Nr. 239.
Marburg, Dienstag, 12. Oktober 1886.
XXI. Jahrgin«
-rschrrnt täglich außer an Wrrtta-ien nach Sonn- und Seicrtagen. — Quartal- UbsrmernentS-PreiS bei bet Expedition 31/« bei ien Postämter 2 M. 50 Pfg (erd. Bestellgelds. JufertionSgebübr für dir «spaltene Zeile 10 Pfg. Aci'am n für die Zeile -5 Pfg.
WttWsllik jfitimii.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBogler in Frankfurt a.M , Eassel, Magdeburg und Wien: Rudol' Moffe in Frankfurt o M., Berlin,München unb Köln; @. L. Daube und Co. n rantfurt a. M.„ ri n, Ha nover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. Ö. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntaasblatt.
Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Okk. Prinz Wilhelm hat gestern dem Staatssekretär Grafen Herbert Bismarck im Auswärtigen Amt einen Besuch abgcstattet. - Der Staatssekretär von Bötticher dürfte heute von Danzig aus in Varzin einge- troffen sein, wo er etwa .zwei Tage bleiben wird. Er wird in dieser Zeit mit dem Reichskanzler über die Vorbereitung für die parlamentarische Saison beraten; da sich der Geheimrat Lohmann in seiner Begleitung befindet, ist anzunehmen, daß auch sozialpolitische Fragen berührt werden. — Der Minister der geistlichen und Uuterrichts- Angelegenheiten Br. v. Goßler, der sich fortdauernd um die Erhaltung der Kunstdenkmäler bemüht, hat sich nun auch an die Geistlichkeit gewandt und zu diesem Zweck dem Evangelischen Oberkirchenrate, anderen obersten Kirchen- Behörden, den Erzbischöfen und Bischöfen des Staats ein Rundschreiben zugehen lassen, welches auf die in Wien gepflogenen Verhandlungen des österreichischen Hauptausschusses für Kunst- und geschichtliche Denkmäler hinweist und den kirchlichen Behörden besonders nahelegt: die Zustimmung zu kirchlichen Erneuerungsbauten, die Erhaltung alter eiserner bemerkenswerter Friedhofskreuze, die Wandmalereien in den Kirchen, die Erhaltung der Renaissance- und Barock-Gegenstände in den letzteren, endlich die Fürsorge für die Bildung der angehenden Geistlichen in der kirchlichen Kunst. — Nachdem bereits in dem indischen Weizen den Erzeugnissen der heimischen Landwirtschaft eine gefährliche Konkurrenz erwachsen war, infolge deren der Zollschutz des inländischen Weizens auf 3 Mk. erhöht werden mußte, zeigt sich, wie die „B. P. N." erwähnen, auch in dem indischen Senfsamen ein für den heimischen ■ Raps um so unbequemerer Mitbewerber, als der inlän- ! dische Rapsbau ohnehin unter ungünstigen Preis- und Absatzverhältnissen leidet und der unter Rr. 9 da des ZEarffs vorgesehene Zoll von 2 Mk. auf 100 Kilogr. einen Schutz gegen die bezeichnete mdifche Oelfrnchtckisyer' nicht gewährt, weil dieselbe in dem Warenverzeichnis noch nicht unter die Oelftüchte eingereiht ist. Ihr zollfreier Eingang mache daher den dem heimischen Raps gewährten Zollschutz illusorisch und gereiche den deutschen Landwirten zum Nachteil. Sobald die Verwendung des indischen Senfsamens zur Oelbereitung in größerem Umfange an den zuständigen Stellen zur Kenntnis gelangt, seien indeß die erforderlichen Einleitungen getroffen, um den Klagen der Beteiligten abzuhelfen. — Für die Statistik des Weltpost- Vereins findet bei den Reichspostanstalten die Ermittlung der Stückzahl der Postkarten mit Antwort der Sendungen mit Rückscheinen und de.r Eilsendungen in den drei Tagen vom 13. bis 15. d. Mts., ferner der Zahl der im Postwege bezogenen Zeitungen und Zeitschriften für das
