Rr. 238.
Marburg, Sonntag, 10. Oktober 1886.
XXI. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. Okt. Andauernd treffen über das Befinden des Kaisers auf privaten Wegen die erfreulichsten Meldungen ein, und es bleibt unerfindlich, wie gegenteilige Berichte überhaupt Glauben finden konnten. Der Kaiser gedenkt, wie versichert wird, einem Teil der Hofjagden im November beizuwohnen. — Das Staatsministerium trat gestern unter Vorsitz des Vizepräsidenten, Ministers des Innern v. Puttkamer, zu einer Sitzung zusammen. — Der Minister für Landwirtschaft, Domänen und Forsten macht bekannt, daß auf Grund des § 28 des Regulativs über Ausbildung, Prüfung und Anstellung für die unteren Stellen des Forstdienstes in Verbindung mit dem Militärdienst im Jägerkorps vom 15. Februar 1879 bei den königlichen Regierungen zu Potsdam, Stettin, Köslin, Stralsund, Posen, Breslau, Liegnitz, Oppeln, Magdeburg, Wiesbaden, Köln und Trier, sowie bei der königl. Hofkammer zu Berlin neue Notierungen forstversorgungsberechtigter Jäger der Klaffe A. I. bis auf weiteres dergestalt ausgeschloffen werden, daß bei den genannten Behörden nur die Meldungen solcher im laufenden Jahre den Forstver- sorgungsscheiu erhaltenden Jäger angenommen werden dürfen, welche im Bezirk derjenigen der vorgenannten Behörden, bei welcher sie sich melden, zur Zeit des Empfangs des Forstversorgungsscheins im königlichen Forstdienst länger als 2 Jahre beschäftigt sind. Die Zahl der Anwärter ist gegenwärtig am geringsten in den Regierungsbezirken Arnsberg, Stade, Cassel, Osnabrück und Erfurt. — Eine Anzahl von Blättern hat nach der „Preuß. Lehrer-Zeitung" gemeldet, der Geh. Ober-Regierungsrat Schneider aus dem Kultusministerium werde demnächst wieder eine Pfarrstelle annehmen. Es handelte sich dabei angeblich um die Pfarrei
Altenkirchen auf Rügen, die einträglichste im Königreich. Dem Vernehmen der „N. P. Z." nach ist jedoch die Mitteilung unbegründet. Geh. Rat Schneider denke nicht daran, aus dem Kultusministerium auszuscheiden; die Sache sei überhaupt erst durch Zitat aus der „Preuß. Lehrer-Ztg." zur Kenntnis des Betreffenden gekommen.
— Lord Randolf Churchill ist am Mittwoch Abend in Berlin eingetroffen und als „Lord Spencer" im Kaiserhofe abgestiegen; er hat am Donnerstag wiederholt Besuche bei dem englischen Botschafter gemacht. Der „Standard" bespricht die Reise Churchills und bezweifelt nicht, daß derselbe auch den Fürsten Bismarck in Varzin besuchen werde; das Blatt fürchtet aber, daß die Unterredung resultatlos bleiben werde, da der Lord mit leeren Taschen reise und dem Reichskanzler nichts zu bieten habe". Dem „Reuterschen Büreau" in London wird angeblich von kompetenter Seite versichert, daß es sich bei der Reise des Lords nach dem Festlande nicht um diplomatische Angelegenheiten handele, die in irgend einer der Hauptstädte des Festlandes zu erledigen wären, sondern daß Lord Churchill die Reise lediglich aus Gesundheitsrücksichten unternehme. Solche Dementis darf man nicht allzu ernsthaft nehmen; wenn englische Lords zur Erholung reisen, so gehen sie bekanntlich nicht nach Varzin in Hinterpommern. Was der Lord in den Taschen trägt und in Varzin hervorholen wird, wird er schwerlich dem „Standard" oder einem anderen Blatte vorher verraten haben; aber daß er nicht aus Gesundheitsrücksichten, sondern aus politischen Rücksichten nach Varzin geht, das scheint denn doch ebenso zweifellos zu sein, als daß er sich mit dem Kanzler nicht über die aussterbenden Rothäute und der amerikanischen Hinterwälder, sondern über Tinge unterhalten wird, die jetzt alle Welt beschäftigen — über die orientalische Frage. Seine letzte Rede war das Präludium für seinen Reisemarsch und für deutsche Ohren fanden sich recht bekannte Akkorde darin. Man sagt dem jungen Lord nach, daß er sich den Fürsten Bismarck zum Vorbilde genommen habe und seine Rede schien dem in der That nicht zu widersprechen. Manche sind der Meinung, es sei besonders die egyptische Frage, insbesondere die Nachricht, daß Frankreich mit dem Gedanken umgehe, einen Kongreß zur Entscheidung der egyptischen Frage anzuregen, was den Lord auf den Kontinent getrieben habe. Die „Nat.-Ztg." hatte neulich die Andeutung gebracht, Deutschland wäre vielleicht geneigt, den Franzosen nicht zu wehren, wenn sie Tripolis annektieren wollten; französische Zeitungen hatten, um dieser Aeußerung Gewicht zu geben, behauptet, die „Nat.-Ztg." sei ein offiziöses deutsches Blatt. Dieser Behauptung tritt die „Nordd. Allg. Ztg." entschieden entgegen, um die Aeußerung der „Nat.-Ztg." zu entkräften. Es
