Einzelbild herunterladen
 

Rr. 242.

Marburg, Freitag, 15. Oktober 1886.

XXI. JahMW.

Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und vertagen. Quartal- LLonnementS-Preis bei der Expedition 2'/t '5IL, bei k* Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (excl. Bestellgeld)- JnsertwnSzebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Nellamen für die Zeile Pfg.

OdklhcUchk Jtitng

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVoglee in Franksurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien; Nudol i Moffe in Frankfurt a At-, Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Co. n tanfiurt a. SW., B rl n, Ha notier u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. i>. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Zllustriertes Sonutagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

..... - ' -. - 1 '.... -------» ----------------------- ,

Der Befähigungsnachweis für Handwerker » hat in den beiden letzten Reichstagssessionen viel von sich i reden gemacht und wird voraussichtlich auch in der kommenden wieder auf die Tagesordnung kommen. Die Befürworter des Befähigungsnachweises fordern denselben deshalb haupt­sächlich, um unwissende Elemente aus dem Handwerker­stande fernzuhalten, diesen zu säubern und die Meister­würde wieder zu Ehren zu bringen. Es wäre vortrefflich, wenn jenes Selbftbewußtsein wieder im Handwerk Platz griffe, das in früheren Zähren den selbständigen Hand­werker sich ausdrücklich alsBürger und Meister" be­zeichnen ließ. Untersuchen wir, ob der Befähigungsnachweis thatsächlich geeignet ist, dies Ziel zu erreichen, indem wir ganz außer Acht lassen, daß während des früheren Zunft­wesens die Meisterprüfung oft von dem guten Willen einer Klique abhing, und voraussetzen, daß solche Zustände jetzt nicht mehr möglich sind. In früheren Jahren galt als die Hauptsache bei dem Handwerker die technische Geschick­lichkeit; das trifft auch jetzt noch für einige zu, aber im großen und ganzen muß sich mit der technischen Geschick­lichkeit heute Geschäftsumsicht, Verständnis für die Wünsche des oft sehr launenhaften Publikums und zum mindesten etwas Kapital verbinden. Der geschickteste Geselle wird in seinem Leben nicht als Meister florieren, der nicht auch die letzteren Eigenschaften besitzt. Wie will man ihn aber daraufhin prüfen? Da tritt eben eine totale Unniöglichkeit ein. Wollte man den Meisterafpiranten wegen seiner Ver­mögens und anderer Verhältnisse auf den Zahn fühlen, so brauchte er einfach nicht zu antworten, denn niemand kann gezwungen werden, Geschäftsgeheimnisse preiszugeben. Bleibt also nur eine trockene Prüfung auf die technischen Kenntnisse übrig und die garantiert nichts! Wir wollen das klar beweisen: Ein Geselle macht seine Meisterprüfung. Er ist z. B. Schuhmacher und zeigt vor der Prüfungs- Kommission bedeutende Geschicklichkeit, er ist ein Künstler in seinem Fach. Er etabliert sich; da es mit dem Gewinn von Arbeit ihm nicht rasch genug geht, fängt er an zu schleudern, um Kunden heranzuziehen. Er kauft fertige Ware geringerer Qualität, für billigen Preis und nun geht es drunter und drüber, zum Schaden seiner Meisterkollegen, zum Schaden seiner selbst. Welchen Nutzen brachte da die Meister-Prüfung? Keinen, nur Schaden! Weiter, wie will man überhaupt einen Handwerker eingehend prüfen? Die Geschäfte haben sich dermaßen zerteilt, daß es ganz bestimmte Unterbranchen vielfach giebt. Da sind Bautischler und andere Tischler, Kunstschlosser, Bauschlosser, Maschinenschlosser rc. Wie will man da prüfen, oder soll Jeder auf seine Spezialität festgenagelt werden? Das ist bei den heutigen Zeitver« hällniffen unmöglich. Wenn kein Geschäftsmann heute mehr sein Gewerbe wechseln dürfte, die ruinierten Leute

liefen zu Dutzenden umher. Mancher geht ohne seine Schuld bei einem Unternehmen zu Grunde, und hilft sich beim anderen wieder auf. Will man diesen jede Hoffnung rauben? Daö wäre nicht gerecht und nicht human.

