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Rr. 287.

Marburg, Mittwoch, 8. Dezember 1886.

HI. JahrMllA.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Lbonnements-Preisbei der Expedition 2>/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 M. (erd. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die «spaltene Zeile 10 48fg, Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

OIiklhcMk ZeitW.

Anzeigen nimmt, entgegen die Expedition d. Blatte-, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBoglcr in Frankfurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Franlfurt a. SfcBerlin,München und Jtöln; G- L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilage«: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes SonutagSblatt.

Expedition. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

Epilog zur Militärdebatte.

Die Generaldebatte über die Mili'är-Vorlage, welche nunmehr glücklich mit der Ueberweisung derselben an eine Kommission beendet worden ist, hat im Großen und Ganzen den Beweis geliefert, daß keine der zum Worte gelangten Parteien, mit Ausnahme der sozialdemokratischen, die Verantwortung eines striktenNon possumus" auf sich zu nehmen Willens sei. Allerdings wäre es ein Fehler in der Kalkulation, wenn man von dieser Wind­stille, die während der Debatte herrschte, auf eine glückliche Fahrt der Vorlage und eine baldige Landung derselben schließen wollte. Man sprach die Bereitwilligkeit aus, das zur Behaltung der Wehrkraft des Vaterlandes erforderliche zu bewilligen und betonte auf das Nachdrücklichste, daß, wenn die Interessen des Reiches in Frage kämen, oder wohl gar auf dem Spiele ständen, alle Parteien in der Uebernahme von Opfern das Aeußerste zu leisten im Stande sein würden. Leider liegt aber der Schwerpunkt in der Erkenntnis von der Notwendigkeit und Nützlichkeit der geforderten Friedensstärke, er liegt in dem guten Willen und in der Entschließung, von den einseitigen Vorteilen der Parteistärkung. abzusehen, auf formelle durch kleinliche Wortgefechte und über nebensächliche Dinge erfochtene Siege zu verzichten und sich lediglich mit dem Ernst der Sache zu beschäftigen. So sehr wir nun anerkennen wollen, daß insbesondere der Führer der deutsch-freisinnigen Partei, Herr Eugen Richter, in seiner am Sonnabend gehaltenen Rede sich eines durchaus sachlichen Tones beflissen hat, so läßt doch schon das am Ende der Debatte zur Entwicke­lung gelangende Wortgefecht darauf schließen, daß sowohl die KommissionSberatungeu, wie auch zweifellos die zweite Lesung der Vorlage von der kundgegebencn Bereitwilligkeit dieser Partei nur die ganz allgemein abgegebene Betonung des Patriotismus übrig lassen werden. Herr Richter wird von seiner eifrig zusammengetragenen Zahlendurg den Kampf wider die Vorlage aufnehmen und an die Stelle einer von großen Gesichtspunkten geleiteten Debatte, wird es zu einer Anzahl untergeordneter, lediglich um die Be­rechtigung der Zahlengruppierung sich drehender Gefechte kommen, die mit ihren Schlagworten und Kraftausdrücken die Wirkung auf die geehrten Herren Wähler nicht ver­fehlen.

Roch bedenklicher zeigte sich der in Aussicht gestellte Patriotismus des Herrn Windthorst. Die Verklausuli- rungen der zweifellos sehr gewandten kleinen Excellenz mußten auch dem politisch minder Gebildeten auffallen und am Ende aller Dinge warnte der Zentrumsführer vor der Annahme, als ob aus seiner Rede irgendwo und irgendwie B'----- - - - =^=55=^;_____

Kranz nnd Kreuz.

Vatettändijche Erzählung von Georg Horn.

. (Firtsitzung.)

Himmelfchretend ist es*, «es oer G.neral,und wenn ganz Preußen revostierte, die Potsdamer düifen es nicht, sie, die nur vom Köntgshause leben, die sich in seiner Gnade sonnen"

»Auch mein großer Oheim lernte den Undank kennen, sprach der König vor sich hin, ohne auf die Worte des Ge­nerals zu hören,was bin ich gegen ihn!*

Der König entließ feine Günstlinge mit dem Bemerken, daß er die auf Martens uns Jury betreffenden Aktenstücke am anderen Tage unterzeichnen wurde, für heute sei es zu spät. Mit, einem leisen Seufzer lehnte er sich in seinen Sessel zurück und war nun allein in der Eremirage.

