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Rr. S7L.

Marburg, Sonnabend, 20. November 1886.

XXI. Jahrgang.

4eint täglich außer a» € ertragen nach Sonn- und Arirrtage». — Quartal- LLonnemeutS-Preisdei der -xprdition 2'/t Mk., bei sta Postämter 2 M. 50 ifg. iexcl. Bestellgeld). Jnsertu-nsgebühr für die gefpattene Zeile 10 Pfg. WH taten für die Zeile 25 Pfg.

Olierlfefflschk Aitrnis

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowied Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Caffey Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,München und

Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt o. M-, B-rl n, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain. - Zllustricrtes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 18. Nov. Der Kaiser empfing vormittags den Besuch des Prinzen Ludwig von Bayern, welcher sich verabschiedete, später den des Kronprinzen, nahm nachmit­tags die Vorträge des Generals v. Albedyll und des Ministers v. Puttkamer entgegen und erteilte hierauf dem Obersten v. Villaumc Audienz. Um 4 Uhr erscheint Staatssekretär Graf Bismarck zum Vortrage beim Kaiser — Die „Post" schreibt: Dem Vernehmen nach ist heute ein Gesetzentwurf wegen Feststellung des neuen Septenats bis zum Jahre 1895 im Bundesrate verteilt worden. Die darin vorgesehenen Mehrforderungen halten sich in den Grenzen des für die Sicherheit des Reiches unbedingt Er­forderlichen. — Der Bundesrat hielt gestern unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher, eine Plenarsitzung ab. Vor Eintritt in die Beratungen gab der Vorsitzende unter allseitiger Zustim­mung dem Bedauern über den Verlust Ausdruck, welchen die Versammlung durch das am 15. d. Mts. erfolgte Ab­leben des Königlich württembergischen außerordentlichen Ge­sandten und bevollmächtigten Ministers, Staatsrats und Kammerherrn von Baur-Breitenfeld erlitten hat. Dem­nächst gelangten die nachstehenden Etatsentwürfe für 1887/88 zur Verhandlung: der Mariueverwaltung, der Post- und Telegraphenverwaltung, der Eisenbahnverwaltung, der Reichs- Justizverwaltung, des Reichsamts des Innern, des Reichs- Schatzamts, des Rechnungshofes und der Reichsdruckerei. Den sämtlichen Etatsentwürfen wurde die Zustimmung er­teilt. Mit der bereits erfolglen Ueberweisung der Gesetz- Entwürfe, wegen Feststellung des Reichshaushalts - Etats für 1887/83 und betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung des Reichsheeres rc., an den Ausschuß für Rechnungswesen erklärte der Bundesrat sich einverstanden. Endlich wurde auf eine Reihe von Ein­gaben, betreffend die Zollbehandlung verschiedener Gegen­stände und die Rückerstattung von Zoll in mehreren Fällen, sowie über die Abänderung von Tarasätzen und die An­wendung der Tarifnummer 3 des Gesetzes über die Er­hebung der Reichsstempel - Abgaben auf Schuldverschrei­bungen von Kirchen und Gemeinden Beschluß gefaßt. — Die Versammlung der Direktoren preußischer Oberreal- Schulen, welche auf Anregung des Direktors Gallenkamp gegenwärtig hier stattfindet, wird hauptsächlich die Frage behandeln, was zu thun sei, um die Oberrealschulen den Gymnasien und Realschulen erster Ordnung gegenüber lebensfähig zu erhalten. In den letzten Jahren sind den Oberrealschulen verschiedene wertvolle Berechtigungen ent­zogen worden; besonders einschneidend hat der letzte Erlaß gewirkt, der den Abiturienten der Oberrealschule von 1888 an den Zutritt zum höheren Baufach verschließt. Es ist nun wahrscheinlich, daß die Versammlung sich mit der Frage beschäftigen wird, wie das Lateinische in den Lehr­plan der Oberrealschulen aufzunehmen sei, ohne daß der Organisation der Anstalten zu nahe getreten werde. — In einem Artikel über die Anstellungs - Aussichten der

