Rr. 256
Marburg, Sonntag, 31. Oktober 1886.
XXI. Jührgank
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Wöchentliche B/ilagcn: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhessische Zeitung
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Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Wochenschau.
Kaiser Wilhelm beweist jetzt durch die Thal, daß an den vielfachen, in den letzten Wochen verbreiteten schlimmen Nachrichten über seinen Gesundheitszustand nichts Wahres ist. Der greise Monarch hat es sich nicht nehmen lassen, der Einladung seines Neffen, des Prinz-Regenten Albrecht, zu den Braunschweiger Hofjagden nach Blankenburg Folge zu leisten und hat bei der Jagd sein bekanntes Renommee auch als Weidmann vortrefflich bewährt. Der Jagdausflug, bei welchem der Kaiser von der Bevölkerung ailf das herzlichste begrüßt wurde, ist ihm durchaus gut bekommen, so daß er auch an den ferneren Jagden teilzunehmen gedenkt. Die nächste Jagd wird am letzten Tage dieser Woche bei Jagdschloß Hubertusstock abgehalten werden und nehmen daran auch der König Albert und der Prinz Georg von Sachsen teil. — Die Kaiserin Augusta hat sich von Baden-Baden nach Koblenz begeben. Der Kronprinz wird zu Ende der ersten Novemberwoche aus Italien in Berlin zurückerwartet. Vorher wird er noch den Hochzeitsfeierlichkeiten in Weimar beiwohnen. Prinz Wilhelm von Preußen kuriert noch immer an seinem Ohrleiden und wird dadurch verhindert, das Zimmer zu verlassen. Nach kurzem Leiden plötzlich verstorben ist der kommandierende General des schlesischen Armeekorps, General von Wichmann in Breslau. Generalscldmarschall Graf Moltke feierte auf seiner Besitzung Kreisau in Schlesien seinen 86. Geburtstag.
Deutschlands Beziehungen zu den auswärtigen Mächten standen in dieser Woche im Vordergründe der Erörterung. Seitdem Frankreich und England Egyptens wegen auf gespanntem Fuße mit einander leben, machen die Franzosen alle möglichen Anstrengungen, sich an Deutschland heranzuschlängeln, und die Ansprache, welche der neue französische Botschafter in Berlin, Herr Herbette, in seiner feierlichen Antrittsaudienz an unseren Kaiser hielt, bewegte sich in so außerordentlich ftiedlichen Bahnen, daß es Aufsehen erregen mußte und auch erregt hat. Wenn man sich aber in Paris in dem Traume wiegle, Deutschland werde mit England abbrechen und Frankreich den Ge
fallen thun, in der egyptischen Frage auf seine Seite zu treten, so ist demselben ein gar schnelles Erwachen gefolgt. Von berufener Seite ist konstatiert, daß die gegenseitigen Beziehungen zwischen Großbritannien und dem deutschen Reiche durchaus freundschaftliche sind, und zwar so sehr, daß die in London eingeleiteten Verhandlungen wegen Regelung des Kolonialgebietes in Ostafrika einen schnellen befriedigenden Abschluß versprechen. Die Franzosen werden auch wohl wissen, daß der beste Freund der ist, welcher es am meisten durch Thaten beweist. Worte sind auf dem politischen Markt keine bare Münze.
Nicht kleiner, sondern immer größer wird der bulgarische Wirrwarr, und angesichts der russischen Politik kann man wirklich daran glauben, daß ihr persönlicher Leiter in diesem Falle, der Kaiser Alexander, wie behauptet wird, an einer sehr starken Aufregung leidet. Die Drohnoten des General Kaulbars werden immer schärfer; freilich hat er nicht das geringste erreicht, denn die Eröffnung der großen bulgarischen Nationalversammlung ist auf kommenden Sonntag bestimmt angesetzt. Auch die Entsendung zweier russischer Kriegsschiffe nach Varna, angeblich zum Schutze der „bedrohten" russischen Unterthanen, hat nichts gefruchtet, die bulgarische Regierung ist bei der verfassungsmäßigen Handlungsweise, welche sie von jeher beobachtet, stehen geblieben. Nun hat Kaulbars erklärt, Rußland werde auch nicht die Wahl eines ihm genehmen Fürsten durch diese Nationalversammlung anerkennen.
Lord Churchill, der englische Schatzkanzler, hat nach seiner Rückkehr vom Kontinent in Bradsort eine größere politische Rede gehalten. Zuerst sprach er über Irland und ging dann zur auswärtigen Politik über. Er betonte, er habe auf seiner Rundreise mit keinem auswärtigen Minister gesprochen, meinte auch, England habe keinen Anlaß, in der Orientfrage überstürzte Beschlüsse zu fassen. Man solle zunächst ruhig abwarten. Lord Salisbury, der Ministerpräsident, wird am 9. November beim Lordmayorsbankett eine große politische Rede halten. —Der Zeitungsstreit zwischen London und Paris wegen der von Frankreich geforderten Räumung Egyptens geht lustig seinen Gang. Von London aus erklärt man entschieden, England sei durch die Verhältnisse gezwungen worden, zur Besetzung Egyptens zu schreiten, und es werde nicht eher vom Nil fortgehen, als bis seine Aufgabe erfüllt sei. Punktum!
