Nr. 246
Marburg, Mittwoch, 20. Oktober 1886.
WkWschc Zeitmg
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. L. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllustricrtes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
Endlich zwang sie sich, die- Augen aufzuschlagen, da sah sie über sich ein Gesicht gr beugt voll Angst und Liebe, und droben am Himmel den hellen Mond und friedliche Sterne. Aber sie war so matt, so müde, sie wollte das freundliche Traumbild nicht verscheuchen, sie wollte weiter ruhen, weiter träumen, sie war ja geborgen, sie hatte eine Zuflucht ge. fanden, sie war gerettet aus den Wirren, die ihren Geist und Körper gleich tief erschüttert hatten.
Endlich kam ihr Bewußtsein zurück. Rasch richtete sie sich empor, öffnete die Augen und gelangte nach und nach zur Klarheit über ihre Lage. Jetzt erinnerte sie sich des Fremden, der sie beleidigt, des Erretters, welcher, als sie schon in halber Bewußtlosigkeit schwankte, sie von dem Elenden befreite. Zu weüerer Klarheit gelangte sie nicht, sie meinte einen schönen Traum gehabt zu haben, in welchem
Geschichtskalender.
*20. Oktober.
1314. Herzog Ludwig von Bayern wird von der Luxemburgischen Partei zum Kaiser erwählt.
1518. Luther entkommt zu Pferde von Augsburg nach Nürnberg.
1740. Kaiser Karl VI. stirbt.
1820. Der Kaiser Alexander von Rußland, Kaiser Franz von Oesterreich und König Friedrich Wilhelm HL von Preußen eröffnen den (später nach Leibach verlegten) Kongreß zu Troppau zum Nnschreiten gegen revolutionäre Bewegung.
1827. In der Schlacht bei Navarin wird vom englischen Admiral Codrington die ganze türkische Flotte vernichtet.
1858. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen überträgt seinem Bruder Wilhelm die volle Regierungsgewalt unter dem Titel eines Prinz-Regent-n.
Ausfluge in die dortige Umgegend, weßhalb von einer größeren Festlichkeit abgesehen worden ist. Hier hatten 'die Königlichen und die Prinzlichen Palais zur Feier des Tages Flaggenschmuck angelegt. Zahlreiche Fürstliche und hoch- gestellte Personen, Mitglieder des diplomatischen Korps und viele Militärs rc. hatten dem Kronprinzen ihre Gratulationen durch Einzeichnen der Namen in die im hiesigen Kronprinzlichen Palais ausgelegten Bücher dargebracht. — Der heutige Tag ist aber außerdem auch noch ein besonders bedeutungsvoller für ganz Preußen und Deutschland; an diesem Tage vor fünfundzwanzig Jahren setzte sich unser Kaiser in der Schloßkirche zu Königsberg die preußische Krone auf das Haupt und mit diesem Tage begann von neuem der preußische Adler seinen Flug der Sonne entgegen, weit hinter sich Nacht und Nebel zurücklassend. Oeffentliche Feier fand dieser Gedenktag nicht, aber in den Herzen aller Deutschen und insbesondere aller Preußen muß der Tank doppelt rege sein, daß unser Kaiser während dieser langen, schweren Zeit in rastloser Aufopferung sein Leben und sein Streben ausschließlich unserem Vaterlande gewidmet hat. Ein würdiger Enkel Friedrich des Großen hat Kaiser Wilhelm der Siegreiche seinem Volke das unübertreffliche Beispiel strengster Pflichterfüllung, unerschütterlicher Gerechtigkeit, aufopferndster Treue gegeben. Mit stolzer Freudigkeit werden alle Zeiten in ihm das glän- I zendste Muster eines wahren deutschen Mannes erkennen und feiern. Schwere Kämpfe sonder Zahl, im Innern wie nach außen, hat er zu durchkämpfen gehabt; dem Kampfe ist nie der Sieg untreu gewesen, und jetzt im höchsten Greisenalter, in bewundernswerter körperlicher und geistiger Rüstigkeit, ist ihm Ruhe und Erholung noch nicht beschiedcn. Eine neue, große soziale Aufgabe hat er mit klarem Blicke erkannt und nicht gezaudert, sie mit festem Griffe der Lösung entgegenzuführen. Möge ihm noch beschieden sein, zu erleben, daß sein Volk diese Aufgabe auch zu der scinigen macht und sie festen Schrittes zum Wohle unserer arbeitenden Klassen fördert und löst. