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Nr. 360.

Marburg, Sonnabend, 6. November 1886.

XXI. Jahrgang.

Erschein! täglich außer arr Werttsgen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- SLonnements-Preis bei der Expedition 21,'* Pik., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg- (erd. Bestellgeld,. JnsertionsLebübr für die «fpaitene Zeile 10 Pfg. A«la«en für die Zeile 25 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowied. Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a.M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudol> Moffe in Frankfurt a M., Lerlin.Vünchen und Köln; G. L. Daube und l'o. n Frankfurt a. M, B rl n, Ha nov-r u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. J *

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Nov. Der Kaiser empfing vormittags den Prinzen Ferdinand von Hohenzollern und den Fürsten Anton Nadziwill, nahm sodann die Vorträge des Kriegs­ministers und des Generals v. Albedyll entgegen und machte nachmittags eine Spazierfahrt. Um 4 Uhr hatte Staatssekretär Graf Bismarck bei dem Kaiser Vortrag. Morgen nachmittag beabsichtigt der Kaiser zur Hofjagd nach Springe zu reisen. Der Kaiser hat sich über seinen Gesundheitszustand auf der Rückreise von Blanken­burg beim Empfange der Familie des Landrats v. Kotze in HedmerSleben derMagdeb. Ztg." zufolge folgender­maßen geäußert:Ich kann Gott nicht dankbar genug sein für die Gnade, Mich in Meinem Alter noch so frisch an Geist und Körper zu erhalten. Ich habe allen Grund, mit Meinem Befinden zufrieden zu fein. Als Ich so alt war, wie Ihre Kinder dort, glaubte Ich auch nicht, so lange zu leben." Unterstaatssekretär Jacobini ist unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rat zum Staatssekretär imReichsschatzamte ernannt worden. Der Bundesrat wird sich in seiner heute stattfindenden Plenarsitzung u. a. auch über die Vorlage betreffend die Ausprägung der neuen Nickelmünzen zu zwanzig Pfennigen schlüssig machen, nachdem die zuständigen Ausschüsse in ihrer vorgestrigen Sitzung derselben ihre Zustimmung er­teilt haben. Die Nickelmünze ist aus einer Legierung von 25 Teilen Nickel und 75 Teilen Kupfer zu prägen und es sind bei einem Durchmesser der Münze von 23 Milli­meter aus einem Pfunde dieser Legierung 80 Stück Zwan­zigpfennigstücke auszubringen. Auf der Adlerseite wird die Mittelfläche gegen die sie umgebende, nach innen durch einen Perlenkreis, nach außen durch eine Schnureinfassung begrenzte konzentrische Randfläche vertieft und wird in der Spiegelmittelfläche der Reichsadler und das Münzzeichen, auf der matten konzentrischen Nandfläche eine Verzierung von Eichenlaub angebracht. Auf der Schriftseite wird die von einem Perlenkreis umgebene Mittelfläche durch die ge­strichene Zahl20" ausgeführt, während die konzentrische Randfläche zwischen Perlenkreis und Schnureinfaffung mit der UmschriftDeutsches Reich" nebst Jahreszahl und hierunter, durch je einen Stern getrennt, mit der Wert­angabe20 Pfennig" zu versehen ist. Bei der Bera­tung des Kultusetats im Abgcordnetenhause erklärte der Minister v. Goßler, er könne mitteilen, daß die Frage der Erteilung der fünften Rangklasse an die königl. Ober­lehrer und ordentlichen Lehrer der Gymnasien in wohl­wollendem Sinne entschieden werden würde, falls der Land­tag die betreffende erforderliche Erhöhung des Wohnungö- geldzuschusses für die ordentlichen Lehrer bewilligen würde. Dementsprechend hat die Staatsregierung bekanntlich die Forderung von 150000 Mk. in den laufenden Etat ein­gestellt, unter der Motivierung seitens des Finanzministers von Scholz, es sei die Absicht der Regierung, für die ge­

