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Rr. 250.

Marburg, Sonntag, 24. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Aeiertagen. — Quartal- LbonnernentS-Preis bei bei Expedition 2*/< Mk., bei de» Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld) IniertionSgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 95 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie b Annoncen-Bureaux von Hoasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassels Magdeburg und SBien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,M Suchen und» Köln; G. L. Daube und 8o. n ranksurt o. 2)1. B rl n, Ha nover u. Paris«

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u.

Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

- Illustriertes Sonntagsblatt.

ME* Für die Monate November und Dezember werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) Bestellungen auf die

Oberhesfische Zeitung

nebst deren Beiblättern

entgegengenommen.

Ebenso nimmt unsere Agentur in Kirchhain (Herr Buchbinder Rindt) sowie auch die unterzeichnete Expedition Abonnements für zwei Monate entgegen.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Deutsches Reich.

Berlin, 23. Okt. Der Kaiser hat dem geschäfts­führenden Ausschuß des Koniitees zur Errichtung eines Lutherdenkmals in Berlin zu den Kosten des genannten Denkmals ein Geschenk im Betrage von 50 000 Mk. zu bewilligen geruht. — Der russische Botschafter Graf Schuwa- loff ist gestern nach Petersburg gereist. Die Verhand­lungen desselben mit dem Reichskanzler in Varzin, welche schon in der vergangenen Woche stattfanden, bezogen sich, der „National-Zeitung" zufolge, auf die deutsch - russischen Zoll- und Handelsverhältnisse. — Da wiederholt Fälle vorgekommcn, daß Einjahrig-Freiwillige nach Ablauf ihres Dienstjahres weiter kapituliert, in die Unteroffizierkarriere eingetreten sind und dann den Zivilversorgungsschein schon nach zehn Jahren erhalten haben, obgleich derselbe den Unteroffizieren erst nach zwölfjähriger Dienstzeit erteilt wird, so waren Zweifel darüber entstanden, ob die Ein­jährig - Freiwilligen in solchen Fällen die ihnen gestattete Vergünstigung des einjährigen Dienstes „als für drei Jahre geltend" beanspruchen können. Auf Grund Aller­höchster Kabinettsordre ist, wie die „Berl. Börs.-Ztg." meldet, jetzt bestimmt worden, daß ein solcher, Unteroffizier gewordener Einjährig-Freiwilliger außer dem einen Jahr nur noch 9 Jahre im stehenden Heere zu dienen hat, bis ihm der Zivilversorgungsschein wie den 12 Jahre gedienten Unteroffizieren erteilt werden kann. — Bezüglich der reli­giösen Erziehung von Kindern aus gemischten Ehen hat der Kultusminister, wie gemeldet wird, auf die Eingabe eines Arbeiters an ihn erwidert, daß er es nicht miß­billigen könne, wenn die Provinzialregierung, über deren Vorgehen der Arbeiter Klage geführt, dahin Anordnung getroffen habe, daß die bei gemischten Ehen seitens der Eltern eventuell abzugebende übereinstimmende Willens­erklärung, ihr Kind in einer anderen Religion unterrichten lassen zu wollen, als es ohne diese Erklärung nach dem Gesetze geschehen würde, in einer bestimmten Form, näm­lich durch Abgabe derselben vor dem Landrate, wo eben diejenige vor dem Richter oder Notar freigelassen sei, er­kennbar gemacht werde. Wenn der Beschwerdeführer her-

Geschichtskalender.

24. Oktober.

1648. Der westphälische Frieden wird geschloffen. 1806. Der franz. Feldmarschall Davoust besetzt Berlin.

25. Oktober.

1415. König Heinrich v. von England gewinnt einen ent­scheidenden Sieg über König Karl VI. von Frankreich bei Azincourts, einem Dorfe im Departement Pas de Calais.

1740. Maria Theresia folgt ihrem Vater in den habs­burgischen Erbländern.

1760. König Georg II. von England stirbt, ihm folgt sein Enkel Georg Hl. ______________________________

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Forffetzung.)

