Rr. 358.
Marburg, Mittwoch, 27. Oktober 1886.
XXI. Jahrgang.
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GerlieM MU.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Oberhessische Zeitung
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Die Exped. d. Oberh. Ztg.
Deutsches Reich.
Berlin, 25. Okt. Ueber den Gesundheitszustand des Kaisers kann für niemanden, der ihn gestern im offenen Wagen hat zur Reise nach Blankenburg nach dem Bahnhof fahren sehen, mehr ein Zweifel bestehen. Der vorgestern erwähnte Brief des Generalarztes Dr. von Lauer an den „Newyork Herald" über den Gesundheitszustand des Kaisers ist doch echt. Dr. von Lauer hat, wie jetzt bestätigt wird, einem Korrespondenten des „Newyork Herald" kürzlich in Baden-Baden die schriftlichen Mitteilungen zugehen lassen und zwar, um durch authentische Auskunft die zahlreichen deutschen Einwohner von Newyork zu beruhigen, welche durch die Verbreitung der ungünstigen Gerüchte über den Gesundheitszustand des Kaisers in lebhafte Besorgnis versetzt waren. — Bezüglich des Gesetzentwurfs über die Herstellung des Biers nach dem Muster der bayerischen Gesetzgebung, welcher dem Reichstage in der nächsten Session vorgelegt werden solle, soll wie für Bayern, so im ganzen Reiche der Grundsatz gesetzlich festgestellt werden, daß zur Bierbereitung nur Hopfen, Malz und Wasser verwandt werden dürfen. Der Ausschluß der Surrogate bei der Bierbereitung ist in der letzten Reichstagssession wiederholt Gegenstand eingehender Erörterung gewesen. — Die „Königsb. Hart. Ztg." läßt sich aus Berlin schreiben: „Der Beschluß des Verbandes deutscher Drechsler-Innungen, bei der Staatsregierung ifm Ueberlaffung einer Bernsteinpachtung vorstellig zu werden, um so das tatsächliche Monopol (der Königsberger Firma Stantien und Becker) zu durchbrechen, scheint beim Landwirtschaftsminister etwas Geneigtheit zu finden. Dem Obermeister Meyer ist vom Ministerium der amtliche Bericht über das Bernsteiuregal zur Information zugegangen. Bedeutende Firmen hier und außerhalb haben sich bereits schriftlich zur Hergabe von Betriebskapital verpflichtet." — Ueber den Gebrauch
des Notsignals in den Eisenbahnwagen wird die preußische Eisenbahnverwaltung eine oberrichterliche Entscheidung provozieren, die von allgemeinerem Interesse ist. Ein Reisender hatte die Notbremse gezogen, weil er aus Versehen über seine Bestimmungsstation hinaus befördert worden war. Der erste Richter sprach ihn in der Annahme von Strafe frei, daß er ohne böse Absicht sich in dem subjektiven Glauben eines Notstandes befunden habe. Die eingeleitcte Revision macht geltend, daß nach den in den Wagen angeschlagenen Bestimmungen das Signal nur in Fällen dringender Gefahr gegeben werden darf, die Ansicht eines Reisenden über seinen „Notstand" nicht entscheidend ist. — Der in den Landesverralsprozeß Sarauw und Genossen mitverwickelte Oberfeuerwerker Thomas ist, wie die „Kreuz- Zeitung" berichtet, durch jüngst ergangenes Urteil des Königlichen Kriegsgerichts seines Ranges verlustig erklärt und ferner zu einer Zuchthausstrafe von 11 Jahren verurteilt worden, nachdem er etwa 18 Monate im Militär- Gefängnis zu Berlin in Untersuchungshaft zuzebracht hatte. Am Montag wurde der Verurteilte unter sicherer militärischer Bedeckung nach der Strafanstalt in Sonnenburg gebracht. Dagegen soll das gegen dm Leutnant a. D. von Hartung wegen Landesverrats schwebende Verfahren vom Reichsgericht eingestellt und derselbe bereits vorgestern auf telegraphisch aus Leipzig eingetroffene Weisung aus der Untersuchungshaft entlaffen worden sein.