nannten Beamten die fünfte Rangklasse zu beantragen. Seit der Annahme dieses Etats sind nunmehr, wie die N. Pr. Ztg." erinnert, volle sieben Monate verstrichen; die Oberförster und Bauinspektoren, für welche auch Ge­haltserhöhungen verlangt und bewilligt wäre», haben, dem Vernehmen, nach, längst die bez. Gelder ausbezahlt be- kommen, die RegierungSbanmeister sind jüngst der be­treffenden Rangklasse zugepiesen worden, dagegen ist den etatsmäßigen königlichen Gymnasiallehrern weder der in Aussicht gestellte Rang verliehen, noch bis zum heutigen Tage der für die ordentlichen Lehrer ausgeworfene erhöhte Wohnungsgeldzuschuß ausgezahlt worden. Nach gewissen Anzeichen scheint es unter Voraussetzung eines ruhigen Verlaufes der Dinge richtig, daß die Mächte in den letzten Tagen einer Aeußerung Rußlands bezüglich der bulgarischen Fürstenwahl enlgegensahen. Wie man vermutet, ist die russische Erklärung dadurch verzögert worden, daß der von Rußland ins Auge gefaßte künftige Fürst sich im Aus­lande befindet. Der Etatsentwurf des Reichsschatzamts weist auf: An Ausgaben Mk. 153,404,386 (weniger Mk. 2,130,280). Das Minus enfällt auf die Minder­herauszahlungen an die Bundesstaaten aus den Erträgen der Stempelabgaben, welche mit Mk. 19,684,000 qeqen Mk. 22,375,000 im Jahre 1886 angesetzt sind. Unter den Ausgaben find hervorzuheben Mk. 2,600,000 Dispositions­fonds für den Kaiser zu Gnadenbezeugungen (mehr Mk. 200,000), die Ueberweisungen an die Bundesstaaten aus Zöllen und Tabaksteuer Mk. 129,083,000 (mehr Mk. 483,000). Die einmaligen Ausgaben betragen M. 7,400,000, nämlich Mk. 400,000 sechste Rate für den Bau des kaiser­lichen Palastes in Straßburg, 4 resp. 3 Millionen Reicks­beitrag zu den Kosten des Zollanschlusses von Hamburg und Bremen.

BenunschlveiA, 3. Nov. Während die Sozialdemo­kraten bei Stadtverordnetemvahlen 3. Klasse früherer Jahre stets einen oder zwei Kandidaten durchbrachten, haben sie gestern eine vollständige und zwar eklatante Niederlage er­litten, ihre Kandidaten brachten es nur auf etwa zwei Drittel der Stimmenzahl, welche die Kandidaten der ver­einigten anderen Parteien erhielten.

Dresden, 3. Nov. Nach der heute bekannt ge­wordenen Rentabilitätsberechnung der sächsischen Staats­bahnen im Jahre 1885 sind die Einnahmen 1885 gegen das Vorjahr um 1236218 Mk. gestiegen und daher unter Berücksichtigung des vorjährigen, durch die seit 1884 ein- getretenen Tarifermäßigungen hervorgerufenen Ausfalls noch immer 654293 Mk. höher als im Jahre 1883. Das Anlagekapital aller sächsischen Staatsbahnen verzinste sich 1885 mit 4 706 pCt. Die Verzinsung der normalspurigen Bahnen betrug 4728 pCt., die der schmalspurigen nur 2025 pCt

Leipzig, 3. Nov. Von den sächsischen Sozialdemo­kraten wird eine an den sächsischen Landtag gerichtete

Petition, die Uebernahme der Armenlasten durch den Staat betreffend, kolportiert. Daß diese ganze Angelegenheit nur agitatorischen Zwecken als Deckmantel dienen soll, ist, nach Tagebl.", selbstverständlich, denn daran, daß die Petition irgend welches praktische Resultat im Sinne der Petenten haben könnte, glaubten dieselben jedenfalls selbst Nicht.

... 3. Nov. Am Sonnabend fand, wie die

»Goth. Ztg. meldet, bei einem hiesigen Anhänger der Sozialdemokratie Haussuchung statt, die recht ergebnisreich gewesen sein soll. w

Auslanv.

4- Nov. TiePresse" meldet: Die öster- relchlsch-italienische Handelsvertrag dürfte am 31. Dezember, ein Jahr vor seinem Ablaufe, von beiden Teilen gekündigt werden, von Oesterreick, weil es in dem Vertrage an Zoll­positionen gebunden ist, welche für den österreichisch-deutschen Vertrag wichtig erscheinen.

