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Nr. 251.

Marburg, Dienstag, 26. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal» Lbrnneurents-Preis der der Exp^irion 2V« TiL. bei boi Postämter 2 Ml. ~0 Hfg. (excl. Bestellgeld». JLlertronL^ebühr für drr gespaltene Zeile 10 Pfg. Neklcmen für die Zeile 85 Pfg.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b- BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel. Magdeburg und Wien; Rudol^ Moste in Frankfurt a W-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n rantturt c. M, rl n, Ha no oer u. Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

MB* Für die Monate November und Dezember werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

nebst deren Beiblättern

entgegengenommen.

Ebenso nimmt unsere Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt) sowie auch die unterzeichnete Expedition Abonnements für zwei Monate entgegen. _______________Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Ostafrika.

Nachdem alle Kolonialverhandlungen und Streitigkeiten zwischen dem deutschen Reiche und fremden Staaten besei- ttgt erschienen, macht sich plötzlich ein ueuer Konflikt be­merkbar in Ostafrika. Es fehlt an zuverlässigen Einzel­heiten über die Natur des neuen Zwistes; indessen daß er vorhanden, kann nicht mehr bestrilten werden, da bereits ein greifbarer Beweis dafür vorhanden ist. Kaiser Wilhelm beabsichtigte bekanntlich dem Sultan Said Bargasch von Zanzibar eine Batterie Geschütze zum Geschenk zu ver­ehren ; die Batterie war vom Kaiser bereits besichtigt und sollte eben abgesandt werden, als plötzlich Kontreordre ein- lief, und der Transport unterblieb. Diesem augenfälligen Schritt folgten auch bald Privatmitteilungen, nach welchen der Sultan feine Haltung Deutschland gegenüber voll­ständig geändert hat. Er legt den deutschen Handelsbestre­bungen offenbare Hinderniffe in den Weg und hat sogar eingeborene Häuptlinge, die längst unter deutschen Schutz getreten sind, auffordern lassen, das deutsche Protektorat wieder abzuwerfen. Das sind Schritte offener Feindselig­keit, die von den deutschen Unternehmern und Kaufleuten lästig enipfunden werden.

An der ostafrikanischen Küste bestehen bekanntlich zwei deutsche Kolonien. Die deutsche ostafrikanische Gesellschaft hat ein koloffales Gebiet erworben, in dem sie mit der Anlage von Handels- und Plantage - Stationen begonnen hat. Aus diesen Anfangsversuchen läßt sich noch kein Urteil auf den definitiven Erfolg ziehen; es ist verfrüht, zu sagen, die Kolonie werde glänzend prosperieren oder nicht. Dazu gehören Jahre, lange Erfahrung und uner­müdliche Arbeit. Weiter ist die kleinere Witu - Kolonie vorhanden. Die Afrikareisenden Gebrüder Denhardt hatten das Wituland von dem Suahali-Sultan Achmed erworben, um es dann später dem deutschen Kolonialverein zu ver­kaufen. Der letztere hat zwei Kommissare abgesandt, die das Land bereits übernoinmen haben. Geplant ist hier ebenfalls die Errichtung einer Handels- und Plantagen­

gesellschaft, und man behauptet, die Verhältnisse lägen hier i günstiger als in dem weiten Gebiet der deutsch - ostafrika- i nischen Kompanie. Wir laffen diesen Punkt ganz uner- ! örtert, die Zukunft wird bett wahren Wert beider Kolonien ja klar stellen.

