Rr. 264.
Marburg, Donnerstag, 11. November 1886
XXI. Jahrgang.
trifbeint täglich _au6et an Brrttagen nach vonn-und Knrnagen. — Quartal- UbvnnementS-Preis bet bet Expedition 21,/« Mk., bei bei Postämter 2 Mk. 50 Pfg. lexcl. Bestellgeld-. JusertionSsebithr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Rdlamen für die Zeile 25 Pfg.
OIicrllkMk Jritung.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
- Illustriertes Sonntagsblatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Nov. Der Kaiser empfing eine Reihe militärischer Meldungen, sowie die Vorträge des Polizei- Präsidenten, des Generals von Albedyll und des Grafen Hochberg, erteilte dem Bischof Dr. Thiel von Ermland im Beisein des Kultusministers eine Audienz und machte nachmittags eine Ausfahrt. Um 5 Uhr findet ein größeres DinerS statt, wozu gegen 25 Personen geladen sind. — Eine kaiserliche Verordnung vom 8. November beruft den Reichstag auf den 25. November ein. — Das Landesökonomiekollegium, welches heute zu seiner dritten Session zusammentrat, wählte den Unterstaatssekretär Marcard an Stelle des verstorbenen Schuhmann zum Präsidenten. — Die Aufbereitung des endgültigen Ergebnisses der Volkszählung in Preußen vom 1. Dezember v. Js. ist nunmehr so weit vorgeschritten, daß die „Etat. Korresp." über einen großen Teil der durch diese Aufnahme ermittelten Thatsachen zuverlässige Auskunft für jede einzelne politische Gemeinde, jeden Kreis (jedes Oberamt) und jeden Regierungsbezirk, jede Provinz und den gesamten preußischen Staat zu geben vermag. Die ortsanwesende Bevölkerung des Staates betrug am Zählungstage 28318458, und zwar 13893599 männliche und 14 424859 weibliche Personen, ist mithin nur um 4625 Personen — 0,016 Prozent größer gewesen, als im März d. Js. auf Grund der Zählerkontrollisten F. vorläufig ermittelt worden war. Das fin diesem Jahre festgestellte vorläufige Zählungsergebnis kommt dem endgültigen demnach sehr viel näher, als das vorläufige Ergebnis der 1880er Zählung, welches um 28044 Köpfe — 0,103 Prozent hinter dem endgültigen zurückgeblieben war. Außerdem befanden sich am Zählungstage noch 5312 Marinepersonen im Auslande an Bord deutscher Kriegsschiffe. Von den Ortsanwesenden waren 27984594 am Zählorte wohnhaft und 333864 vorübergehend dort anwesend; dagegen wurden nur 289 608 Personen als vorübergehend aus ihrem Wohnorte abwesend gezählt. Die Wohnbevölkerung des preußischen Staates beträgt demnach 28274202, und zwar 13 888812 männliche und 14 385 390 weibliche Personen. Sie ist um 44256 (darunter 39469 weibliche) Personen niedriger, als die ortsanwesende Bevölkerung, woraus man folgern darf, daß die vorübergehend abwesenden Personen, und namentlich die darunter befindlichen weiblichen Personen, nicht vollständig ausgenommen worden sind, mithin die durch die Volkszählung gewonnene Zahl der ortsanwesenden Bevölkerung dem wirklichen Stande der Bevölkerung näher kommt, als die Wohnbevölkerung. Die Zahl der bundesangehörigen aktiven Militärpersonen betrug 271581, ®cn denen 243 049 Preußen und 18532 Angehörige anderer deutscher Staaten waren. An Wohnstätten wurden 3 248859 ermittelt, darunter 3180 793 bewohnte und
53422 im Bau vollendete, aber nicht bewohnte Wohn- ' Häuser, 6185 andere bewohnte und nicht hauptsächlich zu ! Wohnzwecke bestimmte Gebäude, 1518 bewohnte Hütten, • Bretterbuden oder Zelte und 6941 bewohnte Wagen, Schiffe oder Flöße. Ein erheblicher Teil der unbewohnten Wohngebäude bestand aus lediglich während der wärmeren Jahreszeit im Gebirge, in Badeorten u. s. w. benutzten Buden, Gastwirtschaften und sonstigen, Wohnzwecken dienenden Baulichkeiten. Auf je 10 bewohnte Wohnstätten entfielen im Durchschnitte 19 Haushaltungen, deren im Ganzen 5 976179 vorhanden waren, nämlich 5 584440 gewöhnliche Familien-HauShaltungen zu je zwei und mehr Personen, 121846 Einzeln-Haushaltungen männlicher und 249935 Einzeln-Haushaltungen weiblicher, selbständig lebender Personen und 19958 Anstalten zu gemeinsamem Aufenthalte. Von den 1287 preußischen Städten zählten 12 mehr als 100000, 14 über 50000 bis 100000, 6 über 40000 bis 50000, 12 über 30 000 bis 40000, 38 über 20000 bis 30000, 114 über 10000 bis 20000, 202 über 5000 bis 10000, 527 über 2000 bis 5000, 290 über 1000 bis 2000 und 72 unter 1000 Bewohner.
