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Nr. 240.

Marburg, Mittwoch, 13. Oktober 1886.

XXI. Jahrgang

Erscheint täglich außer an Werttagen nach Sonn» und E «tagen. - Quartal- onnrrnentS-Preis bei d«

Expedition 21/« Ml., bei den Postämter 2 Ml. 50 Bffl- (erd. Bestellgeld). KisertisnSgebübr für die «fpaltene Zelle 10 Pfg. Reaamen für die Zelle 25 Pfg.

ObchkUche Mm.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogl« in Frankfurt a. M, Caflel, Magdeburg und Wien: Rudolf Mofse in Frankfurt a M-, Berlin,München mll> Köln; G. L. Daube und Co- n rank'urt a. M, B, rl n, Ha Nover u. Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutaqsblatt.

__Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. ö

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Okt. Die Unterrichtsverwaltung be­schäftigt sich infolge mehrfacher Anregungen lebhaft mit mehreren Fragen von allgemeinem Interesse. Dahin ge­hört eine anderweit zu regelnde Ferienordnung und die Angelegenheit des Nachmittagsunterrichts, namentlich im Sommer an besonders heißen Tagen; auch die Schüler- Ausflüge an höheren Lehranstalten haben Anlaß zu Er­örterungen gegeben. Danach sollen Ausflüge, welche sich auf mehrere Tage auSdehnen, nur mit Schülern der höheren Klassen und nur mit vorhergehender Genehmigung der Provinzial - Schulkollegien erfolgen dürfen. - Staats- Minister Maybach ist aus Westfalen zurückgekehrt, Staatssekretär v. Bötticher wird in diesen Tagen hier erwartet. Noch in dieser oder der nächsten Woche werden dann die Bundesratsarbeiten wieder beginnen. Die Etats­arbeiten sind in diesem Jahre nicht weiter im Rückstände als in allen vorhergehenden, sie werden den Bundesrat auch jetzt nicht länger als früher in Anspruch nehmen, und cs sind alle Anordnungen so getroffen, daß der Reichs­haushalt dem Reichstage sofort nach seiner Zusammen­kunft wird vorgelegt werden können. Die Meldungen derKreuz-Ztg." über das sogenannte Aeternat werden durch die konservative Korrespondenz jetzt dahin aufgeklärt, daß die konservative Partei mit dem Anträge auf einen eisernen Militäretat vorgehen wolle. Ein solcher Antrag würde lediglich langwierige und erregte parlamentarische Verhandlungen zur Folge haben. An seiner Annahme ist bei der übereinstimmenden Gegnerschaft aller übrigen Par­teien nicht zu denken. Die Ernennung eines Staats­sekretärs im Reichsschatzamt wird als nahe bevorstehend angesehen. Die Angaben, welche über die Krankheit des bisherigen Schatzsekretärs verbreitet werden, sind irrig.

Dresden, 11. Okt. Lord Randolph Churchill oder wie dieser politische Löwe des Tages auf seiner Reise auf dem Kontinent, die gewissen Leuten so viel Kopfzerbrechen zu verursachen scheint, sich jetzt zu nennen vorziehtRentier Spencer aus London" Hal in Begleitung seines Reise­gefährten, desRentiers Trafford", heute vormittag Dresden wieder verlassen und sich mit dem Schnellzug zunächst nach Prag begeben, um morgen nach Wien weiter zu reisen. Der Korrespondent ist ermächtigt, dem Erstaunen des britischen Schatzkanzlers darüber Ausdruck zu geben, daß die Presse seiner lediglich zur Erholung und Zerstreuung unternommenen Reise eine so große Beveutung beilegt, die sie absolut nicht hat. Daß Lord R. Churchill nicht in Varzin gewesen, ist schon bekannt; er wird aber auch selbstverständlich ohne besondere Einladung von Seiten des Fürsten Bismarck nicht dahin gehen. Hier in Dresden hat er wie in Berlin, nur das Hoftheater, wo gerade der

zweite Teil desFaust" aufgeführt wurde und verschiedene Vergnügungsorte minderen Ranges besucht, auch einigen Museen sein Interesse geschenkt, sich aber nichts weniger als mit, Politik beschäftigt. Der hiesige englische Ge­schäftsträger, befand sich zwar in völliger Unkenntnis über die Reisezwecke des seit seiner Darthforder Rede neben Gladstone interessantesten Mannes Englands, war indeß entschieden der Meinung, daß dieselben nicht politischer Natur seien, daß vielmehr alle derartigen Verhandlungen dem englischen Botschafier überlassen würden.