Die Deputierteilkammer in Paris hat die von dem ganzen katholischen Frankreich auf das heftigste bekämpfte Bestimmung angenommen, nach welcher in öffentlichen Schulen teilt Geistlicher mehr unterrichten darf. Es ist freilich noch die Frage, ob der mehr nach rechts neigende Senat dem Beschlüsse zustimmt. — Prinz Viktor Napoleon, der älteste Sohn Jeromes, ist mit einem neuen Manifest an den Tag getreten. Ter Prinz sorgt, gerade wie fein Vater, redlich Dafür, daß an Makulatur kein Mangel eintritt - Angenehme Tage stehen den französischen Steuer
zahlern bevor. Gegen 400 Millionen Franken sind in der Kammer von dem Kriegs- und dem Marineminister für militärische Zwecke gefordert worden, die freilich so ohne weiteres wohl nicht bewilligt werden dürften. —Der unter dem Verdacht der Spionage verhaftete deutsche Gelehrte !'r. Sandler ist nunmehr freigelassen worden.
In Italien geht die Regierung mit großer Energie in der Räumung der Klöster vor. Die Zahl der zu schließenden geistlichen Niederlassungen ist auf vierzig erhöht worden. In Neapel hat es erbitterte ^traßenkämpfe gegeben, die von einem Geheimbund angezettelt waren. In belgischen Jn- dustriebczirken ist es zu neuen Arbeiterkrawallen gekommen.
Im österreichischen Abgcordnetenhause in Wien ist mit großem Eifer über das Zoll- und Handels - Bündnis mit Ungarn debattiert worden. Die Annahme ist natürlich zweifellos. — Verstorben ist in seinem Schlosse Altenberg bei Wien der frühere österreichische Reichskanzler, Graf Beust, der erbitterte Feind des neuen deutschen Reiches. Graf Beust war längst ein politisch toter Mann. Sein Hinscheiden erinnerte die Welt überhaupt erst wieder daran, daß er noch lebte.
In Spanien haben die Karlisten für den schwer erkrankten Don Jaime, den ältesten Sohn des Karlos, in den Kirchen große Kundgebungen veranstalten wollen. Ein bischöflicher Erlaß hat dieselben aber verboten.
Deutsches Reich.
Berlin, 29. Okt. Der Kaiser erschien gestern abend im Lchauspiclhause, empfing heute mittags den Prinzen Friedrich Leopold nebst dessen Reisebegleitern Major Nikisch und Hofmarschall Graf Kanitz, später den Erbprinzen von Hohenlohe-Schillingsfürst und reifte nachmittags zwei Uhr zur Jagd nach Hubertusstock ab. — Der Bundesrat hielt gestern unter dem Vorsitz des Staats-Ministers, Staatssekretärs des Innern, von Boetticher, eine Plenarsitzung ab. In derselben machte der Vorsitzende Mitteilung von der Verpflichtung eines Mitgliedes der preußischen Hauptverwaltung der Staatsschulden sowie über die Bildung der Ausschüsse für das Landheer und die Festungen und für das Seewesen. Alsdann sand die Neuwahl der Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen, für Handel und Verkehr, für Eisenbahnen, Post und Telegraphen, für Justizwesen, für Rechnungswesen, für die auswärtigen Angelegenheiten, für Elsaß-Lothringen, für die Verfassung und für die Geschäftsordnung statt. Die Vorlage, betreffend die zollfreie Ablassung verschiedener metallener, zum Schiffbau bestimmter Materialien, der Gesetzentwurf über den Servistarif und die Klasseneinteilung der Orte und der Entwurf eines Gesetzes übet die Unfallversicherung der Seeleute und anderer bei der Teeschiffahrt beteiligter Personen wurden den zuständigen Ausschüssen zur Vorberatung überwiesen. Die Rekursgesuche eines Lehrers in Elsaß- Lothringen und eines Ttadtpostboten in Berlin gegen ihre
Geschichtskal-nd-r.
31. Oktober.
1517. Dr. Luther schlägt feine 95 Sätze gegen den Ablaß an die Schloßkirche zu Wittenberg an.
1848. Der Fürst von Windischgrötz schlägt durch Erstürmung Wiens die Revolution nieder.
1. November.
1539. Kurfürst Joachim 11., Hector, tritt zum Protestantismus über, ihm folgt das ganze Land.
1700. Mit Karl II. von Spanien stirbt die spanische Linie des Hauses Habsburg aus.
1755. Das große Erdbeben von Lissabon tötet 30000 Menschen und zertrümmert 16000 Gebäude.
1762. Die Preußen erobern unter Ferdinand von Braunschweig Cassel.
1814. Der Wiener Kongreß wird eröffnet.
1837. Der König Ernst August von Hannover hebt das von seinem Bruder, dem Könige Wilhelm IV., bestätigte Staatsgrundgesetz auf.
