Nr. 236
Marburg, Freitag, 8. Oktober 1886.
OWkUche Jtitiiiig.
Pfg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler m Frankfurt a. M , Cosset, Magdeburg und Wien: Rudoli Mosse in Frankfurt o M., Berlin,München und Köln; G. L. Daube und Go. n _ rank'urt a. M, B-rl n, Ha nover u. Paris.
(Nachdruck verboten.^
Durchs Lebe« erzogen.
Novelle von Th. Hempel.
Die elegante, im nobelsten Stil erbaute Villa des Kommerzienrats, seit neuester Zeit sogar Barons v. Seiner, war mü ihren prächtigen, umfangreichen Garten- und Parkanlagen eine Zierde des ganzen Stadtteiles, von den Vorüber, gehenden mit Bewunderung, oft auch mit Neid betrachtet, b=S prachtlicbcnden Besitzers, dem das Interesse des Publikums eine Gnugthuung war und der nie ermüdete, seiner Sa opfung Neues und immer Schöneres hinzuzufugen. Er bereicherte seine Garren durch herrliche Blnmen- boequets und Anpflanzung von ausländischen Holzern im Freien, soMie durch Paluun, Orchideen und Orangen, die in stattlich erbauten, mit reichen Verzierungen geschmückten ettt N'cht aus ihrem warmen
Vater lande m die kältere Zone versetzt. An verschiedenen Orten waren gemütliche Ruheplätze arrangiert, die unter Zelten oder hohen Bäumen zum behaglichen Niederlassen etuluden. Brette Landwege führten in verschiedenen Windungen und Verschlingungen nach dem herrlichen Pa'k der durch seine hohen, dichtbelaubten Bäume die großarttoen Räume einer Maschinenfabrik vom Wohnhaus und Garten des Besitzers trennte.
Nicht immer hatte Baron v. Steiner, wie jetzt, zu den Großindustriellen der Hauptstadt gehört. Naq und nach er,t hatte er sich emporgearbestet und war in die glänzendsten autzeren Verhältnisse gelangt, die noch erhöht wurden durch die Auszeichnungen, welche er von dem Landrsfürsten an
Deutsches Reich.
6. Ott. Ihre Majestät die Kaiserin hat die Glückwünsche deö Zentralkomitees der deutschen Vereine FTpSgTSS'SHHE 'SÄ" Sg” bU W **
CsmT» “xr Mächtig au?gestaiteten Veranda, mit ®ef{" bewachsen, dessen Blätter bereits anfingen sich rot zu färben, laß in den spateren Nachmittagsstunden
Herbsttages der Besitzer mit seiner Familie und mehreren Gasten, an denen in dem gastfreien Hause nie Riangel war, am reichbesetzten Kaffeetisch. Es war ein reizendes Plätzchen, das man erwählt hatte. Die Stufen, mit zartduftenden, in reichem Blütenschmuck prangenden Orangenbäumen und bunten Blumen verziert, führten hinab zu dem Garten, der noch einmal seinen ganzen Reichtum an Blumenpiacht und Blätterschmuck entfaltete, ehe der all^Än Fss* Jei£en putzen Stürmen ihn allmählig pll leim s Schmuckes beraubte, noch ehe die wint-rli^- Früblinoskeim" einhüllen würde zu langer Ruhe, bis die Fruhlingsk-ime, von der Sonne aus Licht gerufen, ihn von Neuem schmucken wurden mit Grün und Farbenpracht
Recht mrt Wohlgefallen überschaute der Kommerzienrat sein Eigentum; fem srifches, blühendes Gesicht lächelt/wohl- gesalltg, wenn er uberichaute, was er sich erworben mit fast übermäßiger Anstrengung. 11 10,1
pr dem ganzen Ucbermute des Empockömmlings liebte sLN-L Xt,h" ““i!”“8,n
ÄS Ä b'ldung zu geben, als sie ihm selbst zu Teil geworden war. Auch er wurde als jchlrchter Handwerker aeend->t Laben wenn nicht der geistig, reichbegabte Knabe, von glühendem' Ehrgeiz getrr-b-n, von außerordentlichen Glücksumständen
