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Nr. 263.

Marburg, Mittwoch, 10. November 1886

XXI. Jahrgang.

Urschemt täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- UbormementS-Preis bei bet toebitwn 2*/« Ml., bei d« Postämter 2 Ml. 50 Pfg. (e$d. Bestellgeld). JnsertümSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. UMam n für die Zeile S5 Pfg.

WchkMe jfitiinii.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowied.Annoncen-Bureaur von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mofle in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt a. 9)1., Berlin, Ha^ notier u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Sag. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Nov. Der Kaiser nahm heute die Vor­träge des Geheimen Kabinettsrales von Wilmowski und des Ministers von Puttkamer entgegen und empfing später den Prinzen Heinrich, welcher sich vor seiner Rückkehr nach Kiel abmeldete, sowie den deutschen Botschafter in Wien, Prinzen Reuß. Hieraus machte der Kaiser eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr erscheint beim Kaiser der Staatssekretär Graf Bismarck zum Vortrage. Morgen wird der Kaiser den neuen Bischof von Ermland, Dr. Thiel, in feierlicher Audienz empfangen. Prinz Wilhelm hat am Sonnabend dem Kaiser nach dessen Rückkehr aus Baden-Baden seinen ersten Besuch in Berlin abgestattet und damit schneller, wie vorausgesehen wurde, die Grund­losigkeit jener übertriebenen Gerüchte erwiesen, die vor­nehmlich durch dieSaale-Ztg." mit Berufung auf eine scheinbare Autorität verbreitet wurden. Prinz Wilhelm hat sich bei Sr. Majestät wieder gesund gemeldet und gleichzeitig das Kommando seines Potsdamer Regimentes übernommen. Wie wir nachträglich aus durchaus zu- , verlässiger Quelle zu konstatieren in der Lage sind, hat es sich bei dem letzten Ohrenleiden Sr. Königlichen Hoheit lediglich um eine leichte, absolut ungefährliche, wenn auch anfangs recht schmerzhafte Entzündung gehandelt. Es wurde ihm gegenüber nur deshalb die äußerste Vorsicht angewendet, um den bei derartigen Leiden so leicht und häufig eintretenden Rückfällen vorzubeugen. Dieselbe rein therapeutische Rücksicht bedingt, daß sich der Prinz noch längere Zeit vor Erkältung wird schützen müssen und darum auch leider gezwungen ist, den Jagden, denen er sonst das lebendigste Interesse zuzuwenden pflegte, vor der Hand fern zu bleiben. DieNordd. Allg. Ztg." sagt in ihrer Tagesrundschau: Die Pcster Kaiserrede komme zu gele­gener Zeit, um die Besorgnisse, die sich infolge der neuesten Zwischenfälle hervorgewagt haben, auf ihr richtiges Maß zurückzuführen. Denn, wenn die Thronrede auch ein­räume, daß die bulgarischen Wirren Anlaß zu ernsten Be­sorgnissen geben, so bestreite sie doch entschieden, daß der Keim dazu in Differenzen zwischen den Mächten enthalten sei, sie deute vielmehr an, daß allseitig friedliche Inten­tionen walten und daß Oesterreich-Ungarn zu sämtlichen Mächten in vortrefflichen Beziehungen stehe. Zur Trauer­feier für den verstorbenen Abgeordneten Löwe-Kalbe hatte sich heute mittag eine große Trauerversammlung im Hause des Verstorbenen eingefunden. Außer mehreren Depu­tationen aus dem Wahlkreise des Verstorbenen nahmen die Minister Bötticher, Lucius, Maybach, Scholz, Bernuth und Hobrecht, zahlreiche Abgeordnete und Professoren, Deputationen des «stadtrats und der Stadtverordneten an der Feier teil. Die kirchliche Trauerrede hielt Archidia- konus Professor Scholz; nach ihm nahmen der Abge­ordnete von Benda und der Dichter Emil Ritterhaus zu warmen Nachrufen an den Verstorbenen das Wort. Nach » I' .F'....... - " - -< 1 '

Geschichtskalender.

