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Nr. 265.

Marburg, Freitag, 12. November 1886.

XXI. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt enrgeges die Expedition d LlatteS, fomieb Annoncen-Bureaux von Haafenstein unbSBogler in Frankfurt a. M-, Eaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Eo. n Frankfurt a. M , Birlin, Hannover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

, Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Nov. Der Kaiser nahm vormittags militärische Meldungen entgegen, empfing alsdann den Vor­trag des Wirklichen Geh--Rats v. Wilmcwski und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Fürst und Fürstin Bis­marck sind heute, abends 6 Uhr, hierher zurückgekehrt. Der heutigen Sitzung des Landesökonomie - Kollegiums wohnte der Minister Lucius von Beginn an bei. Um 12'/» Uhr erschien der Kronprinz und verweilte eine Stunde lang. Die Beratung der obligatorischen Kranken- Veisicherung der land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter wurde fortgesetzt. Der Minister betonte den Wert, wel­chen eine eingehende Diskussion zur Information der Re­gierung habe. Die ganze Angelegenheit stehe noch im Stadium der Erwägung; bei den Schwierigkeiten der Materie könne von einer raschen und durchgreifenden Er­ledigung derselben keine Rede sein. Das Landesökono­miekollegium nahm im Verlaufe der Sitzung folgende An­träge an: 1. den baldigen Erlaß eines Landlsgesetzes, betreffend die Einführung einer obligatorischen Kranken­versicherung für die im land- und forstwirtschaftlichen Be­triebe beschäftigten Arbeiter als dringend geboten zu er­achten; 2. feien gesetzliche obligatorische Bestimmungen zu treffen, welche dem im land- und forstwirtschaftlichen Be­triebe arbeitenden Gesinde mindestens die gleichen Wohl- thatcn des für die land- und forstwirtschaftlichen Arbeiter für notwendig erachteten Krankenversicherungsgesetzes sichern; daher sei es wünschenswert, die bestehenden Gesindeord­nungen nach altem Rechte zu belassen und die Wirkung der Krankenversicherung bezüglich des ländlichen Gesindes so weit in Kraft treten zu lassen, als die Gesindeordnung den Wohlthaten des Krankenversicherungs Gesetzes nicht voll entspreche. lieber die Wirkung des jüngsten Militär- PensionS-Gesetzes auf das Avancement wird offiziös ge­schrieben : Die Gesuche, auf Grund deren in den Monaten Juni und Juli Pensionierungen erfolgten, sind im Mai bezw. Juni c. eingereicht worden, also nach dem Inkraft­treten des neuen Gesetzes, welches mit dem 1. April c. seine volle Giltigkeit erlangt hat; so weit ist der Instanzen­weg, welchen ein Pensionierungsgesuch zu durchschreiten hat, nicht, daß Monate vergehen müßten, ehe eine Entscheidung über dasselbe getroffen wird. Eine Wirkung des neuen Militär-Pensions-Gesetzes auf das Ausscheiden von Offi­zieren dürfte unbedingt schon darin zu erblicken sein, daß in dem ersten Halbjahre nach Inkrafttreten desselben 66 Pensionierungen ^mehr genehmigt bezw. verfügt sind, als in dem letzten Halbjahre vor Erlaß des neuen Gesetzes. Einen fühlbaren Einfluß auf das Avancement vermag allerdings ein derartiges, im Verhältnis zu der Größe der Armee geringes Plus des Abganges nicht auszuübeu. Die von vielen Beteiligten genährte Hoffnung auf einen plötz­lichen Umschlag in dem zur Zeit keineswegs glänzenden Avancement ist nicht in Erfüllung gegangen. Vielleicht erklärt sich dieser Umstand aus folgender Erwägung. Das neue Pensionsgesetz verschafft dem Offiziere allerdings den

