Nr. 275.
Marburg, Mittwoch, 24. November 1886.
XXI. Jahrgang.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlattoS, sowied Annoncen-Bureaux von Haafenstein undBogler in Frankfurt a.M-, Caffek^ Magdeburg und Wien; Rudolf Mosfe in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,München und
Köln; G. L. Daube und To. n Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Parisi
Wöchentliche Beilagen: Kreis s Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. *
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Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Nov. Der Kaiser nahm heute vormittag die Vorträge des Hofmarschalls von Perponcher und des Geh. Kabinettsrats von Wilmowski entgegen und empfängt nachmittags um 4 Uhr den Staatssekretär Graf von Bismarck. — Großfürst Wladimir von Rußland reiste schon gestern abend um 11 Uhr hier ab. Mittags war derselbe voin Kaiser empfangen worden. — Betreffs einer Meldung der Blätter, wonach Jühlke von der deutschen ostafrikanischen Gesellschaft einem Schiffe den Rang abgelaufen hätte, an dessen Bord sich eine italienische Juba- Expedition befunden habe, hat die „Nordd. Allg. Ztg." durch Rückfrage bei der Direktion der deutschen ostafxikanffchen Gesellschaft festgestellt, daß die ganze Nachricht fasch ist. Die „Nordd. Allg. Ztg." bedauert es, wenn solche noch dazu grundlose Hetzereien gegen befreundete Staaten in deutschen Blättern Aufnahme finden. — Die Nordhausen- Erfurter Eisenbahngesellschaft hat, in der übrigens verhältnismäßig schwach besuchten Generalversammlung vom 20. d. M. beschlossen, ihr Unternehmen nur gegen eine von ihr näher bezeichnete Erhöhung des Staatsangebots an den Staat abzutreten. Aus guter Quelle erfahren wir, daß die Staatsregierung die Mehrforderung bereits abgelehnt hat und die Verhandlungen nunmehr als abgebrochen betrachtet. — Ueber den ersten Cholerafall in Breslau berichtet die „Schles. Ztg." ausführlicher: Am Donnerstag, den 18. d., mit dem um 6 Uhr 10 Minuten abends aus Oberschlesien hier eintreffenden Personenzuge kam ein Auswanderer hier an, welcher sich in das am Oberschlesischen Bahnhofe gelegene Auswandererlokal begab. Dem daselbst mit der Revision beauftragten Bahnbeamten fiel der Mann auf, weil er über sein Befinden klagte, er erklärte Leibweh zu haben. Sofort wurde der Kranke, ein Bergmann Namens Pillat — mittels Droschke — nach dem Wenzel- Hanckeschen Krankenhause gebracht und in die für Leidende,
welche mit Infektionskrankheiten behaftet sind, speziell vorbereitete Filzbaracke gelegt. Noch in der Nacht wurde der Privatdozent Dr. Buchwald, der dirigierende Arzt des genannten Krankenhauses, gerufen. Derselbe konstatierte, daß ein Fall von Cholera asiatica vorliege. Dasselbe Resultat ergab die Sektion, welche Sonnabend mittag in der Cholera-Baracke des Wenzel-Hanckeschen Krankenhauses im Beisein des Medizinalrats Prof. Ponfick, des ersten Arztes Buchwald, des Prof. Neiffer und der Bezirksphysiker Schmiedel und Lesser stattfand. Der Sektionsbefund ergab unbedingt charakteristische Merkmale von Cholera asiatica Im Neisserschen Laboratorium wird die battcriologische Untersuchung über die Dejektionen des Kranken fortgesetzt. Von Seiten der Behörden sind die umfassendsten Maßregeln ergriffen worden, um eine Weiterverbreitung der Seuche zu verhüten. Gleichwohl ist es nicht unmöglich, daß unter den zahlreichen Auswanderern — es haben seit Anfang Oktober etwa 5000 Breslau passiert — noch ähnliche Fälle auftreten.
