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Rr. 379.

Marburg, Sonntag, 28. November 1886.

XXI. Jahrgang.

«rscheiat täglich außer an Werktagen nach Sonn- und giert agen. Quartal-

imement«-5Jrei« bei her Crpebition 21/« Ml., bei Hn Postämter 2 Mi. 50 Bfa. (ejcL Bestellgeld) InsertionSgebahr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Rkstamen für die Zeile 25 Pfg.

ObnMchk Zcitmz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowied Annoncen-Bureaux von Haasenstein und Vogl er in Frankfurt a.M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und So. m Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.-. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Sug. Koch.

Erstes Blatt.

MB** Für den Monat Dezember werden von allen Postanstaltett (auf dem Lande von den Landpostboten) Be« Rettungen auf die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblätter

entgegengenommen.

Ebenso nimmt unsere Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt), sowie auch die unterzeichnete Expedition Abonnements für den Monat Dezember entgegen.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Nov. Der Kaiser nahm heute die Vor­träge des Hofmarschalls Graf von Perponcher und des Grafen von Stolberg entgegen, empfing später den der deutschen Botschaft in Petersburg als Militärbevollmäch­tigter attachierten Oberstleutnant von Villaume, sowie den Generalintendanten der Königlichen Schauspiele, Grafen von Höchberg und machte nachmittags eine Spazierfahrt, wobei Se. Majestät dem General Beyer einen Besuch ab­stattete. Um 4 Uhr erscheint bei dem Kaiser der Staats­sekretär Graf Bismarck zum Vortrage. Der Senioren­konvent des Reichstages beschloß, die erste Etatslesung am nächsten Dienstag zu beginnen, dann die Militärvorlage zu beraten. Eingegangen ist der Rechenschaftsbericht über den Belagerungszustand von Berlin und Hamburg. Das dem Reichstag zugegangene Gesetz betreffend eine An­leihe für Zwecke des Reichsheeres, der Marine und der Reichseisenbahnen ermächtigt den Reichskanzler, für das Reichsheer 30794905 Mk., für die Marine 7317770 Mark, für die Eisenbahnen 592 000 Mk., zur vorläufigen Deckung der aus dem ReichSfestungsbausonds entnommenen Vorschüsse 7411810 Mk., zusammen 46116485 Mk. durch eine Anleihe aufzunehmen und für diesen Betrag Schatzanweisungen auszugeben. Die Zinsscheine dürfen auch für einen längeren Zeitraum als vier Jahre aus­gegeben werden. Im Reichstage wird von konserva­tiver Seite beabsichtigt, die Militärvorlage nicht der Bud« getkommisston, sondern einer besonderen Kommission zu überweisen, um eine Beschleunigung der Beratung möglich zu machen, da im Falle der Annahme der Vorlage ein

Gefchichtskalender.

28. November.

1812. Der Rest des französischen Heeres, nach seinem teuer erkauften Uebergang über die Beresina, schlägt den Weg über Wilna nach Warschau ein.

29. November.

1780. Kaiserin Maria Theresia stirbt an der Brustwasser« sucht in einem Alter von 63 Jahren.

1831. In Warschau bricht ein Aufstand der Polen gegen Rußland aus.

1850. Der preußische Minister von Manteuffel schließt mit Oesterreich die Convention von Olmütz.

1870.

28. November. Amiens wird von den Deutschen besetzt. Siegreiches Gefecht bei Beanme._______________________

Kranz und Kreuz.

Vaterländische Erzählung von Georg Horn.

(Fcrisetzung.)

