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Rr. 286.

Srscheint täglich außer an Werktagen nach S onn- und Feiertagen. Quartal- AbennementS-Preis bei der -Expedition 2*/4 3RL. bei d« Pestämter 2 Mk- 50 Pfo. (e?d. Bestellgeld). Insertionsgebühr sür die «spaltcne Zeile 10 Sßfg , Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg, Dienstag, 7. Dezember 1886.

XXI. Jahrgang.

WerWslhe jcitiimj.

Anzeigen nimmt, entgegen die Expedition b- Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux ton Haasenstei» und Vogler in Fianlfurt a. SR., Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a. ® ., Berlin München und Köln: G- L. Daube und Go. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris.

Illustriertes Lountagsblatt.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. -

SxpÄ'tiou Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Sag. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Dez. Der Kaiser wohnte gestern der Vorstellung im Schauspielhause bei, sah zum Thee den Kronprinzen, den Großherzog und den Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar, sowie den Herzog von Altenburg bei sich. Heute vormittag nahm Se. Majestät den Vortrag des Generals von Albcdyll, sowie mehrere militärische Mel­dungen entgegen und machte hieraus eine Spazierfahrt. Die Kaiserin empfängt heute nachmittag den französischen Botschafter Herbette. DerReichS-Anz." veröffentlicht einen Erlaß des Kaisers an den Kultusminister, wonach den Rektoren der staatlichen und staatlich verwalteten Pro­gymnasien, Realgymnasien, Real- unv höheren Bürger­schulen, sowie den Oberlehrern und ordentlichen Lehrern an staatlichen und staatlich verwalteten höheren Unterrichts- Anstalten der Rang der 5. Klaffe der höheren Beamten der Provinzialbehörden verliehen und den Dirigenten und wissenschaftlichen Lehrern der unter alleiniger Verwaltung des Staates stehenden nichtstaatlichen höheren Lehranstalten der tarifmäßige Wohnungsgelrzuschuß der Beamten der fünften Rangklasie gewährt wird, sofern die etwa erfor­derlichen Mittel bei den bezüglichen Anstalten voraussicht­lich dauernd vorhanden sind. Die Kommission des Reichs­tags von 28 Mitgliedern, welche die Militär-Vorlage vor­beraten soll, wird sich Montag nachmittag konstituieren; sie kann also Dienstag ihre Thätigkeil beginnen. In parla­mentarischen Kreisen bezweifelt man, daß die Vorlage vor Weihnachten erledigt wird. Dabei zieht man aber nicht in Rechnung, daß die Negierung auf die Beschleunigung der Beratung einen starken Druck ausüben wird. Der Kriegsminister hat in dieser Beziehung vertrauliche Mit­teilungen in der Kommission in Aussicht gestellt; aus der Thatsache, daß er schon jetzt Diskretion für gewisse Mit­teilungen verlangt, läßt sich schließen, daß dieselben in engen Beziehungen zur momentanen politischen Situation stehen. Von besonderer Bedeutung in heutiger Ncichs- tagssitzung war die Rede unseres großen Strategen, der das ganze Haus mit gespannter Aufmerksamkeit und in lautloser Stille lauschte, derselbe hat die militär-technischen Auseinandersetzungen, die man von ihm erwarten durfte, auf wenige Sätze beschränkt. In der Hauptsache war auch seine Rede eine politische, eine Motivierung der Vorlage durch den Hinweis auf die drohende europäische Gesamt-Situation. Der Passus, in welchem er darauf hinweist, daß die Nachbar­staaten die schwere Rüstung nicht lang mehr tragen können, ohne daß es zu einer Katastrophe komme, und die deut­lichen Fingerzeige auf Frankreich haben, weil sie aus dem Munde dieses besonnenen und überlegten Mannes kommen, in allen politischen Kreisen große Beachtung gefunden. Zur Demission des Kabinetts Freycinet bemerkt die ^Nordd.

Kranz und Kreuz.

Batertändische Erzählung von Georg Horn.

(Fortsetzung.)

Nicht ohne Mühe gelang es Joel/Mia vor dem Toten hinweg zu bringen. Noch ein letztts mal drückte sie die Hand, die sie oft getragen hatte von ihren Kindheitstagen an und dann zog sie ihr Tuch und breitete es über das starre Totenantlitz, dessen weit geöffn te Augen, von der Glut des Feuers beleuchtet, nach dem Modellkopfe hinstarrten.