— lieber den Vcrsuchsmarsch von zwei Kompagnieen des Lehr-Jnfanterie-Bataillons nach dem Harz erfährt der „H. C." folgendes: Die beiden Kompagnieen des Lehr- Jufanterie-Bataillons rückten am 4. Oktober in der Stärke von je 5 Offizieren und 170 Mann aus Potsdam ab, um bei einem vierwöchentlichen Marsch durch den Harz das neue Gepäck in Bezugnahme auf feine Zweckmäßigkeit zu erproben. Der Kommandeur des Lehr - Infanterie- Bataillons mit seinem Adjutanten und einem Assistenzarzt begleiteten die Kompagnieen. Nm vergleichende Beobachtung anzustellen, ist ein Teil der Leute noch mit dem alten Gepäck ausgerüstet. Die hauptsächlichsten Neuerungen der Ausrüstung sind folgende: An dem Helme fehlt mit Ausnahme des Adlers und der Spitze jeder M^tallbeschlag, an Stelle der Schuppenketten ist ein lederner Sturmriemen getreten, der Helm ist infolge dessen bedeutend leichter; in der Spitze befinden sich zur Beförderung der Ventilation 5 Sturmlöcher. Das Tornistergestell ist aus Rohrgeflecht, die Paraderiemen fehlen; die Brust bleibt frei, der gerollte Mantel wird um den Tornister gelegt, das Baud des Brotbeutels und der Riemen der Feldflasche sind nicht mehr zu sehen. Brotbeutel und Feldflasche hängen am Leib
Riemen. Tie Feldflasche kann leicht ab- und eingehakt werden vermittelst einer Vorrichtung durch Karabinerhaken. An Stelle der Glasflasche ist die Blechflasche getreten, der Trinkbecher ist an letzterer zu befestigen. Das Schanzzeug wird gleichfalls nicht mehr an einem über die Brust laufenden Riemen, sondern an der linken Seite neben dem Seitengewehr, Stiel nach unten, getragen. Zur Schonung der Montur ist ein Schutz aus Leder an dieser Körperseite angebracht. Die schweren Lederfutterale kommen in Fortfall. In den jetzt mitzunehmenden drei Patronentaschen befinden sich 100 Patronen, in den beiden vorderen je 30, in der unter dem Tornister zu tragenden 40; dadurch fallen die Seitentaschen im Tornister fort. An Schuhwerk werden außer den Marschstiefeln, die der Soldat trägt, noch ein Paar leichte, gelbe Schnürschuhe mitge- fnhrt, um eventuell im Quartier, oder auf Befehl auch auf dem Marsche getragen zu werden. Ein Teil der Mannschaft ist mit dem neuen Repetiergewehr und dem dazu gehörigen kurzen Seitengewehr bewaffnet. Auf den Rendezvous werden den Leuten die Füße revidiert, auch von feiten des Arztes die Temperatur der Leute gemessen, und zwar unter dem Helm und Tornister. Auch Teile eines Zeltes tragen die Leute im Tornister, welche leicht zu- fammenzusetzen und auseinander zu nehmen sind. Das Zelt wird von der jedesmaligen Kantonnementswache auf- geschlagen und als Wachlokal benutzt. Dieses Mitführen von Zelten ist eine Einrichtung, welche bisher ebenfalls in der Armee unbekannt war.