10. November.

1483. Martin Luther wird zu Eisleben geboren.

1549. Papst Paul HI. stirbt vier Jahre nach Eröffnung des Tridentiner Konzils.

1716. Gottft. Wilhelm Leibnitz (geb. den 3. Juli 1646 zu Leipzig), der größte Denker und Gelehrte seiner Zeit, Stifter der Beiliner Akademie, stirbt zu Hannover.

1759. Joh. Christoph Friedrich Schiller wird geboren zu Marbach.

1794. Thaddäus Kosciuszko fällt in der Schlacht bei Maciejowice unter dem Ausrufe:Finis Poloniael, ver­wundet, in russische Gefangenschaft.

1807. Napoleon dekretiert, das Haus Braganza habe über Portugal zu regieren aufgehört.

1843. Die junge Königin Isabella von Spanien wird von den Cortes als mündig erklärt und beschwört die Ver- faffuvg.

1859. Der Friedensvertrag von Zürich bestätigt die zwischen Frankreich und Oesterreich zu Villafranca geschlossene Friedenseinigung.

1870.

10. November. Neu-Breisach kapituliert.

Gefallen.

Historische Erzählung von F. Arnefeldt. (Fortsetzung.)

Athenais hatte diese Einladung mit einer Bereitwilligkeit angenommen, aus welcher deMlich hecvorging, daß fie di-felbe erwartet und gewünscht habe.

Stolz und glücklich traf Pomponne seine Vorbereitungen,

einem Schlußgesang wurde die Leiche nach dem Mathäft kirchhof überführt. Eine heute stattgehabte Versamm­lung der freisinnigen Wähler des ersten Reichstagswahl­kreises proklamierte den Landgerichtsrat Klotz als ihren alleinigen Kandidaten.

DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: DasLeipziger Tageblatt" hat dem Grafen Beust einen Nachruf gewidmet, der von verschiedenen Zeitungen reproduzirt worden ist und in dem auch von Unterhandlungen mit Frankreich die Rede ist, die vor und nach der Schlacht von Königgrätz in Bezug auf das Königreich Sachsen stattgefunden haben sollen. DasLeipziger Tageblatt" ist der Meinung, daß Kaiser Napoleon auf Anregung des Grafen Beust im Jahre 1866 im preußischen Hauptquartier habe erklären lassen, er könne nicht zugeben, daß dem König von Sachsen ein Haar gekrümmt werde.Dies", so fährt das genannte Blatt fort,geschah vor der Schlacht von Königgrätz; nach der Schlacht brachte aber Napoleon zuerst eine Theilung Sachsens in Vorschlag, um bald darauf, in der Besorgnis, daß die preußische Armee im Falle einer Wiederaufnahme der Feindseligkeiten ihren Einzug in Wien halten könnte, die Selbstständigkeit Sachsens vollständig preiszugeben. Dieser letztere Entschluß wurde infolge einer Störung der Telegraphenleitung auf dem Kriegsschauplatz am 26. Juli erst einige Stunden nach der Unterzeichnung der Friedens­präliminarien in Nikolsburg bekannt." Der Verfasser des Arttkels desLeipziger Tageblatts" ist hiernach mit den Verhältnissen, über die er schreibt, nicht durchgängig vertraut. Thatsache ist, daß bis nach der Schlacht von Königgrätz von Seiten Frankreichs überhaupt keine Er­öffnung an die preußische Regierung berangetreten ist. Die französische Politik hüllte sich in berechnetes Schweigen bis zu dem Tage nach Königgrätz, wo das bekannte Tele­gramm des Kaisers Napoleon an König Wilhelm in Horzitz eintraf. Auch die späteren französischen Eröffnungen hatten niemals Bezug auf das Schicksal Sachsens. Erst nach dem Frieden, und erst in Berlin, hat Benedetti an­gedeutet, daß Napoleon sich für die Integrität Sachsens gar nicht interessirte und keine Einwendungen gemacht haben würde, wenn Sachsen das Schicksal Hannovers ge- theilt hätte. Vor dem Frieden waren die französischen Aeußerungen nur dahin gegangen, daß Frankreich in der Neutralität verharren werde, wenn der Zuwachs Preußens die Ziffer von 4 Millionen Bevölkerung nicht überschreiten würde. Ob dies dadurch geschah, daß man Theile von Hannover, Sachsen, Hessen und Schleswig-Holstein an Preußen abgab, oder ganz Hannover und Hessen, während Sachsen selbstständig blieb, oder endlich Lachsen und Hessen unter Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit Hannovers, darauf wurde von Kaiser Napoleon kein Gewicht gelegt. Es ist nützlich, dies festzustellen, um der Bildung neuer Legenden vorzubeugen.

