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Rr. 247.

Marburg, Donnerstag, 21. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Quarta' Kbsrrnements-Dreis bei bi Expedition 21/« Mk., bi den Pastämter 2 Wk. 5 Pfg. lexcl. Bestellgeld FnsrrtionSLebübr für bi gespaltene Zeile 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 5 Pfg.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie b Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudoli Moffe in Frankfurt a M., Berlin,Münchenund

Köln; G. L. Daube und Co. n ranlmrt a. M, ¥ rl n, Ha nov r u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch. *

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Deutsches Reich.

Berlin, 19. Okt. Von den dem Bundesrate zuge- gangemn Lpezialetats der Reichskanzlei, des Reichscisen- bahnanits, des Rechnungshofes, der Reichsjustizverwaltung sind die drei ersteren gegen den letzten Etat nahezu unver­ändert; in dem Etat der Reichsjustizverwaltung werden 850000 Mk. als erste Baurate für das Rcichsgerichts- gebäude gefordert; die Gesamtkosten für dasselbe, ursprüng­lich zu 6 455 000 Mk. veranschlagt, sind jetzt auf 5 902 750 Mark ermäßigt. Zur möglichsten Abwendung der Ge­fährdung bei etwaigem Weiterschreiten der in Oesterreich- Ungarn aufgetretenen und dort hartnäckig sich haltenden Cholera haben, wie dieSchics. Ztg." zu melden in der Lage ist, die diesseitigen Staatsbehörden au den frequenten Grenzübergangspunkten vorsorgliche Maßnahmen in Aus­sicht genommen. Zu diesem Behufe haben in Mittelwalde am >2., in Friedland, Kreis Waldenburg, am 14. d. M. eingehende örtliche Erwägungen durch den königlichen Re­gierungspräsidenten Frhrn. Juncker -von Ober-Conreut und den Geh. Medizinalrat Dr. Wolff mit den Landräten und Kreisphpsikern der betreffenden beiden Kreise, wie mit den örtlichen Aerzten und Kommunalbehörden stattgefunden. Der Minister des Innern hat an die Provinzialregierungen in betreff des Transports von Verbrechern nachstehenden Erlaß gerichtet:Durch den Zirkular-Erlaß vom 6. Oktober v. I. ist angeordnet worden, daß mit dem Transporte von Verbrechern, welche an ausländische Staaten auszu­liefern sind, nur zuverlässige und erfahreire Exekutivbeamten beauftragt werden sollen. In neuerer Zeit ist es wieder­holt vorgckvmmen, daß derartige Verbrecher, wenn auch nicht auf dem Transporte selbst, so doch aus den zu ihrer vorläufigen Unterbringung bestimmten Polizeigefängnissen entwichen sind. Die Umstände, unter welchen dies geschehen ist, begründen die Annahme, daß entweder die betreffenden Gefängnisse denjenigen Anforderungen nicht entsprechen, welche an die zur einstweiligen Aufnahme solcher, von vornherein fluchtverdächtigen Transportatcn bestimmten Lokalitäten gestellt werden müssen, oder daß es den be­treffenden Wärtern an der zur Wahrnehmung ihrer Ob­liegenheiten erforderlichen Zuverlässigkeit und Umsicht ge­bricht. Die königliche Regierung ersuche ich daher, die Polizeigefängnisse Ihres Verwaltungsbezirks, welche bezüg­lich ihrer Sicherheit zu Zweifeln Anlaß geben, sowie das Wärterpersonal in bezug auf dessen Zuverlässigkeit, einer Prüfung unterziehen und die sich ergebenden Mißstände schleunigst beseitigen zu lassen. Zur Vorbeugung von Fluchtversuchen bei Gelegenheit der auf dem Transporte zu nehmenden Nachtquartiere wird cs sich ferner empfehlen, die Transportbeamten vor dem Abgänge des Transports jedesmal noch besonders dahin mit Anweisung versehen zu

