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Nr. 280.

Erscheint täglich^außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 2*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 5'1 Pfa. (erd. Bestellgeld). Jnsertionszebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg, Reklamen für die Zeile 25 Psg.

Marburg, Dienstag, 30. November 1886.

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OherlsMe jfitinig

Anzeigen nimmt: entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasensteiu unt Vogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien: Rudolf Mrsse in Frankfurt ♦ ft. M., Berlin München und

Köln; G. L. Daube und Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u. Paris-

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

BÄ* Für den Monat Dezember werden von allen Postanstaltcn (auf dem Lande von den Landpostboten) Be­stellungen auf die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter 'X.

entgegengenommen.

Ebenso nimmt unsere Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt), sowie auch die unterzeichnete Expedition Abonnements für den Monat Dezember entgegen.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

40000 Soldaten mehr.

Die neue Militärvorlage fordert bekanntermaßen vom 1. April 1887 ab eine Verstärkung des Friedensstandcs der Reichsarmee um rund 40000 Mann pro Jahr. Diese Forderung wird unabweislich im Interesse nationaler Sicherheit bezeichnet. Die Reichsregierung ist also weit ent­fernt davon, an einen dauernveir Frieden mit Rußland und Frankreich, denn auf diese beiden Nachbarstaaten wird Bezug genommen, zu glauben; sie erachtet die Fortdauer ter gegenwärtigen Friedensstärke sogar als eine Gefahr und verlangt deshalb die Armeeerhöhung schon vom kom­menden 1. April, statt vom 1. April 1888 ab.

In der Begründung zum neuen Gesetz wird wörtlich gesagt: „Bei dem jetzigen Armeebestande läuft das als Frucht eines glorreichen Krieges neu erstandene deutsche Reich Gefahr, bei einem drohenden europäischen Konflikt nicht mehr seine der Erhaltung des allgemeinen Friedens dienenden Politik nachdrucksvoll führen zu können; es ist sogar, wenn auch für uns der'Krieg unvermeidlich werden sollte, die kaum errungene Selbständigkeit des Reiches be­droht. Frankreich hat nach dem Feldzuge 1870/71 trotz geringerer Bevölkerungsziffer ein stärkeres Friedensheer als Deutschland aufgestellt und dasselbe, welches 1870 379986 Mann (1,09 Prozent der Bevölkerung) betrug, 1880 auf 443899 Mann (1,39 Prozent der Bevölkerung) — aus­schließlich Offiziere rc. gebracht. Seine Infanterie gliedert sich gegenwärtig in 649 Bataillone (2939 Kompagnieen, 294927 Mann), seine Feldartillerie in 446 Daltericen mit 1856 bespannten Geschützen und 851 bespannten Munitionswagen. Diese schon seit dem Kriege 1870 in erheblichstem Maße vermehrte Waffe hat auch in den letzten Jahren noch eine Steigerung der Kriegsbereitschaft durch veränderte Dislokation und Vermehrung um 54 bespannte Geschütze erfahren, so daß wir auf diesem Gebiet zu be- ; sonderer Aufmerksamkeit genötigt sind. Ein Gesetzentwurf, '

welcher zur Zeit der Beratung unterlieg:, bezweckt erwei­terte, kriegsgemäßere Kadresbiloung um einen ferneren Zu­wachs von ungefähr 44 000 Mann. Diese erneute Ver­stärkung des Heeres fällt aber um so mehr ins Gewicht, als die Marine an Mannschaften bereits 67 336 Manu zählt. Rußland hat seit dem letzten orientalischen Kriege die Armee vollständig reorganisiert und für seine nume­risch überlegenen Streitkräfte durch Vermehrung des fech­tenden L-tandcs und systematischen Ausbau der Eisenbahnen gleichzeitig erhöhten Kriegsbereitschaft und erleichterten Auf­marsch geschaffen. Die Friedenskadres der für einen euro­päischen Krieg zunächst bestimmten regulären Truppen sind um 2563/t Bataillone, 90 Eskadrons, 35 Batteriecn ge­stiegen. Die gesamte russische Infanterie und Feldartillerie umfaßt 984Vt Bataillone mit 547450 Mann (aus­schließlich Offiziere rc) und 395 Batterien mit 1736 Geschützen und 160 bespannten Munitionswagen. Die seitens der Landesteile mit Wehrpflicht, ausschließlich Finn­land, im Frieden aufgebrachte Truppenzahl berechnet sich als Prozentsatz der bezüglichen Bevölkerung, wie folgt: 1870 1,02 Prozent, 1880 1 06 Prozent 1886 0,92 Proz. Der weitere Ausbau der Flotte, welche einen Mannschafts­stand von 26 272 Köpfen erreicht hat, wird mit rastlosem Eifer betrieben. Entsprechend diesen höheren Armeebeständen sind, auch die Militär-Ausgaben in Frankreich und Ruß­land höher, als in Deutschland.

