Nr. 257
Marburg, Mittwoch, 3. November 1886.
XXI, Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 31. Okt. Der Kaiser traf gestern abend von der bei Hubertussiock abgehaltenen Jagd mit seinen hohen Gästen hier wieder ein. Heute findet bei dem Kaiser ein Familiendiner von 30 Couverts statt, an welchem der König und der Prinz Georg von Sachsen teil nehmen. Heute mittag empfing der Kaiser den spanischen Militär- Attachö Sanchö. — Während man bisher die verschiedenen über Wien gekommenen Nachrichten von russischen Rüstungen hier nicht sehr tragisch nahm, legt man den Meldungen, die in den letzten Tagen über Kriegsvorbereitungen in den Häfen des Schwarzen Meeres eingetroffen sind, eine ernstere Bedeutung bei. Es verlautet, daß lebhaft verhandelt wird, um Rußland von übereilten Schritten abzuhalten, und zwar soll hauptsächlich die Türkei im Einverständnis mit einzelnen Großmächten in dieser Richtung thätig sein. Der „Kreuz-Ztg." wird aus Paris depeschiert, dort verlaute, daß Rußland nur dann zur Okkupation von Bulgarien schreiten werde, wenn von der Regierung die Strafe an den wegen Teilnahme an dem Aufstande in Sofia verurteilten Offizieren vollzogen wird. Die Großmächte, auch die Türkei, unterstützen die Vorstellungen Rußlands wegen Einstellung des Strafverfahrens gegen die Offiziere. Kommt es zum Einmarsch der Russen in Bulgarien, so ist die Möglichkeit vorhanden, daß die Türkei im Einverständnis mit dem Petersburger Kabinett Rumelien besetzt. Es walten in PetersbMtz jedoch ernste Bedenken gegen eine gemeinschaftliche russisch-türkische Aktion ob. Die zwei nach Varna entsandten russischen Kreuzer haben 250 Mann an Bord und zwar der eine 150, der andere 100 Mann. — Die zur Reichskasse an Zöllen, Verbrauchssteuern und anderen Eingängen gelangte Einnahme betrug im ersten Halbjahr des laufenden Rechnungsjahres: An Zöllen 4 203 701 Mk. mehr als in derselben Vorjahrszeit, Tabaksteuer 268181 Mk. mehr, Zuckersteuer 9754386 Mk. mehr, Salzsteuer 394357 Mk. mehr, Branntweinsteuer 1179 396 Mk. mehr, Brausteuer 499052 Mk. mehr, Spielkartensteuer 3078 Mk. mehr, Wechsel stempel 87 289 M. weniger, Lose zu Privallotterieen 3420548Mk mehr, Lose zu Staatslotterieen 83 521 Mk. weniger, Post und Telegraphie 3 351382 Mk. mehr, Reichseisenbahn 406 300 Mark weniger.
Berlin, 1. Rov. Der Kaiser nahm heute vormittag die Vorträge des Chefs des Zivilkabinetts, v. Wilmowski, sowie des Grafen Otto von Stolberg entgegen, erteilte dann dem für Paris ernannten neuen Militärbevollmäch- tigten Hoiningen von Huene Audienz, empfing den Besuch des Fürsten und der Fürstin von Schwarzburg-Sondershausen, besuchte darauf die Kunstausstellung und machte auf der Rückfahrt dem fürstlichen Paare von Schwarzburg- Ssndershausen seinen Gegenbesuch. Um 3 Uhr empfing der Kaiser den König von Lachsen, welcher sich verabschiedete und 5 Uhr nach Dresden zurückreist. — Die Konferenz für internationale Erdmeffung beendete heute ihre
Geschichtskalender.
3. November. 1640—1653. Eröffnung des langen englischen Parlaments. 1760. Friedrich II. erringt vorzüglich durch den tapfer» Husarengeneral Ziethen einen entscheidenden Sieg gegen „ die Österreicher unter Daun bei Torgau.
1805. In der Nacht schließen Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Alexander von Rußland über dem Grade Friedrichs des Großen ewige Freundschaft.
