Nr. 243.
Marburg, Sonnabend, 16. Oktober 1886.
XXI. JlihlMtz.
«rsch ünt täglich außer au Wcrttagen nach Sonn-und Kerrrtagen. — Quartal» NtzonnemrntS-DreiS der der Sxpesition 9*/* Mk., bei d« Postämter 2 Mk. 50 («rcl. Bestellgeld). JulertionSgebübr für die ättpoliene Zeile 10 Pfg. Strllam-n für die Zeile » Pfg.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogl« in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mosse in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n rankiurt o. M, rln,Ha novcru.Pari--
Wöchkiitliche Beilagen:
Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n.
Exvedition- Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.
- Illustriertes Sonntagsblatt.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Okt. Der deutsche Botschafter am russischen Hofe, General von Schweinitz, ist heute früh nach Varzin gereist, von wo er sich direkt nach Petersburg bezieht. — Graf von Unruh, Vortragender Rat im Ministerium des Königlichen Hauses, ist zugleich zum Direktor des Königlichen Hausordens ernannt worden. — Die „Nordd. Allgem. Ztg." sieht in dem Ergebnisse der Sobranje- Wahlen einen weiteren Beweis für die Richtigkeit ihrer früheren Behauptung, daß in der Stimmung der bulgarischen Bevölkerung ein Grund zur Abreise des Prinzen von Battenberg nicht gelegen habe, oie Mehrheit der Bevöl- kenung würde sonst nicht für die von ihm eingesetzte, keineswegs einwandtfreie Regentschaft votiert haben. Die Beantwortung der Frage, wodurch der Fürst zur Abdikation veranlaßt worden sei, lasse nur zwei Möglichkeiten zu. Entweder habe der Fürst die Lage nicht erkannt und dieselbe für schlecht gehalten, während sie ihm günstig war, und diese Annahme würde ein ungünstiges Licht auf seine staatsmännischen Fähigkeiten werfen; oder sein weiteres Verbleiben sei ihm unbehaglich erschienen. Zweifellos würde der Fürsts wenn er ausgeharrt hätte, dem Laude wenigstens die mit den Wahlen verbundenen Stürme und Erregungen erspart haben, die, wie auch immer der Ausgang sei, einen schlimmen Einfluß auf die weitere Entwickelung Bulgariens haben müßten. — Rach § 41 des Bankgesetzes hat sich bekanntlich das Reich das Recht Vorbehalten, zuerst zum ersten Januar 1891, alsdann aber von 10 zu 10 Jahren nach vorausgegangener einjähriger Ankündigung, entweder die Reichsbauk aufzuheben oder die sämtlichen Anteile der Reichsbank zum Nennwerte zu erwerben. In konservativen Blättern ist nun in letzter Zeit wiederholt diese Kündigung und eine darauf folgende Umgestaltung der Bank zu gunstcn der Landwirtschaft und der kleineren Handel- und Gewerbetreibenden als selbstverständlich^ und fast schon als gesichert besprochen. Daß zunächst bei der Reichsbank in ihrer jetzigen Form beteiligte Kreise ganz anders darüber denken, zeigt folgender Schluß eines längeren Artikels über die Reichsbank in der „Berliner Illustrierten Börsen-Zeitung": „Man sieht allgemein von dieser Eventualität (nämlich der Kündigung seitens des Staates) ab und, wie wir glauben, mit vollem Recht; ja, man erwartet vielmehr, daß im Jahre 1890 nicht nur eine Prolongation des Kündigungsrechtes auf weitere 10 Jahre zu Stande kommen werde, sondern sogar eine Uebercinkunft zwischen dem Staate und den Anteilseignern. wonach letzteren gegen gewisse Zugeständnisse ihrerseits die Furcht vor der Kündigung definitiv genommen wird. Diese Hoffnung, welche sich auf die Erwägung