Wohin wollt Ihr mich führen, Joels"

Nach Hause, zu den meinigen, Euer Pater ist bei uns." Desto besser. Ich war noch nickt zu Hause. Denn wißt, ich komme unmittelbar aus d-m Letztuger Waide. M-.inem Ohm schrieb mein Vater, er möchte mir schonend Schleihahns Schicksal mitteilen. Nun hätte wich keine Macht dec Erde zurückgehalten, hierher zarückzukehren, und wenn ich selbst zum Könige gehen mußte, um seine Gnade für den armen Missethäter anzurufen. Ich bin zu spät g - kommen und zu früh zu seinem Sterben."

Im Weitergehen erzählte Joel, wie ein großes Unrecht er ihrem Vater abzubitten habe. Ec habe gewähnt, daß ec die Tochter darum entfernt habe, weil ihm eine Ehe mit einem Bürgerssohne nicht statiös genug wäre. Nun wisse er aber Alles und bei all seinem Schmerze sei er doch der glücklichste Mensch.Aber warum habt Ihr denn gar kein Lebenszeichen gegeben, Mias"

Weil ich das meinem Vater mit Hand und Mund ver­sprochen hätte. Ich hatte es ihm gesagt, was mir in der Werkstatt mit Euch pasfirt war. Die Zeit, die ich weg war, sollte eine Probezeit für Euch sein, ob Euer Herz auch ganz goldig und ohne Kupferzusatz sei; denn Ihr wißt ja wohl, daß Ihr als ein lockerer Geselle bekannt wäret."

Aber das, waS mau erlebt, Mia, macht Einem zum ernsten Mauue, und der hält Eure Hand fest uad gibt sie nimmer los."

Allg. Ztg." :Nach alledM, was seit längerer Zeit dem Kabinett de Freycinet an parlamentarischen Widerwärtig­keiten zugestoßen ist, wäre es kaum zu verwundern, wenn dem Miiiisterpräsiventen und seinen Kollegen endlich der Mut entsänke, chren Posten noch ferner zu behaupten. Was mit der von ihnen zu hinterlassenden politischen Erb­schaft werden soll, erscheint freilich desto problematischer, je unberechenbarer sich die Aktion der parlamentarischen Mehrheit gestaltet hat." In dem Prozesse gegen die Mitglieder des Vorstandes des Vereins zur Vertretung der Jntereffen der Arbeiterinnen wurden die Angeklagten Frau Dr. Hofmann, Frau Ihrer und Frau Jagert zu je 60 Mark, Frau Stägemann zu 100 Mark verurteilt, auch auf die Schließung des Vereins erkannt, der, obgleich an­fangs gute Zwecke verfolgend, später nicht ohne Wissen und Willen des Vorstandes ein Spielball der Sozial­demokratie geworden sei.

Weimar, 4. Dez Der Landtag erledigte den Etat und das Steuergesetz nach den Vorschlägen der Regierung und wurde alsdann auf unbestimmte Zeit vertagt.

Aschaffenburg, 4. Dez. Nach dem nunmehr vor­liegenden amtlichen Resultate der hiesigen Reichstagsersatz­wahl erhielt der Pfarrer Adam Haus (ultramontan) 8870 Stimmen, Peter Krest (nationallib ) 3204 Stimmen und Karl Grillenberger (Sozialdemokrat) 27 Stimmen Ersterer ist somit gewählt.

Ausland.

Pest, 4. Dez. Das Unterhaus verwarf mit 103 gegen 30 Stimmen den Börsensteuer-Gesetzentwurs Jstoczs und lehnte desgleichen ab auf Antrag Apponyis zu beschließen, die Regierung anzuweisen, bezüglich der gleichzeitigen Ein­führung der Börsensteuer in den beiden Staaten der Monarchie mit der österreichischen Regierung Verhand­lungen einzuleiten. Hingegen gcceptierte das Haus den AuSschußaulrag, wonach die Börsensteuer prinzipiell als gerechtfertigt, deren Einführung aber gegenwärtig als un­zeitgemäß erachtet und die Regierung daher angewiesen wird, die Frage im Auge zu behalten und seinerzeit eine entsprechende Vorlage zu machen.

