Einzelbild herunterladen
 

Nr. 244.

Marburg, Sonntag, 17. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- LLoonementS-Vreis bei der Ex-edition 2/* Ak.. bei Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (efd. Bestellgeld). KlsertionSaebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. SeL'amen für die Zeile 55 Pfg.

(Olirilicllifdic jfitiinp.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureoux vonHaasenstein undVogler in Frankfurt a. M, Gaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a M., Berlin,M ünchen und Köln; G. L. Daube und So. n rantturt o. M, B rl n.Ha nov r u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Anitlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Okt. DerReichsAnz." meldet: Dem Grafen Hochberg wurde durch Kabinettsordre vom 10. Okt. die einstweilige Leitung der Intendantur der Königlichen Schauspiele mit allen Rechten und Pflichten eines General- Intendanten kommissarisch übertragen. Der Bundesrat hielt am 14. d. Mts. unter dem Vorsitz des Staats- Ministers, Staatssekretärs des Innern, v. Bötticher, eine Plenarsitzung ab. In derselben wurden der Entwurf zu Bestimmungen über die Wiederholung der statistischen Auf­nahme des Heilpersonals, des pharmazeutischen Personals und der pharmazeutischen Anstalten dem Ausschuß für Handel und Verkehr, der Antrag Bayerns, betreffend die Abänderung des Etats der Zollverwaltungskosten für das Königreich Bayern, den Ausschüssen für Zoll- und Steuer­wesen und für Rechnungswesen überwiesen. Hierauf fand die Wahl eines Präsidenten und zweier Mitglieder von Disziplinarkammern für elsaß - lothringische Beamte und Lehrer statt. Endlich wurde die geschäftliche Behandlung mehrerer Eingaben Beschluß gefaßt. DerReichs- Anzeiger" sagt bezüglich der in neuester Zeit auf den preußischen Staatsbahnen in rascher Aufeinanderfolge vor­gekommenen Eisenbahunglücksfälle: Ueber jeden derselben ist sofort eine eingehende Untersuchung eingeleitet worden; soweit bisher zu ermitteln war, konnte bei keinem Unfälle eine andere Ursache festgestellt werden, als der Verstoß eines Einzelnen gegen die klaren und einfachen, seit lange bestehenden bestimmten Vorschriften Tie Staatsbahn- Verwaltung ist längst aufs ernstlichste bemüht, durch eine allgemeine Einführung der bewährtesten Sicherheitsvor­richtungen im Betriebe gefährliche Irrtümer und Mißver­ständnisse möglichst auszuschließen. Daß diese Bestrebungen nicht erfolglos geblieben sind, geht aus der Statistik deut­lich hervor. Auch ferner soll alles aufgeboten werden, Unfällen thunlichst vorzubeugen. Selbstverständlich ist es von größter Wichtigkeit, an keinen der im äußeren Dienste beschäftigten Beamten eine Anforderung zu stellen, welche er_ nicht ordnungsmäßig erfüllen kann. Ebenso selbstver­ständlich ist es, daß die Rücksicht auf thunlichste Spar­samkeit gegenüber solchen isicherheitsmaßnahmen entschieden zurücktreten muß. Den Eiscnbahnbehörden ist zur Pflicht gemacht, darauf zu halten, daß dieser Grundsatz auch im einzelnen durchgeführt wird. Ebenso hat die Zentralstelle weitere geeignete Anordnungen zu möglichst erhöhter Be­triebssicherheit auf den preußischen Bahnen getroffen. Nach einer Vergleichung des eben ausgcgcbenen juristischen Terminkalenders für 1887 mit dem vorhergehenden Jahr­gange ergiebt sich, daß das abgelaufene Berichtsjahr (von September zu September gerechnet) in den höchsten juri­stischen Stellen in Preußen weniger, in den anderen aber

Geschichtskalerrder.

17. Oktober.

1456. Die Universität Greifswald wird, vom Herzoge Wartislaw IX. von P: mmern und Wolgast gestiftet, ein» geweiht.

1797. Durch den Obergeneral Boraparte wird zwischen Frankreich und Oesterreich der Friede von Campo-Formio geschlossen (Oesterreich erhält das Gebiet von Venedig).