— Die Ansiedelungs-Kommission für Posen und Westpreußen hat nunmehr Güter in dem ungefähren Umfange von zwei Quadratnteilen angekauft. Offiziös wird hierzu bemerkt: Die Erwerbspreise übersteigen durchschnittlich den bei der Bemessung des Zehn-Millionen-Fonds zu Grunde gelegten Anschlagspreis nicht und sind überdies derart, daß ein Wiederverkauf zu dem gleichen Preise sich mit Sicherheit erwarten ließe. Die finanziellen Jnwressen des Staates erscheinen daher vollständig gewahrt. Was die Besiedelung anlangt, so soll den thatsächlichen Verhältnissen im weitesten Umfang Rechnung getragen werden. Weder in Bezug auf die Größe der aufzuteilenden Bauernahrungen, noch in Bezug auf die Errichtung der neuen Wirtschafts- und Wohngebäude wird schemaiisch vorgegangen; nach beiden Richtungen soll vielmehr die Nachfrage von ausschlaggebender Bedeutung sein. Insbesondere wird denjenigen Ansiedlern, welche die erforderlichen Baulichkeiten selbst errichten wollen, weit entgegengekommen werden. Andererseits ist auch die völlige bauliche Ein- richtung der neuen Wirtschaften durch die Regierung nicht ausgeschloffen, damit auch tüchtige Landwirte, deren Kapital nicht zureicht, um die gesamte Bau- und Ansiedelungskosten mit etwa 300 Mark auf das Hektar zuzuzahlen, in den Stand gesetzt werden, bei der Ansiedelung sich zu beteiligen. Selbstverständlich befindet sich dieser Zweig der Thätigkeit zumeist noch im Stadium der Vorbereitung.
BresltlN, 20. Nov. Ueber den bereits gemeldeten Cholerafall berichtet die „Schles. Ztg.": Heute vormittag ist im Wenzel-Hanckeschen Krankenhause durch den Medizinalrat Professor Dr. Ponfick die Sektion des an der
Geschichtskalender.
24. November.
1762. Oesterreich und Preußen schließen einen Waffen- stillstaud.
1848. Der Papst Pius IX. flieht in der Nacht von Rom nach Gaeta.
1870.
24. Nov. Thionville kapituliert. — Siegreiche Gefechte bei Msziöres und Baune-lL-Rolande.
(Nachdruck Oerboten.]
Achttausend First hoch im Schnee.
Die ganze Luft schien mit flüssigem Silber angefüllt! Vom wolkenlosen Himmel warf die Sonne ihre blitzenden Strahlen in die weite, unübersehbare Eis- und Schnee-Einöde und funkelnd kamen die Strahlen zurück von den Eis- und Schneefeldern. Ein schwaches Blau droben am Himmel, ein glitzerndes Leuchten in der klaren, scharfen Lust, ein leuchtendes Weiß, aus dem kleine Funken emporzusprühen schienen, auf dem Boden der wilden Gebirgslandschaft. Gleich riesigen Hörnern reckten sich zur Seite zwei Berggipfel gegen den Himmel empor, auch sie umkleidet mit der prächtig-furchtbaren Winterrüstung, mit Schnee und Eis. Vor all dem Blitzen und Leuchten mußte das menschliche Auge sich senken, es war unmöglich auch nur einige Augenblicke gerade auszusehen. Allein die Schutzbrillen aus gefärbtem Glase gestatteten einen weiteren Ausblick. Ein einziger schwarzer Punkt in dieser weißen Landschaft! Vom Gipfel des Felsen herunter grüßt ein kleines, aber festes Haus. Das Dach, aus schweren Stämmen, ist ebenfalls mit Schnee bedeckt; aber doch hebt sich da? ganze Gebäude aus den Schneewellen umher ab. Der Wanderer, der den Weg durch Schnee und Eis nicht scheut, erblickt es schon auf weite Entfernung, es grüßt ihn und ermuntert ihn zu verdoppelten Kraftanstrengungen. Freundliche Hände spenden
droben zwischen Eis und Schnee dem wegmüden Wanderer Speise und wärmenden Trank.
