Einzelbild herunterladen
 

Rr. 258

Marburg, Donnerstag, 4. November 1886.

XXI. Jahrgang.

WttWslhk jtitiino

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt

________________________________________________________ Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

die Linie einzutreten, oder einem ihrem Range entsprechen­den Zivilposten einzunehmen. Der Plan ist gut ausge­dacht und gerecht; wenn irgend etwas dagegen eingewandt werden könnte, so ist dies die zu große Liberalität gegen­über den Sergeanten. Aber die geringe Extraausgabe der Staatskasse für die Soldcrhöhungen fällt im Vergleich mit dem erhöhten Gefühl von Sicherheit und Frieden im Lande durchaus nicht ins Gewicht. Die energische und schnelle Ausführung des Planes gereicht dem Kabinett zum höchsten Lobe, insbesondere dem Kriegsminister.

Die Armeereform in Spanien.

Die Aufhebung von 1200 Sergeant-Majorstellen in der spanischen Armee durch Königliches Dekret vom 28 Oktober ist telegraphisch bereits gemeldet. Der Maßregel wird große Bedeutung zugeschrieben. Der MadriderTimes-Korre­spondent" äußert sich darüber.

Der 28. Oktober 1886 wird in Spanien lange in Er­innerung bleiben, und es ist Grund zu der Hoffnung vor­handen, daß die Erinnerung eine angenehme sein wird. Dasjenige militärische Element, welches bei so vielen Ver­schwörungen und Pronunziamentos eine hervorragende Rolle gespielt, ist mit einem Schlage für immer vernichtet worden. Die ersten Sergeanten (Sergeant-Majors) aller Waffen­gattungen, mit Ausnahme jener der Bürgergarde und der Zoll-Amts-Garde, sind vom aktiven Dienst zu den Bataillonen der Reserve versetzt Das Geheimnis wurde gut bewahrt. Um 4 Uhr nachmittags wurden an die Generalkapitäne der Provinzen telegraphische Befehle gesandt, den Sergeanten ihre Päsie zu geben und sie am Hellen Abend noch nach Punkten zu senden, wo die Hauptquartiere der Reservekadres bestehen. Die Sergeant-Majors sind in dieser Weise über die ganze Halbinsel verteilt, da keine Sergeanten irgend eines Regimentes in dasselbe Regiment der Reserve ein­treten dürfen. In Madrid wurde mit den Sergeanten der Garnison dieselbe Prozedur vorgenommen, ohne daß die geringste Ruhestörung oder Schwierigkeit zu Tage trat; das Gleiche war in den Provinzen der Fall. In der Billigung der Maßregel ist die gesamte Presse mit Ausnahme der extrem republikanischen einig, deren Macht, Ungelegen­heiten zu bereiten, durch dieselbe einen harten Schlag er­halten hat.

Der Sergeant-Major ist eine historische Figur in der spanischen Armee, in welchem er zuerst im 16. Jahrhundert austritt, um im guten und schlechten eine hervorragende Rolle zu spielen. Vorn Beginn des gegenwärtigen Jahr­hunderts und dem napoleonischen Kriege an waren diese Sergeanten während des langen Friedenszustandes nach außen hin thatsächlich Diktatoren der Mannschaft ihrer Regimenter. Sie allein von allen Offizieren lebten mit der Mannschaft zusammen, ihr Wort war Gesetz; ihr Wort die Quelle von Belohnung und Strafe. Unwissend, arm, ehrgeizig, haben sie sich öfter für Geld verkauft, die abenteuerlichsten unter ihnen für das Versprechen eines außergewöhnlichen Avancements oder für die entfernte Aussicht auf den Marschallstab. Die Oekonomie und das Rechnungswesen im Regiment, die bisher von den Ser­geanten verwaltet wurden, gehen nun an Fähndriche und Lieutenants über, und andere dienstliche Pflichten an die zweiten^Sergeanten und Korporale, da diese, ungleich den ersten Sergeanten, die fast alle dauernd dienten, nur Leute für den gewöhnlichen kurzen Militärdienst sind. Die 1200 ersten Sergeanten, mit denen in dieser Weise summarisch verfahren wurde, solle» Fähndrichs in der Reserve werden, und zwar mit einer entsprechenden Soloerhöhung und der freien Wahl, nach einem als befriedigt befundenen zwei­jährigen Kursus in der Offizierschule entweder wieder in

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.)