Mia war 16'/» Jahr alt, schlank gewachsen, wenig über Mittelgröße, aber in ihren Bewegungen graziös tote ein Reh. Sie war kein schönes Mädchen in des Wortes land­läufiger Bedeutung, aber voll anmutigen JugendreizeS; dieser lag in dem Ernst der dunkeln tiefbeschatteten Augen und in dem Kontrast, den der so voll und graziös lächelnde Mund zu diesen Augen bildete. Die Gäste deS Wlld- meisterS waren samt und sonders von der Holdseligkeit deS Mädchens eingenommen, und wenn sie aus der Stube ge­gangen war, um in der Küche, unterstützt von Schleihahu, ihres Berufes zu warten, erklang ihr Lob aus aller Munde. Von der kirchlichen Feierlichkeit kam das G.spräch auf die religiösen Händel des TageS, auf die Streitizkeit, die der Pastor Schulz zu Gielsdorf mit dem Ministerio hatte, so daß er die bei den Geistlichen übliche Perrücke abwarf und im Zopfe vor seinen andächtigen Zuhörern predigte, den Grundsatz aufstellend, daß jeder Mensch glauben könne, toaS er wolle. Man kam dann auf die Ansichten des verstorbenen Königs Friedrich des Groß n und der Wildmeister erzählte, wie der König mit ihm baS letzte Mal durch den Wild-

Nachtragsetat zur Deckung der Ausgaben eingebracht wer­den muß.

Der dem Reichstage soeben vorgelegte Etat pro 1887/88 bezieht sich nur auf die gegenwärtige Friedens- Präsenzstärke, schließt also noch nicht die Mehrausgaben ein, welche durch eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke erwachsen. Der laufende preußische Etat in dem neuen Militäretat weist nur Mehrausgaben im Betrage von 1168 081 Mk. auf. Jndeffen sind die Mehraufwendungen insofern größer, als in Gegenrechnung kommt ein Minder­bedarf von 1455 008 Mk. infolge geringer Preise. Dar­unter ist insbesondere enchalten ein Minder - Bedarf von 1478054 Mk. zum Ankauf von Brot- und Fourage- Naturalien. Folgende Veränderungen in den Formationen und Stellenkompetenzeu sind aufgeführt: Zwei Artillerie- Jnspekteurftetten werden eingezogen, dagegen wird die Stelle eines Generalinspekteurs der Fußartillerie geschaffen, so­mit diese Geueralinspeklion von derjenigen der Feldartillerie getrennt. Die Trennung wird gerechtfertigt aus der sich immer mehr herausbildenden inneren Verschiedenartigkeit der beiden Artilleriezweige. Der neuen Generalinspektion wird auch zugleich ein Oberst als Chef des Stabes mit drei Adjutanten beigegeben. Die Fußartilleriebrigaden werden direkt dem Generalinspekteur unterstellt. Diese Brigaden erhalten den Namen Inspektionen. Die provi­sorisch errichtete Landwehrinspektiou in Berlin soll etats­mäßig gemacht werden. Auch die vom Reichstage abge­lehnte Dienstzulage für den Generalstabsarzt der Armee ist wieder auf den Etat gebracht. Neugeschaffen wird die Stelle eines Armeemusik-Jnspizienten, wogegen die Zu­lage für einen besonderen Musikdirektor des Gardekorps iu Wegfall kommt. Die neue Stelle soll mit 2100 bis 2900 Mark dotiert werden, exklusive Servis- und Woh- nungSgeld-Zuschuß. DaS Gehalt soll dem Gehalt der ordentlichen Lehrer der Hochschule entsprechend bemeffen werden. Der Musikinspizient soll die zur Hochschule für Musik kommandierten Hoboisten u. s. w. unterrichten und als Berater des Kriegsministeriumö in Fragen der Armeemusik gelten 10 neue Garnisonbauinspektoren sollen in Lokalbau­beamtenstellen und 10 Garnisonbauinspektoren als technische Hilfsarbeiter angestellt werden. 7 Militärlehrerstellen mit Premierlieutenantsgehalt in Kadettenhäusern sollen in solche mit Hauptmannsgehalt erster Klasse umgewandelt werden. Das Personal der Artillerieprüfungskommission wird um einen Hauptmann erster Klasse und um einen Haupt­mann zweiter Klaffe als Mitglieder verstärkt. Die bei den technischen Instituten der Artillerie beschäftigten Jn-

garten gefahren sei, wie er ihm da gestanden, daß er ihn um seines festen Christenglaubens beneide.

