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Rr. 861.

Marburg, Sonntag, 7. November 1886.

XII. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an ÜSerttagen nach Sonn-und «etertagen. Quartal- LLoimementS-Preisdei der Expedition 2*/< Ml., bei b« Postämter 2 Ml. 50 Pfa. (erd. Bestellgeld). Jusertioi^gebühr für die «spalten« Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 2b Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogl« in Frankfurt a. M-, Eaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moss« in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; ®. L. Daube und So. n Frankfurt a. M-, Berlin, Ha' nover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expeditione Martt 21. Redaktion, Druck und Brrlag vou Joh. Lug, «och.

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Nov. Ter Kaiser nahm vormittags die Vorträge Perponchers und Borks entgegen. Bei der mor­gigen Hosjagd in Springe läßt sich der Kaiser, der die Reise dahin aufgegeben hat, durch den Prinzen Heinrich vertreten. Wie das deutsche Tageblatt meldet, hat der Prinz-Regent Luitpold von Baiern die Ansage hierher gelangen lassen, daß er am 13. d. M. in Berlin eintreffen werde, um den Kaiser zu den Hofjagden nach Letzlingen zu begleiten. Der Aufenthalt in Berlin selbst ist auf mehrere Tage in Aussicht genommen. Einem Telegramnr aus Sansibar vom 30. Oktober zufolge erwarb Jühlke für die ostafrikanische Gesellschaft das Makdischu - Gebiet südwärts bis Witu hin, speziell den ausgezeichneten Hasen Durnford an der Kubischi-Mündung. In diesen Küstenstrich fällt auch die Jub-Mündung, welche den Zugang zu dem Hoch­land der Gallas eröffnet. In Durnsordport legte Jühlke eine Station an. Die Erwerbung von Witu wird durch diese Neuerwerbung davor bewahrt, nach Norden hin durch eine fremde Macht abgeschnitten zu werden. In der am 4. d. M. unter dem Borsitz des Staatsminifters, Staats­sekretärs des Innern, von Boetticher, abgehaltenen Plenar­sitzung erteilte der Bundesrat dem Anträge der Ausschüsse für Handel und Verkehr und für Rechnungswesen, betreffend die Ausprägung einer Zwanzigpfennigmünze in Nickelle­gierung, die Zustimmung und genehmigte auf den Bericht derselben Ausschüffe nachträglich eine Ucberschreitung des Besoldungs- und Pensions-Etats der Reichsbankbeamten für 1883. Die Vorlage, betreffend die zwischen der Fürstlich waldeckschen Regierung und den Ständen des Fürstentums schwebende Streitigkeit wegen Herranziehung des Dominial- Stammvermögens zur Bezahlung der Rothschildschen Amor­tisationsgelder, die Uebersicht der Ausgaben und Einnahmen der Landesverwaltung von Elsaß-Lothringen für 1885/86, der Entwurf eines Gesetzes wegen Abänderung des Gerichts- kostenGesetzes und der Gebührenordnung für Rechtsanwälte und der Besoldungs- und Pensions-Etat für Reichsbank­beamten für 1887 wurden den zuständigen Ausschüffen zur Vorberatung übergeben. Endlich wurde über die Sr. Majestät dem Kaiser wegen Wiederbesetzung der Stellen eines Mitgliedes des Bundesamts für das Heimatwesen bezw. eines ständigen Mitgliedes des Patentamts zu unter­breitenden Vorschläge sowie über hie geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. Der Reichskanzler gedenkt, wie man hört, erst gegen Weihnachten nach Berlin zurückzukehren. Der Reichstag wird sich also wahrscheinlich zunächst hauptsächlich mit der Etatsberatung beschäftigen und alle Mühe haben, damit vor Weihnachten fertig zu werden, obschon außer dem Marine- und vielleicht dem Militäretat sehr erhebliche Veränderungen gegen den lau­fenden Etat nicht vorgeschlagen werden. Die parlamen­tarische Session beginnt in diesem Jahre wieder außeror­dentlich spät, was sich im weiteren Verlauf rächen wird.

