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Nr. 267.

Marburg, Sonntag, 14. November 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint tätlich außer an Werktages noch Sonn- und getertazeu. Quartal- LbounemeutS-PreiSdri der

Expedition 2V« Ml., bei be» Postämter 2 Ml. 59 Wg. (e$d. Bestellgeld). ^usertionSgebähr für die -efpaltene Zeile 10 Pfg. Bkttown für die Zeile -b Pfg.

Aklliksslscht AitilW

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowieü Annonceu-Bureaux von Haasenstein undPogler in Frankfurt a. M., Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Stoffe in Frankfurt a M.,Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und Go. n Frankfurt a. M., Berlin,Ha- nvv-r u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Kreis-Blatt f.d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 12 Nov. Der Kaiser nahm vormittags den Vortrag des Geh. Kabinettsrats WilmowSki entgegen und reiste um 3 Uhr mittels Extrazuges nach Letzlingen zur Jagd ab. In der am gestrigen Tage unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern, von Bötticher, abgehaltenen Plenarsitzung erteilte der Bun­desrat den Entwürfen zu den Etats für den Reichskanzler und die Reichskanzlei, die Einnahmen an Zöllen, Ver­brauchssteuern und Aversen und der Einnahmen an Stern- pelabgaben auf das Etatsjahr 1887/88 die Zustimmung. Die Uebersicht der Reichs-Ausgaben und Einnahmen für das Etatsjahr 1885/86, der Entwurf eines Gesetzes über die Unfallversicherung der bei Bauten beschäftigten Personen und der Antrag Preußens, betreffend die Abänderung der Vorschriften über die Prüfung der Maschinisten auf See­dampfschiffen, werden den zuständigen Ausschüffen zur Vor­beratung überwiesen Endlich wurde über die Anrechnung von Gemeinde-Dienstzeit bei der Feststellung des Ruhege­halts mehrerer Reichsbeamten und die Zulassung von Aus­nahmen von den Vorschriften über Einrichtung der An­lagen zur Anfertigung von Zündhölzern Beschluß gefaßt. Mit gestern schloß derVoss. Ztg." nach die dritte Session der dritten Sitzungsperiode des König!. Landes-Oekonomie- Kollegiums. Auf der Tagesordnung stand als einziger und letzter Punkt die schon in der vorigen Session in den Kreis der Beratung gezogeneWucherfrage". Das Re­ferat und Korreferat darüber lag in den Händen der Herren Professor v. MiaskowSki und Landes-Oekonomierat Korn, die dasselbe an der Hand eines von demVerein für Sozialpolitik" dem Kollegium in dieser Angelegenheit übersandten Fragebogens erstatteten. Die Referenten faßten ihre Ausführung zu diesen Fragen schließlich in folgendem Antrag zusammen: Das Landes-Oekonomie-Kollegium wolle beschließen:1. Dem Herrn Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten für die von demselben veranlaßten Erhebungen über den Wucher auf dem Lande den Dank der Versammlung zu sagen und 2. denselben zugleich zu ersuchen, aj diese Ermittelungen seitens derjenigen Vereine, welche wegen der Kürze der ihnen zur Beantwortung der Fragen gewährten Frist ihre Erhebungen entweder gar nicht oder doch nur unvollständig machen konnten, im Laufe dieses Winters ergänzen zu lasten; b) sämtlichen land­wirtschaftlichen Vereinen zugleich zu empfehlen, die Frage der gegen den Wucher zu ergreifenden Maßregeln in diesem Winter zu verhandeln; c) Acußerungen von Staats- und Rechtsanwälten sowie von Richtern und anderen im Volks­leben stehenden sachverständigen Personen über die bis-

Gefchichtskaleirder.

14. November.

1525. Franz Pizarro segelt zur Entdeckung und Eroberung von Peru von Panama aus ab.

1792. Der franz. G-neral Dumouriez besetzt Brüssel.

1825. Jean Paul Friedlich Richter, geb. zu Wunsiedel 1763, stirbt in Baireuth.

1831. Der große Philosoph Hegel, geb. in Stuttgart 1770, stirbt in Berlin an der Cholera.

1863. König Fiiedrich VII. von Dänemark stirbt, ihm folgt der (Protlcoll-) Prinz von Holstein-Glucksburg als Christian IX.