— In dem „Düsseldorf. Anz" lesen wir: In der Schrift über „die Arbeiterfrage", welche der Reichstagsabgeordnete Oechelhäuser soeben hat erscheinen lassen, finden wir neben der reichen Fülle positiver Reformvorfchläge auch eine Reihe von Bemerkungen über die Notwendigkeit des Sozialistengesetzes, die um so beherzigenswerter sind, als Hr. Oechelhäuser seit einem halben Jahrhundert im industriellen Leben thälig ist und in dem vorliegenden Merkchen von neuem aufs schönste seine wahrhaft arbeiterfreundliche Gesinnung bekundet. Er sagt: „Die Gegner des Gesetzes und die, welche es nach achtjähriger Wirksamkeit schon wieder aufgehoben sehen wollen, berufen sich allerdings gerade auf seine Unwirksamkeit. Sie zeigen aber hierdurch nur, daß sie den Zweck des Gesetzes nicht verstanden haben ober nicht verstehen wollen, indem sie die Abnahme oder Nichtabnahme der sozialistischen Stimmen- und Abgeordnetenzahlen zum alleinigen Kriterium seiner Wirksamkeit machen. Das Gesetz ist in erster Linie nicht zur Bekehrung der Sozialdemokraten — dafür müssen andere positive Mittel dienen — sondern zum Schutz der bedrohten Gesellschaft,
Geschichtsikal-nd-r.
zl. Oktober.
1439. Kaiser Albrecht H. stirbt nach anderthalbjähriger Regierung 42 Jahre alt an der Ruhr.
1870.
27. Okt. Uebergabe von Metz an Prinz Friedrich Karl.
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
Woche auf Woche verstrich, Wellmers Nachrichten lauteten wenig tröstlich. Schon begann man sich leise zuzuflüstern, dann laut und lauter von dem drohenden Sturz der Firma Steiner zu sprechen. Vorsichtig zog sich der Kreis der hochstehenden Bekannten unter verschiedenen Entschuldigungen zurück. Auch der Kammerherr von Norden zeigte seiner Braut schriftlich an, daß ärztliche Vorschrift ihn leider einen längeren Badeaufenthalt für seine angegriffene Gesundheit zur Pflicht mache, er bitte um Erlaubnis nur schriftlich von Ihr Abschied nehmen zu dürfen und hoffe genesen zurück- zukehren und dann vereint mit ihr das schönste Glück zu genießen.
Mit verächtlichem Lächeln, aber mit erleichterndem Auf- athmen übergab Anna seine Zeilen den Flammen.
„Die Ratten verlassen das sinkende Schiff und der Steuermann, der fest hoffte, es noch in den rettenden Hafen lenken zu können, ist ohnmächtig den Verhältnissen gegenüber."
Die Zeit verstrich, ohne daß Klarheit in Steiners Lage gekommen wäre. In banger Erregung harrte er mit den Seinen aus eine (Äischeidung über feine Zukunft, von der er nicht wußte, ob sie ihm neuen Glanz oder tiefe Erniedrigung bringen sollte.
Endlich nach langem Hoffen und Fürchten brachte ein Telegramm die erste günstigere Nachricht und kurze Zeit daraus zeigte ein ausführlicher Brief Wellmers an, daß die
erste Angelegenheit zu gutem Ende geführt und die Zahlung aller Außenstände gerichtlich gesichert fei, daß man von nun an Aufträge ohne Sorge übernehmm könne, da die Firma sich nach schwerem Ringen behauptet habe und ihr Kredit wieder vollständig gesichert fei.
So überaus glücklich her Kommerzienrat über diese günstige und ihn, nach dem Vor hergegangenen, überraschende Wendung seines Geschicks war, welche er seiner Familie sofort mitteilte, so schmerzlich berührte ihn eine Nachschrift in Wellmers Briefe folgenden Inhalts: „Nachdem die ernste Angelegenheit, Gott sei Dank, einen befriedigeliden Abschluß gefunden hat, möchte ich mich noch mit einer Bitte an Sie wenden, welche mich persönlich betrifft. Schon vor meiner Abreise hatte ich die Absicht, Sie um Entlassung aus meiner Stellung zu bitten. Mit innigem Dank erkenne ich das Vertrauen, welches Sie mir unausgesetzt geschenkt haben, an; dasselbe ist mir sehr ehrenvoll gewesen und es war mir stets eine Freude, für Ihr Geschäft meine Kenntnisse zu verwerten. Wenn ich trotzdem mich mit schwerem Kampfe entschlossen habe, Ihr Haus zu verlassen und aus dem mir so lieben Wirkungskreise zu scheiden, so erlauben Sie mir über die Veranlassung zu diesem Schritt mit Stillschweigen hinwegzugeheri. Es bietet sich mir die Aussicht zu einer günstigen Anstellung in Brasilien, natürlich aber werde ich in Ihrem Hause bleiben, bis ein geeigneter Vertreter für mich gefunden ist." Mit genauer Angabe von Tag und Stunde seiner Rückkehr schloß der Brief.