Eine glänzende Gesellschaft füllte die taghell erleuchteten Salons der Steinerschen Villa, Alt und Jung waren vertreten, Militär und Zivil, selbst der Fürst hatte sein Erscheinen zugesagt. Der Ehrgeiz des Barons war befriedigt.

Die tanzlustigen jungen Damen waren von Herren um­schwärmt, unter ihnen Anna, wie immer, die gefeiertste von Allen.

Ihr Vater näherte sich ihr plötzlich und flüsterte ihr leise zu: „Anna, ich habe einen dringenden Wunsch, den Du mir erfüllen wirst. Schenke Wellmer einen Tanz! Ich weiß, Tu hast ihn nicht gern, aber ich möchte ihm eine Auszeichnung zu Teil werden lassen; er erweist mir große Dienste und wird mir hoffentlich auch ferner nützlich sein."

„Ich thue es ungern, aber auf Deinen Wunsch geschieht es natürlich. Doch sehe ich es als eine Geschäftssache an, die ich bald erledigen will."

vorhebe, daß ihm durch den Weg zum Landrate Weite­rungen entständen, so könne dies um so weniger ins Ge­wicht fallen, als es sich nicht um eine unbedeutende, sondern um eine für Schule und Kirche wie für die beteiligten Personen gleich wichtige einmalige Erklärung handele. — Nach einer statistischen Uebersicht der Unterrichtsverwaltung beträgt die Gesamtzahl der schulpflichtigen Kinder in Preußen 5 500000; von diesen besuchen 4800000 die öffentliche Volksschule. Durchschnittlich kommt auf 78 Schüler 1 Lehrer. Am ungünstigsten steht in dieser Beziehung der Regierungsbezirk Schleswig da, wo durchschnittlich 108 Kinder von einem Lehrer unterrichtet werden. Von den Schulkindern in Preußen wird deutsch, dänisch, lit- tauisch, mährisch, wendisch, wallonisch, böhmisch, friesisch und holländisch gesprochen. Die Zahl der Lehrer- und Lehrerinnen-Seminare ist seit 1860 von 49 auf 112 gestiegen. — Die „Post" verzeichnet das Gerücht, daß der Kultus­minister v. Goßler in der vorigen Woche in Varzin ge­wesen sei. Dieser Besuch ließe sich allenfalls durch die kirchenpolitischen Verhandlungen mit der Kurie erklären. — Der neu.'ernannte französische Botschafter Herbette wird morgen nachmittag zum ersten Mal vom Kaiser in feier­licher Audienz empfangen werden, um sein Beglaubigungs­schreiben zu überreichen. — Die „Kreuz-Ztg." versichert mit aller Bestimmtheit, daß das Befinden des Kaisers ein ganz vorzügliches sei und verweist auf den Umstand, daß der Besuch des Kaisers in Blankenburg zu den braun­schweigischen Jagden bereits amtlich angekündigt sei. Von anderer Seite wird allerdings die Teilnahme an den Jagden wieder als fraglich hingestellt.

_— Die „Mecklenb. Landes»." bringen folgenden Leit­artikel „zur sozialen Frage": „Der deutschfreisinnige Reichstags-Abgeordnete Schrader hatte in der „Nation" einen Artikel veröffentlicht, welcher unter der Ueberschrift: „Neue Wege in der Sozialpolitik" zur Anbahnung des sozialen Friedens zunächst die Abschaffung des Sozialisten­gesetzes verlangt^ Die neueste Nummer der „Nation" kommt auf den Schraderschen Artikel zurück und bezeichnet es wiederuni als eine unerläßliche Vorbedingung für eine friedliche Entwickelung unserer inneren Zustände, daß alle Hemmnisse hinweggeräumt werden, die eine vertrauensvolle Annäherung der Arbeiterklasse an die Nichtsozialisten er­schweren. Das gegen den „Staatssozialismus" hcraus- gegebene Blatt behauptet dann, daß das „Regime Puttkamer genau zu den entgegengesetzten Resultaten führe, nämlich nur, die Wirkung habe, der Verbitterung innerhalb der Sozialdemokratie neue Nahrung zuzuführen und das Ziel des sozialen Friedens in immer größere Ferne zu rücken." Wenn man mit diesen deutschfreisinnigen Trauergesängen über den verlorenen sozialen Frieden und mit diesen Sehn­suchtsrufen nach Abschaffung des Sozialistengesetzes die Greuelthaten der sozial - revolutionären Propaganda in Amerika und Belgien — also in Ländern ohne Sozialisten-

„Herr Direktor", redete Steiner den eben Nähertretenden an, „weine Tochter bittet Sie um einen Tanz."