Leipzig, 11. Okt. Das Reichsgericht ^verwarf den von den Sozialdemokraten v. Vollmar, Bebel und Genossen in dem Freiberger Prozeß wegen Teilnahme an einer ge- heimen Verbindung eingelegten Revisionsantrag.

Ausland.

Pkitg, 11. Okt. Lord Churchill ist gestern aus Dresden hier eingetroffen.

Paris, 11. Okt. DieRepublique franyaise" sagt, es werde vergebens versucht, Frankreich und Italien hin­sichtlich des Mittelländischen Meeres, besonders wegen Tri­polis, in einen Gegensatz zu einander zu bringen. Wolle Italien Tripolis besetzen, so werde Frankreich es nicht daran hindern. DerTemps" berichtet über eine Unterredung, welche einer seiner Mitarbeiter mit dem König von Griechen­land gehabt hat. In derselben erkannte der Königen, daß sich Europa augenblicklich in einem Zustande der Be­unruhigung und Störung besinde. Griechenland werde sich indes nicht in den Lauf der Ereignisse einmischen, sondern sich, wie Frankreich, damit begnügen, eine be­obachtende Haltung einzunehmen. Das gegenwärtige Gleich­gewicht Europas, wie dasselbe durch die formidabeln Er­eignisse der letzten Jahre gestellt sei, könne kein definitives sein. Die Zeiten Karls, Ludwigs XIV. und Napoleons L lieferten den Beweis dafür, daß keine Macht auf lange Zeit hinaus die absolute Suprematie in Europa behalten könne. Der König beklagte lebhaft, daß gewisse Bestim­mungen des Berliner Vertrages nicht beobachtet würden und sprach schließlich mit Anerkennung von den hervor­ragenden Eigenschaften Freycinets.

»»Bulgarien. Nachstehend lassen wir eine Zusammen­stellung der neuesten Nachrichten folgen:

Sofia, 9. Okt. Die Gerichtsbehörde von Eskisagra ist einer Verschwörung auf der Spur, welche auswärtigen Einflüssen zugeschrieben wird. Mehrere ehemalige Woj- wooen und Brigantenchefs sollen zu dem Zwecke bezahlt worden sein, auf verschiedenen Punkten des Landes einen Brigantaggio zu organisieren. Die Organisatoren hoffen, dag diese neuen Schwierigkeiten eine auswärtige Inter­vention herbeiführen könnten.

Sofia, 9. Okt. Karawelow nimmt an der Regierung keinen aktiven Anteil und drohte mit der Demission, falls sein Name in die Kandidatenliste für den Sofiar Kreis nicht ausgenommen würde. Niemand hegt aber Vertrauen zu ihm. In einem heute erlassenen Aufrufe an die Wähler heißt es:Wählet ehrliche Leute, Bulgaren, nicht Russen. Vergeßt nicht, daß selbst ein geringer Fehler genügt, um der Freiheit und Unabhängigkeit verlustig zu werden. Hütet euch, vor den Verrätern, die mit Rußland halten. Gehorcht nicht Karawelow, dem Haupturheber der Ver­schwörung, er ist ebenso gefährlich, wie Zankow."

