Nr. 253
Marburg, Donnerstag, 28. Oktober 1886.
schreckt, suchte mit einer heftigen Bewegung die Zigarette zu verbergen. Der Zar, der sehr aufgeregt schien, mochte diese Bewegung dahin gedeutet haben, daß der Adjutant eine Waffe verbergen wolle, und trat rasch zurück. Der Offizier, nichts L-chlimmes ahnend, trat nach wenigen Minuten in das Audienzzimmer, um die Befehle des Zaren entgegenzunehmen. In diesem Augenblick feuerte der Kaiser einen Revolver ab und der Eingetretene sank schwer verletzt zu Boden. Nach einem anderen Bericht war der unglückliche Adjutant ein Graf Reutern. Dort heißt es: „Kaiser Alexander befindet sich infolge der fortwährenden Besorgnisse vor Attentaten in einem Zustande steter Aufregung und Gereiztheit, und der geringste Zufall ist geeignet, ihn außer Fassung zu bringen. Als er nun jüngst unvermutet aus seinem Kabinett in das Dienftzimmer der Flügeladjutanten trat, traf er dort den Grafen Reutern, der, auf das Erscheinen des Zaren nicht gefaßt, es sich bequem gemacht, den Säbel abgelegt und die Uniform geöffnet hatte. Sobald er des eintretenden Monarchen ansichtig wurde, sprang er auf, griff nach dem Säbel, während er zugleich die Uniform zuknöpfte. Diese lebhaften Bergungen, die allerdings ganz etikettewidrig waren, erschreckten den Kaiser derart, daß er plötzlich von der Wahnvorstellung ergriffen wurde, Graf Reutern beabsichtige ein Attentat gegen ihn. Um der vermeintlichen Gefahr vorzubeugen, habe er rasch zur Waffe gegriffen und den un- glücklichen Offizier schwer verletzt. Daß der Kaiser überhaupt an solchen Anfällen leidet, ist am Petersburger Hofe längst ein offenes Geheimnis, und man will ähnliche Erscheinungen schon bei der Anwesenheit Alexanders III. in Kremsier beobachtet haben!"
Die politischen Verhältnisse, die Gährnng im Innern, die furchtbare Feindschaft der Nihilisten sollen die krankhafte Disposition Alexanders III. weiter ausgebildet haben Zum Mißtrauen war er stets geneigt. Auch, der schlechte Gesundheitszustand des Thronerben soll auf den Kaiser efue niederdrückmde Wirkung ausgeübt haben, und die Anfälle krankhafter Aufregung immer häufiger hervor- treten. Wir lassen es dahin gestellt, wie weit die vorstehenden Mitteilungen, die wir aus verschiedenen Blättern zusammengestellt, im einzelnen auf Wahrheit beruhen. Daß sich des Zaren eine hochgradige Aufregung bemäch- ttgtz ist nicht nur lange schon behauptet, sondern wäre auch bei den russischen Verhältnissen ganz erklärlich.
Deutsches Reich.
Berlin, 26. Oft. Der Kaiser ist kurz vor 2 Uhr von Blankenburg wohlbehalten hierher zurückgekehrt. — §eute feiert Feldmarschall Graf von Moltke seinen sechs- elend, verwundet vielleicht tot, die vor kurzem hinaU fri'ch und fröhlich; ahnungslos waren sie vom Unglück überrascht worden, unvorbereitet war dasselbe über fle hereingebroche».
„ 3etzt hielt der Zug. Einige Koupees wurden schnell geöffnet; ihnen entstiegen diejenigen, welche Gottes Gnade vor Schaden behütet hatte. Schmerzlich berührt von all' dem Furchtbaren, das sich unter ihren Augen vollzogen, eilten sie, die traurige Stätte zu verlassen. 8 8 M Dann kamen Leichtverwundete aus anderen Wagen, die k,^ E„^sen und einen geeigneten Platz zu ihrer Unterkunft aufsuchen konnten.