Eins thut aber not zur Reform des Handwerks, die Bildung eines durchaus tüchtigen Gesellen- und Gebilfen- Standes und dieses soll und muß kultiviert werden.

Lettisches Reich.

Berlitt, 13. Okt. Ihre Majestät die Kaiserin und Königin haben in huldreicher Erwiderung auf die von dem Vorstande des Vaterländischen Frauen-Vereins zu Berlin zugleich im Namen der Zweigvereine zu Aller- höchstihrem Geburtstage dargebrachten ehrfurchtsvollen Glückwünsche "das nachstehende Allerhöchste Handschreiben zu erlassen geruht: Die Glückwünsche des Vaterländischen Frauen-Vereins und seiner Zweigvereine rufen auch dieses Mal daö dankbare Gefühl der Anerkennung in Mir her­vor für das von Gott gesegnete Gedeihen des Vereins, dessen stets wachsende Verbreitung stets erfreulich ist, und für die Leistungen seiner zahlreichen Mitglieder, mit denen Ich Mich stets in gemeinsamer Arbeit verbunden fühle. Unter Führung des Justizministers Dr. Friedberg und des Geheimen Oberjustizrats Dr. Starke besuchte heute zum ersten Male der Minister des Innern v. Puttkamer den Justizpalast in Moabit. Nachdem die drei Herren den augenblicklich unbenutzten großen Schwurgerichtssaal in Augenschein genommen, besichtigten sie je einen Sitzungs­saal der Strafkammer und des Schöffengerichts. Von dem Gerichtsgebäude aus begaben sich die Herren in das Unter­suchungsgefängnis und von dort nach der Strafanstalt am Plötzensee. DasLeipziger Tagebl." weist darauf hin, daß durch das Erkenntnis des Reichsgerichts in Sachen Bebel und Genossen der Urteilsspruch des Landgerichts Freiberg sofort rechtskräftig geworden sei. Mit der Zu­stellung des Urteils, welche durch das Reichsgericht ge­schieht, ist das erstere sofort vollstreckbar. Es würden so­mit die verurteilten sechs sozialdemokratischen Reichstags- Abgeordneten voraussichtlich nicht in der Lage sein, in der nächsten Session ihre Sitze im Reichstag einzunehmen. Wie das genannte Blatt vernimmt, fänden in den leitenden Kreisen der sozialdemokratischen Partei gegenwärtig Er­wägungen statt, auf welche Weise es möglich ist, die da­durch entstandene Lücke auszufüllen und solle man sich nicht verhehlen, daß diese Möglichkeit nur dadurch sich her­beiführen läßt, daß die verurteilten sechs Abgeordneten für" bie Dauer des Nestes der Legislaturperiode ihre Man­date niederlegen. Man solle sich aber auch darüber kein Hehl machen, daß dieses Experiment ein gewagtes ist und abgesehen von den beträchtlichen Geldkosten, leicht zum Nachteil der Partei ausschlagen könne. Eine von der

Freien Organisation junger Kaufleute einberufene öffent­liche Versammlung verhandelte am Montag über die an­gestrebte Ausdehnung des Krankenversicherungszwanges auf die Handlungsgehülfen Berlins und das den Kassenzwang ablehnende Gutachten des Aeltesten - Kollegiums. Nach längerer Diskussion, in der sich alle Redner mit Ausnahme eines einzigen für den Kassenzwang aussprachen, wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen:Die am Montag, den 11. Oktober 1886, in den Bürgersälen, Drcsdenerstraße 96, tagende öffentliche kaufmännische Ver- samlung erklärt hiermit, daß sie es bedauert, daß das Aeltestenkollegium der Berliner Kaufmannschaft in seinem Gutachten in der Krankenkassen-Zwangsangclegenheit Be- Hauptungen ausspricht, die nicht allein den bestehenden Thatsachen vollständig widersprechen, sondern auch die In­teressen der Handlungsgehülfen nicht im geringsten wahr­nehmen. Die Versammlung verwirft deshalb das qu. Gutachten des Aeltestenkvllegiums und erklärt, daß die in dem für die Einführung des Krankenkaffenzwanges bereits von der freien Organisation und anderen kaufmännischen Vereinen abgegebenen Gutachten enthaltenen Gründe durch­aus den thatsächlichen Verhältnissen und somit auch den Interessen des Handlungsgehülfeiistandes entsprechen Die Versammlung bittet die Gewerbedeputation des Magistrats, nunmehr schleunigst den Krankenkaffenzwang auch auf die Handlungsgehülfen auszudehnen, damit auch diesen die Wohlthat der Krankenversicherung zu Teil werde. Diese Resolution ist der Gewerbedeputation einzureichen und dem Aeltestenkollegium der Berliner Kaufmannschaft mitzuteilen.

