Rr. 277.
Marburg, Freitag, 26. November 1886.
XXI. Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Berrtage» nach Sonn» und Feiertagen. — Quartal- Ws-nneinentS-Prei-dei der
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Expedition: Markt 21. — Reaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. tkoch.
SE" Für den Monat Dezember werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Be- stellungen auf die
Oberhessische Zeitung
«ebst deren Beiblätter
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Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Zur wirtschaftlichen Lage schreibt der „Düsseld. Anz.": Trügen nicht alle Anzeichen, so kann der Druck, der etwa in den letzten zwei Jahren auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens lastete, wenigstens auf einigen derselben als gemildert gelten. Niedrige Preise und Ueberproduktion wegen Mangel an Aufnahmefähigkeit fremder Mächte bildeten lange die Merkmale des wirtschaftlichen Lebens: der Umschwung kennzeichnet sich durch ein Anziehen der Preise, durch ein allmähliches Aufräumen der Vorräte und durch das Eingehen neuer umfangreicher Aufträge. Es scheinen in der Thal jetzt beffere Zeiten zu kommen.
In oer Montan» und Eisenindustrie, die stellenweise schwer gelitten hat, ist eine durchgreifende Besserung freilich noch nicht fühlbar; man sucht sich mit Konventionen zur Einschränkung der Produktion und zur Verhinderung weiteren Falles der Preise zu helfen. Aber der Bedarf wächst auch: in den neun ersten Monaten dieses Jahre» hat die Ausfuhr von Roheisen 314001 zugenommen, von Eisenbahnschienen um 2000, von schmiedbarem Eisen in Stäben um 25 800, von Eisen- und Stahldraht um 42000. Die Preise freilich bewegen sich noch auf sehr niederer Stufe: Roheisen kostete im September pro Tonne 43 Mk., im Vorjahr 48,3 Mk. Jndeß ist in neuester Zeit auch in dieser Beziehung, namentlich in Oberschlesien, eine Besserung eingetreten. Ein Anziehen der Preise ist auch für Steinkohlen zu beobachten. Kräftiger ist der Aufschwung " in der Textilindustrie. Es wird dies übereinstimmend aus allen Bezirken gemeldet. Auch aus der Uebersicht der Ausfuhr während der ersten neun Monate dieses Jahres ergiebt sich eine erhebliche Zunahme der Ausfuhr von dichten Baumwollenwaren, Strumpfwaren, Jute- Garn und Gewebe, Seilerwaren, Seide, halbseidenen Zeugen, besonders aber Schafwolle und Wollgarn und wollenen Tuchwaren. Auch die Preise heben sich.
Gleiche Beobachtungen werden gegenwärtig auch in Frankreich und England gemacht. Namentlich tragen hierzu
die Verhältnisse in Amerika bei, wo nach Ueberwindung der Eifenbahnkrisis sich wieder das Verttauen belebt und der Konsum steigt. Auch die dortigen Arbeitseinstellungen werden zur Vermehrung der Nachfrage nach europäischen Produkten beigetragen haben. Deutschlands Export nach Amerika hat während der Zeit vom 1. Oktober 1885 bis dahin 1886 um etwa 55 Millionen Mark zugenommen, nachdem das Vorjahr einen Rückschritt von fast 30 Mill, ergeben hatte. Der Export Deutschlands dorthin belief sich im letzten Jahre auf 306,4 Millionen Mark, also etwa auf den zehnten Teil unserer Gesamtausfuhr. Auch auf dem großen Stapelplatz Hamburg macht sich der Umschwung der Verhältnisie bemerkbar. Von einem dortigen Blatte wurde dieser Tage mit Genugthung hervorgehvben, daß sich das so lange gedrückte Geschäft wieder gehoben habe und daß die Aussichten auf einen lebhafteren Gang desselben gerechtferttgt seien; dort haben während der letzten drei Monate eine größere Reihe von Artikeln (schottisches Roheisen, Kohlen, Kupfer, Baumwolle, Wolle, Hanf, Seide) Preisbesserungen erfahren, nur für Getreide, Blei, Thee und Zucker sind sie gesunken. Handel und Industrie haben in letzter Zeit auch die Reichsbank wieder lebhafter in Anspruch genommen, weshalb diese den Diskontosatz erhöhen müß e.