Ein genügender Grund für die Hinausschiebung der Er- Öffnung der Parlamentarischen Arbeiten bis in die letzten Tage des November ist nicht zu erkennen. Die Schuld trägt wohl nur die verspätete Fertigstellung der Vorlagen. Was die Verteilung des Ertrages der Zölle und der Tabaksteuer, soweit derselbe die Summe von 130 Mill. Mark übersteigt, sowie des Ertrages bet Reichsstembelab- gaben für Wertpapiere, Kauf- und sonstige Anschaffungs- geschäste und für Lotterielose betrifft, so stellt sich dieselbe folgendermaßen: Es beträgt die Rein-Einnahme an Zöllen 245 665000 Mk., an Tabaksteuer 8191000 Mk., an Aversen 5 227 000 Mk., zusammen also 259 083 000 Mk. Nach Abzug von 130 Mill. Mk. auf Grund des §. 8 des Gesetzes vom 15. Juni 1879 verbleiben somit 1290'3000 Mk., zu welcher Summe die Stempelabgaben mit 19 684000 Mk treten. Es sollen demnach erhalten Preußen 82716 280, Baiern 17 380720, Sachsen 9777040, Würtemberg 6 482670, Baden 5164290, Hessen 3079 460, Mecklen­burg-Schwerin 1897 830, Sachsen-Weimar 1018150, Mecklenburg-Strelitz 329 760, Oldenburg 1109 910, Braun­schweig 1149010, Sachsen-Meiningen 681030, Sachsen- Altenburg 509 890, Sachsen-Coburg und Gotha 640380, Anhalt 764950, Schwarzburg-Sondershausen 233860, Schwarzburg-Rudolstadt 264080, Waldeck 185900Reuß ä. L. 167020, Reuß j. L. 333250, Schaumburg-Lippe 116340, Lippe 395 470, Lübeck 209 070, Bremen 5 i 5 440, Hamburg 1492 690 und Elsaß-Lothringen 5 152 510 Mark.

DasDeutsche Tageblatt" schreibt:Die Abneigung des Reichskanzlers Fürsten Bismarck gegen die lateinische Schrift erstreckt sich nicht allein auf alle dem Reichskanzler- amte zugehenden Schriftstücke und Dokumente, sondern auch, wie uns mitgeteitt wird, auf alle Depeschen, welche für den Fürsten Bismarck auf dem Haupt-Telegraphen­amte einlaufen. Die Depeschen werden dem Herrn Reichs­kanzler nicht in dem aus dem Apparat kommenden Original wie den andern Empfängern zugesandt. Sie müssen viel­mehr in der Zentralstation auf weißem Papier in deutscher Schrift angefertigt werden, gleichviel, ob der Inhalt in französischer, englischer, italienischer oder spanischer Sprache verfaßt ist. Selbst die mit dem Hughes-Apparat bereits gedruckten Depeschen werden einer solchen Umschreibung unterworfen." DasDeutsche Tageblatt" hat sich von jemand, der vorgegeben haben mag, gut unterrichtet zu sein, irreführei: lassen. Es würde dem Fürsten Bismarck sehr unbequem sein, Telegramme zu lesen, deren Inhalt in französischer, englischer, italienischer oder spanischer Sprache verfaßt ist, wenn ihm dieselben in anderen als lateinischen Buchstaben vorgelegt würden; er ist eben daran gewöhnt, französischen und englischen Trxl in lateinischer, gerade so wie deutschen Text in deutscher Schrift zu lesen, und dieser Umstand ist es, der ihm das Lesen deutscher Worte in lateinischen Buchstaben erschwert und es ihm als etwas Zeitraubendes unerwünscht macht. Wenn man sich ver­

gegenwärtigen will, welches Hindernis für rasches Lesen darin liegt, daß das, was man liest, in anderen als den gewöhnlichen Buchstaben aufgesetzt ist, so versuche man, einen lateinischen, französischen oder englischen Text zu lesen, der in deutschen Buchstaben gedruckt oder geschrieben ist. Der rasche und geübte Leser steht nicht vereinzelte Buchstabenzeichen, sondern erkennt in den meisten Fällen auf den ersten Blick das ganze Wortzeichen, oder sicherlich die einzelnen Silbenzeichen, vorausgesetzt, daß ihm dieselben in der üblichen Form entgegentreten; dagegen wird er ge­nötigt sein, auch ein ganz bekanntes Wort langsam zu lesen, es gewissermaßen zu dechiffrieren, falls dasselbe in anderen als den dafür gebräuchlichen Buchstaben gedruckt ober geschrieben worden ist. Man lese z. B.:Knowledge is Power", und man wird eingestehen müssen, daß die Lektüre des besten englischen Buches, wenn es so gedruckt wäre, dem Leser desselben wenig Freude bereiten und sicher­lich unnütze Mühe und erheblichen Zeitverlust verursachen würde.