Magdeburg, 9. Nov. Der „Saalezeitung" wird gemeldet, die hier vorgenommenen Verhaftungen von Arbeitern bezifferten sich auf 40 bis 50 und erfolgten wegen hochverräterischer Umtriebe. Auch seien Schriften, durch welche Halle'sche Arbeiter kompromittiert würden, gesunden worden.
Stuttgart, 9. Nov. Der „Staatsanzeiger" veröffentlicht die Einberufung der Ständeversammlung auf den 25. November
Auslaud.
Paris, 9. Nov. Die Schatzeinnahmen des Oktobers weisen gegenüber den Budgetvoranschlägen 91/» Millionen Francs Minderertrag, dagegen gegenüber den Einnahmen im Oktober 1885 21/» Millionen Francs Mehrertrag. In den Departements Hautes-Alpes, Jsere, Vaucluse und Bouches de Rhone sind infolge Hochwaffers abermals Uebcr- schwemmungen eingetreten.
Landau, 9. Nov. Lord Salisbury begab sich gestern zur Königin nach Windsor. Die „Times" glaubt, der unerwartete Besuch des Premiers stehe mit dem Empfange wichtiger Depeschen über die bulgarische Frage in Zusammenhang. — Die „Daily News" veröffentlichen die Antwort Gladstones auf die jüngste Aufforderung einiger bulgarischen Abgeordneten, seine Stimme zu Gunsten Bulgariens zu erheben. Gladstone erwideit, seine Ansichten und Wünsche betreffs der emanzipierten oder autonomen Provinzen des türkischen Reichs seien unverändert geblieben. Es wäre das Ende der Handlungen Alexanders II ge-
rocfen, für Bulgarien die Freiheit, vorbehaltlich gewisser gerechten Verpstichtungen, zu erlangen; dieser Edelmut würde verschwinden, wenn der jetzige Kaiser von Rußland den Traditionen nicht treu bleiben sollte, welche seinem Regierungsvorgänger Ehre und Dankbarkeit eintrugen; er habe es als seine Pfiicht angesehen, bei der gegenwärtigen Sage feine Stimme zu erheben, weil er geglaubt habe und -t daß in England keine Meinungsverschiedenheit über Bulgarien und die dortigen Verhältnisse bestehe. Er habe feinen gerechten Grund, zu bezweifeln, daß die Ge- Itnnung Englands im Rate Europas durch Lord Jddesleigh getreulich repräsentiert würde. — Die Behörden trafen Vorsichtsmaßregeln, um etwaigen Ruhestörungen durch die Sozialdemokraten anläßlich der Lordmayorsprozession vorzubeugen. Starke Polizeiabteilungen sind an den Eingängen zu Trafalgar Square und Ludgate-Zirkus, an dem Themsequai und anderen Punkten des Weges, welchen die Lordmayorsprozeffion nimmt und an verschiedenen Stellen Ost-Londons stationiert. Garde-Infanterie und Kavallerie sind angewiesen, sich für den Notfall bereit zu halten, um der Polizei Hilfe zu leisten. Die Thüren und Fenster der Bankhäuser, Läden und öffentlichen Gebäude in den Straßen, welche die Prozession berührt, sowie in mehreren Straßen Ost-Londons sind durch starke Holzverschläge ge» chutzt-.- Die Lordmayorsprozession verlief ohne jede Ruhestörung. Eine große Volksmenge durchzog die Straßen, doch sind nirgens Unordnungen vorgekommen.