Thürm geöffnet: man trug unter ärzt- licher Leitung die schwer Verwundeten nach den Wartesälen. Ulfe seuszer, aber auch laute Jammertöne hörte man von denen, welche bei der leisesten, wenn auch noch so vorsichtigen Berührung die Schmerzen doppelt empfanden. Manchen kein SfÄ'h ^chüllt, der wohl keinen Schmlrz, kem irdisches Weh mehr empfand. 3
x n Anna stand an ihres Vaters Sette, mit der aesvann, aSene“ "St0 be(SDb^tenb- was sich vor ihren Blicken abspielte. Mit leisen Hoffnungen hatte sich das Vorüber, ziehen der Leichtverwundeten angesehen. Wellmer war stdoch r?t er- ^nCr * ®*ne nach der andern von den bleichen
Gestalten sah sie vorubertragen, auch unter diesen war
Polizeibeamte brachten den Lokomottvführer, welchem L Schuld an dem Unglück beimaß. Anna konntt nicht anders, als ihn beklagen. Einer einzigen
Zt-ines sonst vielleicht guten, braven Lues w«-n Aelezum Opfer gefallen. Sein Leben, sein Gewissen war schuldbeladen bis ans Ende. " rour
_ HE ff- selbst nicht auch schwere Schuld auf ihrem G-Wiffeu? In fortgesetztem Uebermnt hatte sie dem braven Manne, dem treuesten Beamten ihres Vaters, den Aufeu^ halt in dessen Hause unerträglich gemacht, mit lleberlegung d°iesieihn gekränkt und beleidigt, und immer wieder war -j chr mild «nd freundlich eutgegengekommen, bis er es nicht mehr mit seiner Ehre vereinbar hielt, noch länger ihre
Erscheint täglich außer < Betttagen nach Sonn-ui Säertagen. — Quarta UdonnernentS-Preis bei b Expedition 2</< TIL, b kn Postämter 2 Mk. f Mg. (ercl. Bestellgeld gnfettwnggcbübr für b
undachtzigsten Geburtstag in ungebeugter Geistes- und Korpersnsche. ^e weniger der gewaltige Stratege mit seinen Ansprüchen an die Dankbarkeit seines Volkes bcr- vorgetrcten ist, ein desto weitgehenderes und besseres Recht hat er aus diese. Wenn die Verdienste des Feldmarschalls auch naturgemäß in den Kriegen Deutschlands am glänzendsten zur Erscheinung gekommen sind, so bleibt doch da- "bben nie zu vergessen, welche stille, fruchtbare Saat sein fÄ ^rieSSroir en. in ber preußischen Armee aus- streut, der Moment, m dem ihre Früchte in voller Ent- Atung dem deutschen Volke zum Bewußtsein kommen werden, wird nicht ausbleibeii. Um so ehrfürchtiger und ^barer aber, blickt dasselbe heute zu demjenigen, der ihr ge i stiger Schop fern nd Pfleger war. — Die „Rordd. Allg. Ztg.. schreibt: Die „Köln. Ztg." hat in jünaster Seit Mrtn-abCne ^legenlseit genommen, Deutschlands Ver-
Änb tn 8631,9 auf Ostafrika einer ein, 2? 5?/?bchung zu unterziehen und kommt daraus r,"x.22' §-^°ber an leitender Stelle zurück, indem sie dort hS* "rchtung, daß England versuchen könne, durch Rankespiele deutschen Interessen 'in Ostafrika ent!