stützt, daß ein so großes Bankinstitut nicht gänzlich in die Hände des Staates übergehen könne wegen der außerordentlichen Gefahr in Kriegszeiten, wird eben in dem um etwa 15 pCt. höheren Kursstände der Reichsbankanteile eskomptiert." Tie Schlußbemerkung bezieht sich darauf, daß die Anteilinhaber im Fall der Kündigung nur den Nennwert — 100 pCt. — und die Hälfte des Reserve- Fonds — jetzt etwa 10 pCt. — zu fordern haben, während der Kurs augenblicklich über 138 beträgt. In dieser Kurshöhe spricht sich natürlich auch die feste Hoffnung der Anteilsbesitzer aus, daß ihr jetziges Verhältnis zurBank und zum Staate noch über das Jahr 1891 hinaus dauern wird. Das auch hier wieder herangczogene Schreckbild der Kriegsgefahr ist ein höchst fadenscheiniger Grund für den Fortbestand der privaten Beteiligung; im äußersten Notfälle würde sich weder Freund noch Feind scheuen, das Geld auf Grund einer Anleihe oder einer Kontribution da zu nehmen, wo er es am bequemsten fände. Viel größer ist jedenfalls die Gefahr, ein so großes Bankinstitut, welches nicht ,nur auf dem deutschen, sondern allmählich auch auf dem internationalen Geldmärkte tonangebend geworden ist, in den Händen der privaten Geldmänner, der Börse und ihres Treibens auf die Dauer zu lassen. Soll also nach drei Jahren ernstlich gegen die Ausbeutung der Reichsbank durch die Hochfinanz und die Börse Front gemacht und eine für die Allgemeinheit höchst wünschenswerte Umgestaltung der Bank vorgenommen werden, so ist schon heute zu beachten, daß das nicht so leicht möglich sein wird, daß man auf starken Widerstand der privaten Kreise stoßen wird, welche heute an der Verwaltung der Reichsbank beteiligt sind und in der Aufrechterhaltung dieser Beteiligung ein persönliches Interesse verteidigen.— Der „Voss. Ztg." wird mitgeteilt: „daß die Verurteilten des Freiberger Sozialisten - Prozesses, die Rcichstagsabgeordneten Auer, Bebel, Frohme, Viereck, Dietz und v. Volmar, sowie Ulrich, Müller und Heinzel, nachdem das Reichsgericht endgültig entschieden hat, sich zur sofortigen Strafantretung melden werden". Die Reichstagsmahlen von 1887, zu denen so- zialdemokratischcrseits alle Kräfte angespannt werden sollten, verlangten frühzeitige Agitation; so sei diese schnelle Fügung in das Unvermeidliche verständlich. Durch die Verurteilung der sechs Reichslagsabgeordneten und des hessischen Landtagsabgeordneten Ulrich sei die Leitung der deutschen Sozialdemokratie auf Monate hinaus ihrer befähigtesten Köpfe beraubt worden. Liebknecht, der allein noch in Betracht komme, werde nicht vor Ablauf dieses Jahres oder Beginn des nächsten nach Deutschland zurückkehren. Seine amerikanische Agitationsreise gehe weit über den ursprünglich festgesetzten Rahmen hinaus.
Halle, 14. Okt. Ein partieller Buchdruckerstrike ist hier eingetreten, da die Prinzipale den bedingungslosen Beitritt zu dem neuen Tarif ablehnen.
Düsseldorf, 14. Okt. Die heute hier stattgehabte Versammlung von Buchdruckereibesitzern beschloß, in Streik- fällcn mit Kontraktbruch die Hilfe des Gewerbegerichts anzurufen, auf Schadensersatz zu klagen, sowie die Namen aller^kündigungslos Streikenden sofort dem Vorsitzenden der Sektion mitzuteilen behufs schleuniger Bekanntgabe an die Mitglieder der Sektion. Ferner verpflichteten sich die anwesenden 43 Prinzipale, keinen dieser Gehilfen wieder zu beschäftigen und bei den nichtanwesendcn Prinzipalen auf das gleiche Verfahren hinzuwirken. Endlich beauftragte die Versammlung den Sektionsvorstand, eine wirklich allgemeine Urabstimmung der deutschen Prinzipale über den neuen Tarif mittelst unterschriebener Stimmzettel herbeizuführen.
Elberfeld, 14. Okt. Das Elberfeld-Barmener Gewerbegericht verurteilte heute 23 streikende Buchdrucker wegen ohne Kündigung erfolgter Arbeitseinstellung zum Ersätze des vierzehntägigen Lohnes und der Kosten.
