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Rr. 269.

Marburg, Mittwoch, 17. November 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer en Wcrllagen nach Sonn-und ffeiertagen. Quartal- Udoimements-Preis bei her Ex-edition 21/« Mk., bei tat Postämter 2 Mk. 50 yfs- (excl. Bestellgeld'. Infertionsgebübr für die eksssaltene Zeile 10 Pfg. Seöatnen für die Zeile 26 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowied Annoncen-Bureanx vonHaasenstein undVogler m Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Men: $kbo(f Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und

, iii ®°\.n .Frankfurt a. M-,

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D>°chentllche Beilagen: Kreis-Blatt s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - ZüiistriertesSHniitaasblatt

__________________________ Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. «och. <IW*«

Deutsches Reich.

keiner Fraktion 25 (gegen 24 in der vorigen Session;

schwören, daß ein Sturz der Negentschast erfolgte, so wird sich doch immer Europa die definitive Neuordnung der Dinge vorbehalten, Rußland allein kann nichts.

In Petersburg ist die Stimmung begreiflicher Weise eine sehr gereizte; die Blätter schreiben sehr erbittert gegen Oesterreich und England. Jetzt sind eben keine Ver­drehungen und Entstellungen mehr möglich, Graf Kalnoky hat zu klar gesprochen und den schönen Traum der Pan- slavistcn zu grausam gestört. In Rußland ist zweifellos eine gar glicht so unbedeutende Partei, welche große Lust hat, das Schwert in die Wagschaale zu werfen, aber auch diese Herren werden sich allmählich eines besseren besinnen. Ein großer Krieg wäre für Rußland und den Czaren- thron ein Hazardspicl. Einige Mißerfolge und die Revolution wäre fertig. Rußland ist ein Keloß, aber ein Koloß mit thönernen Füßen, das hat sich erst im letzten Türkcnkriege sehr deutlich gezeigt. Für den euro­päischen Frieden war es deshalb ein Segen, daß Graf Kalnoky so offen gesprochen, wie geschehen. Wenn man das äußerste vermeiden will, muß man den Mutb haben, es auszusprechen. Das hat Graf Kalnoky gethan'und die Wirkung davon wird nicht ausbleiben. Folgt sie nicht so­fort, folgt sie doch spätcr.-

6olj!cr£ Brief während der Fahrt und ein hnH frr» 9ien umspielte seine Lippen; der Zufall hatte sich, ihm da einmal im hohen Grade günstia erwiesen. Das Schreiben seines Bruders enthielt Mit, Engen über den nahe bevorstehenden günstigen Abschluß von Verhandlungen, welche mit dem Münchener Hofe be- trcsts ewiger noch streitiger Punkte über das Erbe der Gemahlin des Dauphin, einer geborenen Prinzessin von Boyern, geführt wurden. Die Einzelheiten über diese An- gelenheit hatte Crofffi allerdings dem Minister des Aus- wärtigen in einer an diesen gerichteten Depesche gemeldet, sw»«!» a$rtu ?6cr eine große Genugthuung, dem in 1 ^errMiUten Rachrichtbeim Könige zuvorkommen r? Aönnctt: Selbst wenn derselbe sich sofort »ach dem Empfang der Depesche in den Wage» gesetzt hätte, um nach Versailles zu fahren und seinem königlichen Herrn Bericht abzuf^tteo, so war ihm doch ein Vorsprung abgewounen und Colbert wußte sehr wohl, wie schwer ein solcher an u°d für sich geringfügiger Umstand bei Ludwig xiv. ins Gewicht fallen konnte.

In Versailles angelaugt, ward der General-Kontrollenr nach kurzem Verwesten beim Könige vorgclaffen und wußte in seinem Vortrage so geschickt auf das von ihm ins Auge gefaßte Ziel zuzusteuern, daß Ludwig selbst die Rede auf die schwebende Angelegenheit brachte und eine leichte Unae- duld an den Tag legte, daß er darüber noch nichts er­fahren hatte.

, 'Sire', versetzte Colbert mit geschmeidigem Lächelu, ,ich glaube versichern zu dürfe», daß Ew. Majestät sehr bald die befnedigevdste» Nachrichten erhalte» werden.' 9

.Sie glaube» versichern zu dürfen', wiederholte der König, ,daS klingt za wie eine Prophezeiung.'