2. November.
1642. Der schwedische Feldmarschall Torstenson schlägt die Kaiserlichen bei Breitenfeld (Leipzig).
1848. Der König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ernennt das Ministerium Brandenburg-Manteuffel.
1850. Mobilmachung des preuß. Heeres gegen Oesterreich.
1870.
1. November. Unterredung zwischen Fürst Bismarck und Thiers in Versailles.
Durchs Lebe« erzöge«.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
Konnte sie dieses Opfer annehmen von ihm, dem gestierten Manne, dem manches Franenherz entgegenschlug,
ohne die Grenze zu Überschreiten, die er so hoch ehrte in Liebe und Hatz.
Sie war sich klar darüber, daß sie das Mißtrauen, sie sei ihm im besten Falle nichts, als ein gleichgiltiges Weib, nie überwinden könne. Sie würde ewig in der Angst schweben, daß eine Zeit kommen könnte, wo es ihm uner- ttägltch werde, von Jahr zu Jahr dahinznleben in einer liebelosen Ehe,
Täglich suchte ihr Vater ihn auf, aber nie brachte er ihr einen Liebesgruß. Nie hatte er von glühender Sehnsucht, von Ungeduld zu berichten, die Wellmer in der Einsamkeit des Krankenzimmers empfinde. Sie hatte einen Strauß der herrlichsten Rosen gepflückt, ste ihm als Liebesgruß zu senden; ihr ganzes, volles Herz hätte sie ihm mit« geben mögen. Doch, war es passend, sich ihm in Erinnerung zu bringen? Die armen Blumen lagen achtlos in der heißen Sonne und welkten dahin, ohne ein Auge zu erfreuen.
Während daheim im Vaterhanse Glück und Leid, Freude und Sorge in stetem Wechsel die Familie bewegte, arbeitete der einzige Sohn im fernen Süden, mit Lust und Eifer vorwärts strebend in seiner Kunst, seine immer mehr sich vervollkommenden Leistungen aneikannt sehend von Künstlern und Kennern. Je nach der Jahreszeit verlegte er seinen Aufenthalt nach dem südlichen oder nördlichen Teile des gesegneten Italiens, wo er aller Orten neue Nahrung für seine Knllstbegeisternllg sand.
Es wäre ihm leicht gewesen, sich als Porttätmaler reiche Einkünfte zu verschaffen, oder in geselligen Kreisen Eintrüt zu finden. Manch schönes, dunkles Frauenauge schaute sehnsüchtig nach dem blondgelockten deutschen Maler, der so ttäumerisch ansschaute und die seinen Koketterien der heiß- blüttgen Italienerinnen nicht zu bemerken schien, dessen Herz sie für kalt und hart erklärten, wie die Lust seines nordischen Vaterlandes.
An Emst von Steiner ging das alles spurlos vorüber, er war befriedigt in seiner Kunst, er kannte nur einen Wunsch, nämlich den, sich mit seinem Vater zu versöhnen, seine Lieben und seine Heimat wiederzusehen.
Sein Freund Wellmer hatte ihn getreulich mit Nachrichten versorgt, bis derselbe ihn von der Geschäftsreise in Kenntnis setzte, die er im Auftrag seines Vaters unternehmen werde, ohne jedoch den Grund derselben anzugeben. Dann war er zu Emsts großem Kummer verstummt für lange Zeit. Nicht die leiseste Kunde aus der Heimat erhielt er fernerhin; feine Knust war und blieb seine einzige Trösterin und nichts hätte ihn vermögen können, ihr zu entsagen.
Er wollte geduldig ausharren, bis vielleicht ein milderes Gefühl im Herzen des Vaters erwachte und dieser ihm die Heimkehr gestattete.
Und dieser Augenblick war nunmehr gekommen. Die schweren Erfahrungen, die seinen Vater dem Ruin so nahe geführt und ihm den Wechsel menschlichen Glücks so erschreckend deutlich gezeigt, hatten den harten Sinn des Barons erweicht und ihn den Bitten seiner Gattin zugänglich gemacht. Er war bereit, dem Sohne zu verzeihen, schrieb ihm sogar selbst und lud ihn ein, ins Vatershans zurückzukehren.
Wie gern kam Emst, wie eilte er heim auf Flügeln der Sehnsucht und Liebe! Er war nicht mehr der verstoßene Sohn, er sollte von nun an offen und frei auch im Vater- Hanse seiner Kunst leben.
Ein glückliches Wiedersehen feierte er mit den Seinen. Die Mutter umarmte mit Freudenthrönen den wiederge- schentten Sohn und der Vater blickte in der Stille mtt Stolz auf ihn, der sich durch eigene Kraft emporgeschwungen hatte, zu einem Meister in feiner Kunst.
Suchend blickte Emst im Zimmer umher, bis er Martha erblickte, welche sich tief errötend in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen hatte. Ihre Hand ergreifend, führte er ste seinen Eltern zu. (Fortsetzung folgt.)