Pest, 4. Nov. Das heute den Delegationen vorge­legte gemeinsame Budget beziffert das Gesamterfordernis aus 120697646 Gulden, hieran die mit 18642206 fl. prallminierten Zollgefäll-Ueberschüffe abgerechnet, bleibt ein Erfordernis von 102055440 fl. und abzüglich von2pCt. zu Lasten Ungarns bleibt ein durch Ouotenbeiträge zu be­deckendes Erfordernis von 100014381 fl., wovon auf Oesterreich 70010032, auf Ungarn 30004299 fl. ent­fallen. Gegen das Vorjahr ist die erstere Ouote um 7838991 fl., die letztere um 3359568 fl. größer. An dem Mehrerfordernis von 11198559 fl. partizipiert das Budget für das Auswärtige Amt mit 32710 fl, das Militärbudget mit 3987838 fl. (das Ordinarium mit 97 »00759, also mit einem Mehr von 1275 791 fl., das Extraordinarium mit 5984850, also mit einem Mehr oon 2712407 fl.), das Budget für die Kriegsmarine mit 121229 fl, das Budget für das Finanzministerium mit 13598 fl. Das Erfordernis für die im Okkupationsge­biete stehenden Truppen ist zu 5019000 fl. veranschlagt. Die Nachtragskredite für 1886 beziffern sich insgesamt auf 1674084 fl. Das Landesbudget für Bosnien weist einen Einnahme-Ueberschuß von 56774 fl. auf.

Paris, 4. Nov. Der Statthalter von Elsaß-Loth- ringen, Fürst Hohenlohe, ist hier angekommen. Grevy unterzeichnete die Ernennung Bihourds als des Nachfolgers von Cambon.

Bargas, 4. Nov. Nachdem die Soldaten, welche zwei Jahre gedient hatten, verabschiedet worden sind, ver­fügt Ostrumelien in diesem Augenblick nur über 3500 Mann Infanterie, 300 Mann Kavallerie und 300 Mann Artillerie. Aus der Türkei werden neue bedrohliche Trupen- bewegungen gemeldet. Doch wird eine Mobilmachung hier nicht erwartet.

Nelvyork, 4. Nov. Bei den Legislaturwahlen ent*

Geschichtskalender.

6. November.

1578. Franz Drake passte: t die Magellansstraße.

1792. Der franz. General Dumouriez schlägt den öster­reichischen Feldherr» Clairfait bei J<mappes in den Niederlanden.

1812. Anfang der furchtbaren Kälte deS Jahres.

1846. Preußen, Oesterreich und Rußland schließen einen Vertrag zur Einverleibung Krakaus mit Oesterreich.

Inschrift und Wappen eines alten Marbnrger Bürgerhauses.

Die an die Neustadt sich auschließeude Werder- oder Wettergasse mündet auf den durch die Häuser 1, 2, 3, 15 verkleinerten ehemaligen Holzmarkt. An der Außenseite des Hauses Nr. 4 daselbst stand auf Brettern, welche nunmehr der Altertumssammlung des hessischen Geschichtsvereius ein­verleibt sind, folgende Inschrift:

Maxima Phoebeo virgo vestita decore,

Quae rutilam Phoeben sub pede casta premis, Te rego, bis senae cui fulgent vertice stellae.

Hummanum semper diva, tuere genus, d. h.

Mächtige Jungfrau du, mit dem Glanze der Sonne umkleidet, Die du den leuchtenden Mond, keusche, berührst mit dem Fuß, Z» dir fleh ich, der zwölf Gestirne den Scheitel umfunkeln,

Hiürmlische, schirme in Huld noch immer der Menschen Geschlecht.