lassen, daß sie die TranSportaten dem Polizeiverwalter des Ortes selbst zuführen und dessen Weisungen wegen Ab­lieferung und Unterbringung derselben während der Nacht entgegennehmen. In gleicher Weise wird die Mitwirkung der Orts - Polizei- oder Gemeindebehörde in Anspruch zu nehmen sein, falls wegen eingetretener Krankheit eines Transportatcn dessen Unterbringung in eine Krankenanstalt erforderlich sein sollte. Bei der Ablieferung wird an den Vorsteher der betreffenden Krankenanstalt das Ersuchen zu richten sein, eine Prüfung der zur Unterbringung be­stimmten Räumlichkeit in bezug auf ihre Sicherheit und eventuell die Bestellung eines besonderen Wärters zu ver­anlassen. Indem ich die königliche Regierung veranlasse, auch dieserhalb das Erforderliche anzuordnen, stelle ich gleichzeitig anheim, die Transport- und Gefängnisbeamten in geeigneter Weise darauf Hinweisen zu lassen, daß in künftig etwa vorkommenden Entweichungsfällen gegen die­jenigen, welchen hierbei irgend ein Verschulden zur Last fällt, nach der Strenge des Gesetzes vorgegangcn werden wird."

DieKreuz-Ztg." undKöln. Ztg." klagen dar­über, daß die Verurteilungen in Freiheitsstrafen einen laxen und daher wirkungslosen Charakter angenommen haben. Die kurzzeitigen Freiheitsstrafen werden schreibt die letztere auch bei schweren Verbrechen in einem Um­fange angewandt, der durchaus unzuträglich ist. Man weiß, daß die Körperverletzungen sich in den letzten Jahren ganz außerordentlich vermehrten, und man dürfte deshalb wohl erwarten, daß die Gerichte recht scharf gegen diese Ausschreitungen vorgingen. Die Statistik zeigt leider, daß dies nicht der Fall ist. Beinahe die Hälfte aller einfachen Körperverletzungen wurde mit Geldstrafe und 46,36 pCt. mit Gefängnis bis zu 3 Monaten bestraft; im Ganzen wurden also 96,14 pCt. mit Geldstrafe und der geringsten Freiheitsstrafe belegt. Richt besser ist es bei den gefähr­lichen Körperverletzungen, bekanntlich denjenigen Vergehen, bei welchen eine ruchlose Gesinnung besonders hcrvortritt; 58,66 pCt. derselben wurden mit Gefängnis unter drei Monaten, 19,21 pCt. mit Geldstrafe und 18,22 pCt. mit Gefängnis bis zu einem Jahre geahndet. Die höheren Strafsätze weisen wahrhaft lächerlich kleine Prozentsätze auf; auf Gefängnis von einem bis zwei Jahren entfallen 2,64 pCt., auf zwei Jahre und darüber 0,96 pCt. Um den Umfang, in welchem hier von der Geldstrafe Gebrauch gemacht wird, richtig zu würdigen, muß man bedenken, daß das Gesetz dieselbe nur ausnahmsweise zuläßt, während es als Normalstrafe die Gefängnisstrafe betrachtet, die im gewöhnlichen nicht unter zwei Monaten heruntergehen soll. Und trotzdem wird nahezu der fünfte Teil aller Verur­teilten ausschließlich mit Geld bestraft, und trotzdem wird kaum gegen drei Prozent eine Freiheitsstrafe ausgesprochen,

welche die Grenze eines Jahres überschreitet! Wahrhast klassisch sind aber die Strafgrößen bei den Diebstählen. Bei dem einfachen, ersten Diebstähle wurde in 89,71 pCt. Gefängnis unter drei Monaten ausgesprochen, Gefängnis bis zu einem Jahre nur in 5,88 pCt.; bei einfachem Diebstahle im wiederholten Rückfalle wurde noch in 53,76 pCt. Gefängnis unter einem Jahre verhängt, während das Gesetz Zuchthaus bis zu zehn Jahren an­droht. Und so geht es weiter durch alle Rubriken des Strafgesetzbuches hindurch. Es ist in der That leider so, daß sich in der Praxis der Schlendrian eingebürgert hat, die dem gesetzlichen Mindeslbetrage zunächst liegenden Straf­maße als die eigentlichen Normalstrafen zu betrachten und nur dann erheblich über sie hinauszugehen, wenn ganz besondere Umstände vorliegen, welche aus der gewohnheits­mäßigen Schlaffheit einmal aufrütteln.

