Nr. 241.
Marburg, Donnerstag, 14. Oktober 1886.
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liebe finden. Rußland kann auf Grund des allein maßgebenden Berliner Vertrages nur Eins: es kann die Zustimmung zur Wahl eines neuen Fürsten verweigern, denn der Regierungsantritt eines neuen Fürsten von Bulgarien setzt eine einstimmige Bestätigung des von der bulgarischen Nationalversammlung in Tirnowa gewählten Prinzen durch alle Großmächte voraus. Rußland kann also hier hemmend eintreten. Was würde die Folge sein? Die Abneigung der Bulgaren gegen Rußland würde nicht schwinden, sondern wachsen, und es könnte dahin kommen, daß in Sofia eine Republik proklamiert und eine definitive Regentschaft, Militärdiktatur oder dergleichen errichtet wird. Dazu gehört ebenfalls die Zustimmung aller Mächte, und Rußland kann wiederum nein sagen, aber was wird dann, wenn die Bulgaren sich nicht fügen und ihre Regierung, die sie gerade haben, behalten, weil sie keine andere bekomnien können? Ein Recht, in Bulgarien und Rumelien einzurücken, hat nur die Türkei. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es in der Zukunft Rußland gelingen man, die Türkei zu einem solchen Vorgehen zu bewegen, aber gar so schnell geht das auch nicht an, Oesterreich^Ungarn paßt gewaltig auf und die türkischen Staatsmänner sind gescheidt genug, um die Falle zu erkennen. Wendet Rußland nicht selbst Gewalt an, muß es also, wie die Dinge infolge des Auf- tretens von Kaulbars und Genossen und des Wahlausfalles liegen, für zunächst Bulgarieit sich selbst überlassen oder in die Fürstenwahl willigen. Das Spiel war halb gewonnen, Kaulbars hat es total zerstört. Bulgarien kann sich jetzt halten, vorausgesetzt, daß Karawelow oder Jemand von desserl Sippe keine neue Ueberraschung zu Stande bringt.
Die Wahlen in Bulgarien
zur großen Sobranje (Nationalversammlung i haben am letzten Sonntag staltgefunden, stattgefunden trotz aller Proteste Rußlands, des Abbruches der diplomatischen Beziehungen zwischen dem mächtigen Zarenreiche und dem kleinen Fürstentume, der unerhörten Agitationen des Generals Kaulbars und seiner Helfershelfer. Was Rußland thun konnte, die bulgarische Regierung in den Augen ihres Volkes herabzusetzen und sich als den Glück und Segen spendenden Messias hinzustellen, das hat es redlich gethan. General Kaulbars hat die Bevölkerung zum Widerstande gegen die Negierung aufzuwiegeln gesucht, er hat den Offizieren direkt zugemutet, die Fahne ves Aufruhrs gegen die Regentschaft in Lüfia zu erheben, alles aber ohne Erfolg. Die russischen Konsuls in Bulgarien haben nach Kräften gewirkt, den Wahlakt zu stören, immer vergebens. Die Wahlen sind vollzogen, und das bulgarische Volk hat darin der vom Fürsten Alexander vor seiner Abreise eingesetzten Regierung ein hochbedeutsames Vertrauensvotum ausgesprochen. Die große Mehrzahl der gewählten Volksvertreter gehört der antirussischen, bulgarischen Nationalpartei an, die Negierung in Sofia findet also in der gewählten Volksvertretung eine kräftige Stütze ihres Widerstandes gegen Rußland. Der Zar hat fürs erste die Gewalt über Bulgarien — Dank der Handlungsweise von Kaulbars und Genossen — unbedingt verloren wenn die bulgarische Regierung und ihr Parlament fest Zusammenhalten. Mit gerechtem Mißtrauen muß man deshalb das Thun und Treiben des Regenten Karawelow, der schon bei der Verschwörung gegen Fürst Alexander eine höchst zweideutige Rolle gespielt, beobachten. Der von Rußland früher so bitter verfolgte Karawelow scheint jetzt mit Kaulbars unter einer Decke zu stecken und bereit zu sein, um guten Preis sein Vaterland abermals zu verraten. Ihre Einigkeit hat die Bulgaren den russischen Machinationen widerstehen lassen. Geht die Einigkeit zu Grunde, schon rm Schoße der Regierung, kann sich auch die bulgarische «Lelbständigkeit nicht mehr halten. Die bulgarische Negierung muß deshalb kurzen Prozeß machen und Karawelow aus ihrer Mitte entfernen, wenn nicht größeres Unheil entstehen soll.