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." sagt betreffs der von verschiedenen Blattern über eine Denkschrift des Grafen von Hochberg über die Hoftheater gebrachten Meldung, es liege augenscheinlich eine Verwechselung mit dem Berichte vor, welchen der Oberstkämmerer Graf zu Stolberg anläßlich der Erledigung des Postens des Generalintendanten an den Kaiser zu erstatten hatte. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." bezeichnet die Behauptung der Oppositionsblätter, daß der Fürst von Bulgarien dem Throne entsagt habe, weil er die Unabhängigkeit Bulgariens Rußland gegenüber sichern und dem Lande die russische Okkupation ersparen wollte, als nicht stichhaltig. Gerade durch seine Abdankung sei Bulgarien für russische Einwirkungen jeder Art notwendig m verstärktem Maße geöffnet und nicht blos für Bul- ste ausgeruht habe von tiefer Ermüdung, während ein Augenpaar auf ihr ruhte voll Angst und Sorge. Aus den Augen waren goldene Sterne geworden, welche über ihr am Himmel strahlten, aber es war eben ein Traumbild gewesen.
Sie war erwacht und, obwohl noch matt und müde, ^tete sie sich energisch auf, um ihren Weg sortzusetzen. Da stand Wellmer neben ihr mit der ihm eigenen feinen, ruhigen Haltung. »Wollen Sie sich meiner ferneren Führung anvertrauen, gnädiges Fräulein,- bat er, „ich gelobte Ihrem Herrn Bruder, Sie sicher heiwzugeleiten. Erlaubt Ihre Ermüdung Ihnen, den W-g fortzusetzcn, und darf ich Ihnen meinen Arm bieten?"
»Nein, ich danke, entgegnete sie, mit tiefem Erröten des Traumes gedenkend, da sie in seinen Armen ruthe, den Armen besten, der der Untergebene ihres Vaters war, der so tief unter ihr stand, wie konnte die Phantasie nur solche Situa- tronen hervor zaubern.
Eine Zeitlang schritten sie stumm neben einander her, aber Anna hatte ihre Kräfte überschätzt und mußte sich endlich doch entschließen, Wellmer um seinen Arm zu bitten.
<-3ch toottte gern Abschied von meinem Bruder nehmen, nun sehe ich wohl ein, daß,e8 ein gewagtes Unternehmen war," fugte sie lächelnd hinzu, „mein armer Bruder, ich furchte, er hat sich eine recht ernste und schwere Zukunft erwählt, und sein Pfad hätte so eben sein können, wenn er gewollt hatte."
»O beklagen Sie ihn nicht, wenn auch der Anfang schwer und es nichts Kleines ist, sich loszureißen vom Vaterhaus und von Allen, welche man liebt. Er hat ein schönes Ziel vor sich; in seine Hand ist es gegeben, durch eigene Kraft und Energie das Ideal zu erreichen, welches er ersehnt mtt seinem ganzen Herzen."
»Halten Sie es für ein Glück, Herr Direktor, dies Sehnen und Hascheu nach einem Ideal?"
»Ja, denn es ist die Poesie neben der Prosa des Lebens,
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux vonHoosenstein undVogl« in Frankfurt a. M , Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a M-, Bertin,München und Köln; G. L. Daube und t!o. n rank'Urt a. M , 8 rl n, Ha notier u. Paris.