garischen Frage dirett entgegengetreten ist, und der des- halb die^ Erbitterung der Moskauer und Petersburger Panslavrstm in hohem Maße auf sich gezogen; er ist der 2 der Meinung, daß ein Krieg zwischen Eng
land und Rußland früher oder später unvermeidlich ist, u”b deshalb während seiner früheren Amtsperiode ^ Minister jur ^nbien bedeutend zur Verstärkung der ! ^ordwestgrenze beigetragen. Die Reise eines ftlches Mannes nach Berlin ist, auch wenn seine An- wesenhett m Berlin gar nichts mit der bulgarischen Frage
Utl bl" sEe, tmmer^n eine Demonstration gegen Rußland, etc kommt den Berliner leitenden Kreisen vielleicht sehr gelegen, denn das Treiben des Spezial-Ver- trauten des Zaren, des General Kaulbars, in Sofia hat in. der Rerchshauptstadt doch verstimmt! Darüber nach- grubeln zu wollen, ob diese Verstimmung zu festen Ab- machungen zwischen Deutschland, Oesterreich - Ungarn und Großbritannien fuhren könnte, erscheint für den Augenblick ÄrriÄ-6 re—ett ®^et anzunehmen ist, daß Lord Churchill die Einigung über die neue Fürstenkandidatur ftir Bulgarien beschleunigen will. Ter Hauptzweck seiner Reise gilt aber ficherlich der egyptischen Angelegenheit.
England fuhrt bekanntermaßen seit mehreren Jahren die Verwaltung tn Orientfragen Egyptens. Ohne einen Glichen Rechtstitel, ist da/richtig Aber L7st $5 m Jt? Rußland begann mit der Türkei ohne wirklichen Rechtsgrund den Krieg, Frankreich nahm sich ohne Rechtsgrund Tunis, Italien die Stadt Massauah am Roten Meere. Wer die Macht hat, hat dem armen Großtürken gegenüber immer Recht! Rußland und Frankreich haben sich aber nun tn dem löblichen Plan zusammengefunden, entweder die Briten vollständig vom Nil fortzudrängen, oder ihnen doch so viel Schwierigkeiten wie nur irgend möglich zu bereiten. Der Sultan begünstigt diesen Plan- 1 ?? QUd) re4t fein- wenn Egypten von den
^Glaurs befreit wird. Man hat nun wohl gehofft auch toneS 3?- st? b£m, ?or9^cn gegen England an- schließen, durste sich aber dabei gewaltig verspekuliert haben - aber die englische Regierung /achtet es doch für ana/ wbsieiy sich dieserhalb in Berlin zu verständigen, daher Lord Churchills Reise. Deutschland hat keinen Anlaß, sich fremder Interessen wegen die Finger zu verbrennen. Wenn England aus Egypten entfernt würde, würde es wohl den Franzosen «nfallen, aus Tunis zu gehen, den Russen, ^algarien aufzugeben? Gar kein Gedanke ist daran, und deshalb gewinnt auch England einen Schein von Recht, hT / "den. Was Rußland und Frankreich recht ist, ist für England billig — auch im Länderraub!
ruftied-n auf seine Umgebnng niederblickte W selbst Sra“ ^ß.an seiner Seite, eine feine, vornehme Meinung, die mit ihren blonden Haaren, den sanften blauen Augen und der graziösen Haltung einen fast iuaenk- -chen Eindruck machte, so daß fie ein Un ngeweibter moLs k°um für die Mutter her blühendenSch"nh-ttSÄ Sesftl ruhtt.' b C “ehe” uuchlässig hingestreckt in einem ,, ^una Baronesse von Steiner war das getreue Abbttß bte glänzend braunen Augen, das da?Erbe prächtigen, frischen Farben waren
®ertAt bh«a ft rbeno f"n.beinE auch der übermütige Zug im Gesicht, das stolze Zuruckwerfen des schönen Sauvtes ührr. Se sich ,C3 0Dm ^ück verwöhnten Kindes
pragre sich in ihrer Erscheinung aus, jene Sicherheit die ta'Ä/'S'” Äb-»-N d-i ,dw”„ w !, re«/'? Schoß wirft, bte nichts ahnen von Kummer und MHunF"' dusteren Wolken gleich, das arme Menschcn- h.rz oft schon tn zarter Jugend umhüllen und beängstigen.
