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Nr. 274.

Erscheint täglich außer au Bottegen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal« USv^nementS-Dreis bei bo Spedition 21/« Mk., bei tze» Postämter 2 >M. 50 Sfg. (erd. Bestellgeld). JufertronSgebithr für die aefioitene Zelle 10 Pfg. Sieklamen für bie Zelle 25 Pfg.

WchlMk jeitmiil

_ Marburg, Dienstag, 23. November 1886

XXI. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen die Expebition b Blattes, fowied Annoncen-Bureaur vonHaafenstein undDogl« in Frankfurt o. M , Caflck, Magdeburg und Wien; Rudolf Kaffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und

Köln; G. L. Daube und- Co. n Frankfurt a. W-, Bi rlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition" Markt 21. Reaktion, Druck und Verlag von Joh. Sug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 20. Nov. Der Kaiser nahm die Vorträge des Hofmarschalls Graf von Perponcher und des Generals von Albedyll entgegen und erteilte dann dem neuen Militär- Bevollmächtigten bei der deutschen Botschaft in Paris, dem Hauptmann Freiherrn von Heiningen, genannt Huene, Audienz. Das von den Abendzeitungen gebrachte Ge­rücht von dem Rücktritt des Kriegsministers und der Er­setzung desselben durch den Chef der Admiralität Caprivi, an dessen Stelle Vizeadmiral Graf Monts trete, ist in allen Punkten völlig unbegründet. Fortan können Post- Pakete ohne Wertangabe im Gewicht bis 3 Kilogr. nach Gibraltar, Labuan, Britisch-Guyana, Antiqua, Barbados, Dominica, Grenada, Montserrat, Nevis, St. Kitts, St. Lucia, St. Vincent, Tabago, Tortola und Trinidad zur Beförderung über England angenommen werden. Frei­machung ist geboten. Die zur Reichskasse gelangte Jst- einnahme, abzüglich Ausfuhrvergütungcn und Verwaltungs- kosten, ergab im ersten laufenden Etatshalbjahr gegen den­selben Vorjahrzeitraum ein Mehr von 7167 787 Mk. Der Großfürst und die Großfürstin Wladimir von Ruß­land tteffen auf der Rückreise nach Petersburg heute abend aus Schwerin hier ein und werden während der Dauer ihres Aufenthalts in Berlin bis Montag abend im ruf« stschen Bolschastshotel Wohnung nehmen. Die Mit­teilung, daß die Kandidatur des Fürsten von Mingrelien nicht, wie man verbreitet hat, die Zustimmung aller Mächte erhalten hat, sondern von einigen miitdestens dilatorisch be­handelt wird, erhält nunmehr von verschiedenen Seiten Bestätigung. DieNordd. Allg. Ztg." konstatiert heute, daß die Panslavistenpresse eine hochgradige Gereiztheit in­folge der Pestcr Delegationsverhandlungen bekundet und sagt mit Bezug auf das Katkowsche Blatt:Wenn das Moskauer Panslavisten-Organ den österreichisch-ungarischen Politikern das Recht bestreiten möchte, so zu sprechen, wie sie gesprochen haben, so dürfte demgegenüber denn doch die Bemerkung am Platze sein, daß etwa in den Delegationen gefallene lebhafte Ausdrücke durch die Schreibweise der Pan- slavistenblätter bei weitein Überboten werden, daß mithin zu Rekriminationen nach dieser Richtung gerade jene Blätter am allerwenigsten befugt erscheinen."

Der Bundesrat hielt am 19. d. Mts. eine Plenar­sitzung ab. In derselben führte zunächst in Behinderung des Staatsministers, «Staatssekretärs des Innern v. Böt­ticher, der Königlich bayerische Gesandte Graf von Lerchen- feld-Köfering, spater der Staatsminister von Bötticher, den Vorsitz. Es gelangten nachstehende Etatsentwürfe für 1887/88 zur Erledigung: der Verwaltung des Reichs­heeres, des Auswärtigen Amts, des Reichs-Eisenbahnamts und der Reichsschuld, ferner der Besoldungs- und Pen­sions-Etat der Reichsbank-Beamten. Den Gesetzentwürfen wegen Feststellung des Reichshaushalts-Etats für 1887/88,

Geschichtskalender.