Wie ein Blitz durchlief die Nachricht die Stadt, daß Steiners Zahlungseinstellung nur die Erfindung müßiger Köpfe gewesen sei und daß sich die Firma trotz der Ungunst der Zeit in ihrem alten Glanze behaupte.
An einem schönen, wilden Frühlingstage fuhr Baron Steiner, sich stolz in seiner Equipage zurücklehnend, nach dem Bahnhof, mit kühler Zurückhaltung die geflissentlichen Begrüßungen der ihm Begegnenden erwidernd. ES galt, jenen Mann bei feiner Heimkehr zu empfangen, welcher ihm durch seine aufopfernde Thätigkeit und fein besonnenes Handeln immer teurer und unentbehrlicher geworden war und der ihn doch nun verlassen wollte, der sich seiner Dank
barkeit entzog, gerade in dem Augenblick, da er fein HauS vom Untergang gerettet, ohne auch nur den Grund anzugeben, welcher ihn zu diesem Schritte vermochte.
Zum Erstaunen der Seinen kehrte der Baron nach kurzer Z it allein und mit sehr ernstem Gesichte vom Bahnhofe zurück und machte ihnen, mit vor Aufregung bebender Stimme die Mitteilung, daß der Konrierzng entgleist fei und daß man ihm leider nicht gestattet habe, einen soeben nach der Unglücksstätte abgehenden Zug, der Aerzte «nd Hilfsmittel dahin zu bringen bestimmt war, benutzen zu dürfen. Auch habe er über die Größe des Unglücks nichts erfahren können, doch müsse es bedeutend sein, nach den Vorbereitungen zu schließen, welche man für den Empfang der Verunglückten gemacht habe.
Bleich und entsetzt hatten die Damen die traurige Nachricht gehört; schwankend zwischen Furcht und Hoffnung, welches Schicksal wohl Wellmer betroffen haben werde. Anna fand keine Thräne, wankenden Schrittes verließ sie die Ihrigen, um in der Einsamkeit ihres Zimmers unter tiefer Schmerzenslast zusammen zu brechen.
„Herr, mein Gott, hilft laß ihn nicht sterben!" Das waren die einzigen Worte, die sich ihrer gepreßten Brustzentt äugen.
Endlos dehnten sich die Viertelstunden, welche verrinnen mußten, ehe die Entscheidung kam. Anna hatte nur einen Wunsch, eine Sehnsucht, feine Verzeihung zu erlangen. Nicht länger konnte sie die Angst, die Unruhe allein tragen und als ihr Vater wieder nach dem Bahnhofe fuhr, um wo möglich Näheres zu erfahren, bestürmte sie ihn mit Bitten, bis er ihr erlaubte, mit ihr zu fahren.
Es war Abend geworden, die Sonne war bereits untergegangen und auch der letzte rosige Schimmer des Abend- himmels hatte der Dunkelheit weichen müssen, die alles verhüllte mtt ihrem bergenden Schleier, Glück und Leid, lauten Jubel und endlosen Jammer, der zu tief, zu gewaltig ist, um nur durch einen Ton dem gepreßten Herzen Lust zu machen.
Der Perron des BahnhofeS war hell erleuchtet. Die Gasflammen beschienen all die Vorbereitungen, welche man für die Verunglückten getroffen hatte. (Fortsetzung folgt.)