1867. Ein bewaffneter Einfall Garibaldis in das römische Gebiet wirs mit Hülfe einer französchen Hülfsarmee in dem blusigen Treffen bei Montana abgeschlagen.
1870.
3. November. Belfort wird zerniert._____________
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
„Mit einer Bitte kehre ich zu Euch zurück, gebt sie mir zum Weibe, sie, die ich schon lange geliebt, ohne über ihre Gefühle zur Klarheit kommen zu können. Erst als die Scheidestuude schlug, als ich zum letzten Male ihre Hand in der meinen hielt, vielleicht für lange Zeit, da —*
„Da," fiel Anna hastig ein, „entlockte ihr der Trennungsschmerz das Geständnis ihrer Liebe, sie eröffnete Dir ihr Herz, nm Dich zu trösten in der schweren Stunde?"
„Nein, das that Martha nicht. Eher hätte sie jeden Schmerz erduldet; sie war zu feinfühlend, um mir auch nur mit einem Worte entgegen zn kommen. Aber der Thräuen konnte sie nicht wehren, die über ihre Wangen rollten, und allein hierdurch ward ich ermutigt, Dir, meine teure Braut zu gestehen, daß mein Herz, mein ganzes Leben Dir gehört!*
Arbeiten. Die nächste Sitzung der permanenten Kommission soll 1887 in Nizza stattfinden. — Heute abend 7 Uhr erfolgte im Ausstellungsgebäude in feierlicher Akademiesitzung der offizielle Schluß der Jubiläums - Kunstausstellung, welchem unter anderen die Minister Goßler, Maybach, Bötticher, Ministerialdirektor Greiff, der Polizei- Präsident, der Oberbürgermeister, der Adjutant des Kronprinzen v. Kessel, mehrere Stadträte und Stadtverordnete beiwohnten. Der Präsident der Akademie, Becker, teilte in seiner Ansprache mit, daß der Kronprinz auf, die Einladung sein Bedauern ausgesprochen habe, der^L-chlußfeier nicht beiwohnen zu können. Der ständige Sekretär der Akademie, Zöllner, erstattete den Geschäftsbericht über die Ausstellung, wonach ein bedeutender Ueberjchuß zu erwarten ist, und dankte allen Angestellten der Ausstellung für ihre treue Pflichterfüllung. Der Kultusminister be- tonre das vorzügliche Gelingen der Ausstellung, von der man wie von einem treuen Freunde wehmütig scheide, sprach dem Kaiser, der Kaiserin und dem Kronprinzen i seinen Dank aus und teilte die vom Kaiser verliehenen ; Ordensauszeichnungen (darunter der Rote Adlerorden zweiter Klasse mit Eichenlaub an Professor Becker) mit und schloß die Ausstellung mit einem enthusiastisch aufgenommenen Hoch auf den Kaiser. — Bischof Kopp ist in den letzten Tagen inkognito in Berlin gewesen. Der „Germania" : zufolge hängt sein Besuch mit der Revision des kirchen- politischen Gesetzes und mit Bestallung eines Koadjutors für das Fürstentum Breslau zusammen. Für letztere Stelle soll Bischof Kopp ausersehen sein. — Die Generalversammlung des Nationalliberalen Vereins beschloß auf Vorschlag des Parteirats für die Ersatzwahl im ersten Berliner ReichStagswahlkreis einen eigenen Kandidaten aufzustellen, welcher in der nächsten Versammlung vorge- schlagen werden soll. — Der Spezialetat der Post- und Telegraphenverwaltung beziffert seine Gesamteinnahme auf Mk. 187480350, also Mk. 7189130 höher als, im Vorjahr, die fortdauernden Ausgaben auf M. 158 027567, also Ueberschuß Mk. 29452 783, aus welchem einmalige Ausgaben mit Mk. 4 512270 vorweg zu bestreiten sind. Unter letzteren befinden sich für neue Postgebäude oder Erweiterung vorhandener Postgebäude in Brieg, Eisleben, Görlitz, Gumbinnen, Könitz, Myslowitz, Naumburg, Neustadt, Quedlinburg, Schwedt, Soest, Weimar, Berlin, Danzig, Konstanz, Landsberg, Liegnitz und Lüneburg geforderten Beträge.