23. November.

1558. Elisabeth, Heinrichs VHI. und der Anna Boleyn Tochter, besteigt den Englischen Thron.

1854. Der König Friedrich Wilhelm IV. nimmt von den Jahdcgebiet Besitz.

1870.

23. November. Beitritt Bayerns zum Deutschen Reich. Siegreiches Gefecht bei Le Quesnel und Ausfall aus Belfort.

sNachbruck verboten!

Die Martinsgans.

Eine Humoreske.

Was wir nachstehend erzählen, ist Wort für Wort lautere Wahrheit und es ist deshalb erklärlich, daß wir Ort und Personen nicht beim richtigen Namen nennen.

Der Herr Bürgermeister der kleinen Stadt Friedenthal hat eine böse Krankheit überstanden und der Arzt hatte ihm dringend einen Winterausenthalt im Süden vorge- schrieben. Leben und Gesundheit hinge davon ab. Der Herr Bürgermeister mußte wohl oder übel das städtische Szepter aus der Hand legen und es seinem Adlatus, dem Herrn Ratsherrn Krafft übergeben. Herr Krafft war eine Seele von Manu, er hielt aber sehr dafür, daß ein strammes Stadtregiment beobachtet werde, und schon lange kränkte es ihn, daß der Herr Bürgermeister oft genug dieFünf" eine gerade Zahl sein ließ. Herr Krafft war überzeugt, unter sothanen Verhältnissen werte die Unsicherheit in dem guten Friedenthal gewaltig zunehmen, bis man schließlich seines Lebens und seines Vermögens nicht mehr sicher sei. Deshalb war es ihm ganz recht, daß der Herr Bürgermeister für

betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Ver­waltung des Reichsheeres, der Marine rc., und über die Kontrolle des Reichshaushalts und des Landeshaushalts von Elsaß - Lothringen für 1886/87, wurde die Zustim­mung erteilt. Mit der Wiedervorlegung der in der ver­gangenen Session des Reichstages unerledigt gebliebenen Gesetzentwürfe wegen Errichtung eines Seminars für orien­talische Sprachen und über den Servistarif und die Klaffen- einteilnng der Orte erklärte sich die Versammlung einver- standen und beschloß, einer Eingabe des Magistrats zu Schlochau, betreffend die Versetzmig der Stadt Schlochau in eine höhere Servisklasse, keine Folge zu geben. Die Vorlage, betreffend die Dechargierung der Rech­nung der Kaffe des Rechnungs-Hofes für 1881/85, wurde dem Ausschuß für Rechnungswesen überwiesen. Endlich wurde noch in einigen Zoll- und Steuer-Ange­legenheiten sowie über die geschäftliche Behandlung inehrerer Eingaben Beschluß gefaßt.

Das Programm sür die bevorstehende Reichstags- sesfion wird in denBerk. Polit. Rachr." wie folgt ge­zeichnet:Neben dem Etat, der Uebersicht über die Ein­nahmen und Ausgaben für 1885/86 und der fälligen Jahresrechnung wird die Session eine stattliche Reihe von gesetzgeberischen Arbetten zu erledigen haben. Um mit der Sozialreform den Anfang zu machen, wird der Session die Aufgabe gestellt, das Kapitel der Unfallversicherung durch die Ausdehnung der bezüglichen Grundsätze auf die Seeleute und die bei Regiebauten Beschäftigten zum Ab­schluß zu bringen und so den Weg für die noch in Aus­sicht stehenden weiteren Reformen frei zu machen. Durch die Vorlage wegen Abänderung des Gerichtskostengesetzes und der Gebührenoronung für die Rechtsanwälte soll eine Quelle nicht unberechttgter Beschwerden gegen die Reichs- justizreform verstopft werden, während in der Errichtung eines orientalischen Seminars Hierselbst eine weitere Konse­quenz der aus planmäßige Erweiterung unserer überseeischen Beziehungen gerichtete Politik zu erkennen ist. Das Militär- Retiktcngefetz wird die Lücke ausfüllen, welche nach der Neuordnung des Militär- und Zivilpensionswesens, wie der Versorgung der Hinterbliebenen der Reichsbeamten, bezüglich der Hinterbliebenen des Militärs noch bestand. Die Revision der Klaffifikation der Ortschaften bezüglich des Servises ist eine periodisch wiederkehrende, übrigens aus der letzten Reichstagssession überkommene Aufgabe. Daß damit die Reihe der Aufgaben aus dem Gebiete des Heerwesens nicht abgeschlossen sein wird, dürste keinem Zweifel unterliegen; die in der Presse hier und da auf­getretene Annahme, daß die durch den bevorstendrn Ablauf des militärischen Septennats bedingte gesetzgeberische Vor­lage und die daran etwa zu knüpfenden wetteren Vor­schläge bis zum nächsten Herbste verschoben werden sollten, haben sich als unbegründet erwiesen. Dem Vernehmen längere Zett die Stadt verließ, denn nun konnte er ein richtiges Regiment nach seinem Sinne beginnen.

