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Rr. 349.

Marburg, Sonnabend, 23. Oktober 1886.

XU. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Äeiertogen. — Quartal- LüonnetnentS-Dreis bei bei Expedition 21/« Ml., bei d« Postämter 2 Wk. 50 Sfs- (excl. Bestellgeld).

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OberheM Jritmig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b Blattes, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudoli Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und So. n tantfurt a. M, B rl n. Ha nover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Ang. Loch.

Deutsches Reich.

Berlin, 21.Okt. Heute früh 8 Uhr 35 Minuten traf der Kaiser int besten Wohlsein auf dem Potsdamer Bahn­hof ein. Hier waren zur Begrüßung der Prinz Friedrich Leopold, der Kriegsminister, der Gouverneur von Berlin General v. Werder, der General v. Derenthall, der Gene­ral v. Rauch, der Oberstallmeistcr v. Rauch, die Offiziere vom Dienst, der Polizeipräsident v. Richchofen anwesend. Trotz der frühen Stunde waren dichte Menschenmassen auf dem Bahnhof und in den umgebenden Straßen versammelt, deren endlose begeisterte Willkommengrüße den Kaiser sicht­lich erfreuten. Der Kaiser verließ, begleitet vom Flügel­adjutanten Oberstleutnant v. Brösigke, in offenem zwei- spännigen Wagen den Bahnhof und fuhr in sein Palais. Auf dem ganzen Wege wiederholten sich die freudigen Hoch­rufe der Menge. Der Kaiser sah sehr wohl aus und zeigte keine Spur von Ermüdung oder Anstrengung. — Der Kaiser nahm schon zwei Stunden nach seiner Ankunft mehrere Vorträge entgegen und empfing dann den Gouver­neur von Berlin, den Kriegsminister, sowie den General­intendanten der königl. Schauspiele Grafen v. Hochberg. — Nachmittags empfing der Kaiser den Staatssekretär Grafen Bismarck zum Vortrag. — Ueber die Wirkungen des Krankenkassengesetzes lesen wir im „Pos. Tagebl.": „Das Unfallversicherungs - Gesetzes ist noch nicht lange genug in Wirksamkeit, um den Aufsichtsbeamten schon Stoff zu ein­gehenderen Beobachtungen geben zu können. Dagegen werden in einer Reihe von Berichten der Fabrikinspektoren die mit dem Krankenversicherungsgesetze gemachten Erfah­rungen ausführlich besprochen. Im allgemeinen läßt sich diesen Mitteilungen entnehmen, daß die neuen Kranken­kaffen überall rasch organisiert sind und gut wirken, selbst da, wo ältere Kassen dieser Art bestanden, an die sich die Arbeiter gewöhnt hatten, ist die ursprüngliche Abneigung gegen das neue Gesetz überwunden worden. In größeren Fabriken ist überall die Bildung eigener Bettiebskranken- kassen erfolgt; die Ueberweisung der Arbeiter an die Orts- krankenkaffen zählt zu den Ausnahmen. Daß die ein­geschriebenen Hilfskassen den organisierten Krankenkassen (Betriebe- und Ortskrankenkaffen) eine erhebliche Konkur­renz machen, wird mehrfach bestätigt. In dem Bericht für Leipzig werden die umfänglichen Agitationen, die seitens der Vertreter der eingeschriebenen Hilfskaffen zu bemerken sind, erwähnt. Dabei kann es das Ansehen der Fabrik- inhaber unmöglich erhöhen, wenn sie, wie es mehrfach vorkommt und anderweit neulich in dem Bericht der Ham­burger Behörde für Krankenversicherung scharf beklagt wurde, selbst die Agitation unterstützen, indem sie solche Arbeiter bevorzugen, die eingeschriebenen Hilfskassen an­gehören, um ihresteils der Verpflichtung der Bezahlung

Gefchichtskalender.

23. Oktober.

1848. Der Fürst Wind'.schgrätz beginnt seinen Angriff in Wien.

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.)

„Dieses Entgegenkommen mag der Eitelkeit manches Mannes schmeichelhaft sein, mir ist die Frau ebenso ver­ächtlich, die jenen Schritt thnt, wie der Mann, welchem dies eine Genugthuung sein kann. Uriel sowohl als Judith hatten ihr Schicksal verdient, ich kann sie nicht beklagen*, lief Anna aus. Hätte eine ahnende Stimme ihr gesagt, was die nächste Zukunft ihr bringen würde, sie hätte wohl geschwiegen.