Hamburg, 4. Nov. DieReform" bringt folgende Mitteilung, welche zeigt, wie es mit der Widersetzlichkeit der von den Sozialdemokraten verführten Masten steht: Zn einer Wiederholung der Frankfurter Friedhofsaffaire wäre es um ein Haar vorgestern bei der Beerdigung der beiden beim Einsturz des Brürnmerschen Neubaues am Eppendorfer Weg verunglückten Maurer Rasmus und Zwiedorf gekommen. Bei der Ankunst am Altonaer Fried­höfe, wo bereits Tausende warteten, wurde der mächtige Trauerzug, der nach und nach auf viele tausend Menschen angewachsen war, von der gesamten Altonaer und Ottenser Polizei in Emfpang genommen. Die im Zuge getragenen Fahnen, unter denen sich auch eine rote befunden haben soll, mußten ebenso wie alle mit roten Schleifen ober Blumen verzierten Kränze am Eingang des Kirchhofs zu- rückgelaffen werben; auch würben die Namen der Fahnen­träger notiert. Die Menge ließ dies ohne Widerstand über sich ergehen, begab sich vielmehr in größter Ordnung auf den Kirchhof, wo die Särge, nachdem der Gesangverein der Altonaer Maurer mehrere Gesänge vorgetragen, der Erde übergeben wurden. Kaum war dies aber geschehen, als verschiedene aus dem Gefolge den Versuch machten, sich oer am Eingänge des Kirchhofes zurückgelastenen anstößigen Kränze zu bemächtigen. Die Polizei suchte dies zu ver­hindern, wurde aber von der Menge unter lautem Geschrei zurückgedrängt, sodaß es einem Manne gelang, einen oer Kränze zu ergreifen und denselben unter endlosem Bravo­rufen der Menge auf dem Grabe niederzulegen. Die Poli­zisten wollten sich zwar voller Eifer auf den Betreffenden stürzen; sofort aber hatte auch die Menge dem Bedrohten eine Gaste geöffnet, die ihn aufnahm und sich sofort wieder schloß, sodaß sich den andrängenden Polizisten im nächsten Augenblicke schon eine undurchdringliche Menschenmauer entgegenstellte. Der überwachende Polizeikommissar Schröder,

Geschichtskalender.

7. November.

1659. Frankreich und Spanien schließen den Pyrenäischen Frieden. ,

1860. Garibaldi übergiebt dem Könige Viktor Emanuel Neapel.

8. November.

1520. Das Stockholmer Blutbad durch König Christian H. von Dänemark, den Blutdürstigen.

1620. Schlacht am weißen Berge vor Prag, Niederlage und Flucht Friedrichs V. von der Pfalz.

1723. Ein Kabinettsbefehl Königs Friedrich Wilhelm I. von Preußen entsetzt und vertreibt den Professor Wolff aus Halle um seiner philosophischen Lehren willen.

1763. Die erste türkische Gesandtschaft trifft in Berlin ein.

1799. Napoleon Bonaparte erhält von dem Rate der Alten die bewaffnete Muckt von Paris, Sturz des Direktoriums.

1806. Die Festung Magdeburg ergiebt sich den Franzosen.

1850. Zwischen den österreichisch-bayerischen Ex cnttons- trnppen in Hessen und den Preußen kommt es bei Bronzell in der Nähe von Hanau zu einem Zusammenstöße.

1870.

7. Nov. Gefecht der 9. Infanterie-Brigade bei Bretenay. 8. Nov. Verdun kapituliert._____________________________

Küchen und Tafelgeheimnifie unserer Zeit.

In» Innere der Namr bringt, nach Goethe, tem er­schaffener Geist, aber der feinspürige Journalist mußte ins Innerste und Allerheiligste der Werkstätte einzndringen wissen, in der das Rieseudiner für 2000 Menschenkinder bei der im vergangenen Nachsommer in Berlin stattgehabten Naturforscher Versammlung zubereitet wurde.