Kandidaten des höheren Schulamts werden in der „N ordd. Allgem. Ztg." folgende Zahlen mitgeteilt, welche für die Herren Kandidaten allerdings wenig verheißungsvoll lauten: Im Jahre 1870 betrug die Anzahl der Lehramtskandidaten, welche durch das Bestehen der Lehramtsprüfung die wich­tigste Bedingung ihrer Anstellungsfähigkeit erfüllt hatten, 356, eine Zahl, welche für den noch nicht auf 300 zu schätzenden jährlichen Durchschnittsbedarf an Neuanstel- lungen, selbst unter Berücksichtigung des zwischen Prüfung und Anstellung fallenoen Abganges, als vollkommen aus­reichend zu erachten ist; von diesen 356 Prüfungen fielen 20 Prozent dem mathematisch-naturwissenschaftlichen, 8 Proz. dem neusprachlichen Gebiete zu. Die Jahre 1875 und 1880 zeigen mit 399 bezw. 384 bestandenen Lehrerprü­fungen (darunter aus dem mathematisch-naturwissenschaft­lichen Gebiete 16 Prozent bezw. 27 Prozent, aus dem neusprachlichen 13 Prozent bezw. 17 Prozent) eine noch immerhin mäßige Steigerung Aber in den folgenden fünf Jahren von 1879 '80 bis 1884/85 ist die Anzahl der jährlich bestandenen Lehramtsprüfungen auf 465,468, 594, 587, 628 gestiegen und von diesen fallen, im Wider­spruche zu der durch die Erfordernisse des Lehrplans ge­botenen Möglichkeit der Anstellung auf das mathematisch­naturwissenschaftliche Gebiet 31 Prozent bis 37 Prozent, auf das neusprachliche 16 Prozent bis 21 Prozent In diesen Zahlen an sich ist, ohne daß es eines weiteren Kom­mentars bedarf, die gegenwärtige Notlage der Kandidaten des höheren Lehramts überhaupt, vornehmlich aber die Kan­didaten des mathemathisch - naturwissenschaftlichen Gebietes in voller Deutlichkeit zur Anschauung gebracht. Glaub­würdig vernimmt man, daß gegenwärtig nach bestandener Prüfung und abgelegtem Probejahr, z. B. in Ostpreußen 80, in Westpreußen 50, in Brandenburg 102, in Sachsen 77 Kandidaten zum Teil seit mehreren Jahren vergeblich auf Anstellung warten. — Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt in ihrer heurigen Morgennummer offiziös: „Deutsche Blätter haben dem Sultan in Bezug auf das Deutsche Reich und England Ausdrücke in den Mund gelegt, welche in der guten Gesellschaft nicht üblich sind. Wir sind von zuständiger türkischer Seite autorisiert, zu erklären, daß jene Angaben der Blätter vollkommen auf Unwahrheit beruhen. ES wäre übrigens kaum notwendig, derartige den Sultan betreffende Unwahrheiten zu berichtigen, da alle, welche dem Sultan nahe zu kommen Gelegenheit hatten, zu gut die Formen kennen, in denen der Sultan sich zu bewegen pflegt. Aber auch die Empfindungen, welche der Sultan für Deutschland hegt, sind bekannt ge­nug, um wiffen zu können, daß derartige Aeußerungen aus dem Munde des Sultans nicht gefallen sein können, wie man ihm in den Mund gelegt hat."

— In der Begründung des dem Bundesrate vorliegen­den Gesetzentwurfs, betreffend Ausdehnung der Unfallver­sicherung auf Bauarbeiter, wird das Vorhandensein einer Lücke der bisherigen Gesetzgebung hinsichtlich dieser Arbeiter betont und dann fortgefahren: „Die Ausfüllung dieser

Geschichtskalenver.

20. November.

1378. Kaiser Karl IV. stirbt 62 Jahre alt zu Prag.

1497. Vasco de Gama umsegelt das Vorgebirge der guten Hoffnung.

1759. Der Preußische General Fink wird von Daun bei Maxen unweit Bautzen umzingelt und muß sich Tags darauf ergeben.

1761. Die Jesuiten im Königreich Neapel und Sicilieu werden plötzlich aus ihren Kollegien gerissen und über die Grenze gebracht.

1815. Der zweite Pariser Frieden wild geschlossen.

1837. Der Erzbischof von Köln, Droste v. Vischering, wird von der Preußischen Regierung als Staatsgefangener auf die Festung Minden abgeführt.