Braunschweig, 13. Okt. Im hiesigen Staats- Ministerium haben, dem „Braunschw. Tagcbl." zufolge, zwischen den Ministern und den Kommissarien des Herzogs von Cumberland bereits Verhandlungen über die erwähnten Ansprüche des Herzogs stattgefunden. Die Fragen, um welche es sich handelt und welche mit alten historischen Rechtsverhältnissen Zusammenhängen, sind zum Teil recht verwickelter Natur. Wie man dem genannten Blatte von unterrichteter Seite versichert, ist die von uns nach der „ Nat.-Ztg. “ gebrachte Mitteilung teilweise ungenau und unrichtig. So viel könne aber bereits gesagt werden, daß die Verhandlungen allem Anscheine nach zu einem Vergleich führen werden. — Die Nachricht des dänischen Blattes „Politikeii", daß das geistige Befinden des Herzogs von Cumberland zu Bedenken Veranlassung gebe, wird von der welfischen „Deutschen Volks - Ztg." als unwahr bezeichnet.
Weimar, 13. Okt. Der gestern zusammengetretene Landtag findet ein ansehnliches Arbeitsmaterial vor. Von Interesse ist zunächst der Gesetzentwurf über Heranziehung von Militärpersonen zu Gemeindeabgaben, der heute zur ersten Lesung stand., Nach demselben haben die im Offiziersrang stehenden Militärpersonen, welche der Heranziehung zur Einkommensteuer unterliegen, neben den bereits zu entrichtenden Abgaben vom Grundbesitz und Gewerbebetrieb, von dem aus sonstigen Quellen fließenden außerdienstlichen Einkommen an die Gemeinde ihres Wohnortes Gemeindesteuern nach Maßgabe der gesetzlichen und ortsstatutarischen
Geschichtskalenver.
16. Oktober.
1553. Der berühmte Maler Lucas Kranach, Luthers vertrauter Freund (geb. 1472), stirbt zu Weimar.
1747. Wilhelm IV. von Oranien-Naffau wird mit der Allgemeinen Erbstattbalterwürde in Holland bekleidet.
1757. Ein österreichisches Korps unter Haddik brandschatzt Beilin.
1793. Der französische General Jourdan schlägt die Engländer und Oesterrncher unter dem Prinzen von Coburg bei Watignies; Marie Antoinette, 32 Jahre alt, wird guillotiniert.
1813. Die 4tägige Völkerschlacht bei Leipzig beginnt mit den drei Treffen bei Wachau, Lindenau und Möckern.
1815. Napoleon landet aus der Insel St. Helena als Kriegsgefangener.
1870.
16. Oktober. Kapitulation von Saissons.
Durchs Leber» erzogem
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
Beinahe wie ein Jubelruf klang eS, als er ihre Hand ergreifend ausrief: „Martha, weinst Du um mich? Schmerzt es Dich mich fortgehen zu sehen, ohne daß ich weiß, ob und wann ich Wiederkehre? Laß Dir in dieser schweren Abschiedsstunde sagen, wie teuer Du meinem Herzen bist, nicht als eine nahe Verwandte, nein, als die Geliebte, der mein Leben gehört, deren süßes Bild mit mir hinansziehen soll in die ferne Welt, mich anspornend zu angestrengter Thä- tigkeit, zu ernstem Vorwärtsstreben; Martha, gieb mir einen Hoffnungsstrahl, daß auch ich Dir nicht gleichgiltig bin, daß es nicht blos schwesterliche Teilnahme war, die Deinen lieben Augen Thränen entlockte."
Da schaute sie ihn an mit einem einzigen innigen Blick: „Ja, Ernst, ich habe Dich lieb von ganzem Herzen, aber
laß diese Liebe noch unser Geheimnis jdn, Lis Du einst wiederkchrst. In Liebe und Treue will ich daheim Dein gedenken immerdar."
Ernst schieß sie in seine Arme, drückte den ersten Kuß auf die erbebenden Lippen und blickte sie lange an, als volle er die geliebten Züge unauslöschlich in feinem Herzen bergen. „Leb wohl, mein süßes Mädchen, vielleicht für lange Zeit, verzage nicht, ich werde mein Ziel erreichen und einst Dir Deine Liebe lohnen, wenn Du mein geliebtes Weib bist!" •
Er war verschwunden und sie lauschte nur noch dem Tone seiner verhallenden Schritte.
