Rr. 281.
Marburg, Mittwoch, 1. Dezember 1886.
XXI. Jahrgang.
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Expedition-. Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Ioh. Zug. Koch.
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Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Nov. Bei dem heutigen Empfange des Präsidiums des Reichstags sprach der Kaiser über die Aufgaben des Reichstags und betonte besonders die Militärvorlage, deren Annahme er erhoffe, denn auch andere Parlamente zeigten sich den Forderungen für das Heer gegenüber entgegenkommend. Deutschland habe zu bedenken, daß es bereits von seinen Nachbarstaaten in dieser Hinsicht überflügelt worden sei; der Kriegsminister werde nähere Aufschlüsse hierüber erteilen. Im übrigen gab der Kaiser der Hoffnung auf Erhaltung des Friedens Ausdruck. — Der Kaiser nahm heute vormittag die Vorträge des Generals v. Atbedyll, des Hofmarschalls Grafen Per« poncher, sowie des Geheimen KabinettSrats v. WilmowSki entgegen, empfing darauf das Präsidium des Reichstags, den neuen schwedischen Gesandten von Lagerheim und den neuen kolumbischen Gesandten Palacio im Beisein des Grafen Herbert von Bismarck. Um 5 Uhr findet Diner bei dem Prinzen Alexander statt. — Der „Reichs-Anz." veröffentlicht die Ernennung des Oberlandesgerichtspräsidenten v. Holleben zu Königsberg zum Kanzler im Königreiche Preußen. — Der Reichskanzler dürfte seine Entschließungen über die Rückkehr nach Berlin von dem Gange, den die Verhandlungen des Reichstags über die Militär- Vorlage nehmen werden, abhängig machen und daher schwerlich bei der ersten Lesung derselben anwesend sein. Wird sein Eingreifen in die Debatten notwendig, so kann er ja in wenigen Stunden Berlin erreichen. Offiziös wird auch der Ansicht entgegen getreten, daß die zweite Lesung erst nach Neujahr statlfinden solle; vielmehr wird auf Beschleunigung gedrängt. — Wie das „D. Tagebl." erfährt, war der Kriegsminister Brvnsart v. Schellendorff wegen eines Halsleidens einige Zeit ans Zimmer gefesselt und mußte deshalb die Vertretung der Militärvorlage im Bundesrate dem Generalmajor von Hänisch überlassen. Die Vertretung der Vorlage im Reichstage wird, abge-
Kranz und Kreuz.
Vaterländische Erzählung von Georg Horn.
(Fortsetzung.)
Da klopfte es, und auf das „Herein" Meister Jurys trat Joel in die Stube. Die erste, die mit einem Freudenschrei ihm entgegenkam, war Frau Regina, deren Liebling der Jüngere immer g wesen war. Aber bald erstarb ihr dieser Willkommen auf den Lippen an dem eisigen Schweigen des Vaters. Nach einer Weile brach er dieses und sprach: „Jeder wandernde Kupferschmiedgeselle hat ein Recht hier eiuzutreten, das Handwerk anzusprechen und sich sein Zehrgeld zu holen. Hier hat er seine vier Groschen." Im Scheine deS Lichtes konnte Mia bemerken, wie Joel tobten» blaß wurde. Ihr bebte das Herz, als er langsam auf seinen Vater zuschritt, das Viergroschenstück nahm und sagte: „Dank und gute Nahrung Euch, Meister. Ich werde wohl diese Nacht eine Herberge finden." Da zog Meister Jury das Geldstück zurück, matz den Sohn mit strengem Blicke, reichte ihm noch einmal daS Geldstück und sagte: „Hier nehme Er das, gehe er in das Armenhaus und lasse Er sich von dem Schmutz und dem Ungeziefer der Fremde reinigen.