So gewaltig das Zentral-Hotel in Berlin sich auch äußerlich präsentiert, so konnte doch der Uneingeweihte keine Ahnung davon haben, in wie vielen Riesenkesseln es in den Souterrainräumen dieses Hauses sott und brodelte und wie viel hundert Hände sich da regten, um die hungrige Natur- Wissenschaft, die sich 2000-köpfig in der Reichshauptstadt eingefunden, festlich zu bewirten.

Nach Versicherung des Küchenchefs des Zentral - Hotels der mit hochihronender Weißmütze den Chorus seiner 12 ständigen und der 30 ad hoc engagierten Kollegen von der edlen Kochkunst kommandiert, ist hier noch niemals für eine so gewaltige Meuschenmafie ein Galadiner serviert worden. Jedenfalls waren die Vorbereitungen dazu äußerst interessant und die Berge von ausgestapelten Eßwaren, die Suppen- und Saucenkessel von unheimlichen Dimensionen, erregten die ehrfürchtige Bewunderung selbst der Fachleute. Ja, ein Diner von 6 oder 7 Gängen für 2000 Menschen, das will schon etwas sagen. Die große Hotelküche war ausschließlich für dieses eine Diner reserviert; die Fremden- und Restaurationsküche war in einen andern Raum verlegt worden. Neben dem Koloffalherde standen, bereits fertig und in Wohlgeschmack erprobt, vier Saucen in umfang­reichen Behältern zu den Rinderzungen, zu den Hammern, zum Filet und zum Fisch vier Saucen, zu denen allein für 800 Mark Ingredienzen verwendet waren. Daneben dampften zwei Bouillonkeffel, in deren jedem man den Eleazar bequem hätte sieden können; recht winzig nahm sich daneben ein kupfernes 25 Liter - Töpfchen aus, in welchem die Mischung junger Gemüse zur Julienne - Suppe der Vollendung entgegeukochte. In oblongen kupfernen Fisch­behältern von je 10 Fuß Länge dämpfen sich 7 Zentner Rheinlachse hübsch weich und hielten gute Nachbarschaft mit den Filet-Pfanneu, in denen immer je sechs ganze Rinder­filets unter wohlthätiger Mitwirkung hoch aufbrodelnder

Sahne den Gipfel des Feingeschmacks zu erklimmen sich abmühten. In einem halben Dutzend Waschkörben lagerten 700 vorläufig nurangebratene* Entenvögel, die erst eine halbe Stunde vor dem Serviertwerden im Brutofen ihr Schmor - Excertium beenden werden. In den gashellen Korridoren, die rechts und links von der Küche in die Vorratsräume führen zerschlugen und tranchierten 6 Köche einige hundert leuchtendrote Hummern, stiel- und platten­gerecht, und nebenan mühte sich der hoffnungsvolle Köche- Nachwnchs einige hundert rauhhäutige Rinderzungen zu schälen. Lange Reihen mehr oder minder holder Weiblich­keit befleißigten sich des Gemüseputzens und Kartoffelschälens, und aus der Konditorei, wo Konfitüren und Backwerk zum Nachtisch unter zuckerbäckerischen Künstlerhanden erstanden, drangen anmutige Gerüche. Kühl bis ans Herz hinan arbeiteten dreiEismacher" an ihren Maschinen und mischten Vanille und Fruchtsast zu herzerfrischendemGefrorenen", lieber alles aber waltete, blitzend und donnernd, der ge­waltige Küchenchef, der Gemisch prüfende Obeikoch.^

Und während unten die Köche eine heinzelmännchen- artige Thätigkeit entfaltenten, wütete oben, in der mächtigen Halle des Wintergartens, ein Heer von Tafeldeckern und Kellnern. Bet einer Festtafel für 2000 Personen versagt selbst der Vorratskasten eines großen Hotels, und so waren diesmal verfchiedene Geschirrläden und Leih-Anstalten für Tafelgeräte in Kontribution gesetzt worden. Auch die mannigfach geformten Stühle, darunter eine große Anzahl Gartenstühle, verrieten, daß man die nötigen Sitzmöbel von allen Seiten herbeigeschleppt hatte. Mau berechne sich nur, welche Massen da erforderlich waren! 14000 Teller, 1200 Schüsseln, 8000 Weingläser, 6000 Bestecke! Diese Zahlen imponieren sicher auch Einem, der sich im Allgemeinen mit Kleinigkeiten nicht abgiebt

Auch die Elektrizität war in den Dienst dieses Mafien-