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Nr. 273

Marburg, Sonntag, 21. November 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint Ui glich oii^er an Bettteflen nach Senn- und Feiertagen. Quartal» AbonnementS-PreiS bei der Expedition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Mk. 50 Kg. lexcl. Bestellgeld) MertionSgebühr für die äefpaltene Zelle 10 Pfg. Rellamen für die Zeile W Pfg.

ObeWschk Mm.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b SlatteS, fotoieb Annoncen-Bureanx von Haafenftein unbVogl« in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin.Münchenund Köln; G. L. Daube und So. n Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover u. Paris.

lich scharf ausgefallen. In Frankfurt am Main haben umfangreichere Verhaftungen von Sozialdemokraten statt­gefunden, ebenso sind in Berlin mehrere Verteiler sozia­listischer Flugblätter und diverse Tausend der letzteren polizeilich angehalten. In Frankfurt a M. stürzte sich ein Sozialdemokrat, bei dem eine Haussuchung stattfand, aus dem Fenster und war sofort tot. Eifrig besprochen wurde die Landtagsersatzwahl im Wahlkreise Hünfeld, bei welcher das der Zentrumspartci gehörige Mandat an einen Konservativen überging, sowie der Ausfall mehrerer in Berlin stattgehabter Stadtverordneten » Ersatzwahlen, in welchen die konservative Bürgerpartei den Sitz des ver­storbenen Ludwig Löwe eroberte.

. Endlich hat doch die Schwarzseherei, welche die Orient­krisis in düsterstem Lichte erblickte, freundlicheren Auf- fassungen Platz gemacht; es scheint, daß die Hauptschwierig­keiten, welche der Lösung der bulgarischen Frage in dem Weg standen, glücklich überwunden sind. Das Verdienst, dazu am meisten beigetragen zu haben, gebührt unstreitig der großen Rede des Ministers Grafen Kalnoky in Pest, die den politischen Himmel reingefegt hat. Rund heraus ist den Russen gesagt, daß eine Okkupation Bulgariens durch Rußland nicht werde stattfinden dürfen, denn Oester­reich-Ungarn, England, Italien und Deutschland seien einig darin, daß dieselbe eine Verletzung des Berliner Vertrages bedeute. Man hat in Petersburg ein gewaltig zorniges Gesicht gezeigt, aber alle Wut hat nichts geholfen, man hat sich mit den Thatsachen befreunden müssen. ES ist zwar für den eingefleischten Panslawisten ein sehr schmerz, lichcs Gefühl, zu sehen, wie die verhaßte bulgarische Re­gierung trotz der Thronablehnung durch den Prinzen Wal­demar von Dänemak immer noch floriert, und General Kaulbars sich vergeblich abmüht, ihren Sturz herbeizu­führen , aber es hilft nun einmal nichts. Auch das Stündlein des General Kaulbars scheint geschlagen zu haben Da die bukgarifche Regierung sich hartnäckig weigert, ihm Genugthuung zu geben, weil einige betrunkene russische Konsulatsdiener in Philippopel einige Stunden eingesperrt gewesen sind, so will er abreisen. Es wird dann eben fort sein. In Bulgarien wird Ruhe eintreten und die Groß­mächte werden dann energisch die Lösung der Wirren in die Hand nehmen. Rußland hat den Mächten bereits mitgeteilt, daß sein Kandidat der Prinz Nikolaus von Mingrelien ist.

In Oesterreich-Ungarn haben natürlich die Delegations Verhandlungen in Pest die vollste Aufmerksamkeit in An­spruch genommen. Anfangs war gegen den Minister Kalnoky eine starke Opposition vorhanden, weil er ihr nicht energisch genug vorging und namentlich Graf An- drasiy wurde nicht müde, ein schärferes Auftreten der Petersburger Regierung gegenüber zu fordern. Das hat sich aber gegeben, nachdem Kalnoky sein Prograinm dar­gelegt und auseinandergesetzt hatte, der ganze Unterschied Wiscyen feiner und Andrassys Ansicht sei nur, daß er aus

den König gefehlt, das sei ihm verziehen, weil es im Dienste der Dame geschah, jedoch unter einer Bedingung.