Eine sehr starke Militärmacht ist allein im Stande, Deutschland vor kriegerischen Verwicklungen zu schützen, das ist der kurze Sinn der Begründung zur Militäroor- lage. Die Thronrede betont, daß die Beziehungen auch zu Rußland freundlich sind, jetzt noch freundlich sind. Daß es in diesen Beziehungen aber auch dunkle Punkte giebt, das beweist das Militärgesetz. Angesichts der bedeutenden Forderung wird gewiß die Reichsregierung im Reichstage den bisherigen Gründen eine detaillierte Ausführung geben, und dazu gehört auch eine Darstellung der Auswärtigen Lage. Von dieser detaillierten Begründung, die vielleicht vor einer Vertrauenskommission erfolgen muß, wird das Schicksal des Gesetzes abhängcn; vielleicht versteht sich die Reichstagsmehrhcit sofort zur Bewilligung der geforderten 40000 Mann, wenn nur die Reichsregierung die Dauer der Bewilligung von sieben Jahren etwas herabsetzt, aber ob sie das thut, ist wiederum sehr die Frage. Und so läßt sich nicht verkennen, daß das neue Militärgesetz eine große Gefahr für einen Konflikt in sich schließt Die Mehrforderungen im Etat, welche aus der Armeeverstärkung entstehen, will die Reicksregierung durch Erhöhung der Beiträge der Bundesstaaten zur Reichskasse decken. Schon jetzt wird darauf hingewiesen, daß eine solche Erhöhung

i auf die Dauer unerträglich sein würde, das Reich würde nie einen regelrechten Etatsabschluß erhalten. Und darum geht Hand in Hand mit der reinen Militärfrage die Finanzfrage. Das ist der Kernpunkt. Alle Parteien im Reichstage werden das neue Gesetz nach allen Richtungen hin ruhig und sorgfältig prüfen müssen und in den Ver­handlungen wird dann das Resultat dieser Prüfungen der Nation unterbreitet werden, damit diese volle Klarbeit gewinnt.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Nov. Der Kaiser nahm Vormittags den Vortrag des Generals v. Albedyll entgegen und machte Nachmittags eine Spazierfahrt. — Der „ Reichsanzeiger" meldetDer Kaiser hat nach Maßgabe des Gesetzes vom 17. März 1878 mit der Stellvertretung des Reichskanzlers in Finanzangelegenheiten des Reichs, insoweit sie sich in dessen ausschließlicher Verwaltung befinden, den Staats­sekretär des Reichsschatzamts Jacobi beauftragt. — Dem Bundesrat ging ein Gesetzentwurf zu, wonach Beamten die, Drenstzett in deutschen Schutzgebieten bei Pensionirung auf Beschluß des Bundesrats doppelt gerechnet werden darf. — Abg. Reichensperger, unterstützt vom Centrum, brachte folgenden Antrag ein; 1) Die Erwartung auszu­sprechen , daß die Regierungen dem um sich greifenden Duellwesen auf autoritativem, disciplinarem und straf­gerichtlichem Wege entgegenwirken werden; 2) in das Straf­gesetz folgenden Paragraph 210a einzuschalten: „Wenn Personen verabreden, daß ein Zilfall entscheide,: solle, wer von ihnen sich selbst töte, so sind sie mit Zuchthaus bis o oder Gefängnis bis 3 Jahren strafbar. Wenn eine Tötung erfolgt, ist auf Zuchthaus bis 10 und Gefängnis bis 5 Jahren zu erkennen. Die Aufforderung ist als Ver­such strafbar." — Das Reichstagspräsidium wird Montag vom Kaiser empfangen werden. — Die Vorlage, betreffend die Revision des Servistarifs und der Klasseneinteilung der Orte, ist dem Reichstage heute zugegangen. Es stellt sich heraus, daß sie vollkommen mit dem in der vorigen Session eingebrachten, aber unerledigt gebliebene» Entwurf übereinftimmt. — Die „Rordd. Allg. Ztg." berichtet nicht nur in einem ausführlichen Telegramm über die Ansprache, die der König von Rumänien an das Offizierkorps gehalten hat, sondern bringt auch in ihrer Rundschau im Auslande in Anknüpfung daran folgende beachtenswerte Auslassung: „Die jüngsten Tage haben von Neuem deu Beweis dafür erbracht, in wie hohem Maße der Gedanke der monarchischen Staatsform im Königreich Rumänien feste Wurzel gefaßt, und welch enges Band des gegenseitigen Vertrauens und des Einvernehmens sich im Laufe der Zeit zwischen der