15. November.

1315. Die Schweizer Eidgenossen besiegen die Oesterreicher bet Morgarten.

1799. Frankreich erhält eine Konsularregierung, Napoleon erster auf 10 Jahre erwählter Konsul.

1863. Der Kaiser Franz Joseph von Oesterreich eröffnet den Fürstenkongreß zu Frankfurt a. M.

1870.

15. Nov. Vertrag zu Versailles mit Baden und Hessen über die Vereinigung zum Deutschen Bunde.

Gefalle«.

Historische Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Einen Verrat? die Gräfin?" ertönte eS lachend.

Wird man Sie in der Bastille oder in Vincennes zu suchen haben, meine Gnädigste? fragte der übermütige Vicomte von Latour.

Das könnte Anlaß zu einer neuen Verschwörung geben," scherzte der Chevalier von Lanzun.

Aber meine teuere Athenais, meine Herren, das ist kein Gegenstand, mit dem man Scherze treibt", mahnte mit auf« gehobenen Armen Frau von Sablisre. die alte Ehrendame der Gräfin.Bedenken Sie doch, wir find die Gäste eines Ministers Seiner Majestät."

herige Wirksamkeit des Gesetzes vom 24. Mai 1880, be­treffend den Wucher, zu veranlassen und d; das ganze, solcher Gestalt gesammelte Material dem deutschen Land­wirtschaftsrat zur Verfügung zu stellen, welcher die Wuchcr- frage mit Berücksichtigung der süd- und mitteldeutschen Gesetzgebung über die gewerbsmäßige Güterzerstückelung in seiner nächsten Sitzungsperiode verhandeln wird." Die an diesen Antrag wie an den Fragebogen desVereins für Sozialpolitik" sich anknüpfende Debatte ergab die Uebereinstimmung der Versammlung mit den Referenten, daß die Sache noch durchaus nicht so weil schon genügend verhandelt sei, um jetzt bereits positive Maßregeln gegen den Wucher vorzuschlagen bezw. zur Durchführung zu bringen, wenn sich auch nicht leugnen lasse, daß der Wucher in allen Tellen des Landes, hier mehr, dort weniger, sein Unwesen treibe. Infolge dessen stimmte die Versammlung dem Antrag Miaskowski-Korn zu. Damit war die Tages­ordnung erledigt und die Sitzung, der bis zur Pause der japanische Landwirtschafts- und Handelsminister Tateki Uani, der japanische außerordentliche Gesandte Josira Sinagara und der Regierungs - Assessor im japanischen Landwirtschafs-Ministerium Samizo Seki beiwohnten, zu Ende geführt.

lieber die bevorstehenden Reichstagsverhandlungen äußert dieNational-Zeitung":Vielleicht wird schon die erste Lesung des Etats, falls sie zu allgemeinen po­litischen Debatten führt, einiges Licht über die dunkeln Punkte der Lage verbreiten. Bis die Militärvorlage er­scheint was erst in einigen Monaten zu erwarten sein soll wird der Reichstag sich dann, abgesehen von der Bndgetberatung, mit Vorlagen unpolitischer, aber sachlich wichtiger Art zu beschäftigen haben. Für die Unfallver­sicherung der Seeleute ist im Prinzip eine Mehrheit ge­sichert ; es wird darauf ankommen, ob, wie wir hoffen, die Bedenken der Rheder, hauptsächlich wegen der Kosten, be­seitigt werden können. Ter Entwurf über die Ermäßigung der Gerichtskosten und der Rechtsanwaltsgebühren hat der wiederholten Forderung des Reichstages nach Verminderung dieser beiden Kategorien von Kosten der Rechtsverfolgung bezüglich der Gerichtskosten in sehr viel geringerem Maße Folge gegeben, als betreffs der Rechtsanwaltsgebühren; es muß der näheren Prüfung der bis jetzt nur auszugsweise bekannten Begründung vorbehalten bleiben, ob es nicht möglich ist, darin weiter zu gehen. Das Militär-Relikten­gesetz, sowie einige andere Reste früherer Verhandlungen sind ebenfalls bereits angekündigt. Sachlich und politisch wird cs eine wichtige Session werden, zu welcher der Reichstag einberufen ist."

