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Rr. 254.

Marburg, Freitag, 29. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang.

Sffchrint täglich außer an Veritsgen nach Sonn- und Frie-rtagen. - Quartal» Ldsunements-Preis bei der Sxpedition 2* 1/« Ml., bei den Postämter 2 M. 50 8fg- (erd. Bestellgeld). JÜfertionS-'eüübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Raünnen für die Zeile

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GttWslhk Miiz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a M-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n ranksurt a. M, B. rin, Ha nover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaqsblatt.

________Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. °

wehren, seine Kriegs- und Verteidigungsfähigkeit auf die denkbar höchste Stufe zu bringen, aber wenn man dann noch von andauernder Friedensliebe spricht, dann gehört etwas mehr dazu, um in uns diesen Glauben zu befestigen. Und weiter, wenn ein paar Zeitungen in Paris derartig dominieren, daß sogar offizielle Kreise es für nötig halten, sich von dem Verdacht des schrecklichen Verbrechens zu reinigen, deutsche Waren bezogen zu haben, wenn ein Hanswurst, wie Mr. Teroulede, den Krieg mit Deutsch­land als das unbedingt zu erstrebende Ziel bezeichnet und dabei allgemeine Beachtung findet, ist dann die franzöfische Regierung überhaupt im stände, bindende Garantien für ihre Friedensliebe zu geben, die Deutschland veranlassen könnten, das Gebotene mit Gegenkonzessionen zu beant­worten ? Wir wollen diese Frage nicht absolut verneinen, aber es wird schwer sein, dies Ziel zu erlangen. Zeigt eine französische Regierung ernsten Willen, so kann sie wohl dahin kommen, aber diesen ernsten Willen vermißen wir bisher.

Deutschland hat ein sicheres Bündnis mit Oesterreich geschloßen; das genügt für den Frieden, und wir haben keinen Anlaß, uns ohne weiteres für den Ernstfall zu binden. Es hat vielleicht nur an Kleinigkeiten gelegen, und es wäre auch mit England eine bestimmte Verstän­digung für gewisse Punkte zu stände gekommen. Aus­geschlossen ist diese Möglichkeit für immer keineswegs; es scheint in den letzten Tagen auch in den Beziehungen zwischen Deutschland und England eine Wendung ein­getreten zu fein und dieRordd. Allg. Ztg." betont an leitender Stelle sogar ausdrücklich den freundlichen Ver­kehr. Frankreichs Drängen, England aus Egypten her­auszubringen, treibt England naturgemäß Deutschland zu, und zu verachten ist bekanntlich Englands Seemacht durch­aus nicht. Deutschland ist zur Zeit somit in der vorteil­haften Sage, seine Freunde wählen zu können, und braucht sich dabei nicht im geringsten zu überstürzen. Wer sich Deutschlands Freund nennt, wird auch durch Thaten be­weisen müssen, daß dem wirklich so ist! Versicherungen allein haben den Kredit in der Politik verloren.