Rußland hat erklärt, eö erkenne die am Sonntag stattgehabten Wahlen nicht an, weil sie gegen seinen Willen so früh schon stattgefunden. Das ist nun ein Gerede, das wenig praktischen Wert hat. Bulgarien ist ein selbst'- ständiger Staat, dem Rußland rechtlich nicht das Geringste befehlen oder verbieten kann. Der russische Einspruch gegen die Wahlen kann deshalb auch den Bulgaren, wie Fürst Bismarck sich einmal ausdrückte, „sehr wurst" sein. Es wird damit auch bei keiner anderen Großmacht Gegen-
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Okt. Der Kaiser hat, wie der „Nieuwe Notterdamsche Courant" aus guter Quelle erfährt, durch die deutsche Gesandtschaft im Haag dem Gemeinderat vom Haag seine Erkenntlichkeit und feinen Dank aussprechen lassen für die thalkräftige Hilfe, welche deutschen Unter- thancn bei dem großen Brande des Kurhauses zu Sche- veningen am 1. September von Seiten der Haager zu teil wurde. — Prinz Heinrich ist, wie die „Karlsr. Ztg." mitteilt, am 8. Oktober von Schloß Baden nach Italien zum Besuch seiner Hohen Eltern gereist. — Der bisherige schwedisch-norwegische Gesandte, Baron Bildt, wird sich demnächst nach Baden-Baden begeben, um dem Kaiser sein Abberufungsschreiben zu überreichen. — Der General- Adjutant, General der Infanterie, v. Werder, hat unterm 8. Oktober an die Garnison von Berlin den ersten Gouvernementsbefehl erlassen, in welchem er den Truppen mitteilt, daß er an genanntem Tage die Geschäfte des Gouvernements, übernommen habe. General v. Werder ist in schweren Vorwürfen, die sie sich selbst hätte machen mässen, bewahrt blieb.
. , ,34 danke Ihnen für die Warnung und auch dafür," W ste nach innerem Kampfe mit tiefem Erröten fort: „daß Sie gut machten, was ich verschuldet. Was ich gethan, hat mir schwere Stunden bereitet."
Kurze Zeit standen sie nebeneinander, die beiden schönen Gestalten, als habe es nie eine Abneigung zwischen ihnen gegeben, als habe ste nie auf ihn, den Untergebenen ihres Vaters, mit stolzer Unnahbarkeit herabgeblickt. Sogar die Hand hat ste ihm gereicht und schaut in völligem Selbstvergessen hinein in die strahlenden Augen, die so bewundernd auf ihr ruhten. Durch das kleine Fenster scheint in gol- deuem Glanze die Herbstsonne herein; ein Strahl leuchtet über Beide und verklärt ihre Blicke, ob er auch hinetnleuchtet in die jungen Herzen, die ein Gefühl der Teilnahme an ttcmdem Lerd hier zusammengefühlt hat, in dem kleinen Raum, m welchem auf bange, kummervolle Stunden Dank und Freude gefolgt ist?
.., 8rau des Kutschers unterbrach die eigentümliche Situation durch die Woite: Wie gut ste doch alle sind, die Herrschaften. Fraulem Martha war gestern Abend auch s° lauge hier und trotz der Bitten des Herrn Direktors, sich vor der Ansteckung zu hüten, begab sie sich erst spät wieder nach Hause."
Diese Worte brachen nur zu schnell den Zauber, der auf kurze Minuten die Herzen Wcllmers und Annas umschlungen hrelt. Anna dachte bei sich, es könnte ihr ja gleich sein, ob ste den Abend zusammen verlebt hätten oder nicht. Aber Martha war ihre Verwandte, es war unpassend, daß ste sich dem Untergebenen ihres Vaters gleich stellte, sie beschloß, sie darüber zur Rede zu stellen.