wählte mit der größten «orgfall einen kleinen Kce'.s von Gästen, deren Anwesenheit dem Besuche der Baronin jeden Anschein eines zu großen Zugeständnisses nehmen und es ihm doch ermöglichen sollte, sich zumeist ihr zn widmen, und harrte jetzt des Augenblickes, wo der Wagen Vorfahren würde, der ihn nach dem Landhause tragen sollte, wo er die Eingeladenen, deren Eintreffen erst gegen Mittag zu er­warten war, empfangen wollte.

Nur noch wenige Minuten fehlten zu der angesetzten Zeit; schon erhob Vulkan auf der Bronzeuhr den Hammer, um ihn auf den vor ihm stehenden Ambos niederfallen zu lassen und durch die Zahl der Schlüge die Stunde anzugeben, da öffnete sich auch bereits die Thüre und der Diener erschien auf der Schwclle.

Ist der Wagen vorgefahren?* rief ihm der Marquis entgegen und griff nach dem auf dem Sessel liegenden runden Hut mit der Feder, nm das Zimmer zn verlassen. Der Diener trat jedoch nicht zurück, sondern sagte ehrer­bietig:Verzeihung Ew. Gnaden, es ist ein Kurier an- g formen.*

Ein Ausdruck der unangenehmsten Ueberraschung malte fich in Pompoirrres lebensprühendem Gesichte. Mit einer unmutigen Handbewegung warf er den Hut wieder auf den Stuhl zurück und sagte kurz und scharf:

Frage, woher er kommt?*

Vom Gesandten, Herrn von Croisfi", war die Antwort. Schicke den Mann herein.*

Der Diener verschwand und öffnete im nächsten Augen­blicke dem Kurier die Thür. Gleichzeitig schlug die Uhr die neunte Stunde, Powponne hörte das Vorfahren des Wagens im Hofe und ward von einer peinigenden Unruhe ergriffen. Der Staatsmann und der Liebende gerieten in einen harten Kampf mit einander; noch einmal siegte der erstere. Pom-

Ausland.

Wiktt, 8. Nov. DieNeue Freie Presse" meldet aus Belgrad: Der türkische Gesandte Zia Bey übergab eine Protestnote gegen die seitens Serbiens erfolgte Anerkennung Stranskys als bulgarischen Agenten. In der Note beruft sich die Türkei auf die Souzeränetätsrechte der Pforte über Bulgarien.

Peft, 7. Nov. Aus Anlaß der Rede Smolkas mit ihrem kriegerischen Tone fanden sich die Delegierten aus Galizien veranlaßt, Smolka gegenüber ihrem Erstaunen Ausdruck zu geben, daß er entgegen der Anschauung der Bevölkerung zur Aktion rate. Sie verwiesen darauf, daß man in Galizien einen Krieg Bulgariens halber mit Ruß­land nicht wünsche, ein Krieg mit Rußland würde in erster Reihe Gut und Blut Galiziens fordern, und ein solcher Krieg müsse daher um eine große Idee, dürfe aber nicht Bulgariens wegen ins Werk gesetzt werden. Sie fragen auch Smolka direkt, ob denn feine Rede im Einverständnisse mit der Regierung konzipiert sei. Smolka erwiderte, die Regierung habe seine Rede vorher nicht gekatmt, sei mit derselben jedoch nachträglich einverstanden, weil ihr kräftiger Ton den Zweck hatte, auch nach außen zu zeigen, daß Oesterreich, wie es schon Tisza im ungarischen Reichstage gesagt hatte, eine Okkupation Bulgariens mit allen Mitteln zu hindern bereit sei.