(Fortsetzung folgt.)

Geschichtskalender.

17. November.

1796. Kaiserin Katharina n. von Rußland stirbt, ihr folgt ihr Sohn Paul I

1797. König Friedrich Wilhelm n. von Preußen stirbt 55 Jahre alt, ihm folgt sein Sohn Friedrich Wilhelm HI.

schrecken, in erster Linie aber neugierig; es mußten sehr merkwürdige Ding- vorgefallen sein, welche die Entfernung eines für das Behagen feiner Gäste so beflissenen Gast­gebers Derart ff en konnten. Stand man vielleicht unmittelbar vor Ausbruch eines Krieges? Waren Nachrichten von einem Umschwung der Dinge in England eingetroffeu?

Während man hastig das Frühstück verzehrte, erschöpfte man sich in Mutmaßungen, dann aber wurden die Wagen befohlen; Athenais voll Luyncs war es, welches das Signal Mm Aufbruch gab. Auf ihrer klaren Stirn lag heute eine Wolke, sie fühlte sich von Besorgnis für das Schicksal des Marquis erfüllt und wehrte sich gegen dieses Gefühl; nichts lag vor, was sie zu der Annahme berechtigt-, jenem könue d» Unheil drohen; und woher diese Teilnahme für den Mann, der ihr seine Huldigungen darbrachte? Regte sich '"Ihrem Herzen mehr für ihn, als nm die geschmeichelte Eitelkeit?

Sie suchte sich allen diesen Gedanken zu entziehen, indem sie zum Aufbruch trieb.

Am Nachmittag lag Fernon wieder still und ttäumerisch da. Das glänzende Leben, welches seine Räume vierund- zwanzrg Stunden erfüllt, war erloschen, der Märcheut aum ausgeträumt, j

in.

Um dieselbe Stunde, in welcher der Marquis von Powpoune mit vor Erwartung hochklopfendem Herzen zum Empfange seiner Gäste nach Fernon hinausgefahren war, hatte sich Colbert, der General - Kontrolleur der Finanzen auf dem Wege nach Versailles befunden, «m dem Könige Vortrag zu halten. Im Begriffe, in den Wagen zu steigeu, wird ihm ein Brief seines Bruders Croissi, Gesandten in München, übergebe», der soeben dnrch einen mit Depesche» für den Minister des Auswärtige» aus Deutschland einge- troffenen Kurier mitgebracht worden war. -----

Die diplomatische Niederlage Rußlands.

Die russische Regierung hat in der bulgarischen Ange­legenheit eine kräftige Niederlage erlitten; die Rede, welche der österreichische Minister des Auswärtigen am Sonnabend in Pest gehalten, hat die Schlappe, welche Rußland erhalten, offen dargelegt. Rußland wollte seinen Einfluß über Bul­garien in vollem Umfange wiederherstellen, und die Mächte haben geschwiegen, als es seine Arbeit mit dem Sturze des Fürsten Alexander begann. Kein Finger rührte sich für den Battenberger, denn das Interesse der Mächte kam nicht direkt ins Spiel. Der panslavistische Bär war aber nicht zufrieden, er dachte, ganz Bulgarien als fette Beute zu verschlucken, und der Mann, welcher cs dahin bringen sollte, war General Kaulbars. Aber allzuscharf macht schartig; Kaulbars unerhörtes Treiben, für welches er das Lob des amtlichen russischen Regierungsanzeigers sand, wurde in ganz Europa genannt, wie es verdiente, und die Offenkundigkeit seiner Bemühungen, Bulgarien russisch zu machen, hat die Gleichgiltigkeit der Mächte beseitigt. Ruß­land dachte, mit Bulgarien nach seinem Belieben schalten und walten zu können; jetzt hört es den ruhigen, aber im bestimmten Tone gehaltenen Zuruf:Bis hierher und nicht weiter. Bulgarien ist auf Grund des Berliner Ver­trages ein selbständiges Fürstentum, und bleibt das auch in Zukunst. Daran wird nichts geändert!" Dieser Ruf ist, nach den Worten des Grafen Kalnoky, von Oesterreich- Ungarn, England und Italien erhoben, und Deutschland billigt ihn. Die Verständigung Europas gegen Rußland ist also geschaffen; Rußland kann nicht mehr, wie es will, es müßte denn die Entscheidung der Waffen anrufen.