„O wie recht haben Sie, mein gnädiges Fräulein*, — beeilte sich der Kammerherr ihr zu versichern — „welche nette, originelle Auffassung, von Ihnen kann man immer nur lernen.*

Wellmer fügte dieser unerquicklichen Debatte kein Wort mehr zu, nur die dunklere Färbung seines Gesichts gab Zeugnis von seiner innern Erregung. Er wendete sich wieder Martha zu, welche mit vieler Aufmerksamkeit, aber ohne sich zn beteiligen, der Unterredung gefolgt war.

„Rechnen Sie meiner Kousine ihr Benehmen nicht zu hoch an*, bat sie, „sie läßt sich jetzt infolge einer merk­würdigen Gereiztheit oftmals zu schroffen, harten Urteilen hinreißen, die sie wohl selbst bereut, wenn es zu spät ist.*

„Ich zürne ihr nicht, wie hätte ich auch ein Recht da­zu*,—antwortete Wellmer—„sie hat im Grunde ein gutes, edles Herz, aber sie gefällt sich darin, dasselbe zu verbergen und sich anders zu zeigen, als sie ist, besonders mir gegen­über, der ich nun einmal das Unglück habe, stets ihr Miß­falle» zu erregen. Oft kommt mir der Gedanke, als müßten

der gesetzlichen Zuschüsse zu den Krankenkassen enthoben zu sein. Zwar soll es vorkommen, daß Arbeitgeber auch an die Hilsskassen ein Drittel der Beiträge bezahlen, was das Gesetz nicht vorschreibt; doch werden Fälle dieser Art in den Berichten nicht verbürgt. Dagegen gehen manche in der Wahrnehmung ihres vermeintlichen Vorteils so weit, daß sie die Arbeiter, bevor sie dieselben in ihre Fabrik aufnehmen, nötigen, Mitglieder freier Hilfskaffen zu werden. Es wird sogar ein Fall mitgeteilt, in welchem ein Arbeit­geber, der einer Ortskrankenkasse angehörende Arbeiter be­schäftigte, diese am Sonnabend anscheinend aus der Arbeit entließ und bei der Ortskrankenkasse abmeldete, dieselben Arbeiter aber, welche inzwischen am Sonntag einer freien Hilfskasfe beigetreten waren, am Montag wieder in Arbeit nahm. Ueber den kurzsichtigen Egoismus solcher Arbeit­geber brauchen wir kein Wort weiter zu verlieren. Da­neben wird in anderen Berichten mehrfach rühmend her­vorgehoben, daß die Arbeitgeber in umfangreicher Weise auch für die gedeihliche Entwickelung der Krankenkassen Sorge tragen. In zahlreichen Fällen werden von ihnen die halben oder auch vollen Beiträge für die Arbeiter be­zahlt; einzelne gewähren in Krankheitsfällen die vollen Löhne oder doch einem großen Teil derselben, den ver­heirateten Arbeitern fort, andere sorgen auch für die Fa- milicnglieder ihrer Arbeiter in Krankheits- und Todesfällen. Daß das Gesetz über die Krankenversicherung auch noch weitere Wurzeln zu schlagen geeignet ist, ergibt sich daraus, daß im Anschluß an dasselbe mehrfach zur Errichtung von Invaliden- und Unterstützungskassen geschritten worden ist." — Der Bischof von Osnabrück, Ur. Höthig, ist heute vormittag in Berlin angekommen und wird auch vom Kaiser empfangen werden. — Der Bundesrat hielt am Donnerstag in Berlin eine Plenarsitzung ab; erledigt wurden nur einige unerhebliche Dinge. — Zur Koloni­sation in den polnischen Gebieten schreibt die „Pos. Ztg.", daß bereits eine nicht unerhebliche Zahl von Bewerbungen um die zunächst zu veräußernden Parzellen vvrliegt, und daß in dieser Richtung auf längere Zeit hinaus ein Hin­dernis für die Ausführung des Ansiedelungsgesetzes nicht zu befürchten, ist. — Die Prinzessin Wilhelm von Preußen (geboren am 22. Oktober 1858) begeht heute ihren Ge­burtstag. Die Vermählung mit dem Prinzen Wilhelm erfolgte bekanntlich im Februar 1881. — Der Landrat von Krosigk-Arnstadt, ein Bruder des Dessauer Staats­ministers, soll, der „Post" zufolge, zum Chef des Schwarz- burg-Sondershausenschen Ministeriums ernannt werden. — Aus Anlaß der Petition einer ganzen Kategorie von Be­amten der preußischen Monarchie, in welcher dieselben die Umwandlung ihres bisherigen Amtstitels beantragen, haben die Minister in einem, den königlichen Regierungen

noch erschütternde Stürme über ihr Leben dahiubrausen, um sie zur Klarheit mit sich selbst zu bringen.*