Breslau, 31. Oktober. Die Trauerfeier für den verstorbenen kommandierenden General des VI. Armeekorps, Generals der Kavallerie v. Wichmann, fand heute vormittag 87s Uhr im Gouvernementsgebäude statt. Die Spitzen sämtlicher staatlichen und städtischen Behörden, die Stabsoffiziere des VI. Armeekorps und die gesamten Ofsizier- korps der hiesigen Garnison wohnten der Feier bei. Die Trauerrede' hielt der Militär-Oberpfarrer, Konsistorialrat Dr. Richter.
Still verließ Anna das Zimmer, um ruhelos ia bt» schattigen Wegen des Parks umheizuwandern.
Doch auch der tiefe Frieden in der Natur konnte ihr die innere Ruhe nicht wiedergeden. Ein namenloses Weh preßte ihr das Herz zusammen, als sie das glückliche Brautpaar sah. Matthä wußte, wie sie geliebt ward, weil sie tief in ihrem Innern ihre Gefühle verborgen hatte, bis der Gelieote ihr das Geständnis ihrer Liebe entlockte.
„Nein, ich will W.-llmers Mitleid nicht," sprach sie zu sich — „ich will meine Liebe, mich selbst, vor ihm verbergen, er soll mir kein Opfer bringen, er soll frei, er soll glücklich fein, wenn auch meinem Herzen der Friede geraubt ist für alle Zeit."
Mit bitteren Thräneu sank das sonst so stolze, nun so tief gebeugte Mädchen auf einer Bank zusammen.
Und Wellmer? — Von Woche zu Woche lag er still träumend, müde und bleich auf seinem Lager. Nur sehr langsam erholte er sich, doch war er so glücklich, wie nie zuvor. Immer, mochte er wachen, oder sein Auge zum Schlummer schließen, sah er vor sich ihr Bild, wie sie tief errötend seine Verzeihung erbat und ihm ihre Liebe gestand.
Als nach und nach seine Kräfte sich hoben und er auf Genesung hoffen durfte, fragte er oft mit bangem Zagen, was wohl die Zukunft ihm bringen werde, ob e8 wirklich Liebe gewesen, was sie an sein Schmerzenslager geführt, oder nur ein falschverstandenes Mitleid mit dem vermeintlich Sterbenden?
Als er von ihr ging war sie v. Nordens Braut. War dies Verhältnis vollständig gelöst? Würde ihr Vater je seine Einwilligung geben zu der Verbindung seiner Tochter mit ihm? Dies waren Fragen, mit denen er sich fast unausgesetzt beschäftigte, ohne sich dieselben beantworten zu können.
Koblenz, 30. Oktober. Ihre Majestät die Kaiserin, welche heute mittag Baden-Baden verlassen hat, traf nachmittag 5 Uhr 50 Min. in bestem Wohlsein hier ein.
Schwebt, 30. Okt. Die Generalversammlung der Augermünde-Schwedter Eisenbahn genehmigte einstimmig die staatliche Ankaufsofferte. Staatskommissar Bensen hatte die bereits in Aachen abgegebene Erklärung auch hier wiederholt.
Leipzig, 30. Okt. Das Reichsgericht verhandelte heute unter Vorsitz des Senatspräsidenten Drenckmann in einer siebenstündigen öffentlichen Sitzung gegen den Schriftsetzer Gustav Drobner, 22 Jahre alt, welcher wegen Verbreitung hochverräterischer Druckschriften angeklagt ist. Der Angeklagte gab auf viele der an ihn gerichteten Fragen keine Antwort, gab aber zu, mit Bruno Reinsdorf in New-Uork Verbindungen unterhalten zu haben. Drobner entpuppte sich im Laufe der Verhandlung, zu der 11 Zeugen geladen waren, als der Führer einer hiesigen Anarchistengruppe. Der Reichsanwalt beantragte den Angeklagten zu 2 Jahren 6 Monaten Zuchthaus und 3 Jahren Ehren- verlust zu verurteilen. Das Reichsgericht erkannte diesem Anfrage des Reichsanwalts gemäß.