Genuß einer hinlänglichen Pension nach einer kürzeren Dienstzeit, als sie bisher oazu erforderlich war, und zwar so, daß die höchste Pension, welche bekanntlich drei Viertel des zuletzt bezogenen pensionsfähigen Dienst - Einkommens beträgt und nach dem alten Gesetze mit zurückgelegtem 50. Dienstjahre erreicht wurde, heute schon nach dem 40. Dienstjahre erworben ist. Die Pension wird aber nicht allein nach der zurückgelegten Dienstzeit, sondern auch nach der Charge des Offiziers bemessen, welche derselbe zuletzt bekleidet hat. Viele mögen deshalb erst noch das Einrücken in die höhere Charge abwarten; ein solches kann aber nur stattfinden, soweit in den oberen Stellen Platz gemacht wird und in diesen sind allerdings bisher in dem vielseitig auf Grund des neuen Gesetzes erwarteten Umfange Ab­gänge nicht zu verzeichnen. Wir möchten uns aber über­zeugt halten, daß im Laufe der Zeit der Zweck der Auf­besserung der Pensionsverhältniffe, den befähigten Offizier noch in rüstigerem Alter in höhere Kommandostellen zu bringen, erreicht wird.

Nürnberg, 9. Nov. Auch bei den bayerischen Truppen­teilen beginnt man jetzt, sie mit dem neuen Repetiergewehr auszurüsten. Wie dieN. Nürnb. Ztg." berichtet, trafen gestern abend auf hiestgent Bahnhofe zwei Waggons mit Repetiergewehren ein, welche für das hier stehende 14. bayerische Infanterie-Regiment (Oberst Kurz) bestimmt sind.

Ausland.

Paris, 10. Nov. Der König und die Königin von Württemberg werden in Nizza erwartet.197 640 Franken aus öffentlichen Spenden wurden an 3149 aus Tongking heimgesandte kranke Soldaten verteilt. Der Wasserstand in Südfrankreich ist im Abnehmen begriffen.

London, 10. Nov. Bei dem Lordmayorsbanket in der Guilkchall sagte Lord Salisbury, die englische Okkupation Egyptens müsse eine beschränkte sein, England könne aber ohne Einbuße an seiner Ehre die dem Laude gegebenen Sicherheiten nicht zurückziehen und das Land nicht eher verlassen, als bis dasselbe in eine gegen auswärtige Aggression gesicherte Lage gebracht und die Anarchie in den inneren Angelegenheiten vollständig beseitigt sei. In finanzieller Beziehung seien die Fortschritte Egyptens günstiger wie jemals, die Aufgabe Englands sei aber noch nicht vollendet, die Wohlfahrt Egyptens und seine Unabhängigkeit von einer Kontrolle einer anderen Macht sei von größter Wichtigkeit. Bezüglich Bulgariens erinnerte Lord Salisbury an die Vorgänge bei der Verschwörung gegen den Fürsten Alexander, worüber er sich sehr mißbilligend aussprach und er tadelte die an der Verschwörung beteiligten Offiziere, welche durch fremdes Geld verführt feien. Ueber die Ver­schwörung sei das Verdammungsurteil von Europa ge« sprechen, welches mit Erstaunen erfahren habe, daß die Hilfsmittel der Diplomatie angewendet wurden, um die Offiziere vor dem verdienten Schicksal zu retten; Europa habe mit lebhaften Bedauern die Eingriffe iu die Rechte eines unabhängigen Volkes gesehen und alles das habe die