Kalenderjahr 1886 statt. — Das neueste Beiheft des Postamtsblattes berichtet über die Thätigkeit der Poft und Telegraphie in Heidelberg während der Universitäts-Zubel- tage. _ Nach amtlicher Schätzung waren in der ersten Augustwoche 120000 Personen dort anwesend. Die Gesamtzahl der angekommenen Postsendungen betrug 94384 Stück und der Postverkehr war vom 2. bis 7. August um das L'/rfache gewachsen. Der Telegrammverkehr hatte vom 1. bis 9. August gegen sonst um mehr als das vierfache zugenommen. Die Zahl der aufgenommenen bezw. abtelegraphierten Telegramme betrug 10899, darunter 240 Zeitungstelegramme mit 53 653 Worten. — Die Begründung einer physikalisch-technischen Reichsanstalt wird durch Anweisung der erforderlichen Mittel im nächstjährigen Reichshaushaltsetat vorgesehen. Der Plan, der seit geraumer Zeit in der Absicht der Reichsregierung lag, ist durch die reiche Zuwendung des Geh. Rats Dr. Werner Siemens der Verwirklichung entgegengeführl worden. Es haben über die Aufgaben und Ziele der Anstalt mit hervorragenden Männern der Wissenschaft umfassende Beratungen stattgefunden, deren Ergebnis in einer Denkschrift, welche den Reichshaushaltsansatz begründen wird, näher erörtert werden soll. Die von dem Geh. Rat Dr. Werner Siemens ausgesetzte Summe vou 500000 Mark wird jedenfalls einen erheblichen Teil der Anlagekosten bestreiten können.
— Die langsame Entwickelung der Dinge in Bulgarien entspricht durchaus den Wünschen der Diplomatie der Großmächte. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt heute: „Da;; die Entwickelung der Situation nur eine äußerst j laügsame und vorsichtige sein kann, liegt in der Natur ! der Verhältnisse und bildet eher einen Grund zur Beruhigung als zur Besorgnis. Daher finden auch die beunruhigenden Gerüchte über Rüstungen der Türkei und Rußlands hier wenig Boden. Man ist feit überzeugt, daß " Rußland" zU"Meb" militärischen Okkupation Bulgariens nicht schreiten wird und daher machen die neuerdings aus Wien kommenden Meldungen von militärischen Vorbereitungen in Bessarabien und eine über Lemberg aus Warschau kommende Nachricht von der Mobilisierung von vier russischen Infanterie-Divisionen wenig Eindruck." — Lord Churchills Besuch in Berlin wird nunmehr vou sämtlichen hiesigen Blättern, mit einer einzigen Ausnahme, als eine Thatsache behandelt. Ueber einzelne Unklarheiten der Sache hilft man sich damit hinweg, daß das Inkognito in diesem Falle sehr streng und bis zur direkten Verleugnung des Gastes an amtlicher Stelle durchgeführt worden ist. Das „Berl. Tageblatt" erklärt heute: „Wir können auf Grund zuverlässigster Informationen versichern, daß Lord Churchill hier sehr ernste politische Besprechungen gepflogen hat.
Etwas peinlich wird dieser Besuch vielleicht dem hiesigen englischen Botschafter, Sir Edward Malet, gewesen sein der sich begreiflicher Weise darüber verstimmt fühlen dürfte^ daß man nicht ihm, dem ständigen Vertreter Großbri- tanniens, jene diplomatische Rolle übertragen hat, welche Lord Cburchtll hier spielte." w
. “,U,eber die Vorbedingung der Trennung eines mit dem Schulamte verbundenen Kirchenamts hat der Unterrichts- numster eine amtlich kundgegebene Entscheidung dahin qe- troffen, daß es zunächst daraus ankomme, ob einem Lehrer em kirchliches Amt nur als widerrufliches Nebenamt übcr- tragen, oder ob das kirchliche mit dem Schulamt dauernd veretntgt ist. Ist etzteres der Fall, so kann gegen den
^er Beteiligten, d. h. der zur Schulunterhaltung verpflichteten Schul- und der kirchlichen Gemeinde bezw. ohne Zustimmung der der letzteren vorgesetzten kirchlichen Aufsichtsbehörde die Trennung des Kirchenamts von dem Schulamte von Schulaufsichtswegen nur dann verfügt werden wenn die Wahrnehmung des Kirchenamts den Lehrer in der Erfüllung seiner schulamtlichen Obliegenheiten hindert, insbesondere die regelmäßige Unterrichts-Erteilung in der Schule beeinträchtigt oder sonst das Schulinteresse schädigt und auf anderem Wege die Beseitigung solcher Uebclstände nicht herbetzusuhren ist. Fehlen diese Voraussetzungen, so kann die Schulaufsichtsbehörde die Trennung nicht anord- *'en' :1C Schulbehörde also nicht genötigt werden, das Amtsemkommen des Lehrers in entsprechender Weise zu erhöhen. Ebensowenig ist der Lehrer berechtigt, das kirchliche Amt ntederzulegen. Ist dem Lehrer ein Kirchenamt nur als widerrufliches Nebenamt übertragen, so kann er im Falle der Niederlegung ober Entziehung des letzteren für, den Verlust _bes Einkommens aus demselben keinen
“uf .Ersatz an die zur Schulunterhaltung verpflichtete Gemeinde machen.