Meister Juiy hörte dem allen ruhig zu und sprach fast gar nicht. Frau Regina flüsterte dem Prediger zu, in den anderthalb Jahren, seit der Joel davongegangen, sei mit Meister Jury es nicht mehr recht. Der Gram zehre iu seinem Innern über seinen Jungen und wenn er eS auch nie gezeigt habe, so könne sie eS ihm doch sagen, daß ihm der Joel der liebste von den beiden Jungens gewesen sei. Wenn er doch wenigstens etwas von sich hätte hören lasten I Aber auch keine Spur von ihm. Was sie fürchte, das sei, daß er unter die Holländer gegangen und wer weiß drüben in Batavien schon längst von den Wilden aufgefressen seil Die Reden der alten Fran in Bezug auf den Schmerz ihres Mannes wurden bestätigt, als der Wildmeister den Herrn Gevatter Jury darauf aufmerksam machte, bei welcher Ge­legenheit ste das letzte Mal so fröhlich beisammen gewesen seien, das war bei der Einsegnung Joels. Da konnte der Vater der Thräuen sich nicht mehr erwehren. Wenn er nur jetzt zurückkehrte, meinte die Großmutter zu dem D takonuS. Die Gefahr ist ja für ihn vorüber. Das Weibstück, die Betty, sei an den Mann gebracht. Ein RegimentSfeldscheer Frank habe sich ihrer und ihres schlechten Rufes erbarmt; denn nachdem die Affaire mit dem Leutnant ruchbar ge­worden, hätte kein achtbarer Mensch ste mehr groß efttmlert. Nun sei der Herr RegimentSscheer mit seiner Eheliebsten nach Wesel in seine Garnison gegangen und nun wäre Joel vor ihr sicher.

Beim Nachhausegeheu wirkte lang in dem Vater die über den Sohn angeregte Erinnerung fort. Plötzlich, als sie schon das Gitter deS Wildparkes vor sich hatten, stieß Frau Regina einen Angstschrei aus. Ein langer Schallen trat ihnen ans dem Dickicht plötzlich in den Weg und eine hohle Stimme ließ sich also vernehmen: «Meister Jmy, will er wissen, wo sein Sohn ist? Ich will es ihm sagen. Ich sehe ihn in der großen Stadt Paris in jugendlich wilder Gesellschaft, eS sind die Gesellen beS Herrn Houdon, ber kunstvolle Pappen in Marmorstein macht. ES ist bie Rede von dem Kopfe, den ber Prinz Heinrich bei bem Pariser Meister von sich hat anShanen lassen. Wenn bie

genieure, Chemiker und Meister erhalten etatsmäßige Be­soldungen. Gehaltszulagen sind ausgeworfen für 14 Korps- aubiteure und den Gouvernementsauditeur zu Berlin von je 300 Mk., so daß das Gehalt künftig 5100 bis 5600 M. betragen soll. Eine Gehaltszulage von 600 M. ist für 49 Garnifonbauinspektoren ausgeworfen unter Wegfall ber bisherigen Lokalzulagen. Aus den einmaligen Ausgaben ist zu erwähnen ein neugeschaffener Unterstützungsfond für Offiziere und Militärärzte im Betrage von 42000 M. Die Erhöhung soll auf den laufenden Etat gelangen erst in Zusammenhang mit der anderweitigen Regelung der Rationsbezüge.

Altona, 24. Nov. Die Reiseunterstützungsvereine deutscher Tabaksarbeiter hier und Ottensen wurden be­kanntlich unter staatliche Kontrolle gestellt, weil sich die Mitglieder namentlich bei verschiedenen Begräbnissen in demonstrativer Weise benommen hatten. Gegen diese Re gierungsverfügung hat die Zentralstelle des Vereins in Bremen Berufung eingelegt, indem sie namentlich anführte, daß die Mitglieder ihrer Kasse nicht als solche, sondern als Privatpersonen gefolgt seien. Sowohl an die Vorstände, der beiden Filialen, wie auch an den Zentralvorstand sind, demHamb. Korr," zufolge, in diesen Tagen von dem Ministerium des Innern Schreiben eingegangen, worin dieselben aufgefordert werben, bas, was sie etwa zu ihrer Verteibigung vorzubringen haben, schleunigst einzureichen.