Stolz gehobenen Hauptes verließ sie nach kurzem Abschiedsgruß die Stube. Wellmer folgte ihr: „Niemand, als Fräulein Martha und ich wissen, daß es Ihre Bestimmung war, die gestern den Kutscher an seinen Dienst fesselte, lassen Sie es unser Geheimnis bleiben," bat er.
Wrscheint täglich außer au Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal« LboonementS-Vreis bei der Expedition 21/* Mk., bei de» Postämter 2 Mk. EO Sfa- texcl. Bestellgeld). IusrrtionSgebühr für die äefialtene Zeile 10 Pfg. Äeuatrrn für die Zeile Ä Pfg.
der Reihe der Berliner Gouverneure der dreißigste — In der „Kirchlichen Monatsschrift" findet sich von Karl 6 ul da (früher Landgerichtsrat in Marburg) ein roett= VE Beitrag zur Eidesfrage. Zu den revisionsbedürftigsten Gesetzmacherelen der liberalen Aera zählt zweifellos die Zustizgesetzgebung, eine Thatsache, welche die Reichs- Reglerung wiederholt betont hat, und einer der dunkelsten Punkte ist darin der Gerichtseid, „dessen durch die Reichsgesetzgebung herbeigeführten Verfall wesentlich darauf be- ruht, daß derselbe seines konfessionellen Inhaltes und seiner gottesdienstlichen Gestalt entkleidet worden ist." Der Verfasser kommt nach einer sehr eingehenden Erörterung der Svttllchen Stiftung des Eides, seiner Anwendung bei den a ten Volkern und in der modernen Zeit, zu dem Eraeb- nis, daß § 443 der Zivil-Prozeß-Ordnung, der e^ne allgemeine Eidesformel für alle Religionsparteien vorschreibt, „welchen der Monotheismus als Grundlage des Glaubens gilt, etwas enthält, was mit dem christlichen Bekenntnis, wonach Christus allein der Weg, die Wahrheit und daS Leben ist, unvereinbar ist. Eine Restauration des Ge- rrchtserdes müsse daher der Kirche das Recht verleihen, teilzunehmen air der Verwaltung des Eides, an der Vorbereitung auf die Eidesleistung, durch geistliche Assistenz tn EldeShandlnng selbst und au der Strafgewalt über
Meineid und Eidbruch. Demgemäß sei die gottesdienstliche Gestalt des Gerichtseides wieder herzustellen unfr zu vollenden. — Die „Landeszeitung für Elsaß-Lothriiigeii schreibt: „An die kurz vorher er» folgte Ernennung Herbettes zum französischen Botschafter in Berlin anknüpfend, veröffentlichte das „Elsässer Journal" in seinen Nummern vom 24. September und 1. Oktober |roei längere, „die äußere Politik Frankreichs" überschriebene Artikel, welche vielfach Beachtung gefunden haben. In denselben wird die politische Isolierung Frankreichs eingehend dargelegt, die Gefahren dieser Lage, welche „bei oesk Neulichen Ereignissen im Orient zutage getreten seien", geschildert und „die llebereinstimmung der Interessen Frankreichs und Deutschlands in der egvptischen Frage" betont Der Verfasser rät schließlich Frankreich in dlffen Jntereff- eul diplomatisches Zusammengehen mit Deutschland an. — ^bwohl der Gedanke eines solchen Zusammengehens zur Losung bestimmter Fragen, bei welchen die Interessen Deutschlands und Frankreichs überein stimmen, durchaus nicht neu ist — war doch die auswärtige Politik des Kabinetts Ferry von diesem Gedanken geleitet — so muß man doch dem „Elsässer Journal" zu der Entschiedenheit Glück wünschen, mit welcher es einer ruhigen und besonnenen auswärtigen Politik Frankreichs das Wort geredet hat, auf die Gefahr hin, darüber von der französischen Presse heftig angegriffen zu werden. An solchen Angriffen hat . »2ch wüßte nicht, was mich dazu bestimmen könnte, auch Änh^C!n?er sesagt' daß es auf meinen Befehl
^schroffund kurz, „ich will mit Ihnen k.in Geheimnis teilen. Rasch entfernte sie sich, ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen. y y
Der Direktor blieb an der Thür stehen und blickte ihr lange nach, sein Gesicht war erbleicht, fest drückte er die Smi\OU\rba8^efiH9 pofende Herz und seufzte schwer: „Wird wohl noch einmal der Liebe warmer Strahl die Eis-
s Stolzes und Hochmuts von diesem Herzen schmelzen ? Wohl mufsen brausende Sturme und schwere Ungeteilter töt Seben erschüttern, ehe sie sich selbst verstehen und kennen lernen wird."