Nach diesen Worten erhob sich Wellmer, da er Gelegen­heit fand, sich der Baronin zu nähern und dem besorgten Mutterherzm die Beruhigung zu bringen, daß der geliebte Sohn seine höchste Befriedigung finde in dem Studium der edlen Kunst, daß er alle Hoffnung habe, einen geachteten Namen in der Künstlerwelt zu erlangen und daß er an der Ueberzeugung festhalte, durch Erreichung dieses Zieles viel­leicht auch eine Versöhnung mit dem Vater anzubahnen.

Mit herzlichen Worten dankte die Mutter dem treuen Freunde des geliebten Sohnes und bat, ihm auch ferner seine Treue zu bewahren.

Kurze Zeit darauf wurden in Steiners Villa Vorberei­tungen zn einem glänzenden Ballfest getroffen. Schon harrten die Damen in den festlich geschmückten Räumen der geladenen Gäste und noch war unbegreiflicherweise der Kom­merzienrat nicht aus der Fabrik zurückgekehrt. In seinem Zimmer, das abgeschieden von den Wohnräumen der Herren des Geschäfts lag, ging er hastig und ruhelos auf und nieder, in lebhaftem Gespräch mit Wellmer, der, sich an einen Sessel lehnend, in ruhiger Haltung, aber mit sehr ernster Miene, seinen Worten zuhörte.

„Glauben Sie nicht, Wellmer, daß ich vielleicht unklar wäre über die Lage, in der ich mich befinde. Ich weiß sehr genau, daß ich bedeutende Verluste erlitten habe; ich weiß aber auch, daß meine Verhältnisse mir erlauben, dieselben zu übersehen. Wenn ich unsere Art zu leben in keiner Weise ändere, so ist das ein Akt der Klugheit dem Publi­kum gegenüber. Welche Schlüsse würde man ziehen und welche Folgen würde es haben, wenn ich jetzt anfinge, mich einzuschränken. Nur nicht den Kopf hängen lassen, mein Freund, dem Muttgen gehört die Welt.*

„Glauben Sie nicht, Herr Kommerzieurat, daß ich zu pessimistisch denke. Durch meinen langjährigen Aufenthalt in England jedoch bin ich mit den Verhältnissen dort ziem­lich bekannt gewo.de«. Wenn es sich bestätigen sollte, daß

zugegangenen Erlasse sich wie folgt ausgesprochen: Das Interesse _ an der Aufrechterhaltung der Disziplin erfordert es, daß der unter den Beamten neuerdings immer mehr hervortretenden Neigung, in Kollektivvorstellungen ihre Wünsche bezüglich ihrer dienstlichen Verhältnisse bei den vorgesetzten Behörden zum Ausdruck zu bringen, mit Entschiedenheit entgegengetreten werde. So wenig es den einzelnen Beamten verwehrt werden soll, für ihre Person Anträge und Wünsche, welche ihre persönlichen und dienst­lichen Verhältnisse betreffen, bei den vorgesetzten Behörden zur Sprache zu bringen, so können doch Agitationen ganzer Beamtenklaffen, welche bezwecken, durch Kollektiveingaben ihren dessallsigen Bestrebungen größeren Nachdruck zu ver­leihen, und welche geeignet sind, die Subordination und den guten Geist unter den Beamten zu untergraben, nicht geduldet werden. Von diesem Gesichtspunkte aus muß das Vorgehen der Beamten, welche die int Eingänge ewähnte Petition mit unterschrieben haben, gemißbilligt werden, und es ist den Beamten über das Unzulässige und Unange­messene eines derartigen gemeinsamen Vorgehens eine ent­sprechende Eröffnung zu machen und sind dieselben vor ähnlichen Schriften zur Vermeidung schärferer diszipli­narischer Maßregeln zu warnen."