Wellmer verneigte sich vor Anna und bat, ihm zu be­stimmen, wenn er die Ehre haben werde. Sie bezeichnete ihm den Tanz und er trat zurück.

Bald begann die Jugend sich im fröhlichen Kreise nach den Tönen der Mnsik zu bewegen.

Mehr als je bemühte sich Kammerherr von Norden um Annas Gunst, die, gelangweiligt durch seine übertriebenen Huldigungen, sich in ein Nebenzimmer flüchten wollte, um dort wenigstens auf kurze Zett mit sich und ihren Gedanken allein zu sein. Aber im Begriff, es zu betreten, hörte sie auch dort Stimmen und bemerkte ihre Kousine mit Wellmer in eifriger Unterhaltung, von welcher sie nur einzelne Worte verstehen konnte, die aber nur geeignet waren, ihre Auf­merksamkeit zu erwecken und sie zu der Annahme zu be­rechtigen, daß ihres Vaters Wünsche betreffs der beiden jungen Leute ihrer Erfüllung entgegen gingen.

Sie hörte Worte von Liebe, Sehnsucht, Glück, von ernsten Stunden, von tiefem Geheimnis und dereinstiger Erfüllung heißer Wünsche. Daß es eine Nachricht war, die Wellmer der Brant ihres Bruders überbrachte, daran konnte sie natürlich nicht denken, aber sie hatte genug gehört und ging zornglühend hinweg.

Der dem Direktor von Anna bestimmte Tanz begann, doch als Wellmer vor ihr stand, hatte Anna bereits ihre Hand auf Herrn von Nordens Arm gelegt und entschuldigte sich: „Ich bedaure, ich hatte mein Ihnen gegebenes Wort vergeffen und habe diesem Herrn erlaubt, den Walzer mit mir zu tanzen!"

„Der Herr Kammerherr wird wiffeu, daß das ältere Recht den ersten Anspruch hat, und da ich nicht gewillt bin, es aufzugeben, so ersuche ich Sie, mein gnädiges Fräulein, mir Ihr Versprechen zu halten."

gesetz — vergleicht, so kann man den freisinnigen Stand­punkt kaum noch ernsthaft nehmen, sondern muß ihn lediglich als eine wohlfeile und unter dem Schutze des Sozialistengesetzes gefahrlose Spekulation aus das dem Fortschritt so unentbehrliche Wahlbündnis mit unserer Sozialdemokratie auffassen. Wäre es der deutschfreisinnigen Partei wirklich ernst um Herbeiführung des sozialen Friedens, so würde sie nicht das Bestehen des Sozialisten­gesetzes, sondern die in dem revolutionären, gegen Christen­tum und Monarchie gerichteten Charakter der Sozial­demokratie liegende Notwendigkeit des Gesetzes beklagen und nicht die Regierung zur Abschaffung desselben, sondern die Arbeiter zum Austritt aus der sozialdemo­kratischen und zur Bildung einer sozialreformatorischen Arbeiterpartei auffordern, welche auf dem Boden der Kai­serlichen Botschaft steht. Denn das muß doch jedes Kind einsehen, daß nur auf der letzteren Grundlage der soziale Friede bei uns einkehren kann, die bestehenden Gewalten aber niemals einer Arbeiterpartei freie Hand lassen dürfen, welche unverhohlen auf die Beseitigung der christlichen und monarchischen Grundlagen unseres Staatswesens hinzielt. Den Sozialdemokraten und ihren freisinnigen Fremiden kann auf ihre Sehnsuchtsrufe nach dem „sozialen Frieden" deshalb nur gesagt werden, was in treffender Weise ein­mal den Gegnern der Todesstrafe gesagt wurde: „Die Herren Mörder mögen (mit der Abschaffung der Todes­strafe) anfangen." Auch die Herren Sozialdemokraten mögen mit dem sozialen Frieden anfangen. Das Sozia­listengesetz und alles andere, was ihnen unbequem ist, hört von selbst auf, sobald der kriegerische und revolutionäre Ansturm gegen Christentum und Monarchie aufhört. Gegen­wärtig trifft die sozialdemokratische Partei lediglich ein selbstverschuldetes Verhängnis: wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. Die deutschfreisinnige Partei aber begeht einen ungeheueren Frevel an dem sozialen Frieden dadurch, daß sie die betörte Arbeiterpartei in der Täuschung bestärkt, als könne in Deutschland je­mals auf einer anderen, als der soeben von uns bezeich­neten Grundlage der „soziale Frieden" hergestellt und er­halten werden."