DieKonservative Korrespondenz" äußert in einem längeren Artikel:Zur Konsolidierung unseres Partei- Wesens" zum Schluß folgendes: Was (endlich) unsere Stellung zum Zentrum betrifft, so genügt es hier, offen auszusprechen, daß die innere Entwickelung dieser Partei in den letzten Jahren ein starkes Mißbehagen bei uns hervorgcrufen hat und den lebhaften Wunsch, der gegen­wärtigen Art ihrer politischen Bethätigung möglichst bald ein Ziel gesetzt zu sehen. Zunächst ist es gar keine Frage, daß ein großer Teil der Zentrumspresse mit uns gar nichts Gemeinsames hat, politisch auf radikal-demokra­tischem Boden steht, daneben mit allen reichsfeindiichen Tendenzen liebäugelt, sich kaum die Mühe giebt, seinen Haß gegen Preußen und das Deutsche Reich notdürftig zu verbergen, und durch den heuchlerischen Deckmantel von positiv-religiösen und konservativen Redensarten, mit dein diese Abgründe von destruktiver Arbeit und grimmiger Feindschaft verhüllt werden, unseren Widerwillen gegen diese politische Mischung nur noch erhöht. Aber selbst die positive Thätigkeit, die uns seit Jahren mit dem Zentrum auf bestimmten Gebieten verbindet, ist für uns unter den gegenwärtigen Verhältnissen mit einem unangenehmen Bei­geschmack verquickt; denn dieselben populären Reformen, mit denen wir mit dem Zentrum gemeinsam dem Be­dürfnis des Volkes begegnen, müssen, wie die Dinge liegen, auch dazu dienen, die Position von Zentrumsführern zu stärken, welche dieses Relief sogleich nach einer anderen Richtung und zur Verfolgung anderer, uns durchaus anti- patischer Ziele ausnützen. Von den Bündnissen mit dem Freisinn, in denen das, was auf dem Boden einer Hälfte der Zentrumssecle sein Wesen treibt, lebendig ward und unter der bisher festgehaltenen Maske hervorbrach, und von der entsprechenden thatsächlichen Feindschaft gegen die Konservativen, welche alle diejenigen Elemente unserer

Geschichtskalender.

21. Oktober.

1792. Der französische General Cnstine besetzt Mainz.

1805. Des englischen Admirals Nelson Sieg über die Franzosen bei Trafalgar vernichtet die französisch-spanische Seemacht, Nelson selbst stirbt an einer in der Schlacht empfangenen Wunde.

1866. Zwischen Preußen und Sachsen wirdFriede und Freundschaft auf ewige Z-iten" geschlossen.

1870.

21. Oktober. Siegreiches Gefecht bei La Malmaison vor Paris. Besetzung von Chartres und St. Quentin.

Durchs Lebe» erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.)

Eine Zeit lang noch lehnte Wellmcr an der Pforte, durch die sie entschwunden war.Armes Kind," dachte er bei fick,Dein Leben ist öde und leer, bei allem Reichtum und vielleicht gerade durch ihn. Vielleicht würdest Du reich sein in der Armu!! Ja ein Stern, zu dem man hinauf sehen kann, ist auch eine Freude, ist des Lebens wert, auch wenn er unerreichbar ist für immer! Ach, wenn ich ein Mittel wüßte, ihn mir herunter zu holen aus seiner stolzen, einsamen Höhe."

Er blickte empor, in diesem Augenblick fiel eine Stern­schnuppe am Himml nieder. Wer sie erblickt und einen Wunsch ausspricht, dem soll derselbe in Erfüllung gehen, sagt ein alter Glaube, ob er wohl trügerisch ist?

Wellwer geht weiter, aber der flammende Schein am Firmament muß sich noch in seinen Blicken wiedeispiegeln, sie erglänzen freudig, seine Züge sind erregt und leichten Schrittes eilte er heim.