Düsseldorf, 24. Nov. Im Handelskammerbezirk München-Glabbach stnb auf Anregung ber Handelskammer 34 Firmen übereingekommen, daß bie tägliche Arbeitszeit in beu Spinnereien nicht über 12 Stunden bauern solle. Sechs Spinnereien ans bem Bezirk stnb bei biefem lieber« einkommen nicht beteiligt. Die hiesige königliche Regierung macht biefes liebereinkommen mit dem Bemerken bekannt, baß basselbe im Interesse sowohl ber Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer liege, indem es außer dem Schutz ber Ge­sundheit der Arbeiter Einschränkung ber Ueberprobuktion bezwecke.

Münster, 25. Nov. Oberregierungsrat Karl Wiudt- horst in Magdeburg ist mit 23 Stimmen zum ersten Bürger­meister von Münster gewählt worben; bie übrigen 11 Stimmen erhielt der zweite Bürgermeister Böle Hierselbst.

München, 25. Nov. Der bekannte Sozialdemokrat Keßler erhielt gestern von ber Polizeibirektion die Ordre, München und ganz Bayern binnen drei Tagen bei Ver­meidung sofortiger Verhaftung zu verlaffen.

Deutschen ein ordentliche» Gesicht haben wollen, bann müssen sie es in Paris machen lassen, sagt einer von den jungen Leuten zu Eurem Sohne. Und wenn die Franzosen Hiebe haben wollen, bann müssen sie nach Roßbach in Deutschland kommen, antwortet Euer Joel, und nun entsteht ein wilder Streit und nun*

Das Uebrige blieb Schleihahn schuldig. Er war wie abwesend gewesen. Sein Blick war nach einem Punkt in der Ferne gerichtet, und nun war eS, als ob er wie aus einem Traume erwachte, und er war verschwunden. Meister Jury rief nach allen Windrichtungen den Namen des un­heimlichen Entenfängers, aber Niemand gab Antwort, er war tote von der Erde verschwunden. Unter diesen Um­ständen war eS wohl das Geratenste, den Heimweg forizu- setzen, aber während der Nacht kam kein Schlaf über JoelS Vater. Das Gesicht des alten RiesengrenadierS kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Sein nächster Weg am andern Morgen sollte nach dem Entenfang sein, aber er wurde in seinem Wege anfgehatten durch den Besuch beS Goldschmieds MarteuS.

Beide waren zusammen Jugendgenoffen gewesen, zu­sammen auf die Wanderschaft gegangen, Mariens hatte sich als Silber- und Goldschmied in Potsdam niedergelasseu, aber es war kein rechter Fortgang in seine» Verhältnissen. ES gefiel ihm besser in Tabagien, als zu Hause in seiner Werkstelle. Anstatt die Hand zu rühren, arbeitete er im Kopfe unaufhörlich mit Projekten, deu unmöglichsten. Aber schwadronuiereu konnte er, wie kaum ein anderer seiner Mitbürger, und die Zustände seines Vaterlandes fanden in ihm den schärfsten Kritiker. Dieser politische Krakehl fand hinreichende Nahrvng an den Nachrichten, die auS Frank­reich herüberkamen von deu ersten Sturmwogeu der Revo- totion. Jury erzählte Martens sein Abenteuer von gestern und teilte ihm seine Absicht mit, zu Schleihahu nach der Piischheide zu gehen. Martens lachte ihn aus, erklärte den Entenfänger für einen Betrüger und führte gegen dieses Fernsehen alle Waffen ins Gefecht, welche dem rattona- listischen Materialismus gegen jede geheimnisvolle, natür­liche magische Aenßerung der menschlichen Seele zu Ge­bote steht.--- (Fortsetzung folgt.)