JinA?^°Äekommen, begab sich Anna gleich nach dem Zimmer, in welchem die Familie das Frühstück einzunehmen We,gte. Sie fand nur ihren Bruder dort mit Martha in lebhafter Unterhaltung. Noch immer in gereizter Stimmung, war sie sehr geneigt, sogleich ihre Bemerkungen über Marthas Benehmen zu machen, hätte nicht Ernsts Gegenwart sie davon zuruckgehalten. Sie wußte, daß dieser stets auf Seite der Soufine stand, ihr eigenes Thun aber oft mit Harte verurteilte.
Jetzt traten auch die Eltern in das Zimmer. Doch anstatt den Morgengruß der Kinder zu erwidern, fuhr der Vater den Sohn zornig an: „Also Du bist immer noch hier, ich glaubte Dich laugst in der Fabrik. Dir ist tedock
Nebensache. Hinter des Vaters „ ocken brodlose Knuste zu treiben behagt Deiner Bequemlichkeit natürlich mehr, wahrend ich mir noch schöne Worte» sagen lassen muß über das Glück, einen so talentvollen Sohn öubesttz-n. Ach, wenn Du doch keine künstlerische Neigungen besaßest, dafür nur etwas Gewissenhaftigkeit in Erfüllung be.r Dir anvertrauten Pflichten und nicht alles thätest, um mir das Leben zu verbittern!"
(Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b BlatteS, sowie d Annoncen-Buresux vonHaasenstein unbBogl« in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ a M-, Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und *$o. n rank'urt a. M, _____________________________________________________________ B rl n, Ha nov-r u. Paris. Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg «. Kirchhain. - Illustriertes Souutaasblatt
_____ Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. $ *
Geschichtsratender.
14. Oktober.
1066. Wilhelm Herzog der Normandie, erobert durch die Schlacht bei Hastings England.
1758. Friedrich ll. wird von Daun bet Hochkirchen überfallen und erleidet eine schwere Niederlage, der gelb»- marfchall Jakob v. Keith fällt.
1806. Die Preußen werden in der Doppelschlacht bei Jena und Auerstaedt von Napoleon aufs Haupt geschlagen.
1809. Napoleon schließt mit Oestenetch den Frieden von Wien oder Schönbrunn.
1813. Der König Max l. von Bayern erläßt eine Kriegserklärung an Frankreich.
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.)
„Nicht wahr," bat Anna, „nun darf ich mit sorgen für Ihr Kind? Sie teilen mir mit, was cs zur Stäikung be- dais, es wird mir eine Freude sein, beitragen zu können, daß es bald wieder kräftig wird."
Sie war an das Bettchen getreten und begrüßte freundlich den kleinen Kranken, der eben aus erquickendem Schlummer erwachte. Tief beugte ste sich zu ihm herab, um die Wünsche zu hören, die er nur mit matter Stimme anszusprecheu vermochte.
Plötzlich jedoch ward ihre Unterhaltung mit dem Kinde unterbrochen, sie fühlte sich am Arm ergriffen und eine Stimme angstvoll ausrufeu: — „Um Gottes Willen, gnädiges Fräulein, kommen Sie dem Kinde nicht so nahe!"
Rasch sich anfrichtend uud umblickend gewahrte sie Herrn Wellmer, der soeben leise eingetreten war.
«Das Kind hat eine bösartige Bräune gehabt, es könnte ansteckend sein."
Schon lagert sich wieder der hochmütige Zug über ihr Gesicht und doch, wie kann sie jetzt unfreundlich gegen ihn sein, gegen ihn, durch dessen Bereitwilligkest sie vielleicht vor