1805. Der österreichische General Mack geht die Kapitulation von Ulm ein.

1813. Der Kampf um Leipzig erleidet einen Stillstand.

1854. Die Franzosen und Engländer eröffnen das Bombar­dement auf die Festung Sebastopol.

18. Oktober.

1502. Die Universität Wittenberg wird vom Kurfürsten Friedrich dem Weisen gegründet.

1748. Der Abschluß des Friedens zu Aachen beendigt den österreichischen Erdfolgekrieg.

1813. Napoleon wird in der entscheidenden Schlacht bei Leipzig geschlagen.

1817. Die Burschenschaft der deutschen Universitäten feiert das Wartburgfest.

1818. Die Universität Bonn wird gegründet.

1831. Friedlich Wilhelm Nikolaus, Kronprinz von Preußen, geboren.

1870.

18. Oktober. 22. Division erstürmt Chateandun. von Werder nimmt Vesoul.

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.)

Srnft wollte alles ablehnen, er mochte nicht an Speise und Trank denken, fügte sich aber den Anordnungen seines

mehr Veränderungen, als die Vorjahre gebracht hat. Die Avancements- und Astensionsverhältnisse find im Richter- Personale nicht ungünstig gewesen, aber die allgemeine Stauung besonders im Personale der Assessoren wird trotz starken Abgangs infolge vermehrten Zuflusses immer be­denklicher und die sehr langsam abnehmende Zahl der Referendare läßt eine Besserung der Aussichten der jungen Juristen noch in weiter Ferne erscheinen. Vor der Justiz- Reorganisation erhielten bekanntlich Dreiviertel aller Richter erster Instanz den Ratstitel, während ihn jetzt nur ein Drittel erhalten soll. Bis dieses Drittel durch Abgang u. s. w. der vorhandenen Räte erreicht ist, sollen Ernen­nungen nur ausnahmsweise und in ganz besonders gear­teten Fällen stattsinden. Augenblicklich beträgt die Zahl der Land- und Amtsgerichtsräte immer noch 1311, d. i. 38'/r Prozent aller Richter erster Instanz. Man kann also annehmen, daß noch zwei Jahre vergehen, bis die regelmäßigen Beförderungen wieder stattfinden können; die ältesten Richter werden dann 19 Jahre Anciennität haben.

Posen, 13. Okt. Zu Ansiedlungszwecken sind nach Mitteilung desOrendownik" neuerdings wieder mehrere Güter angekauft worden: Swiniary (mit 592 Hektaren Flächeninhalt, Swiniarki (mit 324 Hektaren), Jmilienik, sämtlich bisher Herrn von Walczewski gehörig, sodann Jarvszew (mit 481 Hektaren), bisher Herrn Katerla ge­hörig. Ferner haben, nach dem genannten Blatte, die bis­herigen polnischen Besitzer zum Kauf angeboten die Güter: Michalcza (mit 324 Hektaren) und Mierzowo (mit 956 Hektaren). Außerdem haben mehrere polnische Bauern ihr Besitztum bereits verkauft: so 4 polnische bäuerliche Wirte in Rapoleonowo und ein Wirt in Wozniki. Was Ruchocin betrifft, so hat die bisherige Besitzerin, Frau von Gutowska, dies Gut einigen polnischen Magnaten zum Kauf angeboten und erst dann, als diese Offerte vergeblich war, es zu Ansiedelungszwecken verkauft.

Lingen, 15. Okt. Bei der heutigen Landtagsabgeord­netenwahl an Stelle des verstorbenen Abg. Jacobs wurde Colone Hoppe (konservativ) gewählt.

Düffeldorf, 15; Okt. Die gestrige Versammlung der Buchdruckereibesitzer beschloß ferner, den Sektionsver­band zu beauftragen, mit einer soliden deutschen Privat­versicherungsgesellschaft in Verbindung zu treten, um eine Invalidenversicherung für das Personal der Offizinen ein­zurichten. Die Versammlung bestätigte den früheren Sek­tionsbeschluß, bezüglich der möglichst raschen Gründung von Innungen für den Umfang des Regierungsbezirkes. Die Sektion beauftragte eine Kommission, den inzwischen bearbeiteten Entwurf der Jnnungssatzungen den Sektions­mitgliedern gedruckt zugehen zu lassen.