Petersburg, 8. Nov. DieNeue Zeit" sagt: Da der Kaiser von Oesterreich in seiner Rede die Hoffnung auf eine friedliche Lösung der bulgarischen Frage nicht auf­gebe, so sei ersichtlich, daß eine solche Hoffnung in Wien nur gehegt werden könne infolge des festen Entschlusses, die Absichten und Pläne Rußlands nicht zu durchkreuzen. Rußland wünsche die bulgarische Frage gar nicht allein zu lösen, es begnüge sich mit der Anerkennung seines Rechtes die Ordnung der Dinge herzustellen, die seinen Interessen konform sei.

Tir«0w<», 8. Nov. Der russische Konsul in Burgas zeigte dem dortigen Präfekten an, daß die Absendung eines russischen Kanonenbootes nach Burgas notwendig (!) ge­worden sei, um die Verbindung zwischen Burgas und Varna aufrecht zu erhalten, da der Telegraph während der letzten Unruhen in der Umgegend von Burgas zerstört worden sei.

Newyork, 7. Nov. Soweit es nunmehr übersehbar ist, dürfte das neue Repräsentantenhaus 167 Demokraten, 154 Republikaner und drei Vertreter der Arbeiterpartei aufweisen; in einem Falle ist eine Stichwahl erforderlich.

Hessen-Nassau.

Marburg, 9. Nov. Nachdem bereits am 1. Oktober die Uebersiedelung der Kranken aus der alten in die neu­erbaute mediziuischeKlinik stattgefunden hatte, erfolgte gestern vormittag 11 Vs Uhr die feierliche Einweihung der letzteren. In dem Auditorium des neuen Gebäudes hatte sich zu diesem Zwecke eine stattliche Versammlung einge-

ponne winkte dem Manne näher zu treten, sank mit einem Seufzer in den ihm zunächst stehenden Sessel, nahm die Depesche, welche ihm jener reichte, riß hastig dem Umschlag auf und überflog bitt Inhalt.

Ein Lächeln der Befriedigung malte sich auf seinem Gesichte.

Die Depesche enthielt zwar manches, was für den König Jrtcresse hatte, aber durchaus nichts dringendes, es konnte keinerlei Nachteil daraus erwachsen, wenn fie erst in ein paar Tagen zur Kenntnis des Monarchen gelangte.

Ist das alles, was der Gesandte für mich schickt?* fragte er den Kurier.

Ja, Ew. Gnaden, ich*

Pomponne war bereits aufgesprungen.Haltet Euch verborgen, bis ich es Euch sagen lasse,* gebot er ihm, indem er die Depeiche in die Tasche seines Oberrockes steckte.

Der Kurier sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, er wußte offenbar nicht, was er ans diesem Befehl, wie Überhaupt aus dem ganzen Wesen des sonst so würdevollen, gemessenen Ministers machen sollte. DaS grenzenlose Staunen, das sich in dem Gesichte des Mannes ausprägte, brachte Pomponne doch etwas zu sich, er mußte wenigstens einen Vorwand für sein seltsames Verlangen angeben.

Die Staatsraison verlangt, daß von dieser Depesche niemand, wer es auch sei, eher Kenntnis erhalte, als bis ich noch eine Information eingeholt habe.* sagte er, sich in die Brust werfend,und deshalb ist es notwendig, daß Ihr verborgen bleibt und niemand mutmaßen kann, daß Ihr angekommen seid.*

Aber Ew. Gnaden, Herr von Colbert*

Auch er nicht!* fiel ihm der Marquis in die Rede. Niemand, sage ich Euch, niemand. Das für Euer Schweigen.*