Gefchichtskalenver.

30. November.

1700. König Karl XII. von Schweden erficht mit 20,000 Man» einen glänzenden Sieg über 80,000 Mann Russen bei Narva.

1782. Die Engländer erkennen in einem mit Nordamerika geschlossenen Separatfrieden die Unabhängigkeit der 13 vereinigten Staaten an.

1807. Das Portugiesische Königshaus wandert vor den eindringenden Franzosen nach Brasilien aus.

1853. Ein Teil der türkischen Flotte wird von den Russen auf der Rhede von sinove verbrannt.

1870.

30. November. Sachsen und Württemberger schlagen einen heftigen Ausfall aus Paris zurück. — König Ludwig von Bayern erläßt ein Schreiben, die deutsche „Kaiser-Er- nenuung" betreffend.

Kranz und Kreuz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

(Fortsetzung.)

Etwa nach einigen Wochen traf ein Brief von dem Rektor der Kunstakademie in Berlin, Herr» Schadow, ein mit der Aufforderung, ehestens nach Berlin zu kommen, da er ihm eine wichtige Mitteilung zu machen habe. Eine Reise von Potsdam nach Berlin war dazumal ein Entschluß, und wenn auch der Verkehr ein ziemlich lebhafter war, so war man dock nicht aller Fährnisse überhoben, und darum drang Frau Regina in ihren Sohn, daß er sich den Eberhard mitnehmen möchte. „Eberhard nickt, aber Rosette will ich mitnehmeu", resolvierte der Meister, da sie Berlin noch nicht gesehen hatte. „Und ich auch noch nicht, und darum bitte ich den Herrn Pathen, daß er mich auch mitnehme." Es war Mias Stimme, die in den Familienrat eintrat, und Meister Jury sagte gerne zu; denn er war dem Mädchen von klein a» gut gewesen. Mia äußerte noch, daß sie es gewußt habe, daß der Herr Pathe nach Berlin fahren würde,

darum habe sie ihren Vater gebeten, mit von der Partie sein zu dürfen, wenn der Herr Pathe es gern sehe. Woher sie das ge rußt? Darüber lehnte sie die Auskunft ab. Ihr würdet es ja doch nicht glauben, meinte sie.