Die Grenzen beider Besitzungen stehen nun bisher nicht genau fest, und es ist bekannt, wie sich der Sultan von Zanzibar schon einmal offene Feindseligkeiten gegen die Deutschen erlaubte, sogar seine Truppen ausschickte. Da­mals brachte ihm ein deutsches Geschwader unter Admiral Knorr Respekt bei, das seine Kanonen auf den Sultans­palast in Zanzibar richtete. Said Bargasch erkannte an, daß das Wituland deutsch sei, schloß einen besonderen Handelsvertrag mit Deutschland ab, während eine inter­nationale Kommission die verwickelten Grenzfragen lösen sollte. Die Kommission hat diese Streitigkeiten aber nicht geschlichtet, sich vielmehr resultatlos aufgelöst. Es sollen da Schwierigkeiten entstanden sein, bei welchen die Eng­länder, und speziell der englische Generalkonsul Kirk, den Sultan als Strohmann vorschoben. Kirks Bestreben soll einfach darauf hinausgehen, das als Handelsplatz bedeutende Zanzibar für England zu gewinnen, dem deutschen Handel somit die Thür vor der Nase zuzuschlagen.

Wir lassen dahin gestellt, was an diesen Jntriguen Wahres ist. Thatsache ist jedenfalls, daß dem Sultanvon Zanzibar wieder der Kamm gewaltig geschwollen ist, und er von den Deutschen nichts wissen will. Das letztere er­klärt sich aber einigermaßen, wenn man daran denkt, daß der Sultan eigentlich ein Großkaufmann ist, der befürchtet, die deutschen Kolonien könnten ihm einen Teil seines Pro­fites entziehen. Diese Gesinnung wird bestärkt durch die Pläne der deutschen Kolonialunternehmungen, von in ihr Gebiet eintretenden, aus Zentralafrika kommenden Waren Zölle zu erheben, um so Geld zur Ausbildung der Kolonien zu gewinnen. Der Sultan sieht wohl darin einen Schlag gegen seinen Nutzen und sucht die deutschen Konkurrenten lahm zu legen. Daß seine Handlungsweise den jungen deutschen Unternehmungen manche Schwierigkeiten bereiten, ist erklärlich. Die Verhältnisse in Ostafrika liegen, wie man sieht, verwickelt; der Sultan wird ja in seine Grenzen zurückgewiesen werden, aber damit ist noch nicht alles ge­ordnet, wenn eben England wieder die Finger im Spiele hat. Es kann noch geraume Zeit vergehen, bis alle Schwierigkeiten beseitigt sind.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Okt. Der Kaiser nahm vormittags die Vorträge des Kriegsministers und des Chefs des Militär­kabinetts entgegen und empfing mittags den Prinzen Albrecht, welcher seinen jüngst zum Leutnant im ersten Garderegimente avancierten zweiten Sohn vorstellte. Nach

Entgegennahme einer Reihe militärischer Meldungen machte der Kaiser eine Spazierfahrt, empfing nach der Rückkehr von derselben im Beisein des Staatssekretärs Graf von Bismarck den neuen französischen Botschafter Hcrbette in feierlicher Ankittsaudienz und konferierte dann noch mit dem Staatssekretär Graf Bismarck. Bei dem Empfange des französischen Botschafters Herbette drückte dieser in seiner Ansprache an den Kaiser den Wunsch aus, sich auf den Boden der beiden Ländern gemeinsamen Interessen zu stellen. Der Kaiser erwicderte, er hoffe, die große Ge­schäftserfahrung des Botschafters werde diesem seine Auf­gabe erleichtern; der Botschafter könne dabei ganz auf ihn rechnen. Der Empfang, welcher einen überaus freund­lichen Charakter trug, dauerte etwa 25 Minute». Nach dem Empfange Herbettes erteilte der Kaiser auch noch dem neuen Gesandten in Teheran, Grafen Schenck von Schweinsberg Audienz. Um 5 Uhr findet ein größeres Diner statt, an welchem die Söhne des Prinzen Albrecht, mehrere Generäle und höhere Offiziere teil­nehmen. Der Kaiser hatte heute trotz des rauhen Wet­ters eine Spazierfahrt im offenen Wagen gemacht; sein Aussehen beweist, daß die in der letzten Zeit über seinen Gesundheitszustand verbreiteten beunruhigenden Gerüchte zum mindesten sehr stark übertrieben gewesen sind. Hiesige Blätter lassen sich telegraphieren, daß der Generalarzt Dr. von Lauer an denNewyorker Herald" einen Brief ge­richtet habe, worin er erklärt, daß alle Geisteskräfte des Kaisers ausgezeichnet funktionieren, daß die vom Alter unzertrennlichen kleinen Unpäßlichkeiten zur Zeit keine Be­sorgnis rechtfertigen, daß vielmehr der Gesundheitszustand des Kaisers die Hoffnung begründe, er werde sich noch eine Reihe von Jahren des Lebens und der Thätigkeit freuen. Diese Schilderung mag zutreffend sein; daß aber Dr. von Lauer sie in einem Briefe an eine Zeitung ent­worfen haben sollte, ist sehr unwahrscheinlich. Ueber den Abschied des Kaisers von Baden - Baden erfährt die N. Fr. Pr." noch: Nach herzlichem Abschied von allen, wobei er die erwähnten Worte an den Ober-Bürgermeister Gönner mit kräftiger allgemein verständlicher Stimme sprach, bestieg der Kaiser seinen Salonwagen und blieb dann unter dem Fenster der Thür desselben, auf den rechten Arm ge­stützt, stehen, bis der Zug sich in Bewegung setzte. In diesen letzten Augenblicken des Scheidens nahmen die Ge­sichtszüge des Kaisers einen wehmütigen Ausdruck an, was von den Anwesenden so deutlich wahrgenommen wurde, daß dieselben von dieser Stimmung mächtig ergriffen wur­den und mehrere Damen der Thränen sich nicht zu er­wehren vermochten. Als der Zug die Perronhalle verließ, ertönten begeisterte Hochrufe der zahlreich versammelten Volksmenge, welche der Kaiser wiederholt sich verneigend freundlich enlgegennahm. Die Kaiserin Augusta war nicht

