Nr. 243.
Marburg, Dienstag, 19. Oktober 1886.
XXI. Jahrgang.
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Sein; G. L. Daube und Co. n raut'urt a. t v rl n, Ha nov.r u. Paris.
Wöchcntlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - ZIlnstricrtcs Sountagsblatt.
Expedition-, Markt 21. — Redaktton, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 16. Oft. Die Kaiserin wird nach der Abreise des Kaisers auch in diesem Jahre noch einige Zeit in Baden-Baden verbleiben und sich dann, wie alljährlich, ans einige Wochen nach Coblenz begeben, bovor sie zum Winteraufenthalt nach Berlin kommt. Das Befinden der Majestäten ist das allererwünschteste. — Die Spezialetats für den Reichshaushalt pro 1887—1888 sind, wie ein informierter Berichterstatter hiesigen Blättern meldet, durch die einzelnen Reichsämter im Ganzen fcrtiggcstellt, mit Ausnahme des Etats für das Rcichsheer, über welchen anscheinend noch kommissarische Beratungen unter den Vertretern der beteiligten Bundesstaaten abgehalten werden. Der Militäretat wird eine erhebliche Steigerung der einmaligen Ausgaben im Ordinarium, dagegen nur wenige Veränderungen gegen das Vorjahr aufweisen, weil alle wichtigen Riehrforderungen in dem neuen Militärgesetz erscheinen werden. — Die Feldbäckereien, mit denen dieses Jahr während der Manöver die ersten Versuche gemacht worden, sind, dem „H. K." zufolge, wie folgt organisiert: Jede Feldbäckerei besteht aus zwei Sektionen, von denen jede fünf dicht aneinander liegende Backöfen zählt; die Oefen selbst sind aus Eisen und ihrer Konstruktion nach patentiert; sie ruhen auf Backsteinunterlagen und sind so tief in die Erde hineingelegt, daß nur die kurzen eisernen Schornsteine darüber hinausragen. Die Heizung geschieht mit Holz, jeder Ofen umfaßt ungefähr 100 Brote gleichzeitig. Der Teig selbst wird in großen Trögen bereitet, welche sich in Backzelten befinden, wo auch der Mehlvorrat aufbewahrt wird. Die Backzelte stehen vor jeder Ofen- feklion. Vor den Backzelteu sind wiederum die Vorratszelte aufgeschlagen, wo das Brot aufbewahrt wird; von dort wird dasselbe an die Mannschaft verteilt.
— Hinsichtlich des Verfahrens gegen nach Amerika ausgewandcrte und von dort zurückgekehrte Militärpflichtige hat das königlich sächsische Ministerium des Innern eine Verordnung erlaffen, welche der „V. Z." zufolge lautet: „Die Wahrnehmung, daß nicht selten Angehörige des Deutschen Reichs vor der Erfüllung ihrer Militärpflicht, beziehentlich unter Umgehung derselben, nach den Vereinigten Staaten von Amerika auswanbern, einige Zeit später aber als naturalisierte nordamerikanische Bürger nach Deutschland zurückkehren, hat dem Ministerium des Innern Veranlassung gegeben, im Einvernehmen mit dem Kriegsmini- sterium und in Uebereinstimmung mit den seitens anderer Staaten, insbesondere der königl. preußischen Regierung getroffenen Verfügungen folgendes zu bestimmen. 1. Im allgemeinen ist davon auszugehen, oaß den vormals ausgewanderten und als Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika zurückgekehrten Wehrpflichtigen in der Regel,
G-schichtskalender.
19. Oktober.
1314. Herzog Friedrich der Schöne von Oesterreich wild von der österretchtfchen Parket zum Kaiser gewählt.
1466. Der Orden in Preuß-n schließt mit Polen den Frieden zu Thorn, tritt Weppreußcn an Polen ab und erkennt polnische Lctznsobcrherrlrchkeit an.