Nur für die Landwirtschaft sind bessere Zeiten noch nicht wahrzunehmen; die Durchschnittspreise für Weizen und Roggen beliefen sich im September auf 151,75 Mk. bezw. 128,50 Mk., während die Durchschnittspreise des Vorjahres sich auf 160,9 bezw. 140,5 Mk. sollten. Die Einfuhr von Getreide hat im Jahre 1885/86 gegenüber dem vorhergehenden um 1414000 t abgenommen. Das scheint dafür zu sprechen, daß sich — soweit der Rückgang der Einfuhr nicht aus der vor Erlaß der neuen Zölle bewirkten übermäßigen Steigerung der Korneinfuhr zu erklären ist — die Konkurrenz des ausländischen Getreides etwas gemildert hat und daß es dem inländischen Getreide möglich wurde, auf dem eigenen Markt Absatz zu finden, der ihm früher durch die Konkurrenz des ausländischen Getreides erschwert wurde. Soweit diese Annahme zutrifft, würde also der Landwirt wenigstens einen gewissen Vorteil von den Zöllen gehabt haben. Der Rückgang in der Einfuhr ist zwar der Staatskasse nicht förderlich gewesen, er hat aber auch nichts zur Besserung der Preise beigetragen, noch weniger aber einen empfindlichen Mangel hervorgerusen; die deutsche Landwirtschaft deckte den Ausfall selbst durch eine größere Ernte (624000 t mehr als im Vorjahr), und es blieb nach Abzug der Ausfuhr und der Aussaat so viel zum Verbrauch übrig, daß nicht nur tein Mangel eintrat, sondern auch die Preise sich nicht hoben — ein Beweis, wie viel überflüssiges Getreide in
früheren Jahren nach Deutschland kam und dort zum Teil das inländische unverkäuflich machte. Die Landwirte haben aber auch von der Schafzucht in diesem Jahre größeren Vorteil gehabt: im Jahre 1885 kosteten 100 kg Wolle norddeutscher Schäferei in Berlin im Durchschnitt 267 5 Mark, im September d. Js. 320 Mk.
Der Aufschwung von Handel und Industrie, der sich in manchen Zweigeit wahrnehmbar macht, wird freilich erst dann ein vollständiger sein, wenn es der Landwirtschaft bester geht. Aber auch die Anfänge der Besserung sollen nicht unterschätzt werden. Einen sehr wesentlichen Anteil hieran dürfen wir der Schutzzollpolitik insofern zu- schreiben, als sie in den Jahren des Niedergangs die Industrie vor großen Katastrophen bewahrt hat und ihr wenigstens den inländischen Markt zu sichern wußte. Jen« Politik allein ist es zu verdanken, daß während der mageren Jahre Arbeitsentlassungen in größerem Umfange und nennenswerte Lohnherabsetzungen wie in der Mitte der siebziger Jahre nicht eingetreten sind. Die Schutzzoll- Politik ermöglichte den Unternehmern, die flaue Zeit zu ertragen. Hoffen wir, daß die Anzeichen der Besserung nicht trügen und daß die Besterung Bestand hat.
Deutsches Reich.