Das Königl. Statistische Bürean veröffentlicht in dem soeben erschienenen Band LXXVII. 2. derPreu­ßischen Statistik" den zweiten Teil der Ergebniffe der Vieh­zählung vom 10. Januar 1883, welcher den Viehbesitz der Gehöfte im preußischen Staate enthält. Ein genaues Bild der Verteilung des Viehbesitzstandes erhält man durch diese Uebersicht nicht, da dieselbe, ebenso wie die letzte Vieh­zählung, das Gehöft, nicht die Haushaltung bezw. Wüt- schaft der Zusammenstellung zu Grunde legt. Wenn also, wie es vielfach der Fall ist, in einem Gehöfte sich mehrere viehbesitzende Haushaltungen befinden, wird statt der an sich für die Beurteilung der Gliederung der Einzelwirt­schaften allein maßgebenden Zähleinheit der Haushaltung die des Gehöftes untergeschoben. Das Statistische Büreau" hat dies längst erkannt und seinen Bedenken gegen daö Gehöft als Zähleinheit bereits früher Ausdruck gegeben. Hoffentlich wird bei künftigen Viehzählungen auf diese Er­wägungen Rücksicht genommen. Der Inhalt des vor­liegenden Bandes ist sehr reichhaltig und enthält detailliertes Zahlenmaterial, auf das wir hier nicht näher eingehen können. Es seien nur als allgemein wichtig die Haupt­zahlen für den ganzen Staat aufgesührt: Die Zahl der

Geschichtskalenver.

15. Oktober.

1080. Kaiser Heinrich IV. siegt in der Schlacht bei Merse­burg über feinen Gegenkaiser Rudolph von Schwaben; dieser selbst fällt in dem Treffen.

1756. Kapitulation des sächsischen Heeres im Lager zu Pirna. 1795. König Friedrich Wilhelm IV. wird geboren.

1810. Die Universität Berlin wird gegründet.

1852. Jahn j.

1881. Einweihung des Doms zu Cöln.

Durchs Leben erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.»

Stumm hatte Ernst die im heftigsten Tone ausgesprochenen Worte des Vaters angehört und erst als dieser schwieg, be­gann er, sich möglichst zur Ruhe zwingend, aber mit zittern­der Stimme:Verzeihe mir, Vater, daß ich bisher nicht zuverlässiger in der Ausübung meines Berufes gewesen bin und daß ich nicht den Fleiß angewandt habe, welchen Du zu fordern berechtigt bist, aber bedenke, daß ich Dich einst flehentlich bat, mich meinen eigenen Weg gehen zu lassen, mich nicht in eine Thätigkeit hineinzudrängen, die mir zu­wider ist. Seit Jahren ist es meine heiße Sehnsucht, mich der Kunst zu widmen und das Talent auszubilden, welches mir von Gott verliehen. Du wiesest mich kurz ab mit meiner Bitte, die mir innigste Herzenssache war. Ich habe versucht mich in die Thätigkeit hineinzuleben, welche Du von mir forderst; aber alles Mühen ist umsonst, ich kann mein heißes Sehnen nicht zurückdrängen, ich kann nicht leben, wenn ich nicht der Kunst leben soll; daß ich es heimlich that, das war nicht recht, zürne mir nicht darum. O Vater, noch einmal laß mich Dich anflehen, gieb mich frei, laß mich hinziehen nach dem Lande der Kunst, wohin eS mich ruft mit jedem Pulsschlag meines Herzens!"

Vergebens, der Vater schien kaum die Worte seines KivdeS

gehört zu haben. Er antwortete abweisend;Hoffentlich wirst Du von nun an so viel Energie besitzen, nm mich nicht ferner zu betrügen. Deinen Herrn Lehrer habe ich abgelöhnt und verlange jetzt entschieden von Dir, daß Du jede unnütze Beschäftigung bei Seite legst und Dich mit allen Kräften der Dir angewiesenen Kunst widm-st, um der­einst die Fabrik in dem Glanze zu erhalten, in den ich sie gebracht habe und in dem ich sie Dir einmal als Dein Erb­teil zu übergeben hoffe."