1870.

20. November. Siegreiches Gefecht bei La Loup.

Gefalle«.

Historische Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Latour zuckte die Achseln. „Die Nachrichten lauten gar zu wiedersprecheud; nur das eine steht fest: Pomponne hat eine Depesche, die ihm gestern durch einen Kurier überbracht ward, mit nach Fernon genommen und den Kurier durch Bestechung und Gewalt verhindert, sich öffentlich zu zeigen."

Wie ein Sonnenstrahl, welcher einen Augenblick das finstere Gewölk durchbricht, huschte ein Lächeln über das Gesicht der schönen Frau; blitzartig war ihr die Erklärung über Pomponnes rätselhafte Handlungsweise aufgeflammt; sie erkannte, daß sie ganz allein die Veranlassung gewesen

war. Um so fester ward nun bei ihr der Entschluß, keinen Weg zu scheuen, kein Mittel unversucht zu lassen, um Pom­ponne zu retten.

Sie entfaltete jetzt eine unausgesetzte, unermüdliche Thätigkeit und war zum Entsetzen von Frau von Sablisre, nur von einer Zofe begleitet, fast beständig unterwegs. Es gelang ihr, von den Dienern des Hotels Pomponne zu er­fahren, was diese über den Hergang der Sache selbst wußten; sie suchte den Kurier auf und ließ sich von diesem sein Zu- sammentteffen mit dem Minister schildern; endlich ging sie zu Colbert, bat diesen um eine Unterredung, die er der schönen und gefeierten Frau unverzüglich gewährte, und bekannte ihm offen die Ansicht, welche sie sich über das Benehmen des Marquis gebildet hatte.

Pomponne hatte standhaft jede Angabe über die Gründe zu seiner seltsamen Handlungsweise verweigert und dadurch dem schwersten Verdacht gegen sich Nahrung gegeben. Athenais von Luhnes freimütiges Bekenntnis brachte mit einem Male Licht in die dunk le Angelegenheit und ließ das Vergehen des Kollegen dem G meral-Kontrolleur weit milder erscheinen, wenn er auch im Stillen über den Marquis lächeln mochte, dem der kleine Gotte Amor noch einen solchen Streich zu spielen vermochte. Trodem konnte er der Baronin keine Hoffnung für eine günstige Wendung im Geschicke des An­geklagten geben. Der König sei sehr aufgebracht gegen ihn, erklärte er ihr, die Pflichtverletzung bleibe bestehe», wenn auch die Motive dazu nur allzubegreifliche wären, fügte er galant hinzu, und er fürchte, einen recht strengen Spruch nicht abweuden zu können.

„So verschaffen Sie mir eine Audienz bei Seiner Ma­jestät!" rief Athenais und schaute mit thränenvollen Augen zu Colbert aus, ich will mich vor ihm als die eigentliche

Lücke ist um so dringender, als die Ausführung des Nord ■ Ostsee-Kanals in nächster Zeit große Erd- und Wasser­bauten mit sich bringen wird. Das Reich kann sich der Aufgabe nicht entziehen, für die Zukunft derjenigen Arbeiter, welche bei den in seinem Interesse ausgeführten Bauten einen Betriebsunfall erleiden, sowie für die Hinterbliebenen der hierbei etwa tötlich verunglückenden Arbeiter Fürsorge zu treffen. Auch die bei Bauausführungen des Reichs be­schäftigten Beamten fallen erst dann unter die Bestimmungen des die Unfallfürsorge für Reichsheamte regelnden Gesetzes vom 15. März 1886, wenn diese Bauausführungen selbst der Unfallversicherung reichsgesetzlich unterliegen. Zur Ausdehnung der Unfallversicherung auf die von derselben noch nicht erfaßten Bauarbeiter erweist sich die Bestimmung des § 1 Absatz 8 des Unfallversicherungsgesetzes, nach welcher durch Beschluß des Bundesrats Slrbeiter und Be­triebsbeamte in anderen auf die Ausführung von Bau­arbeiten sich erstreckenden Betrieben für versicherungspflichtig erklärt werden können, nicht als ausreichend. Denn auf Grund dieser Bestimmung kann die Unfallversicherung nur nach den Vorschriften des Unfallversicheruugsgesetzes er­folgen, letztere aber sind aus die hier in Rede stehenden Bauten, wie demnächst erörtert werden wird, ohne einige Abänderungen nicht anwendbar. Zu dem angedeuteten Zweck bedarf es vielmehr eines besonderen Gesetzes, welches nunmehr aus die Unfallfürsorge aller bei Bauten be­schäftigten, der Unfallversicherung noch nicht unterliegenden Bauarbeiter zu erstrecken sein wird."