Brüssel, 9. Nov. Vor der Eröffnung der Kammer nahm^ der König, von dem Grafen von Flandern begleitet, ju Pferde eine Revue über die Bürgergarde ab, wobei sympathische Zurufe ertönten. — Die Thronrede erklärt, die Beziehungen zu allen Mächten seien vortreffliche k/gim, erfülle aufs Gewiffellhafteste die Pflichten der .ccutrahtat. Nachdem die Thronrede darauf hingewiesen, dass industrielle Produktion Belgiens, durch die Ausstellung von Antwerpen gestärkt, sich nicht vermindert habe, und weitere Ausdehnung der kommerziellen Beziehungen empfohlen, wird erinnert an die bedauernswerten Vorgänge in Lüttich und Charleroi. Die Regierung werde den Kammern Ge- setzentwurfe über wichtige Reformen vorlegen. Es handle sich hauptsächlich darum, die freie Bildung von BerufS- gruppen zu begünstigen und zwischen Arbeitgebern und Arbeitern neue Verbindungen herzustellen durch Bildung von Schieds- und Einigungsämtern, Regelung der Frauen- und Kinderarbeit, Beseitigung der Mißbräuche bei Lohnzahlungen, Erleichterung der Wohnungsverhältniffe, Herstellung von Einrichtungen für die Wohlfahrt und die Unterstützung der Arbeiter, sowie für Versicherung und Alters-Versorgung, durch Bekämpfung der Trunksucht und der Unmoralität im Allgemeinen und durch wirksame Maß. regeln gegen Lebensmittelfälschungen. Der König werde
G-schichtskalend-r.
11. Di o o c m b e r.
1417. Ottone della Colonna wird vom Kostnitzer Konzil zum Papste gewählt und nimmt den Namen Maltin V. an, Ende der großen Kirchenspaltung.
1688. Der Prinz Wilhelm HL von Oranicn geht in See, nm Englands Freiheit zu retten.
1714. König Karl XII. von Schweden langt, aus der Türkei zurückkehrend, in Stralsund an.
1813. Lier franz. Marschall St. Cyr kapituliert und über- ßiebt Dresden an die Verbündeten.
1814. Nach Wiederherstellung des Jesuitenordens durch Papst Pius VII. findet die erste feierliche Eröffnung eines Jlsuiten-Noviziats in Rom statt.
Gefallen.
Historische Erzählung von F. Arnefeldt.
(Fortsetzung.)
Inzwischen hatte der Diener den Kurier am Arm genommen und ihn die Treppe hinunter in ein ganz behaglich eingerichtetes Zimmer des Erdgeschosses geführt.
„Hier wirst Du es wohl ein paar Tage aushalten können," sagte er, ans das weiche Lotterbett deutend.
„Gewiß," schmunzelte der Kurier, „unsereins wirds nicht oft so gut geboten, aber höre, Tein Herr —*
„Still", unterbrach ihn der Diener, „kein Wort, der Herr hat geboten, daß Du schweigst."
„Aber so höre doch —"
„Nichts will ich hören, der Herr hat befohlen, daß Du mit niemand sprichst; zeigst Du Dich widerspenstig, so giebts auch noch dunklere Kammern als diese und der Imbiß, den ich Dir aufznttagen gebe, dürfte auch nicht so reichlich ausfallen."
Der Kurier sah ein, daß ihm nichts übrig blieb, als sich in fein Schicksal zu ergeben.
„Mir tauns recht fein," brummte er, nachdem Der Diener ihn verlassen und die Thüre hinter ihm v.rschlosien hatte. „Meine Schuld istS nicht, wenn es der Marquis durchaus nicht hören wollte, daß ich auch einen Brief an Herrn von Colbert mitgebracht und bereits in feinem Hotel abgegeben habe. Bin aber doch neugierig, wer die Suppe auseffen soll, die da eingebrockt wird."