Ja seinem behaglich eingerichteten Zimmer saß in der Sophaecke, mit dem Lesen einer Zeitung beschäftigt, Direktor Wellmer. Er liebte einen gewissen Komfort und verstand es, sich solchen in seiner Häuslichkeit zu schaffen. Eine Helle Lampe erleuchtete freundlich den gemütlichen Raum, welcher durch den weichen Teppich, der über den Fußboden gebreitet war, die verschiedenen von kunstgeübter Hand gearbeiteten Stickereien, die Bilder in reichgeschnitzten Rahmen, die Vorhänge von buntem Wolleustoff, einen ungemein wohnlichen Eindruck hervorbrachte, der noch erhöht wurde, durch das feine Porzellanservice, das auf dem, mit weißer Damastserviette überdeckten Tische zierlich aufgestellt war und dmch den aromatischen Duft des eben bereiteten Thees.
Wellmer, welchen sein anstrengender Beruf den größten Teil des Tages in Anspruch nahm, liebte es, den Abend bei einer anregenden Lektüre in seiner Häuslichkeit zuzu- bringen, kotz der wiederholten Bitten seiner Freunde, sich mehr in ihren Kreisen zn bewegen, in denen er ein gern gesehener Gast war.
Auch heute unterbrach ein Klopfen an der Thür sein Stilleben, aber nicht einer seiner Freunde war es, welcher eintrat, sondern Ernst von Steiner, den er noch nie als Gast in seiner Wohnung gesehen hatte. Erstaunt blickte er in das bleiche erregte Gesicht des jungen Mannes.
„Herr Baron, Sie überraschen mich auf das Angenehmste, darf ich Sie bitten, bei mir Platz zu nehmen?"
Ernst warf sich ermüdet in einen Sessel: „Zuerst, Herr Direktor, eine Erklärung, weshalb ich Sie heute aufsuche.
Ich bin nicht mehr der, für den Sie mich halten, nicht des reichen, angesehenes Mannes vielbenetdeter Sohn; ich bin ein verstoßenes Kind, hinweggetrieben von der Schwelle des Vaterhauses, heimatlos, vereinsamt komme ich zu Ihnen, .jd; konnte das Leben so nicht mehr ertragen. Die Kunst zieht mich an sich mit Zaubermacht, mein Sehnen, mein SSunfdjen wirb Erfüllung, ich ziehe hinaus in die Ferne, nach Italien, dem Lande meiner Träume. Aber ehe ich mich dessen erfreuen kann, muß ich erst lernen den Schmerz überwinden, daß ich in dieser Weise die Heimat verlasse, datz ich ge-valtsam mich losreiße von allem was mir lieb und teuer ist. Schon längst habe ich gefühlt, daß ich einen treuen Freund an Ihnen hatte, daß Sie mir ihre Teilnahme schenkten. Sie haben oft für mich gearbeitet, oft meinem Vater meine Abwesenheit zu verbergen gesucht, wenn die Staffelei mich Zeit und Stunde vergessen ließ, ich danke ^hnen dafür von ganzem Herzen. Nun noch eine Bitte, deren Erfüllung für mich von größtem Werte sein würde, Wellmer, sei mein Freund, ich liebe, ich verehre Dichl"
Mit tiefer Rührung blickte der Angeredete den jungen Mann an. „Ja, Dein Freund von ganzem Herzen, schenke mir Dein Vertrauen, fordere einen Beweis von mir, dass ich Dir treu ergeben bin!"
»Mir ist jeder Verkehr mit dem Vaterhaufe untersagt, willst Du den Briefoerkchr mit meiner Mutter vermitteln und auch mit ihr, der mein Herz gehört und der ich den Schmerz einer langen Trennung nicht ersparen konnte. Gestatte mir eine F ’.ge, ich weiß, daß der Wunsch meines Vaters eine Verbindung, zwischen Dir und meiner Kousine ist, es würde schmerzlich für mich fein, wenn die Dein Herz gefesselt hätte, welche mir gehört fürs Leben."
„Fürchte nichts für mich, mein Freund, so sehr ich Deine Kousine Martha auch verehre, gönne ich Dir idoch ihren Besitz von ganzem Herzen, ich selbst habe kein Herz mehr zu verschenken."