Am anderen Morgen früh ging die Reise los. Gegen 10 Uhr fuhren sie durch das Potsdamer Thor in die Leipziger Straße ein und Meister Jury fuhr gleich vor dem Hause des Herrn Rektor Schadow vor. Die beiden Mädchen sollten sich in der Stadt umsihen und den Meister in dem Gasthause „Zum französischen Wappen" auf dem Spittelmarkte erwarten. Die Eröffnungen, die der Bild­hauer Herr Schadow Meister Jury zu machen hatte, waren wichtiger, als dieser gedacht. Der König hatte die Absicht, das bisherige Brandenburger Thor niederreißen zu lassen und an dessen Stelle ein neues, prächtigeres aufzubaueu. Der Oberhofbaudirektor Langhans, der bisher in Breslau gewesen, habe die Pläne dazu gemacht, ihm, dem Schadow, sei die Bildhauerarbeit daran übertragen. Auf die Spitze des Thores solle eine große Gruppe kommen, ein Sieges­wagen mit einer Viktoria, welche die Segnungen des Friedens darstillen solle. Die Zeichnung und das Gipsmodell würde er, Schadow, machen, die ganze Gruppe solle in getriebenem Kupfer ausgeführt werden, und da sich Meister Jury, wie s.in Vater scho», in solchen Arbeiten hervorgethan habe, so solle ihm auch die Arbeit übertragen werden.

Schadow chatte geglaubt, dem Meister eine recht freudige Nachricht mitzuteilen und wunderte sich nicht wenig, als dieser traurig den Kopf hängen ließ. Auf des Bildhauers Frage nach der Ui fache erklärte ihm Meister Jury, daß ein solches Vertrauen zu seiner Arbeit ihn nur beglücken könne, daß er sich auch keinen Augenblick bfinnen würde, den Auftrag anzunehmen, wen, eben sein Sohn Joel da wäre, aber ohne diesen könne er ein solches Werk nickt unter­nehmen. Dann erzählte er alles, was ihm mit Joel be­gegnet war, verschwieg dabei auch nicht, was ihm Schleihahn über Joels gegenwärtigen Aufenthalt gesagt habe, obwohl auf solche Alfanzereien nichts zu geben sei.

Dieser Meinung war Schadow nun nicht, er war bei der

Erzählung ernst und nachdenkend geworden und deutete die Aenßerung Schleihahns im entgegengesetzten Sinne wie Marrens, aus einem wunderbaren und doch natürlichen geheimnisvollen Leben unseres Geistes, der Raum und Stoff in dazu eigens organisierten Naturen durchdringe» und die wunderbarsten, unferm alltägliche» Schauen uner­klärbaren Erscheinungen äußern könne. Dem gewöhnliche» Verstände könne Derartiges nie offenbar werden, wohl aber könne sich die dichterische oder künstlerische Phantasie zu einem Jnnewerden dieser magischen Kraft des Menschen­geistes aufschwingen. Schließlich forderte Schadow den Meister auf, die Sache nicht so kurz weg von der Hand zu weisen. Es würden sich ja Mittel und Wege finden lasten, des Joel wieder habhaft zu werden.

In Gedanken nahm Meister Jmy seinen Weg nach dem Brandenburger Thore. Gestalt und Form, wie es damals war, verschwanden vor seinen Blicken und cs bauten sich vor seinem Geiste die mächttgen Säulen auf, wie er fie in der Zeichnung bei Schadow gesehen hatte, und oben auf als Krönung des herrlichen Bauwerkes sah er den Sieges- wage», das Werk seiner Hände. —

Einige Tage darauf saß der Wildmeister mit seiner Tochter Abends bei der Messinglampe, aus deren Schnabel ein Oeldocht brannte, und las im Märkischen Dolksblatt über die Unruhe, die sich allenthalben in der ganzen Welt bemerkbar machte, als die Hunde draußen anschlugen und ei» Zeichen gaben, daß Jemand in der Nähe des Hauses sei, der nicht dahin gehörte. Alsbald kam die Magd in die Stube und meldet-, daß eine Mannsperson draußen stehe, die nach dem Aeußern wenig Vertrauen erweckend sei; der Anzug fei keine zehn Groschen teert aber sie habe er­klärt, daß sie dem Wildmeister bekannt sei und ihn sprechen

Es war Joel Jury, der darauf dem Wildmeister gegen« überstand und gekommen war, ihn zu ersuchen, den Weg in das väterliche Haus ihm zu bahnen. Nach längerem Ueber- legen kam man zu dem Resultate, daß der Wildmeister deS