Lübeck, 13. Okt. Am letzten Sonnabend wurde von

prakrstmen Freundes uno fand in der gemütlichen Umgebung unter Wcllmers freundlicher Fürsorge nach und nach die verlorene Ruhe wieder. Seine übergroße Erregtheit begann sich zu legen, männlicher Ernst und feste Entschlossenheit prägten sich auf seinen sonst weichen Zügen aus.

Noch einige Stunden saßen sie beisammen in ruhigem Gedankenaustausch.Gewiß wirst Du manches Schwere zu überwinden habens sprach Wellmer,aber vor Dir schwebt ein schönes Ziel, Du wirst, Du mußt es erreichen, wenn auch nicht ohne Kampf und Mühen. Auch mein Lebensweg war nicht immer glatt und eben, vielleicht schenkst Du mir Dein freundliches Interesse, trenn ich Dir erzähle, wie sehr meine Jugend des heiteren Glanzes entbehrte, wie manchen Kampf ich in meinem Innern durchzukämpfen hatte.

Mein Vater nahm als Beamter eine hohe Stellung ein, wir hatten ein glückliches Familienleben, eine Schwester, einige Jahre älter als ich, einen jüngeren Bruder und ich, wir wurden von den Eltern mit zärtlicher Liebe und Sorgfalt erzogen. Schon als Knabe hatte ich zu meines Vaters Freude den Entschluß gefaßt, Jurisprudenz zu studieren, war bereits in die oberen Klassen des Gymnasiums anfge- rückt und schwärmte mit meinen Freunden in der frohen Aussicht, binnen Kurzem die Universität beziehen zu können, als der Tod meinen Vater plötzlich nach kurzer Krankheit hinwegraffte, im kräftigsten Maunesalter, aus der Fülle der Gesundheit.*

Ein schweres Kreuz wars, was der liebe Gott uns Allen, besonders aber meiner armen Mutter, auferlegte. Sie verlor nicht nur den heißgeliebten Gatten, sie sah auch mit bangem Herzen in die Zukunft, da ihr von nun an die Sorge für uns Kinder bei einer im Verhältnis nur geringen Pension und ohne eigenes Vermögen allein oblag.

Ein entfernter Verwandter erbot sich, mich ohne Ver­gütung in seine große Maschinenfabrik als Lehrling aufzu­nehmen. Ich kämpfte einen schweren Kampf, alle Zukunfts- pläue, die ausgesprochene Neigung für den erwählten Beruf, der mir durch meinen Vater so teuer geworden war, mußte

hier ein Soldat des hiesigen Bataillons nach Altona, wo sich das Korpskommaudo befindet, in Untersuchungshaft abgeführt. Derselbe, der sich vor einer Woche in Ham­burg auf Urlaub befunden hatte, hatte sich, wie dieKiel. Ztg." berichtet, daselbst in einen sehr stark sozialdemokratisch angehauchten Verein aufnehmen lassen. Nach hier wurden ihm die Statisten dieses Vereins nachgeschickt.

Darmstadt, 14. Oki. Im Laufe des Jahres 1884 wurden von den Gerichten des Großherzogtums Heffen 6465 strafbare Handlungen rechtskräftig entschieden gegen 6385 im Jahre 1883 und 6826 im Jahre 1882. Ein Rück­gang ist erfreulicher Weise wahrzunehmen bei den Ver­brechen gegen die Sittlichkeit, den Urkundeufälschungett, den gemeingefährlichen Verbrechen, den Verbrechen im Amte, bei Diebstahl und Unterschlagung, Betrug und Untreue. Dagegen weisen bedeutende Vermehrung auf die Belei­digungen, die Körperverletzungen, sowie die Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche Ordnung.

Ausland.

Paris, 15. Okt. Präsident Grevy empfing gestern Herbette, der morgen nach Berlin abreist.