werde ihr aus guter Quelle vollauf be- statlgt. Es ist tn der hiesigen Presse mehrfach die Ver- mutilng geäußert worden, der Gewährsmann der „Köln Ztg. sei ent bekannter Afrikaforscher, der sich kürzlich
f •" ®-rttn aufgehalten hat. Wer immer dS selbe fedoch sein möge, so ist feine Auffassung eine irrige unb bte ^unbgebunaen der „Köln. Ztg " liefern für jeden b^LVfntet-rSteten fcen,8eroetä' ba6 -r den wahren Sach- verhalt nicht genau kannte. In der That hat Deutsch- lanb gegenwärtig durchaus keinen Grund zur Klage über Englands überseeische Politik, und es ist ein Merkmal für
be’L 6etben Regierungen bestehenden freund- schaftltchen Beziehungen, daß über einige noch schwebende Aussigeine baldige Verständigung in Aussicht gestellt werden kann, welche den beiderseitigen be- tocrben f°a und voraussicht- A b -de ^et(e befriedigen wird. Wenn ein so erwünschtes mnhrfS nLOn<; ^1' xUat$ kurzen Unterhandlungen, als wahrscheinlich bezeichnet werden darf, so zeigt dies deutlich ehlaSnVS l" ®"9(arnVrfennt/ Deutschland treibe nicht etwa, nach dem Beispiele der weiland Cortez und Pizarro eine erobernde und gewaltthätige Kolonialpolitik, sondern die Regierung halte — die vom Reichskanzler seiner Seit int Reichstage ausführlich dargelegten Ziele verfolgend — “nb6m ^6tfe" unb g-wäßigt-n Grundsätze fest, einfach dem deutschen Kaufmann und Unternehmer zu folgen und ihm da, wo er als Pionier vorangeht, stützend und ein- gretfend zur Sette zu stehen. Eine solche Politik der Beleidigungen zn dulden. Nun suchte er sich eine neue Berussstätte, fern im fremden Lande; Meere sollten zwischen Wfwr” ,h69ep' bre 2Be9e ffch Ute mehr kreuzen könnten. Aber ehe er von ihnen ging, eikämpfte er mit unsäglichen Auhen das Gluck und. den Glanz ihres Hauses mit dem ©infafc oller Kräfte zurück, und nun mußte er dies vielleicht noch mit seinem Leben bezahlen. uclt9t
Anna wird in ihrem Nachdenken unterbrochen. Ma« begann einen verschlossenen Güterwagen zu öffnen, ein her- zu eilen der Bcamter^wehrte den Leuten mit den Worten: ' x. blnen' )>te darin schlummern, kommt 6 bo^ 8« spät; wir werden sie nach der sthehe?U° bc8 Srtebb°fcS bringen, wenn nötigeres ge-
War Wellmer unter diesen? Anna schauderte, ihre Kniee »s?a.6,sä G?er We ^t uicht ermatten, sie mußte ihn erst ansfinden, lebend oder todt 1
betritt sie mit ihrem Vater die zum Lazarett um. gewandelten Wartesäle, angstvoll schreitet'sie von Lageren Lager beinahe hat sie schon das Ende des Saales erreicht.
-toi^be? ff^ su-ben von einem Verwundeten. .Er ist vollständig bewußtlos-, — sagte der eine zu seinem Kollegen — „er wurde den Transport doch nicht mehr ertragen, lassen wir ihn ruhig sterben."
Wie gleichgiltig sie das Todesurteil anssprachen, die Männer der Wissenschaft, sie geben ein Menschenleben ber= loren, es bietet ihnen keine Interesse mehr. Und doch ist Er es den Anna gesucht hat, schwankend zwischen Furcht uudHoffnung Er, den sie nun findet, um ihn sterben zu lassen. Nat^n flüstemk feine” £a0er' nHt Ieife s-i»--
Minute auf Minute verrinnt, Wellmer erwacht nicht. ?ff f^on der Tod, der sein Gesicht erbleichen ließ und
Auge für ewig schloß. Kommt eine bittere Reue zu ^ät, wird er die heißen Thränen nicht mehr sehen, die sie toetnt um ihn?
„ ®tnF5r bff"et einmal die Augen, müde schaut £Ln” ffch' da erblickt er Anna und ein Lächeln erhellt ftta G°ffcht. (Fortsetzung folgt.)
Wb Für die Monate November und Dezember werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die
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_______________Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Ist der Zar krank? "
Seit einigen Tagen kursieren unheimliche Gerüchte. Der Gesundheitszustand des Kaisers Alexander wird als sehr bedenklich geschildert. Der herkulisch gebaute Mann, ber bekanntlich über eine Riesenkraft verfügt, ist nicht körperlich krank. Seine äußere Erscheinung ist die unver- andert stattliche aus früheren Jahren, das Aussehen blühend.
