Rr. 270.
Marburg, Donnerstag, 18. November 1886.
XXL Jahrgang.
Erscheint täglich außer an Verva-en nach Sonn-und Ueiertagen. — Quartal« UbormementS-Vreis bei der
Expedition 2*/« ML, bei de» Postämter 2 ML 50
Ufa- (erd. Bestellgeld). MertionSgebühr für die ßdiene Zelle 10 Pfg. amen für die Zeile
25 Pfg.
WchMe Mma.
Anzeigen nimmt entgegen1 die Expedition d Blattes,, sowie» Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Eaffes, Magdeburg und Wien; Rudel-Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Taube und So. n >ra>!k'nrt a. M-, '<■ rl n, ha novcr u. Pari».
Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg «.Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Lüg. »o<6 °
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Nov. Wenn es denkbar wäre, daß die Begeisterung der Berliner Bevölkerung für den Kaiser noch eine Steigerung erfahren könnte, so, sollte man meinen, müßte sie in den letzten Wochen eingetreten sein. Seitdem der hohe Herr von den Manövern zurückgekehrt ist, vergeht nun kein Tag, an welchem sich nicht die bekannten Ovationen vor dem Kaiserlichen Palais beim Aufziehen der Wache abspielten. Wie in früherer J^eit an den Sonntagen, so wogt es jetzt alltäglich zwischen 12 und 1 Uhr um das Denkmal Friedrichs des Großen. Um dem Volke den ihm so werten Anblick des Kaisers zu er« möglichen, marschiert die Wache neuerdings, auch wenn sie von Osten kommt, auf dem Umwege durch die Behrenstraße am Palais vorbei. Auch am vorigen Sonntag gestaltete sich wieder das soldatische Schauspiel zu einem wahren Volksfeste. Tausende jubelten unserem Kaiser zu, als er sich am historischen Eckfenster zeigte. Bei dem milden Herbstwetter arbeitet er noch im gewohnten Arbeits- Kabinett, wird es kälter, so wird das geschützter liegende Wohnzimmer dazu eingerichtet. Dem Kaiser schien die Jagd in Letzlingen sehr gut bekommen zu fein. Er sah lehr heiter aus, blieb ungewöhnlich lang am Fenster und dankte unablässig. „Heute hat er sich uns aber ordentlich angesehen", meinte ein junges Mädchen. „Das muß unserem alten Kaiser doch Freude machen, wenn wir ihm hier so zujubeln", sagte eine Frau aus dem Volke ganz gerührt. Hat sich der Kaiser wieder zurückgezogen, so wälzt sich eine wahre Völkerwanderung die Linden hinunter. „Was ist denn hier los?" fragt dann wohl ein ahnungs- Icfer Fremder. „O, wir haben nur unserem Kaiser einen vergnügten Sonntag gewünscht", erwidert dann der Berliner mit freudigem Stolze. — Fürst Bismarck ist doch wieder nach Friedrichsruhe abgereist. Zuvor erteilte ihm der Kaiser eine Audienz. Der Kanzler gedenkt, in Friedrichsruhe bis in den Dezember hinein zu verbleiben. Ab und zu hat der Reichskanzler über rheumatische Schmerzen ZU klagen, befindet sich aber int übrigen wohl, so daß er die zahlreichen Geschäfte, welche ihn hier erwarteten, ungehindert erledigen konnte. Den Diplomaten gegenüber, welche während des kurzen hiesigen Aufenthaltes Besuche bei ihm machten, soll der Reichskanzler zuverlässigem Vernehmen nach seine Ueberzeugung dahin ausgesprochen haben, daß er an der Erhaltung des Friedens nicht zweifele. Fürst Bismarck ist in Berlin von der Stunde seiner Ankunft an außerordentlich thätig gewesen und hat mit verschiedenartigsten politischen Persönlichkeiten verhandel Die „Magd. Ztg." hört, daß der Wunsch des Kanzlers dahin geht, demnächst im Reichstage über die auswärtige Politik zu sprechen. Ob er hierzu die Gelegenheit abwarten
wird, die ihm eine förmliche Interpellation darbieten könnte, oder ob er bei anderer Gelegenheit das Wort ergreifen dürste, wird unentschlossen gelasien, ebenso ob diese Besprechung der auswärtigen Angelegenheiten vor ober nach Weihnachten stattfinden wird. Man neigt sich jedoch mehr der Annahme zu, daß der Kanzler schon vor Weihnachten im Reichstage erscheinen und das Wort ergreifen wird — An Reichsgoldmünzen sind auf den deutschen Münzstätten im Monat Oktober d. Is. 4381680 Mk. ausgeprägt worden. Unter Hinzurechnung des vorher ausgeprägten und nach Abzug des Betrages der wieder eingezogenen nicht mehr umlaufssähigen Stücke stellt sich der Gesamtbetrag der ausgeprägten Reichsgoldmünzen auf 1957396 655 Mk.