Loudon, 15. Okt. Auf eine Anfrage über die Authentizität der von derPall-Mall Gaz." veröffentlichten Denkschrift über den Zustand der britischen Flotte soll Lord Beresford, Mitglied der Marinerats, erwidert haben, die Veröffentlichung der von ihm verfaßten Denkschrift in derPall-Mall Gaz." sei nicht zu rechtfertigen, denn es handle sich um~ ein für den Admiralitätsrat vorbereitetes vertrauliches Schriftstück.

Kopenhagen, 15. Okt. Das höchste Gericht ver­urteilte den verantwortlichen Herausgeber desSozial­demokraten" wegen Zuwiderhandelns gegen das provisorische Gesetz vom 2 November 1885 tetr. Aufhetzung einer Bevölkerungsklasse gegen eine andere und Erregung von Haß gegen die Regierung durch die Presse zu einer vierzehn­tägigen Gefängnisstrafe. Die Entscheidungsgründe führen aus, das provisorische Gesetz vom 2. November 1885 sei, obschon nur während der Tagung des Reichstages erlassen, gleichwohl rechtsgiltig; die Rechtsgiltigkeit werde auch dadurch nicht berührt, daß das Folkething sich gegen dasselbe ausgesprochen habe, .bevor es dem Reichstage von der Ne­gierung vorgelegt war, ebensowenig dadurch, daß der Reichstag geschloffen wurde, bevor das provisorische Gesetz die Sanktion desselben erhalten hatte.

Petersburg, 15. Okt. DasJournal de St. Peters- bourg" bemerkt unter Bezugnahme auf ein Telegramm der Neuen freien Presse" über Wahlenthaltungen in 9 bulga­rischen Wahlbezirken, feie Meldungen bestätigten die Be­trachtungen desJournals" über die bedauerlichen Um- 1 ~ -wif- = ", . i --- J

ich aufgebm. Hätte ich allein gestanden, ich hätte wohl versucht, durch Aufbietung all meiner Kräfte das von mir ersehnte Ziel zu erreichen, doch hatte ich mir an meines Vaters Grab gelobt, alles aufzubieten, um meiner armen, verlassenen Mutter so bald wie möglich eine Stütze zu werden. Sollte ich feig zurückbeben vor dem ersten Opfer, was von mir gefordert wurde, sollte ich mir mein gegebenes Gelöbnis brechen? N-in, ich mußte mich fügen, mußte entsagen und nie sollten die Meinigen erfahren, wie groß das Opfer war, welches ich ihnen brachte. Mit allen Kräften war ich bemüht, mich nach und nach in die neuen Verhältnisse hineiuzuar- beiten. Die Zufriedenheit meines Prinzipals und die Freund­lichkeit, die ich in seinem Haufe erfuhr, erleichterten mir meine Stellung.

Nach einigen Jahren angestrengter Thätigkeit erhielt ich ein kleines Gehalt, dem alle Jahre zugelegt wurde, so daß ich im Stande war, meiner Mutter und Schwester, welche durch angestrengtes Arbeiten ihre Lage zu verbessern suchten, aber auch oft ihre Kräfte überschätzten, mancherlei kleine Erleichterungen zu verschaffen.

Mein Wunsch, einige Jahre im Auslande thätig zu sein, um mich in meinem Fache vielseitiger auszubilden, ward dadurch erfüllt, daß mir mein Prinzipal eine Stellung in England vermittelte, welche für mich in jeder Hinsicht vorteilhaft war. Nun konnte mein lieber Bruder erreichen, was mir versagt ward, vorn Schicksal, er konnte mit Hilfe eines ausreichenden Zuschusses meinerseits die Rechtswissen­schaften studieren.

Einige Zeit nach meiner Abreise benachrichtigte mich meine Mutter, daß eine ihr unerwartet zugefallene Erbschaft zu ihrer Freude meine fernere Unterstützung unnötig mache. O, hätte ich einige Jahre früher nur einen kleinen Teil dieser Summe in Händen gehabt, wie anders hätte sich als­dann mein Schicksal gestaltet. Doch das war vorbei und ich dankte Gott, daß ich nun ohne pekuniäre Sorgen all das Neue und Interessante beobachten konnte, das mir in England, gerade für meinen Beruf so belehrend und meine