»Sire!*

»Daß diese Dame die Bürgschaft für den Kavalier übernimmt und ihn fortan so wenig wie möglich von ihrer Seite läßt.*

Mit einem Freudenruf, der nicht ganz mit dem Cere- moniel im Einklang stand, dem Ohr des Königs aber sehr lieblich klang, drückte Athenais die Hand des Monarchen an ihre Lippen.

, »Ich werde Befehl geben, daß der Gefangene Ihren Händen überantwortet werde, Sie finden ihn morgen in Fernou*, scherzte der König und entließ sie mit einem gnädigen Gruße.

_ Wieder schritt Simon Arnand von Pomponne in der Säulenhalle seines Schlosses zu Fenton ans nud ab. Lachend wie an jenem Festtage stand auch heute die Juuisoune am Himmel, weiß leuchteten die Maimorstatuen durch das Grün des Parke?, von den Blumenbeeten am Flusse trug der Westwind berauschende Wohlgerüche her; eS war alles wie an dem Morgen, wo er der Ankunft der angebeteten Fran geharrt, und doch wie anders! Wenige Tage hatten alles verändert. Er war herabgestürzt von seiner Höhe, ein Geächteter, Verbannter, bald ein alter einsamer Mann, der daS köstlichste Kleinod verloren in dem Augenblicke, wo er die Hand danach anszustrecken gewagt hatte.

Wieder, wie an jenem Tage, ließ sich das Rollen eine» Wagens vernehmen; der Marquis eilte ihm nicht entgegen, er konnte ihm keinen ersehnten Gast, fonbern nur einen Richter bringen. Sich zur Ruhe zwingend, setzte er ge­messenen Schrittes feinen Spaziergang fort; wer auch

Geschichtskalenver.

21. November.

1768. Der berühmte Professor Friedrich Schleiermacher wird zu Breslau geboren.

1806. Napoleon verfügt von Berlin aus das Secret der Kontinentalsperre gegen England.

1813. Die französische Besatzung übergiebt nach 9 monat­licher Belagerung Stettin.

1840. Die Preußische Kronprinzessin Viftoria wird geboren.

22. November.

1757. Die Preußen werden unter dem Herzoge von Bevern bei Breslau von Oesterreichern geschlagen, dieser gefangen genommen und BreSkau von den Feinden besetzt.

Gefalle«.

- Historische Erzählung von F. Arnefeldt.

(Schluß.)

ES wollte etwas wie Neid in dem Herzen des Königs aufsteigen gegen den Mann in reifen Jahren, dem noch die Liebe eines solchen Weibes geschentt ward, aber die Groß­mut seines Charakters gewann die Oberhand. Sein Zorn gegen Pomponne war verraucht, das Vergehen des Ministers erschien ihm nicht mehr so strafwürdig. Als »thenais ihm daher zu Füßen sank und ihre Bitte nm Gnade wieder­holte, beugte er sich zu ihr nieder und sagte:

»Stehen Sie auf, Gräfin. Was der Minister und Staatssekretär verbrochen, das soll er büßen» indem er dieses Amtes verlustig geht; waS aber der Edelmann gegen

1870.

21. November. Kapitulation der Festung Hamm.

Woche«scha«.

Kaiser Wilhelm hat die Hofjagd in Letzlingen trotz des bei derselben herrschenden regnerischen und unfreund­lichen Wetters vortrefflich überstanden. Erst im Laufe dieser Woche ist der greife Monarch von einer leichten Heiserkeit befallen; daran leiden aber auch zahlreiche junge Leute in der Novemberwitterung und bei einem fast neun­zigjährigen Mann ist sie erst recht etwas natürliches. Die allarmierenden Nachrichten, die auch diesmal hier und da wieder laut wurden, sind gerade so übertrieben, wie viele ihrer Vorgänger. An der Letzlinger Jagd nahm auch der Prinz Ludwig von Bayern, der einstige König des Bayernlandes teil, der mit ganz besonderer Auszeichnung in Berlin empfangen wurde. Der Prinz ist erst in der zweiten Hälfte der Woche nach München zurückgereist. Von ihrem langen Aufenthalt in Italien ist nun auch die deutsche Kronprinzessin wieder in Berlin angekommen, wo dieselbe am 21. d. Mts. ihren Geburtstag begehen wird. Der deutsche Kronprinz wohnte mit zahlreichen anderen Fürstlichkeiten der Vermählung der Herzogin Charlotte von Mecklenburg-Schwerin mit dem Prinzen Heinrich XVIII. Reuß in Schwerin bei. Der Reichskanzler hat sich be­reits zum Beginn der Woche wieder von Berlin aufs Land, nach Friedrichsruhe, begeben und wird also auch zur Reichstagseröffnung nicht in Berlin sein.