Der General und Wöllner schritten langsam mit einander durch den Neuen Garten, endlich brach der Letztere das Schweigen:Ich gratuliere Ihnen, Excellenz, zur endlichen Erfüllung Ihrer Wünsche!*

Meiner Wünsche, Excellenz?* meinte der Genral;hatten Sie als getreuer Beamter und loyaler Uuterthan Seiner Majestät nicht auch ein Interesse daran, daß dieser Jury unschädlich gemacht wird?*

Gewiß, Excellenz,* antwortete Wöllner,aber ich habe gar keines daran, Musjö Martens zu befördern; er war nie mein Werkzeug, ich hätte mich eines geschickteren bedient.*

Der General biß sich auf die Lippen.Sie trauen ihm nicht!

Wöllner zuckte die Achseln.

Der Mann hat für mich geblutet,* sagte der General bestimmt,ich war ihm eine Entschädigung schuldig.*

Ich gönne sie ihm,* entgegnete Wöllner,aber ich warne Eure Excellenz.*

Am demselben Abend waren Jury's obwohl schweren Herzens nach dem Gartenhäuschen hinausgegangen, in dem sie so manche fröhliche Stunde verlebt hatten. Heute neigte der Alte sein Haupt, als habe ihn ein Blitzstrahl getroffen, aus Frau Reginas Augen perlten Thräne auf Thräne, die

ein seine innersten Gedanken erratender Schluß gezogen werden dürfe, da er doch seine Worte gleich Talleyrand dazu verwendete, um seine Gedanken zu verbergen. Excellenz Windthorst sparte deshalb auch nicht mit den bekannten Scherzworten, er war eifrigst bemüht, seine Zuhörer durch launige Zwischenfälle zu ergötzen, um der langen Rede kurzen Sinn nicht allzu deutlich durchschimmern zu lassen. Es ist ja richtig, daß das Schwergewicht der Beratungen in der Kommission liegt und daß erst die dort gegebenen Aufklärungen für die Annahme der Forderungen der Re­gierung günstig wirken werden; allein es fehlt doch nicht an allgemeinen, gerade für die Generaldebatte bestimmten, Gesichtspunkten, welche hervorgehoben werden sollten, und es scheint uns bedenklich, daß die kleine Excellenz, mit der­artigen Reservationen umgeben, in die Kommissionsver­handlungen eintritt. Gestützt auf die von den Rednern der beiden konservativen Gruppen und der Nationalliberalen loyal und klar abgegebenen Erklärungen konnte der Kriegs­minister Bronsart von Schellendorf auf seine lichtvollen Mitteilungen und Erläuterungen nochmals in ebenso schneidiger wie ruhig-sachlicher Weise zurückkommen und dabei auf die weiteren Aufklärungen Hinweisen, die natur­gemäß sich der Oeffentlichkeit entziehen und lediglich für ver­trauliche Kommissionsberatungen sich eignen. Hier wird ihm dergroße Schweiger", Feldmarschall Graf Moltke, zur Seite stehen, dessen kurze, aber inhaltvolle Rede bereits einen Teil des Schleiers gelüftet hat, der die zwingende Notwendigkeit der Vorlage noch bedeckt. So lange die Zurücknahme zweier Provinzen, die das Deutsche Reich in den glorreichen Jahren 1870/71 sich wiedergewonnen, in Frankreich als selbstverständlich gilt, liegt in der Thal die Notwendigkeit einer beständigen Kriegsbereitschaft zur Ver­teidigung des Eroberten so klar zu Tage, daß die Zifftrn- grnppierungen der Opposition nicht ins Gewicht fallen. Aber ein unglücklicher Krieg würde nicht allein die Er­rungenschaften des Krieges gegen Frankreich in Frage stellen, dieselben vielleicht gar völlig vernichten, er würde auch die geordnete Finanzwirtschaft von Grund aus zerstören und wirtschaftliche Wunden schlagen, welchen gegenüber die geforderten Mehrlasten wahrlich nicht in Betracht kommen. Graf Moltke betonte dem Schlagworte Richters von der erobernden Cäsarenpolitik" gegenüber nochmals nach­drücklichst, daß Deutschland keine Eroberungen beabsichtige; wohl aber müsse die Welt es wissen, daß wir das, was wir haben, erhalten wollen und daß wir dazu entschlossen und gewappnet sind.