Erspare mir das," bat noch einmal der Sohn mit flehentlicher Stimme,laß mich meiner Kunst leben, laß mich darnach streben, das Ideal zu erreichen, welches mir vor der Seele schwebt, in diesem Doppelleben gehe ich unter. Wenn ich da drüben bin in dem lärmenden Getriebe der Fabrik, zwischen glühenden Eisen und brausenden Maschinen, komme ich mir wie verloren vor. Es ist und bleibt mir ein Ehaos, das ich nicht zu enträtseln vermag; und will ich mich zu den Geschäftsbüchern retten, mit dem ernsten Vorsatz Dir gehorsam zu sein, da tanzten mir Zahlen und Buch­staben in buntem Gewirr durcheinander und darüber erheben sich fest und klar die Gestalten, die in meiner Phantasie lebend und vollendet dastehen und die ich fest halten möchte auf der Leinwand mit Pinsel und Palette nach den Regeln der Kunst. O mein Vater, nur diesmal gieb nach und sei überzeugt, daß ich etwas Tüchtiges leisten werde, daß ich zurückkehren werde als ein echter Künstler, der Deinem Namen keine Schande macht."

Mit meiner Bewilligung geschieht das nie," tief der Vater erregt ans,wenn Du gehst, so bist Du mein Sohn nicht mehr und kehrst nicht wieder unter mein Dach zurück. Erwarte auch nicht, daß ich Dich mit Geld unterstützen werde, bemühe Dich nie, dergleichen von mir zu erlangen, es würde vergeblich sein!"

Ich verzichte auf jede Unterstützung," antwortete Ernst fest, mit Thränen in den Augen,nur laß Mh nicht ohne ein freundliches Abschiedswort von Dir gehen, vielleicht auf

Nimmerwiedersehen, denn gehen muß ick, ich kann nicht anders, verdamme mich nicht deshalb."

Der Vater wendete sich zum Gehen, ohne dem Sohne auch mir einen Blick zu gönnen. Er ve-ließ das Zimmer und die Thür fiel dröhnend hinter ihm ins Schloß.

Ernst sank weinend in die geöffneten Stirne feiner Mutter, mehr noch als sonst trat die auffallende Aehnlichkeit zwischen Beiden zu Tage, als sie so in tiefem Schmerze, in inniger Umarmung beisammen standen, zum letzten Male wohl für lange Zeit. Schon oft hatte die Baronin ihren Gatten ge­beten, den Sohn seinen Beruf selbst wählen zu lassen, aber stets war sie auf den entschiedensten Widerstand gestoßen und mit schwerer Sorge hatte sie längst eine Katastrophe erwartet. Nun war sie gefomren, plötzlich und verhängnis­voll, schwerer, als sie gefürchtet hatte. Der geliebte Sohn wurde hinansgetrieben ans dem Vaterhause, hinaus in die ferne, fremde Welt ein v.-rstoßenes Kind!

Lebe wohl, mein teures, gutes Kind," rief sie, ihn von Neuem an ihr Herz ziehend,leb wohl gehe mit Gott, lebe Deiner Kunst, möge sie Dich entschädigen für die ver­lorene Heimat. Nimm von mir die Mittel zur Sicherstellung Deiner nächsten Zukunft, damit ich Dich wenigstens in dieser Beziehung ohne Sorge von mir lassen kann."

Habe tausend Dank, meine teure Mutter, daß nicht auch Du mir Deine Liebe entziehst. Vergteb, daß ich Dir so viel Kummer mache, aber glaube mir, es wird gewiß noch eine Zeit kommen, wo Du Dich meiner freuen wirst, und so leb denn wohl, bete für mich, daß Gott mir helfe mein Ziel zu erreichen."

Gott sei mit Dir, mein geliebtes Kind," mit diesen Worten und einem letzten Händedruck ging sie rasch hinweg, in der Einsamkeit ihres Zimmers sich ihrem tiefen Schmerze überlassend.

Als Ernst sich umwandte, nm auch von den Andern Ab­schied zu nehmen, sah er, daß Martha allein war, vergebend bemflt, ihre Thräneu zu bekämpfen. (Fortsetzung folgt.)