jet'\ Mjfä« Bnftanb ist darnach furchtbar zerwühlt, und floßt Mitleid und Besorgnis ein. Alexander III letbet, die Schwermut hat begonnen, ihren schwarzen Lchleier um seine Seele zu breiten. Sein Argwohn ist tn krankhafter Weise gestiegen, er ist in einen Wahn aus- geartet. Das Mißtrauen des Zaren sieht überall Feinde. Er ist verschlossen, in feinem Auftreten barsch und von großer^Harte. In einer Aufwallung läßt sich der unter tterer ©eelenpetn leidende Zar selbst zu Ausschreitungen hinreißen. Eine solche That wird auch in diesen Tagen wm Zaren erzählt, und so unglaublich sie klingt, so läßt sich das mit ziemlicher Bestimmtheit auftretenoe Gerücht nicht langer verschweigen. 1
Vor einiger Zeit, so wird ber W. A. Z. berichtet, erschien am Zarenhofe eine Adelsdeputation aus einer entfernten Provinz. Dieselbe meldete sich beim Adjutanten ll!" rum Kaiser zu gelangen. Der Adjutant erstattete Bericht; der Monarch aber, der eben arbeitete, fiel dem Offizier rasch ins Wort und rief ihm zu: „Sie können warten". Der Adjutant, der die ungnädige Laune seines Gebieters wahriiahm, zog sich mit der Deputation ou§ dem Vorsaal des kaiserlichen Audienzzimmers in ein entfernteres Gemach zurück und machte die Herren darauf aufmerksam, sie würden sich längere Zeit gedulden müssen. Inzwischen drehte sich der Offizier eine Zigarette, die er dann in Brand setzte. Er hatte erst einige Züge gethan, als ganz unerwartet der Kaiser auf der Zimmerschwelle erschien. Der Adjutant, über das plötzliche Erscheinen er-
Geschichtslkerlender.
28. Oktober.
901. Alfred der Große von England stirbt.
Rudolf von Habsburg empfängt zu Aachen die deutsche Kaiserkrone.
1499* Isabelle von Castilien und Ferdinand der Katholische *?°n Arragonien vermählen sich zu Valladolid. ’
?7Q-’ Ai-Kaiserin Anna von Rußland stirbt 47 Jahre alt.
^Auflösung des franz. Natwnalkouvents; Installierung 6u °rt Um8 ,u‘;b Eröffnung des gesetzgebenden Korps.
»Rapoleon zieht durchs Brandenburger Thor in Berlin ein.
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
.. verstörten Blicken gingen die Bahnbeamten rastlos hm und her, ungeduldig hinausspähend in die dunkle Nacht, ob der ausgesenbete Zug noch immer nicht zurückkehre.
. Ror b-m Bahnhof hatte sich, trotz ber späten Stunde, ^en9e £on Menschen eingefnnden, teils solche, die auch vor dem Traurigsten nicht zurückschrecken, um ihre
,af Ä tU2*b ^r- Phantasie mit neuen mitMMnJ ä f® M b!e schmerzlichsten, zu beleben, teils ffs^etdige Seelen, die fremdem Unglück ihre Tettnahme Ek v--s"S-n konnten und gern bereit waren zu helfen, wenn Hilfe notig und erwünscht wäre.
Eine Anzahl von Polizeibeamten verhinderte das größere LL?«°^Einttttt ihn nur denen gestattend, wefche in näherer Beziehung zn den Erwarteten standen.
Unter denen, die ettigetteten waren, befand sich auch »-onSteiner, s^n-Tochter fest am Arme haltend, die Edfastubermenschlicher Energie ihrer Aufregung Heir zu
Jetzt erglänzten in der Ferne die Lichter des ankom-
Zuges. Leise, langsam, unheimlich kam er daher, kettr Pfiff ertönte, keine Stgualglocke ward geläutet, kein । Bremsen der Räder ward gehört, still kehrten sie heim"
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b BlatteS, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein unbVogler in Frankfurt a.M , Cassel. Magdeburg und Wien: Rudolf Masse in Frankfurt ♦ a M., BerIin,M Suchen und
Köln ; G. L. Daube und
-10 Pfg. _ ... . Co. 11 rantfurt a. M,
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wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchham. - Zssustriettes Sonntaasblatt
_________ Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. «och. " ******