, Paris, 4. Dez. Während alles politische Interesse der Reichstag in Berlin heute und gestern beanspruchte, vollzieht sich hier eine MinisterkrisiS. Die bezüglichen Telegramme enthalten folgendes: Freitag nachmittags be­antragten in der Teputiertenkammer Colfavru (Linke) und Duval (Rechte) die Aufhebung der Unterpräfektenstellen. Der Minister des Innern, Sarrien, und der Minister des Auswärtigen, Freycinet, erwidern, daß die Unterpräfekten in vielen Arrondissements notwendig seien, daß aber ihre Zahl verringert werden könnte. Das Kabinett werde

Und so nahm er sie, und so kamen sie bte vor oaS Haus, und als sie vor der Thiire waren, sagte sie:

Damals, als ich mit Euch nach oause ging, da hattet Ihr kein gutes Gewissen vor Eurem Vater, da mußte ich vorausgchen, nun konnts Ihrs jetzt auch so machen und meinem Vater sagen:Wilvmeister, meine Braut ist da!"

Am anderen Tage lief durch dir ganze Stadt Potsdam das Gerücht, es hätten sich bei dem Tode des Ex-kutierten die furchtbarsten Gespenstererscheinungen zugetragen. Die Kränkelst eäg-r, die Gesellen wären vor Entsetzen geflohen und hätten die Leiche stehen lassen und als man sie hätte abh. lcn wollen, da sei sie v.rschwunden gewesen. Der Gott- setveinns fei mit ihr durch den großen Rauchfang davon. Der Entenfäuger spuke überall.

Die Wahrheit war, daß Schleihahns Leichnam, gleich denen aller Exekutierten, in die Pepiniere nach Berlin ge­schafft war. Aber Thatsache war, daß Herr Martens aus der katholischen Kirche geweihte Kerzen kommen ließ und die Nacht durch brannte. Frau Betty Martens frug bei einem rechtskundigen Gaste ihres Vaters an, ob das wohl ein Scheidungsgrund sei, wenn der Manu Tag und Nacht den Entenfänger als Gespenst sehe und Andern keine Ruhe gönne, weil er selber keine finde.

^ei Rechtskundige machte: Hm, hm, sagte, die Sache sei nicht so schnell zu erledigen, er wolle sie in Ueberlegung ziehen und hielt die ungeduldige Fran von einem Tage zum andern hin. Da riß sie die Fessel selbst entzwei, indem sie eines Tages spurlos ans Potsdam verschwunden war. Zu­gleich wurde ein blutjunger Bürgerssohn, so ein rechtes Mutterkiud, vermißt und es war nicht schwer, diese beiden Ereignisse mit einander in Verbindung zu bringen. Die Wut des elenden Martens über diese Thai seiner Fran, die ihn in den Augen seiner Mitbürger auch nicht gerade hob, kannte keine Grenzen, sie war fast noch stärker, als seine Gespensterfurcht und er ließ fichS ein gut Stück Geld kosten, um Nachforschungen nach der Entflohenen anzustellen. Dies Geld aber mußte wieder eingebracht werden und des«

einen in diesem Sinne gehaltenen Entwurf vorlegen. Trotzdem wird der Anttag auf Aufhebung der Unter« präfektensiellen mit 262 gegen 249 Stimmen von bti: Kammer genehmigt. Freycinet ersucht die Kammer, die Budgetberatung zu suspendieren, da die Regierung zuvor beraten müsse. Die Sitzung wird hierauf aufgehoben. Nach der Sitzung waren die Minister im Ministerium des Auswärtigen vereinigt. In parlamentarischen Kreisen geht das Gerücht von der Demission des Kabinetts. Die Minister begaben sich gestern abend 57- Uhr in das Elysee zu dem Präsidenten Grevy und überreichten demselben ihr Entlassungsgesuch. Die Minister traten heute im Elysee zusammen und erledigten die laufenden Geschäfte. Ministerpräsident de Freycinet wird die Deputierten heute benachrichtigen, daß das Kabimtt seine Entlaffung einge­reicht habe und an der Budgetberatung ferner nicht teil» nehmen könne. In der Kammer teilte Freycinet mit, das Kabinett habe feine Entlassung gegeben; er sei der Ansicht, daß die Minister deshalb an der Budgetberatung nicht mehr teilnehmen könnten, weil ihnen die ausreichende Autorität fehle. Er beantrage deshalb die Vertagung derselben. Die Kammer beschließt hierauf, sich bis Montag zu vertagen. Die Gruppen der Linken der Deputierten­kammer suchen nach geeigneten Mitteln, um die gestrige Abstimmung ungeschehen zu machen und das Ministerium zu bestimmen, im Amte zu bleiben. Bis jetzt hat aber Ministerpräsident Freycinet alle bezüglichen Vorschläge ab- gelehnt.DasJournal des Debats" meint, die Minister würden ihre Demission nicht zurückziehen. Einer Depesche der transatlantischen Schiffahrtsgesellschaft zufolge ankerte derChandernagor" in der Turanbai. General Pili« ist gestorben.