Mias waren trocken, aber sie sahen so starr und leblos aus, daß Jedem das Herz wehthun mußte, der sie ansab. Der Wttdmeister ging mit bekümmerten Blicken neben ihr. Warum mußte Mia die Braut des unseligen Joel werden.

Auf offener Straße hatte Martens dem alten Jury zu- gerufen, feinem Sohne wem als Hochverräter der Prozeß gemacht werden, und dann werde es sich ja zeigen, neben toem ehrliche, anständige Leute lieber säßen, ob neben dem Vater eines Delinquenten, oder neben dem Manne, der bann vollenden werde, was jener nicht gekonnt hatte. Und der wackere alte Jmy halte den Elenden nicht niederschlagen können, denn in demselben Augenblick war der Wildmeister des Weges gekommen, hatte des Vaters erhobene Arme herunter gebogen und ihm zugeflüstert:

Um Gotteswillen, Meister Jury, mäßigt Euch, der Schurke hat Recht, Gott seis geklagt. Ich komme eben vom Herrn Auditeur, der Eurem Sohn wohl will, aber auch nichts für ihn Ihn» kann!*

Das war der härteste Schlag für den wackeren, ehren­festen Mann, der an seinem Königshause hing mit schuldiger Liebe und Treue und eigentlich gar kein Verständnis hatte für das Wort Revolution, das ihm gleichbedeutend schien mit Königsmord, dem furchtbarsten Verbrechen, das er kannte.--

Mochte der Wildmeister es auch noch so beklagen, daß er und feine Mia in das Schicksal der Jurys hineingezogeu wurden, äußerlich ließ er sich nichts davon merken und hielt an diesem schweren Tage treulich bei den Freunden aus. Er war war es auch, der sie aufforderte, sich ans ihrem Gram herauSzureißen und in frischer Luft zu zerstreuen,

Nie war ihnen Allen der Weg nach ihrem kleinen Br- sitzium so lang geworden wie heute, und als sie draußen waren, saßen sie in demselben bangen Schweigen bei ein­ander, wie vorher.

Plötzlich hob Mia da» Haupt empor:Ich halte es nicht mehr aus,* sagte sie und preßte beide Hände auf die schwer athmende Brust,es kann uns nur Einer helfen und ich gehe zu ihm!

Deutsches Reich.