Abermalige Stille. Joel nahm das Geldstück und sagte zu seinem Vater: „Wie Ihr wollt und es mir geheitzeu habt, fo werde ich thun als ein gehorsamer Sohn." Und er ging auf die Thüre zu, um die Stube zu verlassen. Da wurde der Alte wie von einem Beben ergriffen; schwankend und im Kampfe mit sich selbst erhob er sich, ergriff zitternd die Hand seines Sohnes und führte ihn zurück, rückte ihm den Stuhl und sagt-: „Für ein gehorsames Kind ist im Hause feint 8 Vaters und an dessen Tische immer noch ein Platz aufbehalten." Dann nahm der Vater einen Krug, füllte ihn mit Braunbier und trank mit den Worten: „Auf Deine Heimkehr und Deine Umkehr!" Da stürzte Joel seinem Vater nm den Hals. Alles weinte, bis dann Mia unter Ihränendem Lächeln gestand, datz s i e Joel mitgebracht habe und daß sie auf guten Einstand des neuen Gesellen bei einem so strengen Meister hoffe.
sehen von der etwaigen Beteiligung des Reichskanzlers, natürlich in erster Reihe dem Kriegsminister obliegen. Als Kommissar ist noch der Major Haberling aus dem Kriegsministerium bestellt worden. — Der Staatssekretär des Reichsschatzamts Dr. Jakobi, der mit der Stellvertretung des Reichskanzlers in allen Finanzangelegenheiten oes Reichs, soweit sie sich in der ausschließlichen Verwaltung desselben befinden, betraut ist, soll nach dem neuen Etat eine Erhöhung seiner Besoldung um 4000 Mk. erfahren und außerdem freie Dienstwohnung erhalten „behufs Gleichstellung mit den Staatssekretären des Reichs-Postamts und deS Reichs-Justizamts." Das Reichsschatzamt befindet sich jetzt in dem monumentalen Neubau an der Ecke der Wil- Helmstraße und des WilhelmsplatzeS, der ursprünglich für das Auswärtige Amt ausgeführt war. Staatsminister von Bülow soll an den ungesunden Wohnungsverhältnissen in demselben zu Grunde gegangen sein und Graf Hatzfelbt wurde so krank, daß er ein anderes Haus beziehen mußte. Auch Herrn von Burchard ist der Aufenthalt in diesem Gebäude nicht gut bekommen. Man würde es daher Herrn Jakobi nicht verübeln können, wenn er Bedenken trüge, seine bisherige gesunde Wohnung in einem der Gräflich Voßschen Familienstiftung gehörigen Hause aufzugeben, zumal dieselbe, soweit wir wissen, für ihn als Kurator besagter Familienstiftung ebenfalls eine „freie Wohnung" ist. — Die Reichsbank erhöhte den Diskont auf 4 Prozent, den Lombardziiisfuß auf 4'/, Prozent für Deutsche Effekten und auf 5 Prozent für sonstige Effekten und Waren.
— Die preußischen Minister des Innern und des Kultus haben neuerdings festgestellt, daß den dem Beurlaubtenstande als Offiziere angehörenden Lehrern höherer Schulen Urlaub nur für solche militärische Hebungen versagt werden darf, zu bereit Ableistung dieselben sich ohne Anregung oder Aufforderung einer Militärbehörde freiwillig melden. Hebungen, welche von den Militärbehörden angeordnet sind, kann kein Landwehr- oder Reserveoffizier sich entziehen und es würde die Entbindung eines als Lehrer fungierenden Landwehr- oder Reserve-Offiziers von der Absolvierung derartiger Hebungen im einzelnen Falle seitens des Provinzial-Schulkollegiums, als der vorgesetzten Zivilbehörde, nur im Wege des für die Friedensübungen vorgeschriebenen Reklamationsverfahrens beantragt werden können. Gegenüber der Hrlaubserteilung zu den von ben Militärbehörden angeordneten Hebungen befindet sich der Magistrat einer Stadt mit höheren kommunalen Lehranstalten, wie das ministerielle Reskript ausführt, in demselben Falle, wie gegenüber dem durch unabwendbare Hindernisse, zum Beispiel durch Krankheit, eintretenden Unter« bxechungen der AmtSthätigkeit eines Lehrers. Daß die