1781. Washingtons entscheidender Sieg über Lord Corn- wallis uno Einnahme der Festung Iorktown.
1807. Napoleon dekretiert zu Fontaurebleau die Konfiszierung aller brütischen Manufakrurwaren auf dem Kontinente.
1812. Napoleon bricht aus den Ruinen des niedergebrannten Moskau auf.
1813. Derselbe tritt seinen Rückzug aus Leipzig an; dieses von den Verbündeten erstürmt.
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
Wellmer begleitete Ernst nach dem ziemlich entfernten Bahnhofe. Als sie, den Zug erwartend, auf dem Perron auf und abschritten, bemerkte dec Direktor die schlanke Gestalt einer Dame, die Etwas zu suchen schien, bald da, bald dorthin sich wendend und endlich, um sich besser umsehen zu können, den Schleier ein wenig lüstete. Mit Erstaunen erkannre er Anna v. Steiner.
„Dort steht Deine Schwester, die Dich zu suchen scheint, ich werde mich zurückziehen, und schnell verschwand er hinter einer Säule, während Ernst seiner Schwester entgegen trat.
„Lieber Bruder, ich komme um Abschied von Dir zu nehmen, vergieb, daß im es heute Morgen unterließ, rch konnte deshalb nicht zur Ruhe kommen und bin rasch hierher geeilt. Ich freue mich, Dich noch zu finden, um Dir Lebewohl sagen zu können, und Dir auf Deine neuen Lebenswege meine Vesten Wünsche mitzugeben."
und auch wenn kein besonderer Anlaß zu dem Verdacht vorliegt, daß sie ausgewandert seien, um sich der Ableistung der Militärpflicht zu entziehen, nur ein zeitweilig begrenzter, nach Lage des Falles auf Wochen oder Monate zu beschränkender Aufenthalt im Auslande gestattet ist. Mit alsbaldiger Ausweisung ist vorzugehen, wenn die Betreffenden a) durch herausfordernde Haltung, durch Pochen auf ihre Ausnahmestellung oder sonst in irgend welcher Beziehung sich unbequem oder lästig machen, oder b) offenbar i nur in der Absicht, sich der Wehrpflicht zu entziehen, nach I Amerika ausgewandert sind, oder c ihren Aufenthalt in ' Deutschland ausdehnen, ohne daß aus den Umständen nach billigem Ermessen der Behörden eine Rechtfertigung dafür zu entnehmen ift. 2. Nach Art. 4 des Norddeutsch-Amerikanischen Staatsvertrages vom 22. Februar 1868 (Rcichs- gesctzblatt S. 228) soll ein in Amerika naturalisierter Deutscher, welcher sich wieder in Deutschland niederläßt, ohne die Absicht, nach Amerika zurückzukehren, als auf seine Naturalisation in den Vereinigten Staaten Verzicht leistend angesehen werden, und zwar kann dieser Verzicht als vorhanden angesehen werden, wenn der Naturalisierende sich länger als zwei Jahre im deutschen Gebiete aufhält. Solche Personen können gemäß § 11 des Reichs-Militär- gesctzes bis zum vollendeten 31. Lebensjahre zum Militärdienste herangezogen werden. Ist die Heranziehung der Betreffenden nicht mehr zulässig, so ist, wenn dieselben seiner Zeit mit der Absicht, sich der Militärpflicht zu entziehen, ausgewandert waren, mit sofortiger Ausweisung derselben vorzugehcn, anderenfalls aber kann ihnen bei entsprechendem Verhalten der fernere Aufenthalt im Jnlande gestattet werden."
Ausland.
Wie«, 16. Oct. Die „Neue Fr. Presse" meldet aus Sofia, daß nach offiziellen Berichten von 85 Wahlbezirken Bulgariens und Ostrumeliens die Resultate aus 78 Bezirken vorliegen; es können demnach, da wie erforderlich, zwei Drittel der Bezirke gewählt hätten, die, wie es heißt, auf den 27. October nach Tirnowa berufene große So- branje zusammentreten. — Das „Wiener Fremdenblatt" bemerkt gegenüber den Ausführungen des „Journal de St. Petersbourg", daß es sich mit seinem Urtheil — die bulgarische Regierung habe trotz aller Schwierigkeiten die materielle Ruhe und Sicherheit, sowie die Ordnung bei den Wahlen erhalten — in voller Uebereinstimmung auch mit der außer-österreichischen Presse befinde; hätte übrigens das „Journal" den Hinweis des Frcmdenblattes auf die Nothwendigkeit für die bulgarische Negierung, die Spannung gegenüber Rußland zu mildern und jede prinzipielle Feindseligkeit abzustreifen, genauer gewürdigt, so würde es jeden-
Zänlich, wie |eit lange nicht, umarmte» sieg jetzt Die Geschwister.