Der eben ist es ja, der mich zum Verrat veileiten will," lachte Athenais, durch die Angst der alten Dame zu einer noch tolleren Laune angestachelt;Seine Excellenz der Herr Minister macht es von mir abhängig, ob er seine Gedanken noch länger dem Wohle Frankreichs widmen oder stch gänzlich der Gartenkunst zuwenden soll. Wäre ich nicht eine Ver­räterin, wenn ich ihn dazu verleitete, und doch, nach den Wundern, die wir hier schauen"

Armer Le nötre, laß Dich begraben!" rief der Chevalier mit drolligem Ernste.Pomponne tritt mit Dir in die Schranken, Deine Zeit ist vorüber!"

Noch lange erging man sich in scherzhafter Erwägung, ob Pomponne seinem Vaterlande nicht vielleicht als Garten­künstler noch größere Dienste leisten könne, als er bisher als Diplomat und Minister gethan, oder man malte ans, wie es der Gräfin als Staatsgefangene in der Bastille er­gehen würde und verteilte die Rollen in dem Jntriguenstück, das behufs ihrer Befreiung aufg-.führt werden sollte.

Die Gräfin hatte ihren Zweck erreicht, sie hatte jeder näheren Andeutung des Marquis die Spitze abgebrochen und dem Alleinsein mit ihm ein Ende gemacht.

Stunden vergingen, ehe ihm wieder rin solcher heißer­sehnter Augenblick ward. Der Tag neigte sich seinem Ende zu. Wie aus dem Boden gewachsen fanden die Lustwau- delnden plötzlich bei einer Biegung des Weges ein reichge- schmücktes Zelt auf einem von Taxushecken in einem Halb­rund umgebenen Rasenplatz aufgeschlagen und darunter die Tafel zur Abendmahlzeit gerichtet.

Während man noch speiste, flammte eS plötzlich auf. Garten und Park wurden mit bunten Lampen beleuchtet, aus dem Flusse erschienen reichbewimpelte Schiffe, die in einer beständig wechseluden farbigen Beleuchtung ein See, gefecht ausfühlten, bei dem die Rotgekleideten unterlagen, während die Blaugrünen, welche die Farben trugen, in die heute die Gräfin gekleidet war, als Sieger hervorgingen und anS Land steigend die gemachte Beute, duftende Blumen- kräuze, ihr huldigend zu Füßen legten.

Die Gäste waren entzückt und Überboten sich in Schmeiche­leien gegen den Wirt.

Breslau, 10. Nov. Den Stadtverordneten haben 26 Aerzte eine Petition übermittelt, in welcher beantragt wird, das Kollegium möge an den Magistrat das Ersuchen um Einführung von Schulärzten richten. 57 Aerzte haben sich bereits zur Uebernahme der Funktion als Schulärzte bereit erklärt. Der Schularzt soll zu den Sitzungen des Schulvorstandes zugezogen werden. Die Anregung zu diesem Projekt ist von der hygienischen Sektton der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur ausgegangm.

Ausland.

Wir«, 12. Nov. Die Politische Korrespondenz meldet, das russische Kabinett habe bisher bei den Mächten noch keine Schritte gethan, um denselben die Kandidatur des Fürsten Nikolaus von Mingrelien für den bulgarischen Thron anzuzeigen, es habe jedoch in der Voraussetzung, daß der Prinz Waldemar von Dänemark die auf ihn ge­fallene Wahl ablehnen werde, an den augenblicklich im Kaukasus sich aufhaltenden Fürsten von Mingrelien die Anfrage gerichtet, ob er zustimme, daß seine Kandidatur in Vorschlag gebracht werde, sobald diese Frage auf die Tagesordnung gelange.