— Zur Frage des Züchtigungsrechts in der Volksschule wird der „Badischen Landeszeitung" aus Baden geschrieben: „Das Züchtigungsrecht in der Volksschule hat durch die neueste Verordnung großherzoglichen Ministeriums eine wesentliche Aenderung erfahren, und zwar zu gunsten dieser Berechtigung, welche in § 47 unserer Schulordnung vielfach verklausuliert war, da jede geringe Abweichung Gegenstand disziplinärer und gerichtlicher Untersuchung gegen die Lehrer werden konnte. Wir freuen uns, fest- ftellen zu dürfen, daß dieser Erlaß, welcher von hoher Ein­sicht unserer Oberbehörde zeugt und einem praktischen Be­dürfnis entgegen kommt, nicht nur von Seiten der Schule, sondern auch von Seiten der Eltern und Aufsichtsbehörden mit Dank und Anerkennung begrüßt wird. Wie viel auch schon über diese heikle Erziehungsfrage gesprochen und ge­schrieben worden ist, begegnen wir doch allerwärts der An­sicht, daß es bei der Schwierigkeit der Arbeit, bei der übergroßen Ungleichheit der Schüler uud ihrer leider oft sehr mangelhaften häuslichen Erziehung — in der Schule nicht ohne Strafen abgeht, ja, daß eine ernste Zucht und gesunde Führung ohne solche gar nicht durchzuführen ist, und daß hierin die körperliche Züchtigung die wichtigsten Dienste leistet, die Autorität stärkt, den nötigen Gehorsam erzwingt und zur Pflicht führt. Wir denken dabei nicht an die höheren Anstalten mit Schülern aus höheren Ge­sellschaftsklassen, bei welchen die häusliche Erziehung eine bessere und das Ehrgefühl ein schärferes ist, obgleich wir die alte, berühmte Firma, welcher Sie einen so weil reichen­den Kredit eröffnet haben, wirklich wankend geworden ist, so ist dies für Ihr Geschäft nicht unbedenklich, und ein Fallissement jener Firma würde auch auf uns einen höchst schädigenden Einfluß ausüben. Ve, zeihen Sie, daß ich so unumwunden spreche, ober Sie haben mir Ihr Vertraue» geschenkt und haben mir einen so tiefen Einblick in Ihre Geschäfte gestattet, daß ich Sie jetzt dringend zu bitten wage, verzögern Sie die Ausführung der Aufträge für jenes Haus, bis wir uns sichere Garantte verschafft haben, daß es auch zahlungsfähig ist.*

„Damit verliere ich einen bedeutenden Abnehmer, der stets Fabrikanten finden wird, die mit Freuden bereit sein werden, seine Aufträge auszuführen und sehe mich genötigt, bei der überhandnehmenden Stockung der Geschäfte einen Teil meines Personals zn entlassen. Nein mein Freund, nur nicht sorgen vor der Zeit, die Firma Steiner steht fest und wird feststehen, selbst wenn ihr eine Erschütterung nicht erspart bleiben sollte. Lassen wir nun das Geschäft ruhen, ich muß zu meinen Gästen eilen, und hoffe, auch Sie, lieber Wellmer, recht bald drüben begrüßen zu können.*

Nachdem er rasch das Zimmer verlassen hatte, stand der Direktor noch eine Zeit lang tief aufseufzend, in Nachdenken versunken: „Warum gelingt es mir nicht, ihm die Gefahr klar zu machen, in welcher er schwebt? Welcher schweren Gefahr ist er und feine Familie ausgesetzt, sie tanze» ahnungslos auf einem Vulkan! Kommt schon jetzt das Ungewitter, um Schlacken von Annas Charakter hinwegzu- spülen? Es würde sie furchtbar hart betreffen, und mir sind die Hände gebunden, ich darf nicht eingreifen, ich kan» nichts tijun, um das lecke Fahrzeug in einen sicheren Hafen zu lenken, und nach wenigen Stunde» ist vielleicht die Hilfe schon zu spät. Jetzt soll ich langen mit sorgenschwerem Herzen, während der Chef selbst mit lächelnder Ruhe seines Weges einhergeht, die Geschäftssorgen sich hinwegscherzend in der übermütigen Zuversicht, daß er gefeit ist gegen die Wechselfälle des Lebens!* (Fortsetzung folgt.)