Die Eröffnung des Deutschen Reichstages wird nun­mehr am kommenden Donnerstag im Weißen Saale des Königlichen SchlofieS in Berlin erfolgen. Ob Kaiser Wilhelm selbst den Eröffnungsakt vornimmt, steht noch nicht fest; sollte der Monarch verhindert fein, jo wird der Staatssekretär von Bötticher die Thronrede verlesen. Dem Bundesrat ist der neue Reichshaushaltsetat nunmehr voll­ständig zugegangen; er weist eine Erhöhung der Beiträge der Bundesstaaten zur Reichskasse, der sogenannten Matri- kularbeiträge um 33 Millionen Mark auf, schon das wird Anlaß zu weitgehenden Debatten im Reichstage geben. Die übrigen für die Volksvertretung verbreiteten Gesetzes- Vorlagen werden dagegen noch etwas auf sich warten lassem Vielfache Mitteilungen waren auch wieder über den Stand der kirchenpolitischen Verhandlungen zwischen Berlin und Rom verbreitet, wobei der Bischof Dr. Kopp von Fulda, der bekannte bisherige Vermittler zwischen Staat und Kirche, zum Gegenstand von Angriffen in der Zentrums- Presse gemacht wurde. Die Angriffe waren nutzlos, denn es hat sich hinterher herausgestellt, daß noch gar nichts bestimmtes feststeht. Dagegen hat der Papst eine neue Note an die päpstlichen Nuntien gerichtet, in welcher er sich über die antipäpstlichen Demonstrationen in Italien beklagt. Aus Berlin wird berichtet, daß die Verhandlungen mit Deutschland wegen der ostaftikanischen Besitzungen dem definitiven Abschluß nahe sind.

Viel von sich reden gemacht hat die Sozialdemokratie. Den Spremberger Sozialistenprozcsfin ist ein solcher in Altona gefolgt und auch hier sind die Strafen ziem-

ruhigem Wege zum Ziele zu kommen hoffe, währeud jener sofort ein scharfes Auftreten fordere. Das Ziel sei aber gemein fam. Sehr beruhigende Versicherungen wurden vom Kriegsminister abgegeben, der darlegte, die Mobilisierung der Armee könne jetzt noch einmal so schnell als früher erfolgen. 1 * * * * v

. Iraukreich hat uun auch für seine Kolonien einen be­deutenden Mann hergeben müssen. Der Generalgouverneur von Tonkin und Aimam, Paul Bert, ist an der Cholera gestorben. Sein Begräbnis wird in Paris auf Staats- kosten erfolgem Emen Nachfolger für ihn zu finden, wird mcht leicht. Der Gambettist Rouvier, dem der Posten an- getragen war, hatte des schönen Gehaltes wegen große Lust, rhn anzu hE Die Angst vor dem Klima hat ihn aber schließlich doch bewogen, den Posten auszuschlagen. Nach langer Pause wieder einmal eine Rede gehalten hat der Kriegsminister Boulanger. Seine diesmalige oratorische ^e-rtUcI® zeichnet sich aber vor ihren Vorgängerinnen vor­teilhaft aus. Er sagt doch schon, daß er den Krieg nicht wolle, wndern nur, um Frankreich stark zu machen, die Rüstungen betreibe. Das ist doch wenigstei.s etwas. In

den Kammern dauert die Budgetdebatte fort.