Geschichtskalenver.

26. Oktober.

1769. Die Republik Genua unterwirft sich freiwillig der französischen Herrschaft.

1858. Der Prinz-Regent Wilhelm von Preußen legt den Eid auf die Verfassung ab.

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

lFortsetzung--

Anna war Braut und wie sie ihrem ob dieses Ereig- uisses staunenden Bekanntenkreis gern glauben machen wollte, eine glückliche Braut. Man fand es ganz natürlich, daß ihr Hochmut befriedigt sei. Norden gehörte einer der ältesten Adetsfamilien an, er nahm eine bevorzugte Stellung in der Umgebung des Fürsten ein und wenn er mit äußeren Glücks­gütern nicht allzu reichlich gesegnet war, konnte in dieser Beziehung der künsttge Schwiegerpapa mehr als zur Genüge ausgleichend eiutrelen.

So leicht es Anna ward, Andere über ihre Gefühle zu täuschen, so schwer gelang es ihr, sich selbst zu überreden, daß ste wirklich die glückliche Braut sei, die sie zu sein schien. Als ste fich mit Herrn von Norden verlobte, geschah eS im höchsten Zorn gegen Wellmer. Sie wollte diesem zeigen, daß andere Männer ihre Vorzüge besser zu würdigen wüßten, als er. Sie bedachte nicht, daß ste ihr ganzes Lebensglück aufs Spiel setzte.

Oder wollte sie sich schützen vor dem Einfluß, den jene Augen auf sie ausübten, selbst wenn sie voll Verachtung und Zorn auf sie blickten. Wollte sie jede Erinnerung au das schöne Traumbild zu verwischen suchen, das zu vergessen ihr so schwer, ja unmöglich war? Wenn sie im geselligen Kreise, vor den beobachtenden Blicken die glückliche Braut gespiell hatte, dann mußte sie um so schwerer kämpfen, wenn in stiller Nachtstunde der ersehnte Schlummer ihre Augen floh und unendliche Augst schnürte ihr das Herz zusammen,

ov sie auH wurde durchfuhren können, was sie unternommen hatte.

Martha hatte ihr schweren Herzens, mit einer Thräne im Auge Glück gewünscht, ihr mit aller Entschiedenheit ver­sichernd, daß von einer Verlobung ihrerseits keine Rede sei, daß Wellmer für sie nie etwas anderes sein werde, als was er ihr bisher gewesen: ein treuer Freund.