sUebers. v. Prof. Dr. W. Crecelius in Elberfeld.) Das im spätgothtschen Styl erbaute Parterrestock dieses Hauses ist kürzlich von seinem gegenwärtigen Besitzer, Herrn Friedrich Schippel, fiylgemäß restauriert worden. An der zum größten Teil verdeckten Südseite desselben zeigen sich an einem steineren Bogen zwei Schilde mit Wappen,

das rechts, des Mannes, stellt einen heraldischen Wolf und das links, der Frau, stillt einen Schwan vor; auf der entgegengesitzten Seite ist auf einem Bogen zwischen 2 Ro­setten die Iaht zahl 1511 und auf dem andern die von 1514 angebracht. Der Wolf ist ohne Zweifel das Wappen des hiesigen Bürgers Johann Heidwolf, der in der Wettergasse ein Haus besaß. In einer städtischen Urkunde vom 20. Oktober 1522 wird dasselbe und noch ein zwestes benutzt, um die Lage eines dritten, das des Krämers und Scheffcn Siffurt Schwobe, zu bezeichnen, welches sein Schwiegersohn, der Maler Johann von der Leiten, der Verfertiger der Flügelthüren der Altarschreine in der St. Elrsabethkirche, bewohnte, es heißt do:ein Haus am Ende der Werdergasse zwischen Hans Werner und Johann Heidwolf gelegen." Ta letzterer in den Stadtrechnungen als Steuerzahler unter den Ntchtzünftigen im 1. Stadt- äuaitier, Wettergasse, voikommt, so läßt sich mit Bestimmt­heit nicht angeben, welchem Zwecke das Parterre mit seinen grovm Bogenfenstern gedient hat, kann aber die Verkaufs­stelle eines Höckers ober eines anderen ntchtzünftigen Händlers gewesen sein.

Da bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts Marburgs Wohnhäuser noch nicht nummeriert waren, so pflegte man sich anderer Mittel zu bedienen, um die Lage eines Hauses zu bestimmen, wie oben angezeigt, dagegen hatten hervortretende Häuser Namen, wie Paradies, Orten* berg, Stern, Stiefel, Beyerbaum, Kleeblatt, Sufaug, Stein­haus, Kniebau, Glocke, Springgolph, Helle, Eisenhut, Jäger. Horn, Burs*, Kluse, Horsitzer, zum Schwarzenfels, Schwan, Pfauen, Bären, weißen Roß, güldenen Ring, roten Hirsch n. s. w., während andere, wie das oben beschriebene Schippelsche Haus, mit Wappen und Inschrift versehen waren.

W. Bücking.

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Schluß.)

So ist es Wahrheit" sprach Annadaß ich schon einmal auf Deinen Armen lag, als ich träumte von seliger Ruhe und süßem Frieden? Als ich erwachte, da war mein Herz wieder so unruhig, so friedlos, Gott sei Dank, nun brauche ich kein Erwachen aus dem schönen Traum mehr zu fürchten!"

Und daß es nun licht und klar geworden ist zwischen uns beiden, auch dafür wollen wir ihm von ganzem Heizen barten" fügte Willmer hinzu.

Soll bk kühle Luft ber späten Abendstunde ein Uni­versalmittel für unseren Pattenten sein, nach der langen Haft des Krai kenzimmers?" tönte die Stimme des Kom­merzienrats, der mit seiner Gattin in die Thüre der Veranda trat, recht prosaisch hinein in die Liebesgeflüster der beiden Glücklichen, die alles um sich her vergessen hatten und nun­mehr den Eltern entgegentraten, und ihren Segen zu dem soeben geschlossenen Bunde zu erbitten.

Derselbe wurde ihnen von ganzem Herzen zu Teil. Der Kommerzienrat begrüßte mit Freuden in Wellmer den Schwiegersohn und zugleich den erwünschten Teilhaber seines großen Geschäftes, was bei dem eigenen Sohne nun einmal nicht zn erreichen gewesen war. Seine Gattin aber hatte festes Verttauen, daß ihr Kind einen treuen, festen Halt ge­funden habe an dem Manne, ber ihren Wert erkannt, auch als er noch verhüllt war von manchem buuklen Schatten-

Nach Zeiten schwerer Aufregung unb vielfacher Sorgen war nun wieder Glück und Freude in ber Villa Steiner etngl kehrt. Die beiben jungen Paare hatten burch Schick­salsfügungen, wie durch eigne Schuld schwere Lebenser­fahrungen burchgekämpft. Manche bittere Stunde hatte