Heffen-Naffart.

X Marburg, 6. Dez. Auf das nahende Weihnachts­fest pflegt sich stets Alt und Jung zu freuen. Isis doch das Fest, das uns die freudenreiche Botschaft bringt, die noch in Tausenden Herzen wiederkliiigts: Welt war verloren, Christ ist geboren, freue dich, freue dich Christenheit! Zur Erhöhung dieser Festfreude gedenkt auch der lutherische Kirchenchor an seinem Teil beizutragen, indem derselbe nicht nur bei den Festgottesdiensten Mitwirken wird, son­dern außerdem noch eine besondere musikalische Weihnachts­feier durch Aufführung einer Vokal- und Instrumental­musik in der lutherischen Pfarrkirche am zweiten Festtage zu halten gedenkt. Tas Programm dieser Feier ist folgendes: 1. Orgel. 2. Choral: Ein Kindelein so lieblich rc. 3 Arie für Sopran aus dem Messias von Händel: Er weidet seine Heerde rc. 4. Psalm: Kommt laßt uns beten rc. von Hauptmann. 5. Meditation über das 1. Präludium von

halb die Sache mit dem Siegeswagen aufs Eifrigste be­trieben werden.

Auf diesem Felde stand eS gut für ihn. Joel hatte sich wirklich zum Arrest gestellt, es waren Zeugen für seine Worte da, in denen man mehr suchte, als darin enthalten war, man warf ihm revolutionäre Gesinnungen vor und hielt ihn in Haft. Dadurch stockte die Arbeit und die Feinde des unglücklichen jungen Mannes triumphierten.

Der Wildmeister hätte Mia am Liebsten wieder nach Letzlingen geschickt, ober diese erklärte, so lange ihr Bräu­tigam in Prison sei, ginge sie nicht von Potsdam fort, ihre tz Entfernung habe ohnehin daS Uebel nur schlimmer gemacht und SchleihahnS Tod verursacht. Nur mit Einem war sie einverstanden, nämlich aus der einsamen Pirschhaide in das Haus ihres künftigen Schwiegervaters überzusiedeln. Dort mußte sie ja vor jeder Nachstellung, mochte sie ausgehen, von wem sie wolle, sicher sein.

Im Hause des Meisters Jury war das Leben still und trübselig genug; Fran Regina seufzte, sowie die Rede auf Joel kam:Er ist und bleibt unser Angstkind, sonst war er es durch eigene, jetzt durch fremde Schuld."

Es ist aber doch besser so, Großmutter", meinte Mia und lächelte unter Thränen, worauf diese entgegnete:Ja, ja, Kind, dann hast Du wohl recht", und bann erzählte sie dem bräutlichen Mädchen Geschichten aus Joels Kindheit, die Mia nie müde wurde anzuhören, obgleich fie jedem Anderen höchst uninteressant vorgekommen wären.

Die Kriegspartei bei Hofe aber benutzte die Verhaftung dc8 jungen Jury roch nach einer anderen Seite hin für ihre Zwecke. Man hinterbrachte dem Könige seine Aenßc- rungen nicht dem Wortlaute nach, sondern übertrieben und entstellt. Der Geist des Aufruhrs, der in Frankreich an dem Thron rüttele, habe aus ihm gesprochen, auch sei eS erwiesen, daß er vor Jahren sich in Paris aufgehalten habe. Der König werde nun einsehen, wie nötig es sei, gegen Frankreich einzuschreiten, damit der Same des Unheils nicht nach Dernschland getragen werde und dort anfgehe, um