Gesagt, gethan! Der Herr Bürgermeister reiste ad und der Herr Ratsherr übernahm die Zügel der Regierung. Er lebte und webte nur in städtischen Angelegenheiten, kümmerte sich wenig um Haus und Hof und richt- te vor allem sein Bestreben daraus, seine Amtsperiode durch irgend ein be­sonderes Ereignis auszuzeichnen. Die Stadipolizisten hatten nicht viele ruhige Stunden mehr; sie liefen die Straßen aus und ab, patroullierten sogar des Nachts, aber alles blieb ruhig, nicht ein einzigesEreignis" vollzog sich. Zwei vagabondierende Kerle wurden allerdings festgenommen, aber das war doch noch kein Viertel Blatt in dem Lorbeerkranze, den Herr Krafft um die Stirn sich zu winden gedachte. Er wurde aber nur um so eifriger und kam vom Morgen bis zum Abend kaum vom Rathhause herab, zur Verzweiflung des ganzen städtischen Beawtenpersonals.

Wer gar nicht über den Amtseifer des Herrn Ratsherrn verzweifelt war, das war die hübsche Marie, sein einziges Töchterlein. Fand sie doch nun endlich einmal genügend Mutze, mit einem jungen Manne abends am Hoffenster zu flüstern, von dem der Herr Vater sehr wenig, sie aber sehr viel wiffen mochte. Des Herrn Ratsherrn Wunsch ging nach einem studierten Schwiegersohn, der später einmal möglichst der Bürgermeister von Friedenthal werden könnte. Der junge Herr war nur Kaufmann, zur Zeit in dem ersten G. schäft von Friedenthal thättg, aber doch mit recht guten Aussichten auf die Zukunft. Fräulein Marie hotte schon wiederholt versucht, den gestrengen Sinn deS Vaters zu erweichen und seine Abneigung gegen den Herrn Herrmann aufzuheben, alles vergebens. Der Herr Ratsherr hatte viel­mehr jeden Schritt seiner Tochter mit Argusaugen bewacht, und seit manchem Tag hatte diese ihre» Geliebten nicht tprechen können. Jetzt war daS anders geworden. Herr- manu öffnete im sicheren Novemberdunkel leise die Hofthür,

nach soll die neue Militärvorlage bereits zur Verteilunq gelangt sein und wird somit zu den ersten Vorlagen zählen, mit denen der Reichstag sich noch vor dem Weihnachtsfeste wird beschäftigen können."

