- schrn Sache noch nichts entschieden werden, ich wolle mich selbst noch einmal von der Wahrheit der mir vorgebrachten Dinge überzeugen, und auch noch andere Stimmen hören, als solche, di« dem jungen Jury feindlich sind."
Der General verneigte sich schweigend.
„Noch eins," sagte der König, „der geheime Gang, der vom Spiegelkabinet der Grotte nach dem Gartenhäuschen des alten Jury führt, soll morgen verschüttet werden, ich kenne jetzt den Weg, den der Geist meines Oheims nahm, als er mir den Krieg gegen Frankreich befahl."
„Habe wirklich eine« Geist gesehen," setzte der König hinzu, „den Geist meines braven Volkes, und die Worte, die er zu mir sprach will ich nicht vergessen; ich weiß es jetzt, daß mein Volk mich liebt, und ich will darnach trachten, daß eS mich auch ferner lieben kann, darum aber soll jener Gang verschüttet und das Denkmal auf dem Brandenburger Thore nicht dem elenden Mattens anbertrant werden."
Mit raschen Schrtttcn wollte sich der König entfernen. Aber bann wandte er sich zu dem General und sagte noch: „Die Aehulichkeit des sächsischen Mädchens mit der Wildmeisterstochter ist wohl nur zufällig — kannte Mias Muriw — Wirtslochter von Golm. Wie eine Wildkatze gegen jeden andern, als den Wildmeister, der damals — meiner Zeit — noch Waldläufer war — hübscher — strammer Kerl. Mit der ist nichts Ungebührliches arribirt. Nur zufällig diese Reffemblance."
In einer Zelle des Gefängnisses am Neustädter Thor zu Potsdam lag Joel Jury auf seinem unb.quemen Lager und schlief den Schlaf des Gerechten. Er hatt viel gewacht und unter- der dünnen Decke die Hände gerungen, endlich hatte der Schlaf ihn übermannt. Anfänglich umgautelten ihn wirre häßliche Bilder, Betty schmiegte sich au ihn und
„Die Erwägungen an zuständiger Stelle, welche dem'Abschlüsse nahe sind, bewegen sich nach zwei Richtungen. Einerseits ist eine gesetzliche Bestimmung ins Auge gefaßt, wonach auch die Nichtinnungsmeister und Fabrikanten, welche Gesellen beschäftigen, für die letzteren zu Beiträgen an die Jnnungskassen verpflichtet werden sollen. Aus diesen Kassen werden die Ausgaben für Herbergs- und Reise-Unterstützungs-Wesen, für Arbeits-Nachweis, Fachschulen rc. bestritten. An den Wohlthaten dieser Einrichtungen nehmen auch die Gesellen der NichttnnungSmeister und Fabrikanten teil, ohne daß ihre Arbeitgeber gleich den Jnnungsmeistcrn Beiträge an die Kassen zahlen. Andererseits soll eine aus öffentlichen Mitteln subventionierte Zentralstelle für das ganze Reich errichtet werden zur einheitlichen Regelung und Förderung des iJnnungswefens auf seiner gegenwärtigen gesetzlichen Grundlage. An eine Aenderung der Gewerbeordnung in dem Sinne des obligatorischen Jn- nungszwanges denkt die Regierung dem Vernehmen nach nicht; sie steht, wie es scheint, noch immer auf dem Standpunkt, daß durch die eigene Rührigkeit und Thätigkeit der Handwerker der bezüglichen Gesetzgebung erst das richtige Leben eingehaucht und so auch ohne weitere Reichshilfe die angemesfenen Wünsche der beteiligtenGewerbetreibenden erfüllt werden können. Die„Krzztg." bemerkt dazu: Die Handwerker und mit ihnen die konservative Partei sind anderer Ansicht, und die letztere hat deshalb in Verbindung mit dem Zentrum ihre Anträge wiederholt, welche zwar nicht den direkten Jnnungszwang fordern, aber doch den Innungen ein solches Maß von Recht zubilligen wollen, welches den Beitritt bislang außerhalb stehender Meister zu befördern geeignet erscheint. Die eigene Rührigkeit und angestrengte Thätigkeit der Innungen wollen wir keineswegs unterschätzen oder bei Seite schieben, dieselbe muß aber wirksamer, als bisher, durch die Gesetzgebung unterstützt werden, sonst steht zu befürchten, daß die Hanowerkerbewegung aus Mutlosigkeit wieder ins Stocken gerät. Nachdem matt dem Handwerkerstände durch Gesetz die alte bestehende Organisation aus der Hand geschlagen Hai, ist es nicht mehr wie billig, daß man auch mit gesetzlichen Mitteln dieselbe wieder herftellt, sobald man von deren Nützlichkeit überzeugt ist. Wenn nicht, so wird matt freilich bei dem manchesierlichen Liberalismus Dank ernten, die Früchte aber einer solchen Unthätigkeit werden der Sozialdemokratie in den Schoß fallen.
er konnte sich nicht aus ihrer Umarmung losmachen, obgleich sie sich zu seinem Entsetzen in eine Schlange verwandelte; bann war er in ber Houdonschen Werkstatt zu Paris und seine Mitgesellen verhöhnten ihn, namentlich Einer — Manrio. Jetzt sah er Martens, der mit dem Hammer aus ein künstliches Gebilde losschlug, in dem er unschwer die Viktoria auf dem Siegeswagen erkannte; nun wars Mia, deren süßes Gesicht ber Schlag des Hammers traf, laut auf schrie der Träumende, aber nein, Mia war gar nicht getroffen, da stand sie, lieblich, wie er sie noch nie gesehen, auf ihrem Haupt lag der Brautkranz, er streckte die Hand darnach aus und löste ihn sanft ans ihrem Haar.
Dann aber trat er zur Viktoria heran, es war ihm, als höre er ihre Flügel rauschen, auch sie war nicht vernichtet, fie stand hoch oben auf dem Thore und er und Mia schienen ebenfalls droben in den Lüften zu schweben. Der Brautkranz aber, den er aus Mias Haar genommen, der war zum Lorbeerkranz geworden und schmückte die Trophäe i« der Hand der Siegesgöttin.
Vor das Lager des Schläfers waren unterdessen zwei Männer getreten, ber eine groß nnb auffallend stark, in einen Militärmantel gehüllt, der andere kleiner und schlanker in schwarzer Kleidung.
Aus merksam blickte der im Mantel in das schöne männliche Antlitz des Schlafenden, er sah das selige Lächeln, das jetzt nm dessen Mund spielte und in tiefer Bewegung sagte er zu dem neben ihm Stehenden: „Wöllner, glauben sie wirklich, daß ein Rebell im Schlafe so friedlich, fo glücklich aussehcu kann?"
„Nein, Majestät", entgegnete Wöllner geschmeidig, „wir habe« uns wohl getäuscht; jener elende Martens, vor dem ich den General schon warnte, ist an allem Schuld!"
„Nein, ich bin Schuld", entgegnete der König ernst, „daß ich mich auf andere verließ, statt selbst zu urteilen."
In diesem Augenblick erwachte der Schläfer und starrte verwundert auf die beiden Herren vor seinem Lager.
„Majestät", stammelte er, war mit einem Sprung von feinem Lager, auf dem er in voller Kleidung gelegen hatte und stand nun stramm aufgerichtet, mit blitzenden Augen zwar, aber unerschrocken vor dem König.
„Erschrick nicht, mein Sohn", redete ihn Friedrich Wilhelm gütig an, „Er soll mir nur erzählen, wie Er hierher kam.
(Fortsetzung folgt.)