„Bist Du ganz allein hierher gekommen?" fragte Ernst besorgt.
„Ja, warum auch nicht? ich wählte den näheren Weg durch Feld und Wiesen, der direkt nach unserer Villa führt, ängstige Dich nicht um mich, Du weißt, ich kenne keine Furcht."
„Aber bedenke, der lange einsame Weg außerhalb der Stadt und zu so später Stunde. Ein nochmaliges Läuten unterbrach das Gespräch der Geschwister und nach einem letzten Händedruck entfernte sich Anna, raschen Schrittes ihren Rückweg antretend.
Wellmer trat noch einmal heran, winkte dem Freunde den letzten Abschiedsgruß zu, versprach ihm zu Annas Schutz in ihrer Nähe zu bleiben und schon flog der Zug aus der Halle hinein in die dunkle Nacht. Bald sah der Zurück- bleibende nur noch einen matten Lichtschein in der Ferne, auch dieser entschwand. „Zieh mit Golt, mein Freund, kämpfe und ringe, erreiche, was Du erstrebst und kehre glücklich beim."
Auch Wellmer verließ den Bahnhof, um Anna nicht aus den Augen zu verlieren, ihr schützend zur Seite stehen zu können, wenn irgend eine Gefahr ihr nahen sollte.
Schon sah er sie in weiter Entfernung, vom Monde hell beleuchtet, dahingehen, aber er bemerkte auch, daß Jemand ihr entgegentrat und sie aufzuhalten versuchte. Rasch vorwärts strebend hörte er laute Worte, höhnisches Lachen und sah nun einen Herrn kor ihr stehen, der ihr zudringlich und mit unverschämten Bemerkungen seine Begleitung anbot, hin- zufügend, daß es doch eigentümlich sei, wenn eine so schöne und so junge Dame zu so später Nachtstunde ganz allein ginge.
Jetzt war Wellmer an Annas Seite, rasch den frechen Menschen wegschiebend, legte er Annas Arm in den seinen und sprach: „Die Dame steht unter meinem Schutz, hüten Sie sich, dieselbe noch mit einem einzigen Wort zu beleidigen,"
falls die Ausführungen des „Fremdenblattes" besser zu. beurtheilen vermocht haben.
Paris, 16. Oct. Im heutigen Ministerrate sprach der Finauzminister erneut die Absicht aus, zu demissioniren. Tie Entschließung wurde bis zum Miuisterrat am Dienstag vertagt. — (Deputirteukammer.) Hubbard, von der äußersten Linken, iuterpellirte die Regierung über die Pression, welche die Eisenbahngesellschaften auf diejenigen ihrer Beamten ausübten, welche Mitglieder der Munizipalräte sind. Der Minister erwiderte, es sei nicht seine Sache,, sich in Angelegenheiten der Eisenbahngescllschaften, welche deren Beamten betreffen, einzumischen. Der Minister beantragte Uebergang zur einfachen Tagesordnung. Letztere wurde mit 298 gegen 154 Stimmen angenommen. Der Handelsminister Lockroy brachte einen Gesetzentwurf ein, wonach diejenigen Personen, welche fremde Maaren als französische verkaufen, zu Geldstrafen von 1000 bis 5000 Frcs. und zu Gefängniß von 3 Monaten bis zu 3 Jahren verurteilt werden solle. Der Deputirte Reache zog die von ihm angckündigte Interpellation betreffend die Verzögerung der Ernenunng eines neuen Botschafters für Petersburg zurück.