. ^^kaunschtveig, 9. Okt. Der Kaiser nahm endgültig die Einladung des Regenten zu den Blanken- burger Hofjagden an, welche voraussichtlich Ende Oktober stattsinden.
Dresden, 9. ort. Die Herren Spencer, worunter noch hier^ vermutet und Traffort befinden sich
As e^burg, 8. Oft. Die Wahl des Buchbinders Eduard Buchwald .Sozialdemokrat) zum Landtag war, weil derselbe noch nicht 3 Jahre dem Staatsverband unseres Herzogtums angehörte, für ungültig erklärt worden. Bei der heute stattgefundenen Nachwahl siegten abermals die Sozialdemokraten, deren Kandidat der Schuhmacker Friedrich in Pesterstem war.
Dnrmftndt, 8. Okt. Als bestimmt verlautet, daß Prinz Heinrich von Hessen, derzeit Kommandeur der Groß-
Geschichtskalender.
12. Oktober.
1576. Kaiser Maximilian II. stirbt 50 Jahre alt, ihm folgt Rudolf 11.
1840. Die spanische Regentin Christine legt ihre Regent- schaft nieder und beliebt sich nach Frankreich.
Durchs Lebe» erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Fortsetzung.,
„Wie gut Sie find," tief Martha gerührt aus, ihm dankbar die Hand reichend und er verließ, eingedenk der übernommenen Pflicht, rasch den Salon.
Anna, die vom Fenster aus das Flüstern der jungen Leute gehört und den Händedruck gesehen hatte, wendete sich jetzt mit höhnischem Lachen zu ihrer Kousine: „Du scheinst sehr intim mit dem Direktor zu sein; den dieses Flüstern und dieser zärtliche Händedruck lassen auf ein recht inniges Verhältnis schließen. Er hat ein merkwürdiges Gluck bei den Damen; ich bleibe schließlich mit meiner Abneigung gegen ihn ganz allein übrig.1
Mit vor Erregung zitternder Stimme ertgegnete Martha: „Du beleidigst mich, Anna; Du weißt recht gut, daß der Direktor mir nicht näher steht als jeder andere Herr, aber ich achte ihn hoch und sehe nicht ein, warum ich ihn unfreundlich behandeln soll, nur weil Dn ihn nicht leiden magst.1
„Und," rief Anna aus, „Du suchst durch Liebenswürdig, keit gut zu machen, wenn ich ihn fühlen lasse, daß er mir zuwider ist. Glücklicher Mensch, der von allen Seiten verwöhnt wird!"
„Ein Diener, welcher mit Mantel und Kapuze eintrat, unterbrach die unerquickliche Unterhaltung durch die Meldung, daß der Wagen vorgefahren sei und Anna verließ rasch den Salon, denn fie wußte, daß ihr Vater nicht gerne wartete.
Die hohen Sale des Fürllenschloffes erglänzten in einem Lichtermeer, dessen strahlende Helle einen Ueberfluß von Pracht und Herrlichkeit beleuchtete. Die reichen Toiletten der Damen wechsellen mit den glänzenden Uniformen der in großer Zahl anwesenden Offiziere. Der schlichte schwarze Frack, auf welchem das Auge hätte ausruhen können von all der bunten Herrlichkeit war nicht allzu häufig vertreten und auch dann nur war er mit einem Stern ober Ordenskreuz geziert.