Czar Nikolaus begann den Krimkricg, der Rußland an den Rand des Abgrundes brachte, weil er nicht an die feste Allianz zwischen Frankreich-England glaubte; Alexander III. wird aus der Regierung seines Großvaters seine Lehren ziehen, und nicht an den Krieg appellieren, nachdem ihm das Einverständnis Europas entgegengehalten ist. England und Italien werden nicht nur auf dem Papier die öster­reichischen Forderungen unterstützen, und auf Frankreichs Beistand kann der Czar Deutschlands wegen nicht rechnen. Die diplomatische Partie hat Rußland im Moment verloren; es wird klug genug sein, einen sehr zweifelhaften Krieg zu ver­meiden. Die Panslavisten in Petersburg glaubten in der bul­garischen Frage außerordentlich früh aufzu stehen; jetzt werden sie erkennen, daß sie die ersten doch nicht waren. Ihr Ziel, die Zertrümmerung des Berliner Vertrages, ist vereitelt worden und zwar für geraume Zeit. Allerdings ist General Kaulbars noch in Bulgarien und es mag ihm ja gelingen, noch manche Wirren heraufzubeschwören ; allein alle inneren , Unruhen bleiben so lange ungefährlich, als keine russische 1 Okkupation Bulgariens stattfindet. Die bulgarische Regent­schaft gewinnt angesichts des Friedensbundes neue Kraft, alle Empörungen zu unterdrücken. Gelänge es aber auch General Kaulbars, einen solchen Aufstand heraufzube-

15. Nov. Der Kaiser konferierte heute mit­tags mit dem Reichskanzler und nahm den Vortrag des Geh. KabincttsratS v. Wilmowski entgegen. Bei dem Kronprinzen findet nachmittags ein größeres Diner statt, wozu gegen 40 Einladungen ergangen sind. Fürst Bismarck mit Gemahlin ist heute, nachmittags um 5 Uhr, nach Friedrichsruh abgereist. Ter ' Reichskanzler klagte bei seinem Aufenthalt in Berlin ab und zu über rheumatische Schmerzen, befand sich aber im übrigen wohl, sodaß er die zahlreichen Geschäfte, welche ihn er­warteten, ungehindert erledigen konnte. Ten Diplomaten gegenüber, welche ihn besuchten, soll der Kanzler zuver­lässigem Vernehmen nach seine Ueberzeugung dahin aus- gesprochen haben, daß er an der Erhaltung des Friedens nicht zweifle. Die politischen Verbältnisse muffen sich also wohl in den letzten Tagen zum besseren gewandt haben und aus dem Grunde mag auch Fürst Bismarck seine Ab­reise beschleunigt haben. Die Fraktionen des Reichs­tages treten in die bevorstehende Session mit folgendem Bestände: Deutschkonscrvative 74, Deutsche Reichspartei 27 Zentrum 106 (gegen 107; infolge der Mandatsnieder- legung des Fryn. Dr. v. Papins, 1. Unterfranken), Polen 15, Nationalliberale 51 (gegen 50; im Wahlkreise 3. Marienwerder wurde Hobrecht für den im Frühjahr ver­storbenen Polen v. Lyskowski gewählt), Deutschfreifinnige 65, Volkspartei 6 gegen 7; Köpfer legte sein Mandat nieder im 11. Grvßh. Baden), Sozialdemokraten 25, bei

Johannsen ist für den verstorbenen Dänen Junqgreen da- kötgt 1. Berlin durch den Tod L. Löwes und die bereits erwähnten 1. Unterfranken und 11. Baden. Reger als FEll.ge auf der deutschen Flotte sollen nach einer Korr - spondenz der MünchenerAllg. Ztg « von der Ostseeküste alliahrlich angenommen und in Deutschland militärisch ausgebildet werden, um dann heimzukehren und in den Slatloneii als Matrofen, Polizeisoldaten u. s. w roeikre Drenste zu leisten. Man sei mit der Disziplin und mili tarischen Intelligenz dieser Neger sonst ganz zufrieden, "nur können sie das rauhe Klima an unserer Ost- und Nord-