hieße leere Worte machen, wenn man sich darüber mutmaßend verbreiten wollte, was wohl zwischen dem englischen Minister und dem deutschen Diplomaten gesprochen und verhandelt werden würde: aber daß für die englischen Minister Grund genug vorhanden ist, ihr Eiland zu verlassen, um Fühlung mit der festländischen Diplomatie zw gewinnen in einem Zeitpunkt, wo der russische Gesandte in Bulgarien als panslavistischer Agitator im Lande herumreist und die Pforte ihre Kriegsrüstungen fortsetzt, so baß man fürchten muß, die Gewehre möchten im Oriente plötzlich von selbst losgehen — das läßt sich unschwer begreifen. — Nach anderen Berichten aus London will der Lord den deutschen Reichskanzler durch Darlegung der gegenwärtigen Parteiverhältnisse im Unterhause überzeugen, daß die jetzige englische Regierung infolge der Vereinigung der Regierungspartei mit Hartingtons und Chamberlains Anhängern einer langen Amtsdauer sicher fei, da hauptsächlich die Zweifel an einer solchen Kontinuität des jetzigen Kabinetts für eine dauernde praktische Einigung und Kooperation mit Deutschland hinderlich gewesen oder eine solche doch erschwerte. — Der Lord ist übrigens bis jetzt noch nicht nach Varzin gereift, sondern hat sich von Berlin nach Dresden begeben und will von dort nach Wien gehen.
Ausland.
Wien, 8. Okt. (Abgeordnetenhaus. > Ministerpräsident Graf Taaffe, die Interpellation des Abg. HeilSberg über ben Fortbestand des Bündnisses mit Deutschland beantwortend, erklärte: Die Annahmen, als wenn die Verhältnisse unserer Monarchie zu Deutschland erschüttert wären, seien grundlos. Tas Bündnis beruht nach wie vor auf den von dem Minister des Auswärtigen in den Delegationen wiederholt definierten Grundlagen. Es liegt kein Anlaß vor, die Lockerung oder Trübung der gegenseitigen, engen und vertrauensvollen Beziehungen zu besorgen. Die von Heilsberg beantragte Besprechung der Antwort wird vom Hause abgelehnt; dafür stimmten nur der deutschöstcr- reichische und der deutsche Klub, die Antisemiten und Demokraten. — Die Blätter konstatieren übereinstimmend, daß die rückhaltlose, jede mißverständliche Deutung ausschließende heutige Erklärung des Grafen Taaffe über die Beziehungen zu Deutschland die vollständigste Beruhigung hervorzurufen geeignet fei.
Rom, 8. Okt. Jacobini und der Vertreter des Fürsten von Montenegro, Bischof Sundecich, tauschten in Genzano, wo der Kardinal sich zur Rekouvalescenz aufhält, die Ratifikationen der zwischen dem Vatikan und Montenegro abgeschlossenen Vereinbarung aus.
Madrid, 8. Okt. Sagasta überreichte der Königin
Geschichtskalender.
10. Oki ob er.
1529. Sultan Soliman II-, stürmt bum 10. bis 14. Oktober Wien vergeblich mit einem 250 000 Mann starken Heere.
1806. Prinz Louis Ferdinand von Preußen fällt in dem Reitertreffen bei Saalfeld gegen die Franzosen.
11. Oktober.
1303. Papst BonifacinS VIII., mit Abführung nach Frankreich von König Philipp August IV. von Frankceich bedroht, stirbt 80 Jahre alt zu Anagni.
1347. Kaiser Ludwig der Baier stirbt 63 Jahre alt auf der Jagd bei München.
1492. Columbus entdeckt die Insel St. Salvador.
1531. Die (reformierten) Züricher werden von den (katholischen) Urcantonen bei Kappel geschlagen, Zwingli fällt.
Durchs Leben erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
(Forstetzung.)
„Du wurdest dort schon vermißt/ sagte Martha zu ihrem Cousin. „Ach ich weiß eS wohl, aber es war mir unmöglich, mich so schnell wieder von meiner Staffelei zu trennen, ich mußte mich erst durch meine Kunst anfrischen, ehe ich mich entschließen konnte, mich wieder in dieses elende Joch zu spannen. Wie lange noch werde ich eS ertragens Heute erst noch hat mir der Maler, der mir heimlich Unterricht erteilt, versichert, daß ich entschiedenes Talent habe, und es sei traurig, daß ich nicht alle meine Zett auf die Pflege und Ausbildung desselben verwende und doch kann ich nur so wenig Zeit dem widmen, was meines Herzens Freude und Sehnsucht ist."