Wöchentliche Beilagen: KreissBlatt f. d. Kreise Marburg u. Kirchham

Expedition - Markt 21. Reaktion, Druck und Berlag von Joh. Lug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Nov. Der Kaiser nahm vormittags mehrere Vortrage, daraus zahlreiche militärische Meldungen entgegen^und empfing später den Generalintendanten der

?0,^,rSaU1PmeJSrQf 01 H^berg, sowie den Minister

v. Bötticher. Nachmittags statteten das krvnprinzliche Paar und die Prinzessin Viktoria dem Kaiser ihren Besuch ab. Der in der vorigen Sessioil wegen der vorgerückten Feit unerledigt gebliebene Gesetzentwurf über Errichtung eines orientalischen Seminars wird dem Reichstage alsbald nach ferner Eröffnung aufs neue zugehen u,id diesmal sicherlich ohne Schwierigkeiten Zustimmung finden. Es ist eine unscheinbare, aber für unsere Kultur- und Wissenschafts- leben doch sehr wichtige Vorlage. Es soll danach in Ver­bindung mit der Berliner Universität ein Seminar für ^.ut>e orientalische Sprachen errichtet werden, wobei das Reich sich an der Hälfte der Kosten bis zu einem Höchst- betrage von 36000 Mk. jährlich beteiligt. Es sol? hier theoretischer und praktischer Unterricht in den sechs leben­den Hauptsprachen Asiens: Türkisch, Arabisch »Persisch Japanisch, Chinesisch und Indisch erteilt werden, und zwar von einem mit der Landessprache und den Landesver- haltmssen vertrauten deutschen Lehrer und einem aus den Eingeborenen des Landes entnommenen Assistenten. Aehn- »che Schulen bestehen bereits in Wien und Paris. Die Bedeutung einer solchen Anstalt liegt auf der Hand. Wahrend die orientalischen Sprachm in Deutschland bisher fast nur aus wissenschaftlichem, antiguarisch-pbilologischem Interesse gelehrt und studiert wurden und nicht in ihrer heutigen Gestalt, sondern in längst vergangenen Entwicke- lungsstadien, wird hier der praktische Gesichtspunkt in den tommen mochte, ihm fetn Uitell zu verkünden, er sollte ihn gefaßt und gelassen finden. ' y

Wie schnell vermag doch ein Augenblick solche sorgfältig »wogenen Vorsätze umzustoßen! Der Wagen hielt; die Gestatt, die ihm entstieg, konnte aber nicht Wirklichkeit, sondern mußte ein Trugbild der Phantasie fein, die sich H* "st dieser Einen, dieser Einzigen beschäftigt

DaS Herz stand dem Marquis still, alles Leben, was er besaß, konzentrierte sich tu seinem Auge und endlich stürzte er mit dem Ausrufe:Athenais! Ist es Täuschung,

Wirklichkett?* die Treppe hinunter, auf deren erste Stufe die schone Frau berettS den zierlichen Fuß gesetzt hatte. Sie reichte ihm die Hand, weidete sich eine Minute au seinem Staunen und sagte bann mit holder Schalkhaftigkeit- »WaS überrascht Sie daran so sehr, Marquis? Sie hoben uns kürzlich in Fcrnon so ausgezeichnet aufgeuommtn, daß eS nur natürlich ist, wenn man bald wieder an die gastliche

»O Gräfin, damals!* seufzte er.

»Nun damals?* wiederholte fie.

»Damals war ich der Minister und Staatssekretär heute bin ich gefallen!*

»Und deshalb eben gefallen Sie mir, mein Herr Marquis*» antwortete fie schelmisch, aber mit einem Blicke, in welchem die Verheißung eines ganzen Himmels von Seligkeit lag. Keines Wortes mächttg, preßte er ihre Hand an feine Brust, au feine Lippen und führte feinen holden Gast schleunig, als fürchte er, fie könne sich immer noch vor feinen Augen verflüchtigen, in das Schloß, wo Athenais ihm den Urteils, fpruch des Königs verkündete.

Pomponne sank ihr zu Füßen: .Athenais, wie soll ich