Entstehung unheilvoller Gerüchte veranlaßt. Er, Lord Salisbury, habe indeß guten Grund, dieselben für unbe­gründet zu halten. England werde im Einvernehmen mit den anderen Mächten handeln und es werde nicht die Pflicht übernehmen, die Verpflichtungen für andere aufrecht zu halten, welche ihrerseits es für unnötig hielten, dieselben aufrecht ju halten. Wenn aber Englands Interessen be­rührt würden, werde England keinen Rat verlangen und keinen Beistand suchen, sondern selbst seine Interessen ver­teidigen überall, wo es angegriffen werde. Gegenwärtig seien die Interessen Englands nicht berührt. Oesterreich habe das größte Interesse in der Frage und Oesterreichs Entschlüsse würden von großem Einflüsse auf die Entschlüsse Englands sein. (Nach einem anderen Berichte desW. T. B." wies Lord Salisbury noch darauf hin, daß England bei ber bulgarischen Frage kein isoliertes, sondern ein mit den anderen Mächten gemeinsames Interesse habe. Falls die Mächte ober ber größere Teil derselben es als ihre Pflicht erachten, eine Verletzung des Berliner Vertrages zu ahnden, so würde England sicher nicht zögern, dieselben zu unter­stützen. Augenblicklich sei fein Grund zur Besorgnis wegen einer Störung des europäischen Friedens; er hege das Vertrauen, der Einfluß der öffentlichen Meinung Europas werde ausreichen, die Freiheit Bulgariens zu schützen.) Beim Schluffe seiner Rede wiederholte Lord Salisbury, er halte den Frieden in keiner Weise gefährdet und er hoffe, die Zukunft werde anstatt eines zerstörenden Krieges ein Wiederaufleben der Arbeit und Industrie zeigen. Sämtliche Morgenblätter ohne Unterschied der Parteistellung billigen die gestrigen Auslassungen Lord Salisburys über die Orientfrage, da dieselben klar und entschlossen und der Unterstützung des Landes würdig seien. DieTimes" sagt, mit dem bedeutsamsten Satze der Rede, worin gesagt war, daß Oesterreichs Politik maßgebend sein werde für die britische Politik, sei gemeint, daß Oesterreich, falls es durch die in einer russischen Okkupation Bulgariens iuvol- vierte Verletzung des Völkerrechts gezwungen wäre, der Bedrohung seiner Reichsinteressen entgegenzutreten, nicht ohne Unterstützung Englands gelassen würde. Der Standard " äußert sich ähnlich, bemerkt indessen, Oesterreich müsse unbedingt den ersten Schritt thnn; ein Einvernehmen zwischen Oesterreich und England werde allgemein als beste Friedensbürgschaft beurteilt.

Risch, 10. Nov. Die Skupschtina nahm das neue Steuergesetz an. Neun Oppositionsführer erklärten ihren Austritt aus der Kammer, die übrigen Radikalen, welche blieben, stimmten mit der Majorität für das Gefetz.

Tirnoiva, 10. Nov. Die Sobranje hielt gestern 'eine geheime Sitzung ab, welcher die Regenten und die Minister beiwohnten Stambuloff legte abermals die Gründe -'dar, weshalb eine Wiederwahl des Prinzen von Battenberg unmöglich sei. Da die Mächte einen Thronkandidaten nicht vorgeschlagen hätten, so müsse die Versammlung nunmehr selbst eine Wahl treffen. Prinz Waldemar von Dänemark erscheine wegen seines Nomens und seiner Verwandtschaft

Geschichtskalender.

12. November.

1848. Berlin wird in Belagerungszustand erklärt.

1870.

12. November. Siegreiches Seegefecht deSMeteor" gegen Bouvet."

Gefallen.

Historische Erzählung von F. Arnefeldt.

(Fortsetzung.)

Gräfin von Luyn-S, wußte sich daraus sogar einen Schild zu machen, hinter den sie sich znrückzog, wenn die Galanterien der Herren einen gar zn bestimmten Charakter annahmen, und sich in Werbungen um die Hand derffchöueu und reichen WÜiwe zu verwandeln drohten.

Zu lange hatte die Gräfin von Luynes sich nach ihrer Freiheit gesehnt, um sie jetzt so schnell und so leichten Kaufes dahinzugeben; ohne je einen Bewerber direkt ab­zuweisen, hielt sie doch alle in gemessene Schranken, niemand konnte sich einer Bevorzugung von ihr rühmen. Auch Pomponue, obgleich er der eifrigste und ausdauerndste ihrer Verehrer war, obgleich sie an der Stärke und Aufrichtigkeit feiner Liebe nicht zweifeln konnte und obgleich sie an der Gesellschaft des geistvollen Mannes Gefallen fand und dessen auch kein Hehl hatte, war noch durch keinerlei Gunst- bezeugungen zu kühneren Hoffnungen ermutigt worden.

Heute endlich war der Tag angebrochen, wo er glaubte, sich zum erste» Male einer solchen Hoffnung hingeben zu dürfen, obgleich es im Grunde wenig genug war, was seine Brust mit seligen Empfindungen schwellte.