Müden Schrittes schlich er unter den Bäumen dahin plötzlich vor ihr stehend, die er hatte fliehen wollen.

Sie hatte Schritte gehört. Wellmer erblickend, stand sie rasch aus und breitete die Arme aus, um ihu zu um­schlingen. Aber schnell sanken sie nieder als sie einen Augenblick in sein Gesicht geschaut hatte.

Bleich und schmal, finsteren Ernst und tiefe Müdigkeit in seinen Zügen, mit den sonst so freundlichen Augen streng, hart auf sie blickend, so stand er vor ihr.

Nein nichts in seiner ganzen Erscheinung sprach von Liebe zn ihr. Forschend sah er ihr in die Augen, als er mit bebenden Lippen frug:War cs Liebe, war es die erste, unumstößliche Ueberzeugung, daß wir einander gehörten fürs Leben, oder war es nur ein Trost für den Sterbenden, ein Mstleid, das ihm die letzten Stunden erleichtern wollte, was Ihre Schritte au jenem Abend zu meinem Schmerzens­lager lenkte?"

Geschichtskalerrver.

4. November.

1619. _ Friedrich V. von der Pfalz, zum Könige von Böhmen erwählt, wird zu Prag gekrönt.

1847. Der durch den Sonderbund in der Schweiz herbei­geführte Bürger- und Religionskrieg bricht aus und wird binnen 9 Tagen vom General Dufour beendigt.

1870.

4. Nov. Tourser Regierung ordnet die Massenerhebung an.

Anna kämpfte furchtbar mit sich. Sie hätte ihm zu Füßen sinken mögen und ihn anflehen: Verlaß mich nicht, ich liebe Dich; ich kann nicht leben ohne Dich! Aber es durfte nicht sein, zu deutlich las sie in seinen Blicken, daß er ihr kein Herz zu schenken hatte. Nicht noch einmal durfte sie das Gebot der Sitte und der edlen Weiblichkeit übertreten.

_ sie auch schaudernd nur die Lüge über ihre Lippen drängte, mit der sie ihr Lebensglück begrub aus immer, sie mußte ihm das Opfer bringen-

Es war Mitleid," sprach sie mit leiser, sich zur Festig­keit zwingender Stimme,es war mir zu schwer, zu sehen, was Sie litten um unsertwillen."

Wieder verhüllte sie ihr Gesicht, darum sah sie nicht den namenlosen Schmerz in seinen Zügen. Sie hörte nur die Worte:Verlangen Sie keinen Dank für ihre Teilnahme, -öhre Schonung, diese Lüge war ein grausamer Trost für den, den man für einen Sterbenden hielt, wollte Gott, ich wäre es in Wahrheit gewesen. Leben Sie wohl, unsere Wege scheiden sich hier für immer."

Er ging, sie aber schaute ihm nach, bis er in der Pforte des Hauses verschwunden war. Mit einem tiefen Seufzer sank sie auf die Bank zurück und flüsterte:Dies Opfer ist gebracht. Lebe wohl, Geliebter! Gott sei mit Dir und mache Dich glücklich!*