Bei einem Besuche, den Rosette Lindner in der Pirsch- Haide bei Mia abstattete, kam diese als Hochzeitsladerin und zwar zu ihrer eigenen Hochzeit. Durch die Rückkunft Joels hatten sich die V-rhältuisie im Juiyschen Hause geändert. Vater Jury hatte die ihm vom Rektor Schadow übertragene Herstellung des Siegeswagens angenommen. Es war eine Arbeit, die das Vermögen des Meisters vermehren mußte und demgemäß hatte er in die Heirath seines ältesten Sohnes gewilligt und ihm das Hins, zwei Häuser von dem feinigen, gekauft. Darin sollte er mit seiner jungen Frau wohnen und das G schäft für die gewöhnlichen Bedürfnisse des Tages weit rführen. Joel dagegen sollte sich mit Hilfe von sechs Gesellen völlig dem herzusttllenden Werke widmen. DaS erzählte Rosette, aber Mia schien nur durch dasjenige interessiert, was sich auf Joel bezog. Alle ihre Fragen und Andeutungen gingen aus ihn zurück, sodaß es Rosette wohl hätte auffallen muffen, wenn diese nicht zu sehr mit ihrem eigenen Brautglücke oder vielmehr mit ihrem künftigen Hausstande beschäftigt gewesen wäre. An einem der nächsten Tage erschien Joel beim Wildmeister in Begleitung der beiden Bildhauer, des alten und des jungen Wöhler, mit einem Scheine der Kriegs- und Domänenkammer zu Berlin, wonach den Gebrüdern Wöhler zu den hölzernen Modellen das Eichenholz aus der Pirfchhaide geliefert werden sollte. Auch dem Meister Jury wurde darin ein Recht ans Holzbezug eingeränmt. Die Werkstelle auf dem Hofe des Hauses in der Kupferschmiede war nicht groß genug, um die Pferde und ben Wagen des Kunstwerkes herzustellen, daher ein Brauhaus gemietet werden mußte, darin ein Ofen erbaut, sonsten war auch Gerüste nötig und dazu Holz. Aber Joel schien es mehr um Mia zu thun zu fein, als um das Bauholz. Er kam sehr oft -nach der Pirschhaide, mehr als es nach dem Bedünken des Wildmeisters für daS Geschäft nötig war. Er wußte immer einen schicklichen Vorwand zu finden und dann hatte ihn der Wildmeister lieb gewonnen. Die übernommene Arbeit erfüllte feine Seele ganz und er fand kein Ende, dem Wildmeister, bei dem er des Verständnisses und des Interesses gewiß war, davon zu erzählen, und
beiden Minister eine derartige Verfügung erlassen, hatte folgenden Grund: Nach Mitteilung des Kriegsministers hatte der Magistrat einer preußischen Stadt, in der sich ein Realgymnasium befindet, ben Direktor desselben ersucht, er möge den im Militärverhältnisse stehenden Lehrern eröffnen, daß sie sich in Zukunft keine Hoffnung darauf zu machen hätten, zu mllitärischen Hebungen, deren Leistung sie abzulehnen berechtigt seien, den erforderlichen Urlaub zu erhalten. Daraufhin wurde denn das Provinzialschulkollegium ministeriellerseits schleunigst angewiesen, den Magistrat zu belehren, daß er seinen Amtsbereich überschreite und seine etwaigen Beschlüsse ungültig seien. Recht bezeichnend ist, daß in dem Reskripte wörtlich hinzugefügt ist: „Sollte, wie aus dem veranlassenden Spezialfalle wahrscheinlich wird, der Magistrat zu N. durch die angezogene Verfügung beabsichtigt haben, die fraglichen Offiziere zur Herbeiführung ihrer Verabschiedung zu veranlassen, sobald sie ihrer gesetzlichen Dienstzeit geleistet haben, so ist demselben in unserem Auftrage zu bedeuten, daß der Versuch einer solchen Ein« wnkung mit dem Geiste unserer Staatseinrichtungen im Widerspruche stehen und geeignet sein würde, die militärischen Interessen dcö Landes zu schädigen, demselben also mit aller Energie entgegenzutreten ist." Es ist bisher nicht bekannt geworden, ob der Magistrat hierauf eine Antwort erteilt hat.