Littk' unter den mit der

*£lfe beförderten Ablosungsmannschasten für die in West- afnka stationierten KanonenboteHyäne" und Cyklop^ b^d-n sich mehrere Kamerun-Neger' welche im vorigen ^0^6 als Freiwillige auf den deutschen Kriegsschiffen Dienste nahmen, tu Kiel und der Ostseeflotte ihre weitere militärische Ausbildung erhielten und nun in ihre afri- EEjche Heimat zuruckkehren, um auf den dort stationierten ^"Eschen Kriegsschiffen weiter fortzudienen. Der Reichs­haushaltsetat für 1887/88 balanziert mit Mk. 750 946 865 die fortdauernden Ausgaben betragen Mk. 631'345'194' bu einmaligen Mk. 119,601,691. Die Einnahmen werden 392673mÖ w-Hä0'" Verbrauchssteuern auf Mk. 392,673,000 Rerchsstempelabgaben Mk. 27,886,000 Post uno Telegraphie Mk. 29 452,783 rc.. Von dem nach dem Gesetzentwurf durch Aufnahme einer Anleihe zu deckenden Bedarf bildet der Teil, zu dessen Beschaffung im Kredit­wege dre gesetzliche Ermächtigung noch nichl erteilt ist. mefcrum den Gegenstand eims besonLen Anleih7;!seL t-Ä Raten für außerordentliches Bedürfnis des mtmmen Mt g^^b .und der Reichseisenbahnen mit zusammen Mk. 38,704,675 ausgeworfen. Die Gesamt- auegaben übersteigen diejenigen des Vorjahres um Mk o3,ou4,816 unb zwar entfallen Mk. 10,134,201 auf fort­laufende unb Mk. 43,554,816 auf einmalige. Werben bei den Ausgaben die durchlaufenden Posten der einmaligen, durch außerordentliche Einnahme deckbaren Ausgaben ab- gezogen, sowie die Einnahmen, welche aus den Zöllen, Tabaksteuern und Stempelsteuern an die Bundesstaaten nacer" -bie fortdauernden Ausgaben auf

TW. 455,132,096, die einmaligen auf Mk. 46,731 628 jufammen Mk. 502,463,724 ober Mk. 32,977,959 mehr als im Vorjahre. Der württembergische Gesandte und Bundesratsbevollmächtigte, Baur-Breitenfeld, ist heute abend gestorben. DerGermania" wird aus Rom be- nchtet, daß der Vatikan sich mit der Ernennung eines KoabMors für das Fürstbistum Breslau noch nicht befaßt habe, auch die preußische Regierung habe noch keine Schritte m dieser Angelegenheit gethan. Wahr fei nur, daß der kranke Fürstbischof in Rom um einen Koadjutor gebeten HE- - Der hiesige italienische Botschafter, Graf Launay,

1870.

17. November. Gefecht bei Drenx.

Gefallen.

Historische E:zählu»g von F. Arneseldt.

* (Fortsetzung.)

Eine halbe Stunde nach dem Empfang des Schreibens saß er im Wagen und snhr nach Paris zurück, ohne sich von seinen noch im süßen Schlafe liegenden Gäste» verab­schiedet zu habe».

Es war bereits Mittag, als die Herren und Damen sich in dem Gartensaal zusammenfanden, wo nach der Tags zuvor getroffenen Verabredung das Frühstück eingenommen werden sollte und wo her Tisch auf das einladendste ge­deckt stand, aber kein Hausherr war da, die Gäste zu be­grüßen. Statt seiner erschien der Intendant, der den Herrschaften die Meldung machte, sein Herr habe fich zu seinem tiefsten Bedauern genötigt gesehen, nach Paris auf- zubrechen, wo unaufschiebbare Staatsgeschäfte und der aus- drückliche Befehl Seiner Majestät seine Gegenwart uttier« züglich erheischt n. Der Herr Marquis taffe bitten, daß man fich durch diesen Zwischenfall in keiner Weise stören lasse und es fei Vorsorge getroffen, daß trotz seiner Ab. Wesenheit das Programm für den heutigen Tag vollständig N» Ausführung gelange.

Die Nachricht übte die verschiedenste Wirkung aas die Amveseudeu aus; »an war erstaunt, betroffen, verletzt, er-