London, 16. Oct. Gestern wütete in England und Irland ein furchtbares Unwetter, welches an den Küsten durch bereinbrechende See viel Schaden angerichtet hat. Mehrere Schiffe sind gescheitert, in Südwales ist der telegraphische Verkehr unterbrochen, die Ernte ist beschädigt. Die letzten Depeschen melden eine Zunahme des Sturmes. — Eine in Portsmouth veröffentlichte Verordnung verbietet die Zulassung von Ausländern zu den Werften ohne besonderen Erlaubnißschein des Marincmiuisteriums.
Petersburg, 16. Oct. Anläßlich des telegraphischen Resumes der von der bulgarischen Regentschaft auf die Note der russischen Agentur ertheilten Antwort sagt das „Journal de St. Petersbourg": Die willkürlicken Inhaber der Macht, welche seit mehr als einem Jahre Bulgarien auf den Revolutionsweg geworfen und deren Vorhandensein und Autorität nur auf Gewalt und Gc- waltthätigkeit beruht, verschanzen sich hinter der konstitio- nellcn Gesetzlichkeit, um das vollständig ungesetzliche Regime, welches sie eingesetzt haben und auch behaupten wollen, fortzuführen. Der Nationalversammlung, welche sie unter dem Einflüsse des Schreckens wählen ließen, welche ihnen in Folge dessen ergeben ist, wurde von ihnen das'Neckt verliehen, sich über die Gesetzmäßigkeit der Wahlen, aus denen sie hervorging, zu äußern, und ebenso die Machtbefugnisse der Regierung, deren direkter Einfluß sie ist, zu sanktioniren. Es würde schwierig sein, besser mit Worten zu spielen, um zugleich Richter und Partei in der eigenen Sache zu sein. Darüber zu streiten, ist unmöglich; aber unb mögt chst Ichuell fuhrie er sie fort, nicht ohne noch einige unfeine Bemerkungen hören zu müssen, daß nun et ft der Rechte gekommen sei, dem zu Liebe das feine Dämchen in der Nacht Herumlaufe.
_ War es Angst, 'schreck, oder alle die verschiedenen Gemütsbewegungen, welche in den letzten Tagen ihr Herz bestürmt hatten; schwer und schwerer hing Anna an Wellmers Arm, bis sie plötzlich bewußtlos zusammensavk.
Rasch nahm er sie in seine Arme, bleich, mit geschlossenen Augen ruhte das schöne stolze Mädchen an seinem Herzen, o hätte er sie immer so halten können, ihr Schutz, ihre Hilfe sein zu aller Zeit!
Ader was sollte geschehen, er konnte Anna nicht allein lassen, um Hilfe zu holen, sebensowenig hatte er irgend ein Mittel bei sich, sie wieder ins Leben zurückzurufen. Eine Zeit lang trug er sie auf seinen starken Armen durch die Nacht dahin, der Schleier war von ihrem Gesicht herabge- sunken, ihre Augen waren fest geschlossen, die Wangen bleich. Der Weg war weit, er mußte von Zeit zu Zeit ruhen.
Endlich gab sie Zeichen des Erwachens, ihre Augen öffneten sich, wie im Traume schaute sie ihn an, dann warf sie einen langen Blick hinauf nach den Sternen, eine Verklärung verbreitete sich über ihr G sicht, aber schon sanken die schweren Lider wieder herab und widerstandslos lehnte sie sich an ihres Beschützers Brust. Unfähig zu klarem Denken, noch halb von Bewußtlosigkeit umfangen, zogen gleich wirren Traumbildern die Erlebnisse der letzten Stunde an ihr vorüber. Sie wußte, daß die Angst vor etwas Entsetzlichem sie überwältigt hatte, ihr war, als sei sie in dunkler Nacht einsam umhergeirrt, als habe sie sich nicht mehr auf den Füßen halten können und habe veisinken müssen, immer weiter und weiter in eine bodenlose Tiefe. Da hatte sie plötzlich einen Halt gefunden, ein starker Arm hatte sie erfaßt, nun wußte sie, daß sie geborgen war, daß sie aus- ruhen konnte nach Angst und Schrecken.
(Fortsetzung folgt.)