Er warf sich auf das Bett und schlief so schnell ein, daß er von dem rückkehrenden Diener, der ihm Wein und Speisen brachte, erst wach gerüttelt werden mußte, daun aber der leckeren Mahlzeit mit großem Eifer zusprach. Er hatte sich j-tzt mit seiner Gefangenschaft schon vollständig ausgesöhnt.
II.
Athenais von LuyneS hatte es übernommen, an dem Marquis Rache zu üben für manches verwundete, wenn auch nicht gebrochene Frauenherz, welches er, wo er hingekommen, an den italienischen Fürstenhöfen, in Madrid, wie in Stockholm zurückgelassen, war die Wittwe eines Edelmannes, welcher eins der Mstglieder der Fronde gewesen und sich nach dem Siege des absoluten Königtums grollend auf seine Besitzungen in der Normandie zurückgezogen hatte. Nachdem er hier Jahre lang einsam gehaust, war es ihm in schon recht vorgerücktem Alter in den Sinn gekommen, als Gefährtin seiner letzten Tage die Tochter eines Edelmannes von uraltem Adel, aber sehr mäßigem Vermögen heimzu- führen, welche soeben aus dem Kloster, wo sie ihre Erziehung genossen, zurückgekehrt war.
Wenn man der schönen Athenais unter anderen Gründen, welche für die ungleiche Heirat sprachen, vielleicht auch den angeführt hatte, der Graf von Luynes könne den Gesetzen her Natur nach nur noch kurze Zeit leben und sie habe nach seinem Tode als reiche Wittwe noch ein langes Dasein des Glanzes und der Unabhängigkeit vor sich, so erwies sich eine solche Hoffnung als trügerisch. Dem alten Herrn gefiel
e8 in feinem feudalen Schlöffe an der Seite seiner jungen $ra“ 1° «ui, daß er sein Leben bis an die äußerste Grenze, tic Meu chen gesteckt zu fein scheint, brachte. Als er °nd"ch hochbetagt starb, lagen die Jahre der ersten Jugend auch schon lange hinter Athenais. Sie mußte sich beeilen wollte sie noch einen Trunk schlürfen aus dem Becher der Freude, nach dem sie sich in der Einsamkeit ihres Schlosses am Meeresstrande gesehnt hatte. Sobald daher die Trauerzeit abgelaufen, war sie nach Paris gekommen, hatte, unter
A a4te? ^rwandten ihres verstorbenen qT P'A S viele Jahre lang geschlossen gewesene Hotel Luynes wieder eröffnet und war am Hofe von Versailles erschienen.
Obgleich Athenais bereits einige dreißig Jahre läblie batte das stille, weltabgeschiedene Leben, das sie bisher ge! fuhrt, ihrer Schönheit noch die volle Frische bewahrt- die ^Zp^nglichkeit ihres Wesens, die noch so jugendliche'Em- pf anglichk.it der reifen Frau für jeden sich ihr darbietenden Genuß und die mit Geist und Anmut gepaarte naive Schlag, fertigkett ihrer Unterhaltung verliehen ihr für den verwöhnten uud blafierten Hof einen großen Reiz. Der König zeichnete sie ans und hatte schon nach der ersten Begegnung mit ihr die Aeußerung gethan, Gräfin aon Luynes scheine noch um. weht von einem Hauche der klaren, frischen Seeluft die sie so lange umfächelt; dem Beispiele des Monarchen folaend huldigte ihr alle Welt, am zartesten und ansdäueAsten aber Simon Arnand von Pomponne, dem es die schöne Frau auf den ersten Blick angethan hatte.
Nur wenige Monate war die Gräfin von LuyneS in Varis so hatte sie sich mit bewundernswürdiger Leichtigkeit in die sie umgebende neue Welt gefunden und beherrschte sie mit Sicherheit. Ire behielt die Eigenart im Benehmen und selbst in der Kleidung die sie so vorteilhaft aus der Menge der schonen, glanzvollen Erschetuungen am Hofe Luwig xiv hervorhob. (Fortsetzung folgt.)