garten, sondern auch für Europa eine erhebliche Erschwerung der Lage herbeigeführt worden. Für das Gefühl der Unsicherheit zwischen Krieg und Frieden, worin Europa sich befinde, trage Fürst Alexander die Schuld. Dieselbe wäre sicherlich nicht vorhanden, wenn der Fürst nicht im Jahre 1885 an die Spitze der Revolution getreten wäre, sondern seinem Süzeräne, dem Sultan, die Treue bewahrt und der von Europa ihm übertragenen Aufgabe, Bulgarien zu regieren, in Frieden nachgelebt hätte. Von der ganzen gegenwärtigen Krisis und den Besorgnissen von Friedensstörungen wäre dann nickt die Rede gewesen Fürst Alexander habe zuerst durch seine anti- russische Haltung, dann durch die Philippopeler Erhebung, allermeist aber durch seine Abdikation die Lage Europas zu einer schweren gemacht. Das ganze russische Eingreifen und die Mission des Generals v. Kaulbars, die Sorge vor einem eventuellen russischen Einmarsch, die Spannung zwischen Rußland wäre nicht vorhanden, wenn der Fürst ruhig nach den Verträgen regiert, sich den russischen Ursprung seiner Berufung und seine russische Verwandtschaft immer so gegenwärtig gehalten hätte, wie bei seiner Abreise mls dem Lande, als er besonders hervorhob, daß er seine Krone Rußland verdanke. — Die Nachricht des „Lorriare della Sera" von einem versuchten Einbruch dreier Fran- zosen in der vom deutschen Kronprinzen bewohnten Villa bei Genua, die deutschen Blättern sogar Anlaß gab, von einem möglichen Attentatsversuch zu phantasieren, beruht auf einem ganz belanglosen Vorfall. Die drei Einbrecher waren einheimische, harmlose Bettler. Sie versuchten auch nicht einzubrechen oder sich einzuschleichen, sondern kliiigelten am Gartenthore. Ein Gesuch, welches sie dem Kronprinzen überreichen wollten, wurde in der Tasche eines der Bettler gefunden. Daß die Nachricht gar keine Bedeutung verdiente, darüber konnte für jeden ruhigen Menschen von vornherein kein Zweifel sein.
Äachen, 18. Okt. Der Setzerstreik ist durch Zuzug auswärtiger Setzer paralysiert. Die Zeitungen erscheinen, heute wieder im gewöhnlichen Umfange.
Platte«, 15. Oct. Dem „Leipz. Tagebl." entnehmen toir folgenden Bericht: Der seit Mitte Juli d. I. hier wohnende, zur sozialdemokratischen Partei gehörende und aus Berlin auf Grund des Sozialistengesetzes ausgewiesene, am 21. October 1856 in Rüttebüü Kreis Tondern) ge- gorene Schriftsetzer Jens Lauris Christensen kam am Abend des 30. August d. I. mit zwei hier wohnhaften Partei- ^uoffen in die Restauration „Zum Albertplatz" hier und In, an Tisch, an welchem drei Soldaten vom 104. Infanterie-Regiment saßen. Christensen knüpfte mit ben Soldaten ein Gespräch an, und schließlich händigte er einem jeben derselben ein Exemplar ber in Deutschland verbotenen Zeitschrift „Der Sozialbemokrat" ein, jedoch es erhebt über das alltägliche Thun und Treiben. Ist dies ^beal auch unerreichbar, ist es auch wie einer ber goldenen Sterne, welche droben glänzen am nächtlichen Himmel, man mnn doch zu ihm hinausschauen und sich erquicken an seinem Funkeln, wenn es hier unten dunkel und trübe ist."
»Es muß wohl recht angenehm sein, wenn man irgend etwas hat, was erhebt über den gewöhnlichen Tag.slauf, der mitunter recht langweilig ist. Aber, wie soll man an» fangen, ba8ju anbe™? Früher hatte ich meine Freude an der Musik, aber ich habe zu viel davon gehört, ich spielte Klavier, thue es auch wohl noch, doch ich habe kein Talent und werde es nie zu etwas Besonderem bringen, deshalb sind mir die Lobsprüche zuwider, mit denen man meint, mich uberhaufen zu müssen. Ich kenne eine arme Musiklehrerin, die den ganzen Tag Stunden geben muß, um sich und ihre kranke Schwester zu erhalten. Wenn der Tag mit seinen Anstrengungen und oft schweren Stunden vorüber ist, meint man, sie würde sich mtt Behagen der wohlverdienten Ruhe h ngeben, statt dessen spielt sie noch in späten Abendstunden me schwersten Kompositionen von Beethoven und versichert mir, das sei der Glanzpunkt des ganzen Tages, ihre Er» holung nach der mühevollen,Arbeit. Dann schaue des großen Meisters Bild von der Wand zu ihr hernieder, und es wolle ihr erscheinen, als ob sein düsteres Gesicht sich erheitere ie mehr es ihr gelinge, einzudringen in die Tiefen seiner wunderbaren, erhebenden Melodien. Ich muß gestehen, daß st^ beneide, sie hat ein Ideal, welches sie überhebt über das Alltagsleben; mir wird wohl nie so wohl werden, das Leben von dieser erhabenen Seite kennen zu lernen."