Einsam liegt der im Sommer so belebte Gebirgspaß. Einzelne, wenige unerschrockene Leute wagen zu Fuß oder im Schlitten den Weg; manchmal vergeht ein ganzer Tag, ohne daß ein einziges fremdes Gesicht zu schauen, ab und zu eine ganze Woche. Nur die Bergarbeiter, die mühsam die Straße frei halten, so weit das möglich, sammeln sich da oben zur Rast bei dem Bewohner des Berghauses, ihrem Obersten. Martin heißt der Mann. Seit dreißig Jahren wohnt er hier oben, wo ihm feine Frau starb, seine Tochter, die Kathrin, geboren ward. Der letzteren ist's auch einmal zu einsam hoch oben im Gebirg geworden und sie hat hinaus gewollt unter Menschen. Der Alte hat ja gesagt. Die Kathrin ist gegangen, und die Kathrin ist wiedergekehrt. „Vater, lieber mag ich noch sein unter Schnee und Eis!* hat sie gesagt. Und der Alte hat genickt dazu, als ob er verstände, was sie unausgesprochen ließ. So kalt das Eis, so kalt der Schnee, aber doch immer noch nicht das Allerkältest'!*
Zwei Tage hat niemand den Weg, beim Berghaus vorüber, passiert, alles still. Kathrin, des alten Martin Tochter, sitzt am kleinen Fensterchen ihrer Kammer und sieht hinab in die Schneelandschaft. Es ist ihr, als würd jemand kommen heut, den seit manchem laugen Monat sie nicht gesehen. Wer es ist? Die Kathrin beißt die Zähne zusammen, sie schweigt und sagt kein Wort. Nach langer Pause erst sagt sie leis vor sich hin: „Du Herrgott im Himmel!* Nebenan sitzt Martin mit seinen Leuten, die einander erzählen. Er schweigt und achtet kaum auf das, was jene zu einander sprechen. Heute vor fünf Jahren war es, daß Kathrin heimkam aus dem Flachland, damals eine 19jährige Dirn. Der Alte denkt ungern an den Tag, —' — und doch kann er seinen Erinnerungen nicht gebieten.
Weit unten im Thal glimmt es den Eisweg heran. Das Frühjahr hat am Fuß des Gebirges wohl aufgeräumt mst dem Schnee, aber von der Höhe von fünftausend Fuß ab hat der Wioter noch seine volle Macht. Ein leichter Schlitten ists, den ein starker Gaul den schmalen Psad durch den
Cholera verstorbenen ungarischen Auswanderers vorgenommen worden. Der Sektion wohnten die Anstaltsärzte des Krankenhauses, der Polizei-Physikus Dr. Schmiedel, Pro- ieffor Dr. Neiffer und einige andere Aerzte bei. Die Lektion hat ergeben, daß der Verstorbene an asiatischer Cholera gestorben ist und dieser Befund, im Verein mit dem Verlaufe der Krankheit, dürfte schon genügen, um die Diagnose, welche die Anstaltsärzte sofort gestellt hatten zu bestätigen. Bis heute ist der vorgekommene Fall ver- emzelt geblieben, und er wird es, nach den getroffenen Maßnahmen, voraussichtlich auch ferner bleiben. Aus der Bevölkerung ist bisher kein, auch nur irgendwie verdächtiger Erkrankungsfall bekannt geworden. Heute abend um 6 Uhr ist im königlichen Regierungsgebäude bei dem Regierungspräsidenten v. Juncker eine Konferenz der Bres- lauer Polizeiphysiker abgehalten worden, welcher der Geheime Medizinalrat Dr. Wolff beiwohnte. Es dürfte sich hierbei um Beratung von Maßnahmen gegen die Cholerw- Gefahr nicht allein für die Stadt, sondern auch für den Regierungsbezirk Breslau gehandelt haben. Seitens des Herrn Regierungspräsidenten, sowie auch seitens des Herrn Oberprastdenten dokumentiert sich das regste Interesse für alle Maßnahmen, welche zur Sanierung des Breslauer Bezirks, wie der Provinz Schlesien überhaupt dienen können. Es steht zu erwarten, daß durch Einrichtung besonderer Kontrollstationen an hervorragend frequentierten Punkten der Bahnen die Gefahr der Einschleppung der Cholera durch Auswanderer wesentlich herabgemindert werden wird."