Paris, 12. Nov. Die Handelskammer von Hanoi telegraphierte der Negierung den Wunsch nach Aufrecht­haltung der Zivilregierung. Freycinet telegraphierte der Witwe Berts das Beileid der Regierung und die Trauer­bezeugung der Kammer. Der Wasserstand nahm in der Rhone ab, die Durance überschwemmte Barbcntane und Graveson und zerstörte zahlreiche Häuser. Der Bahn­verkehr zwischen Genua und Vintimille wurde durch einen Brückeneinstnrz unterbrochen.

Petersburg, 12. Nov. Die deutschePetersburger Zeitung" erfährt, daß alle bisherigen Nachrichten über die bulgarischen Thronkandidatenjteils unrichtig seien, teils sich nicht bestätigen würden, weil die bezüglichen Verhandlungen sich zerschlagen haben. Der einzige russische Kandidat, welcher auch der Zusttmmung der Großmächte sicher sein dürfte, wäre Fürst Nikolaus von Mingrelien. Das Blatt fügt hinzu: Es dürfte indeß noch längere Zeit vergehen, bis in Bulgarien solche ruhige Verhältnisse eintreten, daß eine in Rußlands Augen gesetzmäßige Fürstenwahl statt­finden kann. DasJournal de St. Pstersbourg" äußert anläßlich der Rede Lord Salisburys die Ansicht, England stelle Oesterreich in den Vordergrund und überlasse dem Wiener Kabinett die Verantwortlichkeit für die Aufrecht­erhaltung des Friedens im Orient. Die Rede des Kaisers Franz Josef bezeuge, daß es sich dieser Verantwortlichkeit bewußt sei. Da Lord Salisbury die englische Politik von

Das ist kein Fest, das ist ein Märchen!" rief die kleine, bewegliche Marquise de la Cavoi.

Nur daß wir zu den glücklichen Sterblichen gehören, denen es nicht erzählt wird, sondern die es erleben und weiter erzählen dürfen," fügte Herr von Latour hinzu.

Als ob sich dergleichen erzählen ließe," fiel der Chevalier ein,das muß genossen oder geträumt werden."

Chevalier, Sie ein Träumer?" neckte die Marquise.

Wenn ich träume," fuhr der Chevalier, ohne sich be­irren zu lassen, fort,so bitte ich nur um die eine Gnade, mich nicht zu wecken, sondern immer und immer so fort- schlasen zu lassen."

Sie machen zu viel Aufhebens von meinem bescheidenen ländlichen Feste," meine Freunde," sagte Pomponne höflich ablehnend und streifte verstohlen mit seinen Blicken das Profil der Gräfin von Luynes, die halbabgewandt, schweigend daiaß, und auf den Fluß blickte, aus welchem jetzt silberne, goldartige rosafarbige Lilien emporsproßten, die ihr magisches Licht über künstliche Schwäne ausgossen, welche zwischen den Blumen majestätisch ihre Bahn zogen.

Ein bescheidenes ländliches Fest," wiederholte Latout lachend,Seine Majestät selbst hat Schöneres noch nicht veranstaltet unb wer hätte je bei einem seiner Hofherren Aehnliches erlebt?"

Ich," ließ sich da plötzlich die etwas scharfe Stimme der Fran von Sablidre vernehmen. Alle wandten sich ver­wundert nach ihr um.

Ich", wiederholte sie und nickte so energisch mit dem Kopfe, daß die auf der hohen künstlichen Frisur sitzende Spitzenhaube daS Ansehen eines stch zum Sturze anschicken- den Vogels erhielt,der Marquis braucht jedoch weder den Vergleich noch den Rivalen zu scheuen. Es war bei Fonqüet in Vanx."

Ein Schweigen der Bestürzung folgte diesen Worten. Fouqet, der ehemals allvermögende Minister Ludwig de» Vierzehnten, der Besitzer fabelhafter Reichtümer, war längst herabgestürzt von feiner Höhe, sein Name ward bei Hofe nicht mehr genannt, vergessen lebte er in der Verbannung.

(Fortsetzung folgt.)