Berti«, 24. Nov. Der Kaiser empfing Vormittags den russischen Militärbevollmächtigten Kutusow und nahm später den Vortrag Wilmvwski's entgegen. Gestern besuchte der Kaiser die Oper — Die „Norddeutsche" erklärt, der Bericht der „Times", wonach bezüglich der Uebertragung des Schutzes der russischen Untertanen in Bulgarien Unterhandlungen zwischen dem deutschen Vertreter und Kaulbars stattgefunden hätten, welche resultatlos verlaufen seien, sei vollkommen unbegründet; es erhelle dies auch schon daraus, daß derartige Verhandlungen sich nicht zwischen den Vertretern sondern nur zwischen den Regierungen selbst erledigten. — Die „Köln. Ztg." schreibt hierüber: Die Pariser Nachricht, Rußland habe nach Kaulbars Abreise den Schutz seiner Untertanen anfänglich Deutschland übergeben wollen, alsdann aber Frankreich übertragen, hat ein begreifliches Aufsehen gemacht und verschiedene Auslegungen hervorgerufen. Auffällig ist, daß die Bestätigung und Erklärung des Vorganges aus Petersburg noch nicht erfolgt ist. lieber die Thatsache liegt für jetzt nur die offiziöse Nachricht aus Paris vor, nach welcher Freycinet dieselbe dem Ministerrat mitgeteilt habe. Die Lache bedarf aber jedenfalls noch der Aufklärung. Pariser Blätter verwerten sie schon für das Ausspielen des französisch-russischen Bündnisses, aber Deutschland wird sich nicht dadurch beirren lassen. Mau hat unsere guten Beziehungen zu Rußland auch sonst hier und dort nicht durchweg richtig aufgefaßt und auch gelegentlich wohl
Geschichtstaleuver.
26. November.
1741. Kurfürst Karl Albert von Bayern erobert Prag, wo er sich als König von Böhmen huldigen läßt.
1793. Die Preußen fechten in der dreitägigen Schlacht (bis zum 28.) bet Kaiserslautern gegen die franz. Generäle Pichegrü und Roche.
1812. Napoleon geht über die Beresina zurück.
(Nachdruck verboten )
Kranz und Kreuz.
Vaterländische Erzählung von Georg Horn.
L
Es war im Juli 1787, als man im ersten Jahre nach dem Heimgänge Friedrichs des Großen auf den Wiesen vor dem Teltower Thore zu Potsdam das Schützenfest feierte. Die Schützengtlde der Havelstadt war eine alte Korporation, begünstigt von den Kurfürsten und Königen, und das Schützenfest daS Volksfest der Bevölkerung der Havelstadt. Für je einen Prinzen, für den König Friedrich Wilhelm n. ward ein Schuß gethaa, und wer ins Zentrum traf, war Schützenkönig. Diesmal jedoch schien keiner der ans der niedrigen Schießhütte am Brauhausberg für die Hoheiten und die Majestät abgegebenen Schüsse in das Schwarze treffen zu wollen: alle dafür eingetretenen Schützen zogen sich mißmuttg zurück, in abergläubische Aeußerungen über ihr Mißgeschick sich Luft machend, bis dann plötzlich lautes Freudeugeschret bekundete, daß der Meisterschuß gethan sei.
Der Name des Glücklichen ging von Mund zu Munde. ES war Joel Jury. Sein Vorname war Johann Samuel, aber zusammengezogen wurde er im Hause und in der Familie Joel genannt. Die Potsdam« sprachen den Namen* deutsch aus, obwohl in der Familie die Traditton sich erhalten hatte, daß die Jurys untre dem großen Kurfürsten, »egen ihrer hugenottischen Religion aus Frankreich vertrieben, in Potsdam eingewandert waren und sich hier seßhaft
gemacht hatten. Sie waren ihres Metiers Kupferschmiede und hatten das Privilegium in der Stadt Potsdam, allein dieses Handwerk ausüben zu dürfen. Daher sie auch gute Nahrung hatten und zu Verwögen gekommen waren. DaS Famtlienhaus war an der Ecke der Nauenerstraße und des jetzigen Wilhclmsplatzes und die Gaffe, die heut zu Tage Ebräerstraße sich nennt, hieß damals nach Meister Jury die Kupferschmiedegaffe. Meister David konnte aber noch mehr als Kessel schlagen und Wärmflaschen für die Wöchnerinnen. Er war ein Stück Künstler. Von seiner Hand frei in Kupfer getrieben, freilich nach Modellen von Bildhauern, war die Fortuna auf dem Schloßportal, der Atlas auf dem Rathause und die drei Grazien auf der Kuppel des Neuen Palastes bei Sanssouci. Friedrich der Große estimirte den kunstfertigen Handwerker und darum war er auch von Rat und Bürgerschaft hoch geachtet, nicht allein ob der Gunst des Königs, sondern weil er einer der ehrenwertesten Bürger der Stadt war, ein Mann von echtem Schrot und Korn. Seine Eheliebste war ihm gestorben und an ihrer Stelle waltete tut Hause seine hochbetagte Mutter, Frau Regina Jury, welche in ihrer Jugend noch die strengen Zeiten Friedrich Wilhelm I. erlebt hatte, bereit Ehegatte zwei Jahre vorher bas Zeitliche gesegnet hatte und auf dem Kirchhofe zu Bornstedt beigesetzt worden war. Im Hause waren zwei Söhne, beide erwachsen und beide das Metier des Vaters treibend, der Aelteste Eberhard und der Jüngere Joel, der eben den Meisterschuß gethan hatte.