„Willst Du nicht offen mit Deinem Vater reden," entgegnete Martha, „ihm vorstelle», daß Du einen Widerwillen gegen den Dir anfgedrungenen Beruf hast, ihn darum bitten, daß Du Dich ganz Deiner Knust widmen darfst s"
„Das ist unmöglich," rief der junge Mann aus, „noch denke ich mit Schrecken an die Szene, als ich ihn einst mit Thränen darum anflette, ich bin ihm nichts als der Gehilfe, der einstige Erbe seiner Fabrik. O, könnte ich ihn von mir werfen, diesen Reichtum. Könnte ich arm hinauswandern in die Welt, nur meiner Kunst lebend. Auch meiner Muttter darf ich meinen Kummer nicht klagen, mache ich ihr ohnehin schon Sorgen genug, wenn sie immer und stets vom Vater hören muß, daß ich feinen Wünschen und Hoffnungen nicht entspreche. Du, meine Martha, bist allein meine treue Freundin, Dir darf ich mein schweres Herz ausschütten, Du nimmst Teil an mir, während meine Schwester mich nicht versteht. Sie lebt zu sehr in der Pracht und dem Glanz des Reichtums."
„Ja, ich teile Dein Leid," entgegnete Martha, „ach, könnte ich etwas dazu beitragen, Dich glücklich zu sehen!"
Der junge Künstler erhob sich, um sich endlich nach der Fabrik zu begeben und des Vaters Vorwürfe in Empfang zu nehmen. Mit einer Throne im Auge schaute ihm Martha nach bis seine schlanke Gestalt zwischen den Bäumen des Parks verschwunden war.
Wenige Wochen nach jenem Tags wurde die Reihe der in Aussicht genommenen Hoffestlichkeiten durch einen Ball eröffnet. Annas glühender Wunsch, auch zu den Bevorzugten zu gehören, welche als Gäste des Landesherrn doit erscheinen durften, erfüllte sich zurr ersten Male. In prachtvoller Toilette erschien sie im Salon, ihre Eltern und das Vorfahren des Wagens erwartend. Das kostbare Spitzenüber- kleid dämpfte den Glanz der schweren Seidenrobe, die in einer langen Schleppe endete, alle die zarten Blüten, die das Kleid und das dunkle Haar schmückten, wetteiferten an Frische und getreuer Nachahmung mit ihren Schwestern, die in den Gärten erblüten, funkelnde Steine erglänzten am Arm und Hals. Anna war eine fürstliche, bevorzugte Erscheinung, das betätigte auch ihre Cousine, deren Blick mit ungeteilter neidloser Bewunderung auf ihr ruhte». Ei» leises Klopfen an der Thür ertönte und der Direktor der
Fabrik trat ein, nach kurzem Gruß sein Eindringen den Damen gegenüber entschuldigend.
„Ich suche den Herrn Kommerzienrat," begann er, „der sagte mir, er sei hier. Ich mochte ihn nur einen Augenblick sprechen."
Da Anna angelegentlich durch die Scheiben in den dunklen Herbstabend hinausblickte, als habe dieser ihr etwas ganz Besonderes zu bieten, so ergriff Martha das Wort: „Der Onkel wird sogleich kommen, wollen Sie ihn hier erwarte», oder kann ich eine Bestellung an ihn übernehmen?"
„Ich wollte dem Herrn Kommerzienrat eine Bitte im Namen des Kutschers ans Herz legen, welche dieser nicht selbst wagt, weshalb er mich zu seinem Fürsprecher machte. Er hat ein totkravkes Kind zu Hause und sehnt sich, schnell wieder zu ihm zu kommen. Er bittet daher um Erlaubnis, das Fahren dem Gärtner übertragen zu dürfen, der ebensogut mit den Pferden uwzugehen weiß wie er und ihn gern vertreten will. Wollen Sie die freundliche Vermittlerin sein, Fräulein Martha? Sie beklagen gewiß mit mir den armen Mann von ganzem Herzen?"
„Ich wünsche nicht, Martha, daß Du Papa davon sagst," rief Anna, sich halbZden Anderen zuwendend mit sehr erregter Stimme, „ich will nicht, daß der Gärtner fährt, mir ist mein Leben zu Heb, als daß ich es ungeübten Händen an» vertrauen möchte. Uebrigens wird es mit der Krankheit des Kindes nicht so schlimm sein. Diese Art von Leuten macht ja bekanntlich ans einer Mücke einen Elephanteu. Der Kutscher wird fahren, dafür ist er in unseren Diensten."
Martha wollte einen Einwand erheben, aber der Direktor, dessen schönes Gesicht über diese Herzlosigkeit in Zorn er» glitte, näherte sich ihr und sagte nur ihr hörbar: Lassen wir es, ich werde des armen Vaters Abwesenheit nach Kräften zu ersetzen suchen und die nötigen Wege zu Doktor und Apotheke besorgen, damit die Mutter sich ganz der Pflege ihres kranken Lieblings widmen kann."
(Fortsetzung folgt.)