— In Frankreich ist nun schon wieder ein „Spion" in der Person des Herrn Sandler (nicht (Sanbier) verhaftet worden. Der „Köln. Ztg." geht nun über diesen „Spion" von Herrn Profeffor Dr. Friedrich Ratzel folgende Mitteilung zu: „Ich lese soeben in der „Kölnischen Zeitung", daß in der Bretagne ein deutscher Spion Namens Sattbier, königlich bayerischer Reserve-Offizier der Reiterei, verhaftet worden sei. Da dies ein junger Gelehrter ist, den ich genau kenne, so gestatten Sie mir folgende Auf­klärung : Herr Christian Sandler aus Kulmbach studierte seit Jahren in München unter meiner Leitung Geographie, eine wertvolle Arbeit von ihm über die Homannischen Atlanten veröffentlichte in diesem Jahre die Geographische

Ohne noch eine weitere Auseinandersetzung abzuwarten, schob er den verdutzt breinschauenden Äammerheirn bet Seite, legte Annas Arm in den seinen und führte sie in die Reihen her Tanzenden. Von seinen Armen umschlungen schwebte sie leicht durch den Saal dahin, und bewundernde Blicke folgten dem jungen Paare.

Anna deren Reizbarkeit sich durch Wellmers entschiedenes Handeln nur noch mehr gesteigert hatte, begann: „Nun ist ein Teil des Geschäfts bereits abgewickelt; denn dieser Tanz mit Ihnen war ein Wunsch meines Vaters, also eine Geschäftsangelegenheit."

Mit kaum zu bekämpfender Erregung, nur mühsam seine Stimme zur Festigkeit zwingend, entgegnete Wellmer: „Da mir der Tanz gewährt war, war mir zu Mute wie dem Kinde zu Weihnachten, wenn ihm das Christkind die Lichter an dem Christbaum anzündet. Dieses Gefühl entschwand, als Sie durch eine Unwahrheit sich von der drückenden Verpflichtung freizumachen suchten; ich habe mir mein Recht gewahrt. Da Sie aber den Tanz nur als eine Geschäfts­angelegenheit betrachten und ba man Geschäfte gern so schnell als möglich erledigt, um sich bann ungestört dem heitern Treiben der Geselligkeit hingeben zu können, so er­lasse ich Ihnen die selbstübernommene Verpflichtung, länger mit mir zu tanzen und bitte um Erlaubnis, Sie nach Ihrem Platze führen zu dürfen, e8 wäre ein zu großes Opfer, den ganzen Tanz von Ihnen zu verlangen."

Ein tödliches Erblaffen, dem glühendes Erröten folgte, überflog Annas schönes Gesicht. Ihre Lippen bebten, sie fühlte sich unfähig, auch nur ein Wort zu entgegen. Sie war nur an Aussprüche der Bewunderung und Vergötte­rung gewöhnt, eine Menge Schmeicheleien umtönten stets ihr Ohr. So offen ober vielmehr so schroff zu ihr zu sprechen, hatte noch niemand gewagt nur er, der Untergebene ihres Vaters, fand den Mut, dazu.