Sofia, 10. Okt. Einige halbwüchsige Buben warfen aus der Menschenmenge, welche das russische Konsulat um­gab,, auf die im Hofe desselben befindlichen Bauern mit Steinen. Die Montenegriner des Konsulates feuerten 10 Schüsse auf die Menge ab; die meisten Kugeln fielen m das gegenüber befindliche deutsche Konsulat, dicht am Kopse unseres Konsuls vorbei. Auch das englische Kon­sulat wurde durch Steinwürfe beschädigt. Das schnell herbeieilende Militär zerstreute die wütende Volksmenge. Einem Offizier wurde das Pferd unter dem Leibe er­schossen. Da aber, das Militär nicht in das Konsulat Einbringen darf, blieben die Bauern noch geraume Zeit im Hofe bis Nekljudow selbst es für geraten hielt, sie hinaus­zuschicken. Darauf wurden sie vor die Thore transportiert, die sich Widersetzenden wurden verhaftet. Minister Natschovitsch machte sofort dem deutschen Konsul einen Besuch, um Mißverständnissen über das Geschehene vorzu­beugen. Zn Rustschuk und Varna sind ähnliche Szenen vorgekommen, auch dort waren die russischen Konsulate die Sammelpunkte der Regierungsfeinde. In Widdin soll Konsul Karzow der Menge zugerufen haben, daß sie der Polizei nicht zu gehorchen brauche, da es in Bulgarien keine Regierung gebe.

Sofia, 10. Okt. lieber die Schüsse gegen das deutsche Konsulat wird derK. Z." von hier telegraphiert: Einige Jungen warfen mit Kieselsteinen in den Hof, worauf sofort die Kawassen aus Revolvern Feuer gaben. Die meisten Schüsse gingen gegen das dem russischen Konsulate gleichfalls gegenüberliegende deutsche Konsulat, vor dessen Thür gerade das gesamte Personal der deutschen Agentur mit vielen anderen Deutschen stand. Auch das englische Konsulat bekam Kugeln ab; die meisten aber gingen gegen das deutsche Konsulat und es ist geradezu einem Wunder zuzuschreiben, daß von der Gruppe vor dem deutschen Konsulate niemand getötet oder verwundet worden ist. Das ganze Konsulatsgebäude trägt Kugelspuren, und die von der Wand abgeprallten Kugeln konnten auf dem Bürgersteige ausgesammelt werden. Der Generalkonsul von Thielmann war während des Vorganges zur Stelle.

Geschichtskalender.

13. Oktob er.

1681. Ludwig xiv. bemächtigt sich wider alles Völkerrecht der Reichsstadt Straßburg.

1809. Der Handlungsdiener Friedrich Stapß aus Naum­burg an der Saale macht den Versuch, Napoleon in Schönbrunn zu ermorden.

1815. Murat, der ehewalige König von Neapel, Napoleons Schwager, wird als Rebell nach einem kriegsrechtlichen Spruche zu Pizzo erschossen.

1837. Der franz. General Bugeaud erstürmt Konstantine in Algerien.

1870.

13. Oktober. Schloß St. Cloud durch die Franzosen in Brand geschossen. Zurückgewiesener Ausfall durch das zweite bayerische Korps.

Durchs Lebe» erzogen.

Novelle von Th. Hempel.

(Fortsetzung.)

Annas Tänzer, Freiherr von Norden, Kammerherr des Fürsten und persona grata am Hofe, hat große Neigung, dem Beispiel ves Prinzen zu folgen, er freut sich, daß es ihm gelungen ist, seine scpöne Tänzerin aus ihren Träumereien zu erwecken, er flüstert ihr viel Schönes ins Ohr, er möchte sich das Goldfischchen erobern, er schreckt nicht zurück vor dem neuen Adel, den er seinem alten Stammbaum einver­leiben will.

Verstohlen blickt Anna auf ihre mit Diamanten besetzte Uhr,schon naht die zweite Morgenstunde, die Wagen waren eine Stunde früher bestellt. Es schadet ja nichts, wenn sie lange warten müssen in Sturm und Regen oder 'in eisiger Kälte, die Leute müssen sich daran gewöhnen und für die kostbaren Pferde hat man schützende Decken. Der arme Vater des kranken Kindes wird sehnsuchtsvoll das Ende des Festes herbeiwünschen, er möchte so gern wieder nach Hanse,

aber es hilft ihn nichts, er muß aushalten, er ist ja in fremdem Dienst.

Endlich ist das Fest zu Ende. Die Wagen fahren vor, die Diener bringen die kostbaren Hüllen und heim geht», zurückgelehnt in den weichen Polstern den genußreichen Abend noch einmal im Geiste an den Blicken vorüber gehen lassend. Anna warf einen scheuen Blick hinauf nach dem Kutscher, er steht vergrämt aus und sie glaubt zu bemerken, daß eine Thräne in seinem Auge glänzt, oder ist es einer von den vielen Regentropfen, die seit einer Stunde nieder gefallen sind aus düsteren Wolken?