Herzliches Bedauern folgte bald der Freude des Wieder­sehens, als Wellmer seinen unerschütterlichen Entschluß aus­sprach, sogleich abreisen zu wollen, zugleich mit Dank alle ihm auf das fteundlichste gebotene Gastfreundschaft ab­lehnend. Nur fort von hier, so weit und so schnell eS mög­lich, das war der einzige Wunsch, der ihn beseelte.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Nov. ^Der Kaiser empfing vormittags den Polizeipräsidenten, nüchm später Vorträge der Chefs des Militärkabinettö und der Asmiralität entgegen, unter­nahm nachmittags eine Spazierfahrt und empfing alsdann den Grafen Hochberg. Das Ohrenleiden des Prinzen Wilhelm ist, wie mehreren Blättern geschrieben wird, keineswegs unbedeutender Natur. Nach derHamburger Reform" muß der Prinz sich täglich einigemalc den schmerz­haften Einspritzungen durch Ohr, Nase uno Mund unter­ziehen und die größte Schonung ist ihm zur Pflicht ge­macht. , Unter diesen Umständen ist er häufig genötigt, seine militärischen Dienstobliegenheiten zu unterbrechen. Minister Dr. v. Goßler ist gestern auf kurze Zeit nach Ostpreußen gereist. Der Untcrstaatssekretär Graf Berchem, der am Freitag von einem längeren Erholungsurlaub hier­her zurückgekehrt ist, hat heute seine Amtsgeschäfte im Auswärtigen Amte wieder auf genommen. Die dem neuen Marine - Etat beigegebene Denkschrift legt die Not­wendigkeit erweiterter Beschaffung von Torpedobooten und größerer gepanzerter Kanonenboote zum Schutze der Fluß­mündungen dar. Für die Elbe würden 6, für die anderen Küsteiiplätze 4 Kanonenboote, jedes zu 31/» Mill. Mark, notwendig sein. Für die nächsten 5 Jahre seien jährlich 15 Offiziere und 300 Mann mehr einzustellen. Die zu­künftig zur Erhaltung des Bestandes der Kriegsschiffe nötige Summe wird jährlich nicht unter 10 Millionen betragen. Nachdem es wiederholt vorgekommen ist, daß Schulmänner aus außerpreußischen Staaten sich mit An­fragen über Verhältnisse und Einrichtungen diesseitiger Lehranstalten unmittelbar an die Direktoren oder an Lehrer dieser Anstalten gewendet haben, hat der Kultusminister Veranlassung genommen, die Direktoren rc. darauf aufmerk­sam machen zu lassen, daß es ihnen nicht zustehe, derartige Anfragen selbständig zu beantworten. Sie hätten dieselben vielmehr durch Vermittelung des königlichen Provinzial- Schulkollegiums dem Herrn Minister einzureichen. In Beziehung auf etwaige Anfragen über das Präparanden- uud Volksschulwesen findet die gegebene Vorschrift gleich­falls Anwendung. Der Verwaltungsetat der Eisen­bahnen weist in den Gesamteinnahmen Mk. 45 237800, älso Mk. 2153 900 weniger als im Vorjahr auf. Der weitaus größte Teil dieser Mindereinnahmen entfällt auf den Güterverkehr. Die ^Gesamtausgaben betragen: Mk. 28541200 fortlaufende, Mk. 592000 einmalige. Der

Ueberschuß wird veranschlagt auf Mk. 16696 600 also Mk. 1150800 weniger als 1886/87. Die Erklärung des russischenRegierungsanzeigers", daß General Kaulbars sein letztes Ultimatum mit voller Zustimmung des Kaisers erlassen habe, gibt sämtlichen hiesigen Blättern Veranlassung^ das Auftreten des Generals von Neuem in der schärfsten Weise zu verurteilen. DieVoss. Ztg." konstatiert, daß die russische Dreistigkeit in der jüngsten Zeit um ein be­deutendes gewachsen ist und dieNat.-Ztg.", die bisher erne sehr russenfreundliche Haltung beobachtete, schreibt: Es wäre in der That ein Glück für Bulgarien und ein moralischer Gewinn für unseren Erdteil, wenn Kaulbars und Genossen bei erster Gelegenheit Wort halten und Bulgarien verlassen wollten; denn für das geradezu bei­spiellose Verhalten des russischen Agenten und der russischen Konsuln liegt dieses Land doch zu nahe bei Europa. ES wäre höchste Zeit, daß eine derartige auf dem Kulturniveau Zentralasiens stehende Sorte von Diplomatie endlich wieder außer Attivität gesetzt werden würde. Wirkliche Aussicht dazu ist leider nicht vorhanden, vielmehr wird die staunende Welt wahrscheinlich noch manche Steigerung des psychologischen Interesses erfahren. Das Merkwürdigste und Bezeichnendste ist, daß von den Vertretern und Konsuln der übrigen Mächte auch nicht einer von Gewaltthaten der Bulgaren gegen russische Unterthanen zu melden weiß, obgleich das Auftreten der Russen in Bulgarien geradezu darauf ange­legt ist, Gewaltthaten zu provozieren und zu rechtfertigen." DieSchlesische Ztg." bestätigt, daß Bischof Kopp von Culda zum Koadjutor in Breslau ausersehen ist.