Mannheim, 28. Nov. Ein trübes Bild bietet die Reichstagsersatzwahl im Wahlkreise Mannheim-Schwctzingen- Weinheim. Bei derselben erhielt der sozialdemokratische Kandidat 6804 ft!) Stimmen, dem nationalliberalen Kandidaten fielen 7525 Stimmen zu, so daß zwischen beiden Stichwahl stattfindet, wobei hoffentlich die Konservattven (950) und die Zentrumswähler (2015) Mannheim vor der Ehre bewahren, durch einen Sozialdemokraten int Reichstag vertreten zu werden.
Airsland.
P-st, 29. Nov. In der ungarischen Delegation fragte der Abg. Zichy den Minister des Aeußeren rücksichtlich des Gerüchtes, wonach die russische Diplomatie die Ernennung des Fürsten Dadian von Mingrelien zum Gouverneur von Ostrumelien bei der Pforte vorgeschlagen haben soll, welchen Standpunkt der Minister diesem Vorschläge gegenüber einnehmen werde. Sektionschef Szoegenyi antwortet, daß der Minister von diesen oder ähnlichen Vorgängen keine Kenntnis habe; übrigens sei es bekannt, daß die Ernennung des Generalgouverneurs von Ostrumelien nur im Sinne des Berliner Vertrages vorgenommen werden könne und daß dieselbe der Bestätigung sämtlicher Signatarmächte bedürfe. — Die Antwort wurde zur Kenntnis genommen. —
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namentlich fand seine Begeisterung für den jungen H:rrn Rektor Schadow kein Ende. „Ich wäre nicht ans der Suber» lichkett herausgekommen,' sagte er, „namentlich seit ich zu Paris gewesen war, verlaust unb verlumpt wäre ich, wenn nicht der Kompaß im Innern heim zum Vateihaufe getrieben hätte. Hie gab es etwas zu thun, womit man sich innerlich selbst aufrichten kann nnb mit jedem Schlag auf die Kupfer- platten schlage und modele ich an mir selber herum, unb wie mit ben Menschen so geht es auch mit ben Nationen und zu allererst mti der mistigen. Wir hatten die Begeisterung verlernt unb ba galt es, etwas über uns aufzu- richten, bamit wir unsere Kopfe wieber nach oben erheben, bem erhobenen Stabe folgen, ben bie weibliche Figur auf bem Stegeswagen, unter bem ich mir Preußen benfe, hoch in bie Zett unb hoch in ben Himmel erhebt." Solches gefiel bem Wilbmeister gar wohl, aber mehr noch seinem Töchterlein, welches still in ber Ecke saß unb zuhörte unb bann, wenn Joel weg war, allenfalls zu Schleihahn sagte: „Du Schleihahn, ich bin boch recht froh, baß bie Rosettte ben ältesten »ruber heirathen will."
Es sollte eine große Hochzeit werben. Die Lindners waren in ber Stabt angesehen unb von beiben Seiten kamen vermögender Leute Kinder zusammen. Heber bie Einlabang würbe in ber Familie viel hin unb her gesprochen unb wenn das auch mehr eine Sache zwischen bem Vater unb seiner allen Mutter, allenfalls auch zwischen bem Brautpaare war, so legte doch Joel entschiedenen Protest ein, als ber Vater bem Hochzeitslaber auch ben Namen bes Goldschmieds Martens aufgab. Was Joel zu seinem Proteste veranlaßte, das wollte er nicht sagen, er bemerkte seinem Vater nur, baß Martens stch als ber Freund des HauseS geberbe unb doch nichts weniger als ein Feiub ihrer Familie fei. Auf weitere Erörterungen wollte er sich nicht einlaffen, ba ihm solches im Vertrauen gesagt worben sei unb er versprochen habe, ber Sache nicht weiter Erwähnung zu thun. Trotz ber Einsprache des Sohnes unb vielleicht eben weil ber Vater an seiner Autorität nicht rütteln lassen wollte, würbe Martens zur Hochzeit boch ein»