Wann die Kronprinzessin mit den Prinzessinnen znrück- kehrt, entzieht sich vorläufig der Kenntnisnahme, da noch von einem Aufenthalt derselben in Meeran die Rede ist. In Italien erhält sich die Nachricht, daß der Kronprinz vor seiner Abreise den italienischen Hof in Monza besuchen werde. DiePost" schreibt: Die gestern von uns und den meisten anderen hiesigen Zeitungen veröffentlichte Notiz über das Befinden des Prinzen Wilhelm könnte den An­schein erwecken, als ob es ein schweres Ohrenleiden sei, von dem der Prinz heimgesucht sei. Dies ist jedoch glück- licherweisc keineswegs der Fall. Se. Königliche Hoheit leidet lediglich an einer leichten Ohrenentzündung, der die Aerzte jegliche Bedeutung absprechen, ein Leiden, das aber immerhin L>e. Königliche Hoheit nach ärztlicher Verord­nung zwingt, das Zimmer zu hüten, und somit den Prinzen in den Dispositionen beschränkt, welche den Aufenthalt im Freien bedingen. Im übrigen wird das durchaus gute Allgemeinbefinden des Prinzen durch das erwähnte Leiden keineswegs berührt. Binnen welcher Zeit es Sr. König!. Hoheit wieder gestattet sein wird, den steten Zimmer­aufenthalt aufzugeben, läßt sich zumal bei jetziger kühler Witterung natürlich besonders schwer bestimmen. Die Allgemeine Konferenz für internationale Gradmeffung" ist heute, nachmittags um 2 Uhr, im Beisein der Minister von Bötticher I)r. Lucius, von Scholz und Dr. Friedberg von dem Kultusminister Dr. von Goßler mit einer Be­grüßungsrede eröffnet worden, welche auf die hohe Bedeu­tung der Konferenz hinwies und des verstorbenen Vor­sitzenden des preußischen geodätischen Instituts für Zwecke der europäischen Gradmessung, des Generals von Baeyer in den wärmsten Worten gedachte. Der bisherige Präsident der permanenten Kommission, General Ibanez de Zbero (Madrid >, antwortete dankend. Zum Präsidenten jder Konferenz wurde der Direktor der Sternwarte in Berlin Professor Dr. Förster, zu Vizepräsidenten wurden O. W. von Struve, Direktor der Sternwarte zu Pulkowa (Ruß­land) und Faye-Paris, zum Schriftführer wurde Hirsch- Neufchatel gewählt. Vertreten sind die deutschen Staaten, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, Oesterreich, die Niederlande, Portugal, Rumänien, Rußland, Schweden- Norwegen, die Schweiz und Spanien. Prof. Dr. Förster gat hierauf einen geschichtlichen Bericht über die seitherigen Arbeiten der früheren Konferenzen, v. Struve (Rußland) brachte dem deutschen Kaiser Huldigungsworte dar. Hier­auf wurde eine Pause gemacht. Nach derselben berichtete Hirsch-Neuschatel über die seit der letzten allgemeinen Kon­ferenz eingetretenen Ereignisse und gedachte der seitdem verstorbenen Mitglieder, namentlich des Generals v. Baeyer. Professor Helmer erstattete die Berichte des Zentralbüreaus und des geodätischen Instituts, wobei er mitteilte, daß sich die Erbauung des geodätischen Instituts auf dem Pots- bamer Telegraphenberge neben der Sonnenwarte ihrer Ver-

D-utsch-s Reich.

Berlin, 27. Okt. Der Kaiser nahm vormittags den Vortrag des Geheimen Kabinettsrats von Wilmowski und dann eine Reihe von militärischen Meldungen entgegen. Nachmittags um 4 Uhr hat Staatssekretär Graf Bismarck beim Kaiser Vortrag. Um 5 Uhr findet im kaiserlichen Schlosse ein größeres Diner statt, zu welchem Prinz Heinrich, alle hier anwesenden Minister, Bankpräsident v. Dechend und mehrere Generale geladen sind. Der Kronprinz kommt in den ersten Tagen des nächsten Monats nach Deutschland zurück. Am 5. November wird der Kronprinz den Vermählungs-Feierlichkeiten in Weimar beiwohnen.

Mf" Für die Monate November und Dezember werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

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entgegengenommen.

Ebenso nimmt unsere Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt) sowie auch die unterzeichnete Expedition Abonnements für zwei Monate entgegen.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Deutschland und Frankreich.