Der Zentralvorstand des landwirtschaftlichen Vereins für Rheinpreußen hatte unter dem 12. April d. I. an den Reichskanzler und das preußische Staatsministerium eine Petition gerichtet, in welcher um Beseitigung der Gründ­end Gebäudesteuer gebeten wurde. Darauf ist unter dem 26. Juli d. I. von Seiten der Herren Minister des Innern, für Landwirtschaft und der Finanzen eine Antwort erteilt worden, in der es heißt: Die Umgestaltung des Systems der direkten Staatssteuern behufs gerechterer Steuerverteilung liege der Staatsregierung nicht minder am Herzen, als der weitere Ausbau der Kommuualsteuer- Gesetzgebung. Der Ansicht des Vereins, daß es hierzu einer völligen Beseitigung der Grund- und Gebäudesteuer bedürfen würde, könne die königliche Staatsregierung fteilich nicht beistimmen, vielmehr werde von Setten der Negierung als zweckmäßiges Mittel einer Verbesserung des Staats- wie des Kommunalsteuersystems die Ueberweisung der Grund- und Gebäudesteuer an die Kommunalverbände und die Abschaffung der Zuschläge zu diesen Steuern in Aussicht genommen. Voraussetzung für eine solche Maß­nahme sei aber die Beschaffung eines Ersatzes für den der Staatskasse erwachsenden Einnahmeausfall. Wenn in der Petition behauptet worden, daß für diesen Ausfall im Staatshaushaltsetat wohl Ersatz zu schaffen sei, es aber der Staatsreglerung und der Gesetzgebung überlassen bleiben müsse, tote die Deckung zu suchen sei, so muß darauf ver- toieseu werden, daß die auf die Beschaffung eines Ersatzes

Die dringende Bitte der Kommerzienrätin, nicht sofort abzureifen, fich nur erst ein wenig bei ihnen zu erholen, konnte er nicht zurückweifen; er begab sich daher möglichst bald nach den für ihn in Bereitschaft gehaltenen Zimmern.

Niemand in der Familie wußte eine Erklärung dafür, weshalb Wellmer plötzlich alles so schroff zurückwies, was ihm aus Dankbarkeit mit den freundschaftlichsten Gesinnungen geboten ward, und auch Anna war für alle ein Rätsel.

Seit jenem Abend, wo sie erregt von Glück und Schmerz der Mutter ihr Herz geöffnet, war nach und nach eine selt­same Veränderung mit ihr vorgegangen, die Niemand zu deuten vermochte und über deren Grund sie selbst beharrlich schwieg, so oft auch die bittenden, sorgenvollen Blicke der Mutter sie zur Mitteilung aufforderten.

Die Eltern würden mit Freuden ihre Einwilligung zu ihrer Verlobung mit Wellmer gegeben haben, von dem sie den besten Einfluß auf ihre Tochter hofften, aber ihr Wunsch schien sich nicht zu erfüllen. Wellmer hatte ja nut eine Sehnsucht: fort, so bald wie möglich, alle Brücken unter sich abbrecheud.

Ernst, der durch Wellmers Briefe von seiner Neigung für Anna unterrichtet war, lebte der festen Ueberzeugung, daß abermals Annas Hochmut das Hindernis ihrer Ver­weigerung fei. Er suchte sie deshalb im Garten auf, um durch sie Klarheit in das Dunkel zu bringen, das Über der Angelegenhett schwebte.

Anna," begann er,ist Dir bekannt, daß Wellmer zu- rnckgekehrt ist?"

Ich weiß eS," hauchte sie mit leiser Stimme.

(Schluß folgt.)

Erscheint täglich außer au Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quartal» UbonnementS-Preis bet der Expedition 2'/« Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (erd. Bestellgeld), znsrrtionsgebahr für die gefgalten« Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zelle >5 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, fowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Stoffe in Frankfurt a M-, Berlin,München und

Köln; G. L. Daube und Co. n Frankfurt a. M , Berlin, Ha: notier u. Paris.