München, 1. Nov. Anläßlich seines Namenstags ernannte der Prinz-Regent den Minister v. Lutz zum lebenslänglichen Mitglied des Neichsrats, die Ministerialräte Ziegler und Matzer zu Staatsräten; ferner verlieh er das Großkreuz der bayerischen Krone dem Neichsrat Grafen Quaadt-Jsny, das Großkreuz des Michaelordeus dem General Orff «Würzburg), das Komthurkreuz des Michael- ordenS dem Erzbischof von Bamberg und dem bayerischen Gesandten beim Vatikan Getto. — Ueber 150 Gläubigern der Kabinettskasse wurde von der Kommission, bestehend aus der Administration des königl. Vermögens und dem Finanzminister, eröffnet, daß Baarzahlung erfolgen solle, wenn 5—20 Prozent Nachlaß gewährt, eventuell aber bis anno 1890 einbehalten würde. — In Pasing erfolgte gestern nacht ein Zusammenstoß eines Personenzuges mit einem Güterzug. Mehrere Wagen wurden zertrümmert; es ist niemand verletzt.
Ausland.
Pest, 30. Okt. (Abgeordnetenhaus.) Der Finanzminister schlägt vor, zur Bedeckung des Defizits Wertpapiere im Betrage von effektiv 36,600,000 Gulden zu emittieren. Der Tarif des Personentransports soll um ein, der des Frachttansports um zwei Prozent erhöht werden. Eine teilweise Erhöhung des Prozentstempels und eine Beschränkung der Portofreiheit wird beabsichtigt. Der Finanzminister stellt ferner die Konvertierung mehrerer Eistubahnpapiere, zunächst der Theisbahn, sowie die Reform der Verwaltung der Staatsbahiien, die Erhöhung der Einnahmen der Tabakregie, sowie die rigoroseste Sparsamkeit in Aussicht.
Grau, 30. Oktober. Der Kaiser Franz Joseph ist
Der Tag war herbeigekommen, an welchem er aus dem Krankenhause entlassen werden konnte, um auf Steiners dringenden Wunsch in dessen Villa seine vollkommene Genesung abzmvarten und später, bei herannahendem Winter nach einem südlicheren Klima zu gehen, dort völlige Genesung zu suchen, bevor er wieder zur früheren Thätigkeit zuiückkehrte.
Einer der Aerzte, welcher sich besonders mit ihm befreundet hatte, geleitete ihn zu Steiners eleganter Equipage, die zu seiner Abholung gesandt war.
„Nun erholen Sie sich bald völlig!" rief ihm der Arzt beim Scheiden zu. — „Ihrer warten große Festlichkeiten. Man erzählt sich, daß demnächst die Vermählung des Fräulein v. Steiner mit Herrn v. Norden gefeiert werden wird. Seit in ihres Vaters Hause Glanz und Reichtum wieder herrschen, ist auch der Herr Kammerherr von seinem bösen Nervenleiden völlig geheilt hierher znrückgekehrt. Allerdings hat er bald darauf die Stadt abermals verlassen, wie man sagt in einer wichtigen diplomatischen Sendung. Kommt er, zurück, so wird er jedoch die schöne Braut heimführen."
Daß Wellmer noch bleicher und sein Gang noch wankender wurde, schob der Arzt auf eine ganz natürliche Aufregung beim Verlassen des Hauses, in welchem ihn eine lange, schwere Leidenszeit gefesselt hatte.
Nur zu schnell rollte der Wagen seinem Ziele zu. Wellmer stieg an der Gartenpforte aus; er wollte erst seine Gedanken sammeln ehe er in den bekannten FamUienkreis eintrat.
Eins stand bei ihm. Hier war seines Bleibens nicht, er mußte fort, so schnell als möglich, um die nicht wieder sehen zu müssen, die ihm Liebe geschworen und doch eines Anderen Braut war. Ach, warum hatte er nicht sterben dürfen? (Fortsetzung folgt.)