Erschrocken hielt Anna inne, sie hatte vergessen, wer an Aer Seite ging. Sie begriff sich selbst nicht, daß sie Wellmer gegenüber sich so offen ausgesprochen und athmete erleichtnt auf, als sie ihr Ziel erreicht hatten und sich nach kurzem Gruß und Dank, schnell durch die Gartet Pforte eilend, sich seiner ferneren Begleitung entziehen konnte.
(Fortsetzung folgt.)
Erscheint täglich außer an Verttägen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Wonnements-Preis bei der Expedition 2‘/« Ml., bei ben Postämter 2 Mk. 50 Mg- (erd. Bestellgeld). ZnfertionSgebühr für die «spaltene Zeile 10 Pfg. gtensm-’n für die Zeile ;’-5 Pfg.
Laudtagswahl.
Tie für den 4. November d. I. anberaumte Wahl eines Abgeordneten zum Landtage wird nach den gesetzlichen Bestimmungen von den im vorigen Jahre gewählten Wahlmännern vollzogen werden.
Da von vornherein an den unterzeichneten Ausschuß von vielen Seiten der Wunsch aus den Kreisen der Wähler herantrat, den Wahlkreis auch fernerhin durch einen in demselben wohnenden Abgeordneten vertreten zu sehen, hielt es derselbe für seine Pflicht, sich mit den Herrn Wa!,l- männern in Verbindung zu setzen. Es ergab sich hierbei in einer seltenen Uebereinstimmung nicht allein die allseitige Ueberzeugung, daß es in dem begründeten Interesse des Wahlkreises liege einen Abgeordneten zu wählen, der durch seine Wirksamkeit und seinen Wohnort mit dem Kreise dauernd verbunden sei, es wurde auch .einstimmig von allen Seiten Herr Amtsgerichtsrat von Stier nberg in Marburg als der Mann bezeichnet, der durch seine bisherige Wirksamkeit den Beweis geliefert, daß er in uneigennütziger und erfolgreicher Weise die Interessen des Kreises zu vertreten wisse, und ihm von allen Seiten das vollste Vertrauen entgegengebracht werde.
Indem der unterzeichnete Ausschuß diese Auffassung in vollem Maße teilt, erlaubt sich derselbe, seinen verehrten Gesinnungsgenossen und Mitbürgern von Stadt und Land Herrn Amtsgerichtsrat von Stiernberg als Vertreter des Wahlkreises im Abgeordnetenhause in Vorschlag zu bringen, und bittet die Wahl desselben mit allen Kräften unterstützen zu wollen; er ist der Ueberzeugung, daß der vorgefchlagene Vertreter das Vertrauen, welches ihm wegen seiner festen und echt menschenfreundlichen Gesinnung und seiner selbstlosen Thätigkeit für das Beste des Kreises und seiner Eingesessenen, in so reichem Maße entgegengebracht wird, auch in dieser neuen Stellung vollständig rechtfertigen wird.
Marburg, den 18. Oktober 1886.
Per konservative Ausschuß:
Phil. Brühl. Wilhelm Danber. Dr. Grimm. Oberförster Hertel. Wilh. Ketzler.
Prof. Dr. Melde. Gym nasial-Direktor Dr. Münscher.
Georg Zeitz.
Deutsches Reich. '
Berlin, 18. Okt. Der Kronprinz begeht heute im Kreise seiner Familie auf der Villa Carnarvon in Por- tofino bei Genua die Feier seines 55. Geburtstages. Der Kronprinz mit seiner erlauchten Gemahlin und den drei jüngsten Prinzessinnen-Töchtern Viktoria, Sophie und Margarethe, befindet sich heute zur Feier des Tages auf einem