Die Eltern kehrten vergnügt nud befriedigt heim, der Vater gedenkt mit Stolz der Freundlichkeiten, welche er von Hochstehenden erfahren hat und der Mutter Herz kann sich dem angenehmen Gefühl nicht verschließen, ihre Tochter unter ben (Sänften und Gefeiertesten gesehen zu haben, so oft es ihr auch Sorge wacht, daß Annas größte Fehler durch diese Bevorzugung, welche sie erfahren hat, genährt werden konnten; denn Eitelkeit und Hochmut drohten nur zu oft bie in der Tochter schlummernden guten Eigenschaften zu überwuchern, trotz der Mutter oft wiederholten herzlichen Bitten und dringenden Ermahnungen.

In ihrem Zimmer angekommen beeilt sich Anna mit Hilfe der Jungfer sich ihrer Balltoilette zu emkleiden, sie ist sehr ermüdet und will schnell zur Ruhe kommen, um in fußen Träumen den schönen Abend noch einmal zu ge­nießen.

Doch vergebens ist all ihr Bemühen. Ihre Gedanken kehren immer wieder aufs Neue zurück an das Schmerzens­lager des Kindes. Stunde auf Stunde verrinnt, schon dämmert der Morgen, als sie endlich noch ein kurzer Schlummer umfängt. Aber er ist nicht saust, nicht erquickend und sie ist froh, als sie ans qualvollen Träumen erwacht. Ihre energische Natur kann die Ungewißheit nicht länger ertragen, sie erhebt sich, kleidet sich rasch tn einen dunkeln einfachen Anzug, hüllt sich tu Hut und Mantel und geht eiligen Schrittes nach der Wohnung des Kutschers. Zagend bleibt sie im

Flur stehen. Wie wird sie es finden, wird man sic anklagen, weil durch ihre Schuld ärztliche Hilfe zu spät kam und das Kind sterben mußte in den Armen der verzweifelten Mutter? Sie lauscht, sie nähert sich der Thür. Ihr leises Klopfen verhallt ungehört, nichts rührt sich. Da öffnet sie endiich leise die Thür. Dort auf einem Bettchen liegt das Kind, bleich, verfallen, mit geschlossenen Augen, die Mutter kniet regungslos davor, das Gesicht in den Kissen verborgen.

Bebend steht Anna still, wie gebannt schaut sie nach dem traurigen Bild und bittere Thränen entfließen ihren Augen. Das hat sie nicht gewollt, als sie so rauh die Erfüllung der Bitte versagte.

Jetzt erwachte die Mutier aus leichtem Schlummer, sich umwendend erblickt sie erstaunt auf das Fräulein dcS Hauses, kein Schmerz umdüstert ihr Gesicht, mit freundlichem Lächeln begrüßte sie die junge Herrin:Wie gut Sie sind, daß ^rettH*18 r°mnten ®olt Dank, unser Liebling ist

Ein Alp war von Annas Brust genommen. Freundlich, beinahe demütig reichte sie der Frau die Hand; es war ihr, als wäre ein Wunder geschehen.

,Ja, Gott sei Dank von ganzem Herzen, der Ihr Kind behütet hat, Sie erwarteten vergangene Nacht wohl recht schmerzlich Ihren Mann. Ich war schuld daran, daß er so spät zurückkam, ich bin so ängstlich, ich wollte nicht von einem Anderen gefahren sein."

Zögernd nur kam die Lüge über ihre Lippen, aber ihre ganze Schuld zu bekennen, war ihr unmöglich.

Der Herr Direktor aus der Fabrik," erwiderte die Fran,kam sogleich an meines Mannes Stelle und brachte den Arzt mit. Der liebe, freundliche Herr war mir ein großer Trost; er hals mir das Kind pflegen mit einer Sorg­falt, mit einer Teilnahme, als wenn es fein Beruf wäre. Ohne feine Hilfe hätten wir unfern Liebling wohl dahin geben müssen, denn noch eine halbe Stunde, meinte der Arzt, und eS wäre zu spät gewesen."

(Fortsetzung folgt.)