Sorgenvoll beobachtete die Mutter die erregte, wechselnde Stimmung ihrer Tochter. Das war nicht das Wesen einer befriedigten, glücklichen Braut, und doch wies Anna jede Aussprache entschieden zurück.

Auch der Kommerzienrat, dessen sehnlichster Wunsch durch diese Verbindung erfüllt, konnte sich des neuen Glückes nicht recht erfreuen.

Dunkler und immer dunkler umzog sich der Himmel seines Geschäftslebcns, schwere Sorgen begannen das Herz des bisher so sorglosen Mannes niederzudrücken, mit Ent­setzen malte er sich aus, was schon die nächste Zukunft ihm bringen könne: Ruin, Schande, Armut.

Alle Nachrichten aus England lauteten unklar und un­sicher. Er durste nicht länger zögern, einen entscheidenden Schritt zu thun. Sein Plan, selbst nach England zu gehen, scheiterte an seiner Unkenntnis der englischen Sprache und der dortigen Verhältnisse überhaupt.

Wieder hatte er eine lange Konferenz mit seinem Di­rektor, welcher in dieser schweren Zeit sein Berater und Ver­stauter seiner Sorgen war. Sie endete damit, daß Wellmer sich erbot, nach England zu reisen, wo er durch seinen langen Aufenthalt genügende Kenntnisse des dorttgen Geschäfts­ganges gesammelt hatte, um, wenn es noch tm Bereich der Möglichkeit lag, die schwierige Angelegenheit zu einem be- friedigeudea Ende zu führen.

Mit der Versicherung seines vollsten Vertrauens und mit den herzlichsten DankeSworten verband der Kommer­zienrat die Bitte au Wellmer, seine Abreise so viel als

möglich zu beschleunigen, und dieser erklärte sich bereit, noch den Kurierzug dcsseldeu Abends zur Abfahrt zu benutzen.

Wie nötig ein rascher Entschluß gewesen war, bestätigten die immer bedenklicher klingenden Nachrichten, welche im Laufe des Tages eintrafen, nach denen man eine bevor­stehende Zahlungseinstellung der befreundeten Firma für wahrscheinlich halten mußte.

In angestrengter Tätigkeit, rechnend und zählend, saß der Kommerzienrat den ganzen Tag über in seinem Zimmer, er konnte sich nicht länger, verhehlen, daß der Fall der befreun­deten Firma auch den seinigen nach sich ziehen würde.

Mit möglichster Schonung hatte er den Seinen einen Teil seiner drückenden Sorgenlast mitgeteilt. Niederge­schlagen von der Macht der Ereignisse saßen sie am Abend trübe und stumm beisammen, Jedes mit seinen eigenen Ge­danken beschäftigt, als Wellmer, der seine Angelegenheiten rasch geordnet hatte, schon völlig zur Reise gerüstet, eintrat, um der Familie seines Prinzipals Lebewohl zu sagen. Der Baron und seine Gattin entließen ihn mtt den besten Wünschen und Versicherungen ihrer Dankbarkeit, Martha drückte ihm wehmütig die Hand, sie sah ihn mit schwerem Herzeu schei­de», verlor sie doch mit ihm den einzigen Eingeweihten und den Vermittler ihres süßen Geheimnisses.

Auch Anna, die ihn seit jenem Ballabend nicht wieder gesehen hatte, wünschte dringend, ihm noch ein freundliches Wort zu sagen, ehe er von ihnen ging; sogar die Hand reichte ste ihm entgegen zum Abschied, allein er schien es nicht zu bemerken, mtt einer förmlichen Verbeugung blickte er über ste hinweg und verließ das Zimmer ohne zu sehen, wie das stolze Mädchen sich erbleichend abwandte. Sie schämte fich vor dem Manne, der so klar fich der Beleidi­gung bewußt war, die sie ihm zugesügt hatte und der trotz­dem für ihren Vater, wie für die ganze Familie so große Opfer zu bringen bereit war.

(Fortsetzung folgt.)