_ — Auf Anregung beS Ausschusses für Zoll- und Steuerwesen hat, wie die „Nat.-Ztg." berichtet, der Reichskanzler die verbüiideten Regierungen um Mitteilung darüber ersucht, nach welchen Gesichtspunkten im allgemeinen Zollerlasse aus Billigkeitsrücksichten seither bewilligt worden sind. Auö den Erwiderungen habe sich ergeben, daß es an allgemeinen Vorschriften bis jetzt darüber fehle Der Ausschuß habe daher dem Bundesrat über allgemeine bezügliche Vorschriften wegen Behandlung der Zollerlasse aus Billigkeitsrücksichten folgende Vorschläge unterbreitet: „I. Die obersten Landes-Fiiranzbehörden werden ermächtigt, auch in anderen als den in den §§111 bis 117 des Ver- emszollgesetzes vom 1. Juli 1869 vorgesehenen Fällen — für die aus dem freien Verkehr des Zollgebiets nach dem Auslande gesandten Gegenstände beim Wiederausgange beziehungsweise bei der Aufnahme in eine öffentliche Niederlage ober ein Privattransitlager — bei nachgewiesener Identität aus überwiegenden Gründen der Billigkeit Zollerlaß auf gemeinschaftliche Rechnung zu bewilligen, und zwar bezüglich der ersteren eventuell gegen Erstattung etwa gezahlter Ausfuhrvergütung. — Die obersten Landes- Filianzbehördcn werden ferner ermächtigt, in folgenden Fällen aus Billigkeitsrücksichten auf gemeinschaftliche Rechnung Zollerlaß zu bewilligen: a wenn Wäsche, Kleidungsstücke, Hausgeräte oder sonstige Naturalunterstützungen für durch Brand oder andere Elemmtarereigiiisse Beschädigte eingehen; b) wenn unbestellbare zollpflichtige Postsendungen nicht wieder ausgeführt sind, sondern deren Inhalt als verdorben von der Pvstbehörde versehentlich ohne Zollaufsicht, ober doch unter postamtlicher Aufsicht und Beobachtung der postordnungsmäßig vorgeschriebenen Formen vernichtet worden ist. — II. In betreff des einzuhaltenden Verfahrens wird bestimmt: 1. daß in dem von der Di- rektivbehörde an die oberste Landes-Finanzbehörde über die Bewilligung eines solchen Zollnachlasses zu erstattenden Bericht jedesmal anzugeben ist, ob der bei derselben fun-
gierenbe Reichsbevollmächtigte sich mit dem Erlaß auf gemeinschaftliche Rechnung einverstanden erklärt hat- — 2. daß alljährlich ein bei der Direktivbehörde auszustellendes von den Reichsbevollmächtigten mit zu beurkundendes Verzeichnis über sämtliche in dem abgelaufenen Kalenderjahre bewilligten Nachlässe der bezeichneten Art von der obersten Landes-^inanzbehöcde dem Reichskanzler behufs Vorlage an ben Sunbesrat mitzuteilen ist. - III. 1. Für den unter 1 Jlbfafe 2 b aufgefuhrten Fall, sowie für nachstehende Falle: a) wenn Gegenstänbe roieber eingefübrt werben w^che aus bem freien Verkehr bes Zollgebiets irrtümlich in das Ausland befördert ober sonst in bas Ausland ver« fanbt, aber nicht in die Hände des Adreffaten gelangt, vielmehr im Auslande im Gewahrsam der Post-, Holl- oder Eisenbahnvervaltung beziehungsweise einer Polizei- ober Gerichtsbehörde geblieben sind, b) wenn Gegenstände, welche infolge strafbarer Handlungen (Diebstahl, Raub ic.. ans bem freien Verkehr des Inlandes in das Ausland gebracht sind, von dort im strafrechtlichen Verfahren zurückgeliefert werden; c) wenn Gegenstände eines strafrechtlichen Verfahrens an eine inländische Staatsanwaltschaft oder eine inländische Gerichts- oder Polizeibehörde