Die Ankunft des neuen französischen Botschafers, Herrn Herbette, in Berlin und sein Empfang durch den Kaiser haben die Erörterung der Beziehungen zwischen Deutsch­land und Frankreich wieder in den Vordergrund gerückt. Die Ansprachen, die bei der feierlichen Antrittsaudienz ge­halten wurden, würden gewiß nicht mehr gelten, denn ge­wöhnliche Höflichkeiten, wenn es sich nicht um den Bot­schafter der französischen Republik gehandelt hätte. Herr Herbette war außerdem bisher anerkanntermaßen die rechte Hand des französischen Ministerpräsidenten in der aus­wärtigen Politik, und wenn ein solcher Mann sich in entschieden friedlichem Sinne äußert, so ist das wohl etwas mehr, als gewöhnliche Phrase. Es ist zu bemerken, daß Herr Herbette genau dasselbe ausgesprochen hat, was vor seiner Abreise die französischen Regierungsblätte» betonten: daß es Deutschland und Frankreich gemeinsame Inter­essen gäbe, auf Grund derer eine Verständigung wohl zu erzielen sei. Thatsache ist nun, daß dieser Botschafter­empfang in Paris einen viel größeren Eindruck, als in Berlin gemacht hat, daß namentlich die Geschäftswelt, die von dem Revanchegeschrei absolut nichts wissen will, sich sehr erleichtert und beruhigt fühlt. Die Geschäfte sind in Paris so wie so schlecht genug, und ein ernster Zwischen­fall würde für manchen Kaufmann den Ruin bringen.

Frankreich sucht Englands und der egyptischen An­gelegenheit wegen eine Annäherung an Deutschland. Das ist nun zwar recht angenehm und schmeichelhaft, aber keineswegs im stände, uns unsere kühle Zurückhaltung zu rauben. Meinen die Franzosen etwa, wir würden auf ein paar Schmeichelworte hineinfallen? Damit ist es nichts! Sehen wir doch einmal genauer zu, wie es jetzt mit dm militärischen Rüstungen Frankreichs steht. Der Marineminister fordert 160 Millionen zur Vermeh­rung der ohnehin schon recht starken französischen Flotte, der Kriegsminister fordert auch weit über hundert Tril­lionen zur Verstärkung und Neuarmierung der franzö­sischen Festungen. Wir können es Frankreich nicht ver-

Geschichtskalender.

29. Oktober.

1268. Konradin wird mit Friedrich von Baden auf dem Carrnelitermarkte zu Neapel enthauptet.

1762. Prinz Heinrich und der General Scydlitz schlagen die Reichsarmee bei Freiburg.

1806. Die Festung Stettin ergiebt sich den Franzosen.

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.)

Hat sich das Todesurteil der Aerzte schon erfüllt, bin ich in einer besseren Welt, von einem Engel freundlich hin­übergeleitet hauchte er mit matter Stimme.

Nein, kein Engel ist bei Ihnen, ein schuldbeladenes Weib, das Ihnen, durch elenden Hochmut verblendet, das Leben verbitterte I Ich allein bin es, die Sie von uns treibt, ich bereue von ganzem Herzen mein unseliges Thun, o, ver­sagen Sie mir ihre Verzeihung nicht, könnte ich alles, was ich Ihnen zugefügt, wieder gut machm; mit Freuden gebe ich mein Leben hin!"

Ich zürne Ihnen nicht; ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen. Ich glaubte es sei besser für uns beide, deshalb wollte ich hinwegziehen in ein fernes Land. Nun ruft der Herr mich dahin, von wo es keine Rückkehr mehr flieht. Ich gehe zur Heimat, zur ewigen Ruhe ein."

Müde schloß er wieder die Augen.

Sie dürfen nicht von mir gehen, verlassen Sie mich nicht in Jammer und Reue," versetzte sie.

Thnt Ihnen denn mein Sterben leib?"

Ob es mir leid thut? Mein ganzes Leben lang werde ich zu tragen haben an diesem Kummer. Wellwer, ehe wir auf ewig von Dir scheiden, muß ich es sagen: Ich verfolgte Dich, ich überredete mich, daß ich Dich hasse; daß mein

Gefühl jedoch für Dich nichts anderes war als Liebe, innige heiße Liebe, das ward mir erst klar in dem Augenblick, da ich Dich in Gefahr wußte. Nun erst erkannte ich, wie teuer D» meinem Herzen bist! O könnte ich mit Dir sterben, ich bleibe einsam, verarmt zurück."