Mit großer Huld begrüßte das Fürstenpaar seine Gäste, ab und zu einen Bevorzugten durch freundliche Worte aur= zeichnend. Auch der Kommerzienrat und seine Gattin gehörten zu diesen Glücklichen, wahrend eine der jungen Prinzessinnen freundliche Worte mit Anna wechselte, ihr einen baldigen Besuch verheißend, um die herrlichen Palmenhäuser in der Steiner',chen B-sitzung kennen zu lernen, von denen man ihr so viel erzählt hätte.
Der Tanz begann. Auch hier war Anna unter den gefeierten Schönheiten und fühlte sich bald heimisch auf dem ihr bis heute so fremden Boden des Fürstenschlosses. Ein Prinz zeichnete fie zum Verdruß der jungen Damen von altem Adel durch einen Tanz aus und blieb noch lange plaudernd an ihrer Seite stehen. Sie hätte einen glücklichen Abend haben können, wenn sie nur eins hätte vollständig aus ihrem Gedächtnis verwischen können, die peinlich letzten Minuten zu Hanse nämlich. Sie nahm sich fest vor, nicht mehr daran zu denken, sich ganz und ungeteilt dem Genuß der Gegenwart hinzugeben, aber immer und immer wieder erschien vor ihrem Auge das Bild der armen Mutter, die ihr krankes Kind im Arm angstvoll der Rückkehr ihres Mannes mit dem Arzt lauscht; denn es ist ja nicht möglich, daß die sonst so gütige Herrschaft ihm den billigen Wunsch versagt. Die Zeit enteilt, eine Minute nach der anderen verrint, er kommt nicht. Schwerer geht des Kindes Athem, rascher fliegt der Puls, angstvoll fragend schaut das fieber- glänzende Auge des Kindes die Mutter an, von ihr hofft es Hülfe in der furchtbaren Qual und sie kann nicht helfen,
sie muß das einzige geliebte Kind dahinsterben sehen, ihres Herzens Liebling, weil keine Rettung naht.
Die Töne der Musik weckten Anna aus ihrem Traume, y*? 9r' um sie einzuführen in die fröhliche
Gesellschaft, aber ste kann mcht loskommen von ihren schweren sanken. Wenn der Kutscher selbst kam, um zu bitten, uustatt den Direktor zu schicken, wenn dieser sich an sie, und nicht an Martha gewandt hätte, die ja gar nicht berechtigt w?/' die gewünschte Erlaubnis zu erteilen, dann, ja dann hatte sie vielleicht nicht aus Eigenwillen ein Menschenleben aus das Spiel gesetzt und sie könnte jetzt fröhlich sein mit den fröhlichen, aber nun . . .
„Warum schauen Sie so zerstreut in die Ferne, warum gehen alle meine Anreden ungehört an ihrem Ohre vorüber?" Diese Worte drangen endlich zu ihr: „O, könnte ich den Zauber bannen, der sie gefangen hält, um endlich ein Wort aus Ihrem schönen Munde zu mrnehmen!"
, Sie fuhr empor, ja sie hatte vergessen, wo sie war, sie glaubte die klagende Stimme des kranken Kindes zu vernehmen, aber sie wollte der Gegenwart leben, sie war ja so schön, so glänzend.
Der Prinz benutzte die Freiheit des Kottilons, um ihr ein duftendes Blumenbouquett zu überreichen, sich damit die Erlaubnis zum Tanzen mit ihr erkaufend. Stolz fliegt sie an seinem Arme über das Parqnet dahin; sie will fröhlich sein, sie will vergessen, will ihr Gewissen zum Schweigen zwingen. Warum gerade diesen Abend sich verderben mit Grillen, wo ihr höchster Wunsch, zu den Gästen des Fürstenhauses zu gehören, in Erfüllung ging.
Das Fest dehnt sich länger aus als das sonst wohl ge- wöhnlich ist, die jungen Herrschaften vergnügen sich noch beim Tanz, der fremde Prinz unterhält sich mit einer der Prinzessinnen, man flüstert sich zu, daß eine Verbindung der Beiden geplant und erwünscht ist und man dem Paare Gelegenheit geben will, sich kennen zu lernen.
(Fortsetzung folgt.)