ein- und, ohne aus dem Gewahrsam einer dieser Behörden zu kommen, wieder ausgehen; d) wenn Jnventarienstücke von inländischen Lchiffeu, welche im Auslande verunglückt sind, wieder eingehen, — darf nach der Bestimmung der obersten LandeS- Finanzbehörde benjenigen Hauptämtern, bei benen ein Bedürfnis hierzu vorliegt, die Befugnis beigelegt werden, die betreffenden Gegenstände selbständig aus BilligkeitSrück- stchten vom Eiugaugszoll frei zu lassen. Doch ist von diesen die Zsllfteiheit nur dann zuzugestehen, wenn nach der uberemftunmenben Ansicht sämtlicher Hauptamts- Mitglieder die angestellten Erörterungen die Gewäh. rung derselben begründen. Die mit entsprechender Ermächtigung versehenen Hauptämter haben über die ausgesprochenen Bewilligungen Verzeichnisse zu führen, welche mH den gepflogenen Verhandlungen und Belägen, soweit Nicht deren Rückgabe an die Beteiligten erfolgt, in regelmäßigen Zeiträumen der Direktivbehörde zur Prüfung vor- zulegen sind. 2. Außer den vorstehend unter 1 angeführten darf für die folgenden Fälle: a. wenn in den zu 1 a gedachten Fällen die aus dem freien Verkehr des 2oll- gebietS in das Ausland versandten Gegenstände daselbst nicht im Gewahrsam der Post-, Zoll-, Eisenbahn-, Gerichtsober Polizerbehorbe verblieben, ober auch nickt an den Adressaten ausgehändigt, sondern im Gewahrsam einer brttten Person gewesen sind, — b. wenn ausländische Waren irrtümlich verzollt ober auf Begleitschein II abge- fertigt worden sind, während sie nachweislich hierzu nicht bestimmt waren, c. wenn im Auslande gestohlene :c.
G-schichtsikal-nd-r.
18. November.
1095. Aus der Kirchenversammlung zu Clermont wird der erste Kreuzzug befchlosseu (Peter von Amiens.)
1170. Albrecht der Bär, der Gründer der Maik Brandenburg, stirbt.
1626. Die von Michel Angelo Buonarotti vollendete St. Peterskirche zu Rom wird eingeweiht.
1851. König Ernst August von Hannover stirbt, ihm folgt sein (im Jahre 1866 entsetzter) Sohn Georg V.
Gefalle«.
Historische Erzählung von F. Arne selb t.
(Fortsetzung.)
„Mit einer solchen würde ich nicht wagen, dem Ohre Eurer Majestät zu nahen."
„So haben Sie bestimmte Nachrichten? Wie kommt es, daß Ihnen solche eher zugegangeu als Uns?" fragte Ludwig XIV. stirnrunzelnd.
„Verzeihung, Sire", stammelte Colbert sich sehr erschrocken stellend, „mein Bruder, Ew. Majestät Gesandter in München, hat mir durch den Kurier, welcher dem Minister des Auswärtigen die Depesche überbracht, einen Brief geschickt
„Eine Depesche! Und ich weiß noch nichts davon!" unterbrach ihn der König mit flammenden Auge».
„Der Kurier hat den Brief in meinem Hotel abgegeben, bevor er zum Minister des Auswärtigen ging, ich stieg soeben in den Wagen, als ich ihn erhielt und las ihn während der Fahrt, wenn Ew. Majestät geruhen wollte», Kenrinisdavon zu nehmen", versetzteColbert in entschuldige», dem Tone, indem er leicht das Kniee beugte und dem Könige das Schreiben auf seinem Huie darbot.
Ludwig der Vierzehnte nahm es mit gnädigem Kopfnicken, durchflog eS und gab es dem General - Kontrolleur Bit den Worten zurück: „Ich danke Ihnen, lieber Colbert,
Ihr B.uoec schuut Eifer u«iD Geschicklichkeit m uiihieii Diensten bewiesen zu haben; ich bin gespannt das Nähere durch den Minister des Auswärtigen zu erfahren."