»Nach einer Fahrt von etwa zwei.Stnuden harre der Marquis Fsrnou erreicht.

Es fehlte noch eine Stunde an der für "bie Ankunft der Gäste bestimmten Zeit und Powponne -benutzte diese Frist, um in Begleitung des Intendanten durch Haus, Garten iind Park zi?fchretten und sich mit eigenen Augen zu über» jeiyjen, Db feine Befehle pünktlich ausgeführt und alle Vor­bereitungen für die Aufnahme der Gäste wohl getroffen waren.. Er lobte hier, fabelte dort, machte noch einige Abänderungen, erklärte sich aber im Ganzen mit den Ein­richtungen zufrieden. Nun ging er wieder, wie vor der Abfahrt von Paris unruhig und erwartungsvoll ans und ab, nur daß dort ein Salon, hier ein offener Säulengang als Schauplatz seiner Promenade diente.

Seine Geduld ward auf keine allzu harte Probe gesetzt. Die zwölfte Stande hatte noch nicht geschlagen, da eilte schon der als Wachtposten ausgestellte Diener athemlos mit der Meldung herbei, daß auf der Landstraße Staubwolken aufwirbelten. Bald darauf führe» auch die Karosse», welche die Geladenen brachten, vor. In einem anderen Wagen folgten Zofen und Kammerdiener, da die Gesellschaft erst am folgenden Tage nach Paris zurückzukehren gedachte und man deshalb der gewohnten persönlichen Bedienung nicht entsagen mochte.

Der Marquis war, gefolgt von einem Dienertrosse, den Gästen bis zur Anfahrt entgegengegange«, hatte Athenais von LuyneS eigenhändig aus dem Wagen gehoben und ihr bann den Arm gereicht, um sie »ach dem Schlosse führe», sie auf diese Weise stillschweigend und doch sehr ausdrucksvoll als Königin des Festes bezeichnend. Die übrigen Angekommenen, zusammen etwa zwölf Personen, folgten paarweise dem voranschreitenden Hausherr».

Es war ein köstlicher Junitag, ein Tag, der eigens ge­schaffen schien, sich dem Genüsse der Natur in heiterer, an­regender Gesellschaft hinzugeben. Hatte Powponne bisher doch noch einen gewissen Druck durch das Bewußtsein empfunden, eine unerfüllte Pflicht hinter sich zurückgelasieu zu haben, so war mit dem Erscheinen der Geliebten jede Erinnerung daran wie ausgelöscht. Er war nicht mehr der Minister und Staatssekretär Ludwigs des Vierzehnte», der Mann in gesetzte» Jahren, sondern nichts als Simon Arnaud von Powponne, ein junger Kavalier, der zum ersten Male das von ihm angebetete Weib über die Schwelle seines Hauses führte, ihr mit Entzücken in die großen grauen Augen, in das von der Fahrt lieblich gerötete Gesicht schaute, dessen Ohr voll Stolz und Freude die Lobsprüche frank, die sie seinem schönen Besitztum zollte.

Fernon war in der Thaf der Bewunderung teert Zn dem aus rötlichem Marmor erbauten, etwas hoch gelegenen Schlosse führte eine prächtige Treppe empor. Der in ita­lienischem Geschmacke ausgeführfe Ban hatte nur ein Rez de Chaussee und bestand aus einem Corps de Logis und zwei etwas zurückliegenden Flügel», die Pavillons bildeten und durch einen mit schönen jonischen Säulen geschmückten Peristyl demselben, in welchem der Hausherr soeben noch erwartungsvoll auf- und abgegangen mit einander ber» bunden waren.

In einem dieser Pavillons waren die Gemächer für die Damen, in dem andern die für die Herren hergerichtef, in welche sie sich nach kurzer Rast und zur Auffrischung ihrer Toiletten zurückzogen. Nach Verlauf einer Stunde ertönte eine sanfte, getragene Musik von Geige», Clarinetten und Oboen, ohne daß die Musiker sichtbar geworden wäre».

(Fortsetzung folgt.)