Fern ab unter den Bürgern der Stadt bei einem Glase Königsbier saß der Vater und vernahm dann die Kunde von der seinem Sohne widerfahrenen Ehre. Von allen Setten kamen Glückwünsche an ihn heran, aber e8 schien nicht, als ob sie großen Eindruck auf ihn machten. Auch nicht das Erscheinen d«S Sohnes schien ihn anders zu stimmen, als dieser geschmückt mit den alten Kleinodien der Schützengilde an seinen Vater herantrat, um in seiner neuen Würde ihm zuerst die Ehre zu geben. Joel war wohl der hübscheste unter den Bürgerssöhnen Potsdams, von hohem
und kräftigem Wüchse, mit ein Paar großen schwarzen Angen im Kopfe und einem Ausdruck im Gffichte, der ihn jedermann zum Freund machen mußte. Unter seinen Kameraden hieß er nur „der Franzosenkopp" und in dieser Bezeichnung lag etwas wahres. Der Ausdruck seines ganzen Wesens war fix, leicht und lustig. Alle Welt hatte ihn gern und die um den Vater versammelten Bürger fangen das Lob des jüngeren Sohnes. Der Vater hörte das mit großem Gleichmute an, sogar mit einer gewissen Ironie und meinte: „Er wäre das tadelloseste Mannsbild — wenn eS eben fein Weibsbild auf der Welt gäbe.*
In demselben Augenblicke kam eine junge Frauensperson an dem Tisch vorbei, schön, üppig und voll jenes Bewußtseins im Auftteten, welches körperliche Reize und die Gewißheit der Herrschaft über die Männerherzen verleihen. DaS Mädchen begrüßte Meister Jury als Herrn Nachbar, war aber auch gleich verschwunden. Lange ging ihr aber die Rede der Bürger nach, die von Betty Torchiana nicht eben das Lobenswerteste zu sagen wußten. Keiner wußte dem Mädchen etwas nachzusagen, aber alle konnten es mit dem züchtigen Wesen einer Jungfrau nicht vereinbaren, daß daS Mädchen in der Weinstube ihres Vaters verkehrte, in der sich die junge und alte leichtlebige Welt Potsdams ein Rendezvous gab. Ihr Vater Battista Torchiana handelte mit Jtalienerwaren und hiell eine Frühstücksstube, wo alle Delikatessen und ausländischen Weine zu haben waren. Zwischen seinem Hause und dem des Kupferschmieds Jury lag nur noch eins dazwischen.
Auf dem Schützenplatze war eS unterdes dunkel geworden. Betty hatte den Platz und alle die Budenstraßeu durchwandert, immer, wie es schien, auf der Suche. Sie traf hier und da Bekannte, begrüßte diese, aber unter irgend einem Vorwande suchte sie sich ihrer Gesellschaft zu entledigen, so daß sie bald wieder allein war, was ihr gar nicht unangenehm zu sein schien. Sie zeigte in ihrem Wesen die unverkennbaren Anzeichen, daß sie Jemanden erwartete; denn von jeher war der Schützeuplatz und seine Umgebung