— Bekanntlich hat der Reichstag die Erhöhung der Pferderationen nur für die Dienstpferde, und auch für diese nur für 3 Monate des Jahres, bei der vorjährigen Etatsberatung bewilligt. Im diesjährigen Militäretat erscheint nun eine Mehrforderung von 900 906 Mk., um, wie es das dienstliche Interesse erheischt, die Haferzulage von 250 Gramm pro Tag für alle Pferde und das ganze Jahr gewähren zu können. In einer dem Etat beiliegenden Denkschrift wird zur Begründung dieser Forderung aus­geführt: „Die Bedingungen, unter welchen die berittenen Waffen in Zukunft ihre kriegerische Thätigkeit ausüben werden, sind gegen früher wesentlich verändert. Die Ka­vallerie muß infolge der Vervollkommnung der Schußwaffe ihre Atlake in erheblich größerer Entferung als früher ansetzen und sie in einem schnelleren Tempo als bisher zurücklegen. Ebenso stellt der Rekognoszierungsdienst bei den weit vorgeschobenen Kavalleriedivisionen an das Pferde­material erhöhte Anforderungen. Nichts ist seitens der Kavallerie unversucht gelassen, um mit den bisherigen Rationen auszukommen, aber weder die Wahl anderer Getreidearten, eine andere Zusammensetzung des Futters, noch eine wechselnde Verteilung desselben haben den Mangel an ausreichendem Futterquantum zu ersetzen vermocht. In­folge des MißverhältniffeS zwischen Futter und Arbeit ist, wie Angehende Untersuchungen außer Zweifel gestellt haben, am Schluffe des Dienstjahrcs jedesmal eine Verschlechterung des Pferdematerials zu konstatiren. Es ist ferner festge-

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Schuldige bekennen und nicht eher von meinen Knien ans» stehe», bis ich Gnade von ihm ei fleht habe!

Colbert zögerte und überlegte. Der Triumph, den er über Pomponne gefeiert, war weit größer gewesen, als er hätte ahnen können; die Amtsentsetzung des Ministers deS Auswärtigen war bereits eine vollzogene Thatsache, schon hatte der König das Dekret unterschrieben, welches ColbertS Bruder, Croissi, den seitherigen Gesandten in München, aus diesen Posten berief. Es lag ihm durchaus nichts daran, den Marquis an Freih it oder Leben gestraft zu sehen, ja, es konnte ihm beim Könige, wie in den Augen der Welt nur nützen, wenn er sich dem Gefallenen hilfreich erwies. Er versprach der Baronin, ihr die Audienz beim Könige zu verschaffen und geleitete sie am nächsten Tage nach Versailles, nachdem er den Monarchen darauf vorbereitet, welches An­liegen die Gräfin ihm vorzuttagen habe.

Athenais hatte die sorgfältigste Toilette gemacht und er­schien in der stille», rührenden Trauer, die wie ein Flor über ihrem sonst so frischen Wesen ausgebrettet lag, dem Könige doppelt schön.

Die Zett seines holden Frühlings, wo er eine Luise von La Vallidre geliebt, lag längst hinter Ludwig, auch der Sommer, welchen ihm die Namensschwester der Baronin Athenais von Montespau, bereitet, war schon verflogen, aber er glaubte sich noch einmal warm nnd jugendlich angeweht, als die schöne Frau ihn schüchtern, errötend wie ein junges Mädchen, mit einer entzückenden Naivetät und Offenheit zum Vertrauten ihrer fitzt erst von ihr selbst entdeckten Liebe zu dem Marquis machte und ihm darlegte, daß seine Schuld keine andere Wurzel hatte, als die Sehnsucht nach ihr und die Besorgnis, an dem Zusammensein mit ihr ver­hindert zu werden. (Schluß folgt.)