Görlitz, 21. Nov. Bei hiesigen Sozialdemokraten fanden Haussuchungen statt, die zur Auffindung ganzer Lager sozialdemokratischer Schriften geführt haben; unter denselben haben sich, wie die „Görl. Nachr. und Anz." erfahren, die neuesten Nummern des „Sozialdemokrat" befunden. Weitere Enthüllungen werden die Gerichtsverhandlungen bringen.
Hannover, 20. Nov. Der auf Anlaß des Kultusministers als Entwurf aufgestellte „Normal-Lehrplan für höhere Mädchenschulen" ist von der hiesigen Regierung den Direktoren sämtlicher ihr unterstellter höherer Töchterschulen zur Begutachtung übersandt. Dabei hat es sich nun sofort herausgestellt, wie wenig wohlgethan es gewesen ist, die Ausarbeitung des Normalplans nur Berliner Pädagogen zu überlassen und nicht auch aus den übrigen Teilen der Monarchie Vertreter deö Töchterschulwesens dazu heranzuziehen. Die Begutachtung hat nämlich von den Direktoren der drei hier in Hannover vorhandenen sogenannten Stadttöchterschulen, das ist Schulen mit acht aufsteigenden Klassen, in benen als einzige fremde Sprache Schnee hinanzieht. Wcitz steigt es von de» Nüstern des Pferdes in der kalten Luft auf. Zwei Männer sind im Schlitten drin; der eine ein Mann aus dem Gebirg, der Kutscher, der andere ein Herr in warmem Pelz, der munter um sich her schaut, des Wagestücks sich selber gegenüber rühmt. Zeitweise fahren seine behandschuhten Hände durch die am Wege aufgehäuften Schneewälle. Er ballt den Schnee zusammen, so gut es geht, und wirft ihn vorwärts, laut auflachend, wenn das Pferd, vom Schnee getroffen, sich schüttelt.
Steil und steiler wird der Weg. Hart an Abgrundes Rand zieht er sich hinauf. Schaudernd blickt der Passagier in die Tiefe. Ein Sturz, alles ist aus! Dummer Gedanke. W^r denkt an das Sterben, wo das Leben die schönsten Hoffnungen bietet? Er lacht, und das Lachen klingt zurück von den Felswänden. Das Pferd scheut einen Augenblick. Der Kutscher steigt aus, faßt es am Zügel und führt es sorgfältig über eine gegenwärtig besonders gefährliche Stelle fort; sein Passagier ist sehr bleich geworden und hat einen Moment gedacht: Vielleicht wäre es besser gewesen, die Fahrt zu unterlassen! Dann aber nimmt er einen lange» Schluck aus ber Reiseflasche, nimmt sich gewaltsam zusammen und blickt scheinbar wieder ebenso munter wie früher um sich. Und weiter gehts, immer höher, aus schwindelndem Weg, vorbei an gähnenden Abgründen.
Das Pferd schnaubt gewalttg; die Anstrengung ermüdet es und der Kutscher verdoppelt seine Schmeichelworte. Die Weichen heben und senken sich, die kräftigen Beine zitter». Abermals nimmt es der Kutscher am Zügel. Da munteres Hundegebell, und das giebt auch dem müden Tiere neue Kraft. Droben von der Höhe springt in weiten Sätzen ein prächtiger Hund, hinein in den Schnee und hinaus, ihm ist das ein Vergnügen, gleich dem, wenn im Flachlande sich Hunde in der warmen Sonne wälze». Und nun hört mau auch Männerstimmen. Bergarbeiter find es, die aus dem Berghaus herabkomme». (Schluß folgt.)