Ein trüber Tag war über dem Hause des Kommer­zienrats dahingcgangrn, nachdem es der einzige Sohn, vom

Vater verstoßen, verlassen hatte. Der Vater selbst war so wenig als möglich im Kreise der Seinen erschienen, wenn er sich auch vollständig in feinem Rechte dem ungehorsamen Sohne gegenüber fühlte und um keinen Preis sein Wort zurückgerommen hätte. Doch die verweinten Augen, die bleichen Wangen feiner Gattin thaten ihm weh; denn er hatte sie lieb und achtete sie hock. Keine Klage kam über ihre Lippen, sie wußte auch nur zu gut, wie nutzlos im Augenblick jedes Wort gewesen wäre; sie wußte, daß nur die Zeit im Stande fein würde, zu mildern und zu ver­söhnen.

_ Anna hatte anfangs dem Bruder wegen seines eigen« mächtigen Eingriffs in die vornehme Ruhe des Hauses ge­zürnt, bis nach und nach ihre Erbitterung sich legte und sic, bereit Gefühle ja beständig auf und nieder wogten von Milde zur Härte, von Güte zum unnahbaren Hochmut, nach dem Bahnhof eilte, um den versäumten Abschied nach­zuholen.

Wenn das Gemüt verstimmt und bekümmert ist, wenn das Herz erfüllt von Gram und Sorge, bang und schwer klopft, empfinden es wohl die meisten Menschen als eine Wohlrhat, wenn die verschiedenen Anforderungen, die das Leben an sie macht, ihnen fern gehalten werden.

Vorzüglich ist cs den Frauen gegeben, durch leises Walten, durch Fernhaltcn störender Einflüsse besänftigend einzuwirken auf beschwerte, friedlose Herzen.

Zu diesen segenspevdenden Geistern des Hauses gehörte Martha; wenn auch sonst betrübt und niedergesck lagen, trocknete^ sie still ihre Thräncn um der Andern willen.' Sie sorgte für den Onkel, pflegte die Taut», die kummervoll in ihrem Zimmer den Tag v rbrachte, begegnete mit milder Freundlichkeit der Kousine, die sie so hart, so verletzend behandelt hatte und wenn nach und nach die Gemüter wieder Ruhe fanden und jedes in feiner Art den traurigen Vor­gang sich zurecht zu legen suchte, so war dies zumeist ihr Verdienst.

Matt und müde war Anna von ihrer langen Wanderung beimgckehrt, hatte sich auf ihr Lager geworfen, aber Mn Schlummer kam, ihr die Augen zu schließen. Zuviel hatte sie e: lebt in wenig mehr als Tagesfrist. Glanz und Schimmer, Seelerqual und bittere Reue, Angst und Schrecken waren in buntem Durcheinander an ihr vorübergezogen und um­kreisten in stetem Wechsel ihre Gedanken. Von einem be­sonders konnte sie ihr Denken nicht abwenden, fo wenig es ihr auch gelingen wollte, darüber zur Klarheit zu kommen. Was war ihr geschehen, als sie so plötzlich auf einsamem Wege stand? ein holdes Traumbild mußte sie umpfangen haben, sie hatte süß geträumt von seliger Ruhe und tiefem Frieden nach Angst und Unruhe, von einem sicheren Schutz, der sie umgab, von einem strahlenden Auge, das auf ihr ruhte in Angst und Liebe und dann als goldener Stern vom Himmel niederschie». Das schöne Bild entschwand, ermüdet vom langen G-Hen fand sie sich auf einsamem Wege, neben ihr Wellmer, in den feinen Formen des gebildeten Mannes ihr seine Begleitung anbi tcnd. Wie er an ihre Seite gekommen, vermochte sie nicht zu fassen, soviel sie sich auch mühte, das Rätsel zu lösen.

Wochen und Monate waren dahingegangen. Der Winter eilte seinem Ende entgegen und schon verkürzten die länger werdenden Tage die gemütlichen Abende am traulichen Karsin im Kreise der Familie, ober geboten der rauschenben Geselligkeit Einhalt, welche ben Abend noch weit in die Nachtstunden hinausdchnt.

Die Baronin von Steiner hatte dringend gewünscht, den Winter in stiller Abgeschiedenheit in ihres Hauses Frieden zu verleben, um nach dem erschütternden Abschnitt im Leben des geliebten Sohnes erst wieder Ruhe zu erlangen. Allein sie mußte sich ben bringenben Wünschen ihres Gatten fügen nnb nach kurzer Pause bem geselligen Verkehr wieder ihre gastlichen Räume öffnen.

(Fortsetzung folgt.)