Berlin, 6. Dez. Der Kaiser sempfing heute vor­mittag den Besuch des Großherzogs von Sachsen-Weimar, später den Vortrag des Geheimen Kabinettsrats v. Wil- mowski. Um 5 Uhr ist ein größeres Tiner, wozu gegen 50 Personen geladen sind. In parlamentarischen Krei­sen verlautet, der Reichstag werde nach seiner morgen ftattfhibenben Plenarsitzung seine Sitzungen bis zur nächsten Woche aussetzen, um ber Militärkommission Zeit zur Be­ratung zu geben. Von verschiedenen Fraktionen sind deren Vorstände für die Militärkommission designiert worden. Die Kommission zur Vorberatung der Militärvorlage be­steht aus den Abgeordneten von KoScielski, Graf Behr- Behrenhoff, Freiherr v. Wöllwarth, Freiherr v. Stauffen­berg, Freiherr v. Franckenstein, Orterer, Gras Ballestrem, Dr. Lieber, v. Huene, Roßhirt, Trimborn, Windthorst, Bamberger, Hänel, Richter, Rickert, Frege, v. Helldorf, Grillenberger, Hasenclever v. Maltzahn-Gültz, Köller, von Wedell - Malchow, von ©albern - Ahlimb, Benda, Brühl, Hobrecht und Marquardsen. Dem Reichstag ist die Uebersicht der vom Bundesrat gefaßten Entschließungen auf Beschlüsse des Reichstages aus der zweiten und dritten Session 1^85/86 der 6. Legislaturperiode zugegangen. Hervorzuheben ist daraus nur folgendes: der Reichstag hatte beschloffen,die Ueberzeugung auszusprechen, daß die von der Königlich preußischen Regierung verfügten Aus­weisungen russischer und österreichischer Unterthanen nach ihrem Umfange und nach ihrer Art nicht gerechtfertigt er­scheinen und mit dem Interesse der Reichsangehörigen nicht vereinbar sind." Darauf bescheidet ber Bundesrat: Der Bundesrat lehnt es ab, die vorn Reichstag am 16. Januar 1886 beschlossene Resolution in Beratung zu ziehen, da die Kompetenz der preußischen Regierung zu den in der Resolution erwähnten Ausweisungsmaßregeln eine zweifellose und ausschließliche ist." Ferner hat ber Reichstag beschloffen:die Petition der Mitglieder von Eisenbahn - Werkstätten - Krankenkassen wegen Abänderung des Krankenversichernngs - Gesetzes dem Reichskanzler zur Erwägung zu überweisen." Dies ist seitens des Bundes­rats mit der Anheimgabe geschehen, die Bundesregierungen zu ersuchen, ihm ihre Erfahrungen darüber mitzuteilen, ob sich das Bedürfnis ergeben habe, das Krankenversiche­rungsgesetz in dem durch die Resolution angeregten Punkt abzuändern. Diese Mitteilungen sind noch nicht vollstän­dig eingegangen. Die sozialoemokratische Partei hat im Reichstage folgenden Antrag eingebracht:Der Reichstag wolle beschließen: der Bundesrat wird aufgefordert, bald­möglichst einen Gesetzentwurf einzubringen, nach welchem

Wen meinst Du, Kind?* fragte der Wildmeister, von einer seltsamen Ahnung ergriffen.

Den General in der Mammonstraße,* entgegnete Mia tonlos.--

Die drei Anderen schrien hell auf; der Wildmeister aber knirschte mit den Zähnen; dann sagte er mit schneidender Stimme:Ja gehe zu ihm, bettele Dir Deinen Bräuiigam von ihm, aber Kind, Dein alter Vater wagt es nicht, Dir auch nur anzudeuten, unter welchen Bedingungen er ihn Dir wiedergeben würde.*

Heiße Schamröte färbte Mias bleiche Wangen.Vater*, rief sie entsetzt,ein solcher Schurke kann ein preußischer Offizier nicht sein. Ich habe eine Ahnung, daß er besser ist, als man ihn hinstellt, daß nur gewisse Kreaturen seinen Namen benutzen. Ich will es dennoch wagen, ich will ihm sagen, daß um ihn der alte treue Freund meiner Kindheit zum Mörder ward, zum Gerichteten, er soll mir »icht auch den Bräutigam entreißen, nicht zwei Familien elend machen für immer. Glaubt mir, er wird mich hören und wird mir nichts zumuten, dessen er sich zu schämen hätte.*

Sie hatte sich erhoben, als wolle sie sofort in die Mammonstraße eilen, ihr Vater hielt sie am Kleide fest und zwang sie, sich wieder hinzusitzen; jetzt aber nahm Meister Jury das Wort:Wenn ich zu Herrn Kynast ginge, der schon seit geraumer Zeit nichts von sich hat hören lassen, jntb ihm jetzt unser Gartenhäuschen anböte, dabei könnte ich ihn Hann bitten, beim Könige, der viel auf ihn hält, ein gutes Wort einzulegen l*

Das dauert ja alles viel zu lange*, jammerte Mia, unterdessen haben sie den armen Joel verurteilt. Ach, mir ist immer, als hinge sein ganzes Leben an einem Faden und als müßten wir uns sehr beeilen, wenn wir ihn rette« wollen, nein, ich weiß etwas Besseres.*

Was sie voihatte, behielt sie bei sich und gab darüber auch keine Auskunft, selbst auf alles Drängen der Ihrigen hin nicht.

Um die Not im Jmyschen Hanse aufs Höchste zu treiben, erschien am folgenden Tage ein Bescheid der Behörde, daß