Noch einmal öffneten sich seine Augen, sie anschauend mit überirdischem Glanze. Das war der Blick, welchen sie schon einmal im Traume gesehen und nie mehr ver- gesten konnte.

Anna Du liebst mich, Du willst mein fein? Durfte ich leben, nun wird mir das Sterben schwer. Ich habe Dich geliebt, seit ich Deinen Wert erkannt; unter dem Hoch­mut, mit dem Du Dich uwpavzert hattest, hotte ich Dich fchutz-n mögen vor Dir selbst. Nun bist Du mein nnd ich wuß von Dir gehen."

Sie hatte seine Hände in die ihren genommen, als könnte

i n ar ststhalten im Leben. Tief schauten sie einander in die Augen, keines Wortes mehr mächtig.

Anna, dachte nicht über diese Stunde hinaus. Da war ja alles Jo ltchllos und traurig, nur diese eine Stunde wollte ste ausnutze», da sie noch seine Hand halten, noch in sein treues Auge den Strahl ihrer Lieb- senken konnte, bis es sich zur immer ichloß.

Mit tiefer Rührung hatte der Baron die erschütternde Szene mit angesehen, bis die Ankunft eines berühmten Arztes ihm, der jo leicht, so gerne mit frohem Mute in die Zukunft blickte, als ein Hoffnungsstrahl erschien für die vielleicht doch mögliche Rettung des schwer Leidenden.

Rasch eilte er daher dem Arzte entgegen, ihn um seine uittenD*

Als der Arzt sich dem Kranken näherte, erhob sich Anna von den Knieeu und trat zurück, in heißem Flehen zu Gott der Entscheidung harrend.

Wie eine Ewigkeit erschien es ihr, bis des Leidenden Zustand genau geprüft war und der Arzt sich zu ihr und

ihrem Vater wandte, um seine Ansicht auszusprechen. S.in «lick war sehr ernst, als er begann:Der Zustand ist höchst bedenklich, weniger wegen der äußeren Wunden, als viel­mehr wegen der inneren Verletzungen. Ob es möglich sein wird, diese wieder zu heilen, ob die verwundete Lunge sich wieder erholen kann, ob der Körper den Blutverlust über- dies find Fragen, welche die Wisfenschaft nicht äugens dlicklich zu beantworten vermag. Noch athmet er, deshalb dürfen wir nicht verzagen. Ein günstiger Umstand ist die friedliche Ruhe, die den Kranken beherrfcht, er ist still und ergeben, man könnte beinahe sagen glücklich. Lange Zeit wird zu seiner Herstellung nötig sein, wenn diese mit Gottes Hilfe, unterstützt von der Kraft der Jugend, gelingt."

Es wäre mein dringender Wunsch"bemerkte Steiner daß er in meinem Hause verpflegt werden könnte. Es sollte ihm dort die umfassendste und liebevollste Pflege zu teil werden, ich würde ihn in meinem Wagen möglichst bald dorthin bringen lassen."

Für den Augenblick", erwiderte der Arzt,ist jeder Transport unmöglich.Vielleicht kann es in den Früh- stunden des morgenden Tages schon geschehen und bann, glaube ich, ist unser Krankenhaus, bas mit allem Komfort ausgestattet ist, der geeignetste Aufenthalt für einen so Schwerkranken, für den die stets zu Gebote stehende ärzt­liche Hilfe, sowie eine große Anzahl vorhandener Msttel von größter Wichtigkeit find. Beides ist in Privatpflege auch bei dem besten Willen nicht immer zur Hand."

Anna war noch einmal zu Wellmer getreten:Leb wohl, Geliebter! Gott schenke Dir Genesung. All mein Denken, meine innigften Wünsche werden stets bei Dir sein."

Leise nur flüsterte er:Ade, mein süßes Lieb, auf Wiedersehen hier oder dort!"

Einen Kuß noch hauchte sie auf seine Stirn, den ersten ob auch den letzten? (Fortsetzung folgt)