DasZentralblatt der Bauverwaltung" veröffentlicht m seiner neuesten Nummer einen gemeinsamen Erlaß des Arbeitsministers, des Ministers des Innern und des Finanz­ministers, durch welchen im Anschluß an die vor einiger Zeit ergangenen Prüfungsvorschriften für das Baufach die Ausführungsbestimmungen für die praktische Ausbildung der Regierungs-Bauführer des Hoch- und Ingenieur-Bau- faches den königlichen Regierungen und Eisenbahndirektionen mitgeteilt werden. Nach der dem Erlaß beigegebenen, vom Minister der öffentlichen Arbeiten unterzeichneten avsführ- lichenAnweisung" zerfällt die vorgeschriebene dreijährige prattische Thätigkeit in einen einjährigen Vorbereitungs­dienst zur Einführung in das praktische Bauwesen und den Baubetrieb, einen darauf folgenden 18monatigen Dienst bei der besonderen Leitung von Bauausführungen, einen dreimonatigen Dienst bei einer Bauinspektion oder einem Eisenbahn-Betriebsamte und einen dreimonatigen Dienst bei einer Regierung (in Berlin bei der Ministerial - Baukom- mifston), bei einer Strombauverwaltung oder einer könig­lichen Eisenbahndirektion. Für den Vorbereitungsdienst sowie für bie achtzehnmonatige Thätigkeit bei Bauaus­führungen wird der Bauführer einem Bezirksbaubeamten oder einem mit einer größeren Bauausführung selbständig betrauten Baubeamten überwiesen. Auf besonderen Antrag kann derselbe aber auch bei einem bestimmten Staatsbau­beamten oder nicht in der Staatsverwaltung stehenden Baubcamten oder endlich bei einem Privattechniker ein­treten, sofern die letzteren an sich für eine erfolgreiche Aus­bildung des Bauführers genügende Gewähr bieten, außer­dem aber geneigt sind, denselben vorschriftsmäßig auszu- bilden. Die beiden letzten je dreimonatigen Abschnitte dienen nn Wesentlichen zur Einführung in den praktischen Verwaltungsdienst bei den oben genannten Behörden. Die vorliegende Anweisung gilt zunächst nur für die Regierungs- Bauführer des Hoch- und Ingenieur-Baufachs; für die Bauführer des Maschinen-Baufachs wird demnächst eine besondere Anweisung erlassen werden.

Der Bischof fr. Klein von Limburg, der in diesen Tagen in Rom geweiht worden ist, hat sich beim Papst eines besonders wohlwollenden mehrmaligen Empfanges erfreut und ist bei einer solchen Gelegenheit von demselben mit einem prächttgen Pektorale beschenkt worden. Bei einem Empfang am 31. v. Mts. richtete der Papst eine Ansprache an ihn, welche die Nordd. Allg. Ztg. in ihrem wesentlichen Teil wiedergibt: Sie sind ein deutscher Bischof. In Deutschland leben Sie unter Protestanten und sind auf näheren Verkehr mit denselben angewiesen. Sie werden es sich darum doppelt zur Pflicht machen, Ihr heiliges zu der Marie ihm einen Schlüssel gegeben, Mich in die Ecke, in welcher sich Mariens Fenster befand, und die Beiden plauderten da manche Viertelstunde.

So auch an einem unfreundlichen windigen November- abend. Aber was achteten sie groß auf die Witterung? Im Eifer ihrer Unterhaltung vergaßen sie ganz auf die Zeit zu achten, sie bemeikten gar nicht, daß der Herr Rats- Herr heimgekommeu und in sein, eine Treppe gsteg-nes Zimmer gegangen war. Er sah aus dem Feuster und bemerkte die dunkle Gestalt HeirmannS. Aber auch er hatte dabei etwas übersehen. An dem Feuster war eine rechte seifte Martinsgans befcsttgt, ein Lteblingsstuck des Herrn Ratsherrn, das er aus Furcht vor Dieben hier oben plazierte. Bei dem heftigen Oeffnen des Fensters ließ der Strick, und die gute Gans fiel herab, gerade auf den Kopf des Untenstehenden. Zwei Schreie! Herrmann packte unwill­kürlich die von oben herabgekommene wetcke Masse, und als der Herr Ratsherr nun rief:Diebe, Diebe!" machte er, daß er zum Hofthor hinauskaw. Mit der Gans! '

Herr Ratsherr Krafft triumphierte trotz des Verlustes der köstliche» Gans. Endlich etwas Besonderes! Ein Dieb­stahl, in seinem Hause! Das war lange nicht dagewesen. Am selben Abend noch wurde die ganze Polizei-Armee von Friedenthal allarmiert, die Nachforschungen begannen. Die Frtedenthaler Zeitung berichtete genau über denEinbruchs- Diebstahl", und in der ganzen Woche sprach kein Frieden- thaler von etwas anderem, als von der gestohlenen MartinS- gans. In der kommenden Woche sprach man zwar erst recht »och davon, aber nicht ohne Sticheleien auf den Herrn Ratsherrn. Trotz aller Mühe wollte es nämlich nicht ge- ltugeu, des Diebes habhaft zu werden. Was half dem Stadtoberhaupt aber der Diebstahl, wenn der Dieb nicht zu entdecken war?

Ratsherr Krafft saß verzweifelud in seinem Sorgeustuhl. Wo war die Martinsgans.Wer mir die Gans bringt.