„Der Ma qurs von Pomponne bi findet sich ohne 3 reift! schon auf dem Wege nach Versailles, um Ew. Majestät feinen Bericht zu erstatten", entgegnete Colbert und wurde bald darauf vom Könige entlassen.
Es verging eine Stunde, eine zweite und eine dritte, aber weder der Marquis von Pomponne, noch irgend'eine Nachricht von ihm traf ein. Der Nachmittag kam heran und die Ungeduld des Königs stieg aufs höchste; die Verzögerung, welche die Sache erlitt, verlieh ihr in seinen Augen eine Wichtigkeit, die sie ihrer Natur nach durchaus nicht besaß.
Eine Estafette wurde nach Paris abgefertigt und ihr die höchste Eile anempfohlen. Der Bote ritt ein Pferd zu Schanden, und kchrte »ach einer bewundernswürdig kurzen Frist mit der schier unglaublich klingenden Nachricht zurück, der Minister fit am Morgen nach seinem Landgute Fernen gefahren und werde erst am zweitnächsten Tage zurück- erwartet; von einer ans München angelaugten Depesche war den Beamten des Ministeriums nichts bekannt, auch wollte man weder im Ministerium noch im Hotel des Ministers vom Eintr.ffen eines Kuriers etwas wissen.
Jetzt klang die Geschichte rätselhaft; der Kurier war in Paris angekommen; darüber tonnte fein Zweifel fein, der Brief, welchen Colbert erhalte», war ein vollgiltiger Beweis dafür; wo aber war er geblieben? War es denkbar, daß man ihn ans dem Wege von Colbert zu Pomponne in einen Hinterhalt gelockt, ihn feiner Papiere beraubt, wohl gar ermordet hatte?
Wieder flogen Boten »ach Paris; der König war im höchsten Zorn und befahl die strengste Untersuchung. Die gesamten Sicherhestsbehördeu der Hauptstadt gerieten in Aufruhr, es wurden die peinlichsten Nachforschungeu gehalten und heranSgebracht, daß der Kurier allerdings das Hotel
des Munsters bauten hatte, aber daraus nicht wieder zum Vorschein gekommen war. 9
Die Nacht war bereits hereingebrochen, als die Diener. fZ?st des Marquis einem scharfen Verhör unterzogen ward. Lamtliche Leute, die ihrem Herrn treu ergeben waren. Befehl gemäß bei den gestellten Nachfragen die Arkunft des Kuriers geleugnet, als man sie nun aber mit Kerker und Folter bedrohte und ihnen überdies fagte ge konnte» durch ein Verschweigen der Wahrheit dem Minister nur Schaden zufügen, rückten sie endlich mit der Sprache heraus und brachten den Kurier zum Vorschein der durchaus nicht wie ein Mensch aussah, gegen welchen unerhörte Gewaltthalen verübt worden wäre». Er batte sich im Gegenteil in seinem Versteck sehr wohl befunden und war fetzt nur ungehalten, daß seine Nachtruhe auf weichem Lager so iah unterbrochen worden war.
Seine Angaben klangen unglaublich und dennoch war seine von der Drenerschafr so lange geleugnete Anwesenheit im Hotel Pomponne ein Beweis für deren Richtigkeit. Es blieb nichts übrig, als so schleunig wie möglich den Minister selbst herberzurnfeu, denn einzig und allein von ihm war Aufklärung zu erwarten.
Während ein Bote nach Fernon abgefertigt ward, welcher dem Minister den kraft der königlichen Vollmacht ausae- fertigteu Befehl zur schleunigsten Rückkehr überbradte, fuhr der Ches der Sicherheitsbehörde nach Versailles und erstattete dem König, der ihn noch vor der Messe zur Audie»» zuließ, Meldung über das Auffinden und die Aussagm des Kuriers. “
„Und die Depesche?" fragte der König.
„Sire, der Kurier behauptet, sie dem Herrn Minister übergeben zu haben", antwortete der Beamte, „eS bleibt feine andere Annahme übrig, als daß dieser sie mstgenommen W- Es ist bereits ein Eilbote mit dem Befehl zur schleunigen Rückkehr an ihn abgesandt, er muß jetzt schon bald in Paris eingetroffen sein." (Fortsetzmtg sol^