Ein banger sorgenvoller Blick aus treuem Mutt-raua? ruhte fragend auf ihrem schönen, umschmeichelten Kinde Werden die Dornen der Eitelkeit und des Hochmuts b Sn ,rfdas im Grunde gute, eble Herz ibre§ Kmdes überwuchern unb ersticken; ober werben raube Sturme, schwere Erberschütterungen in ihr glänzendes Leben einbrmgen, um ihre Seele zu reinigen von allen Schlacken?' Martha, die Nichte unb Pflegetochter des Hauses in ^rer äußeren Erscheinung, aber auch in ihrem sonstigen Wesen ganz ber Taute gleichend, hatte am Kaffeetisch Vlaü genommen, um den aromatischen Trank zu bereitem W
(Fortsetzung folgt.)
8orb Churchill kommt nach Berlin. Zum Vergnügen natürlich nicht, sonbern seine Mission hat ihre besonderen Grunbe. Wir wollen hrer gleich bemerken, baß ber SCn f£tnen. ^llegen ber schärfste Gegner Rußlands ist. Wenn es tm vorigen Frühjahr nicht zu einem Krieg zwischen Englanb unb Rußlanb kam, an thm lag bte schuld wahrhaftig nicht. Lorb Churchill war auch ber erste englische Minister, ber Rußlanb in ber bul-
Gcschichtökalcnder.
8. Oktober.
1806. König Friedrich Wilhelm Ul. von Preußen erklärt Frankreich den Krieg.
Trschem: täglich außer an Sükthagcn nach Sonn» und geiertogen. - Quartal- LdorinementS-Preis dei der Expedition 2'/. Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Ma- (erd. Bestellgeld». Jnsertionsgebühr für die
vom Roten Kreuz mit folgendem Schreiben erwidert: Das M f burch seinen gefühlvollen Glückwunsch
Mich sehr erfreut und Ich bekenne es aufrichtig daß in einem neuen Lebens-Abschnitt die Förderung dlr Jnteress n Ä hnft - ^eU3e§ Mir die wichtigste Aufgabe scheint" ^ch hoste in den zum Ersatz manches schmerzlichen Verlusts neugewonnenen Teilnehmern auch wahre Freunde dem an Bedeutung wachsenden Werk zugeführt zu sehen und Mirsi denn versorgender Fri-den-iKl gk-i, ’to Kfi
»Wigteit, i„ ,It8rayet Weise itteMgen m
BlSIIer haben Miu-ilnngm L bradbt, "ach denen an bte Stelle des Militär - Sevtemiat-.« «ne andere gesetzliche Grunblage für bie HeSsMrtt Sen Rickiiok^ ?ftM'tteilungen hat sich, bevor noch bereu Richtigkeit festgestellt ist, eine lebhafte Diskussion geknüpft an ber auch bte „Freis. Ztg." teil nimmt. JnteressantSt ba§ tiOn ®U0en Richter begründete Blatt mit dem Fusionsprogramm umspringt. Im Programnl der Fortschrlttspartel wurde bekanntlich jährliche Bewilligung der ortebensprasenzstatke geforbert. Das FusionSprogramm hingegen stellte die Forberung auf, baß biese Feststelluna innerhalb icder Legislaturperiode erfolgen, ber Regel nach ine ^«jährige sein solle. Gerade in diesem Punkte sollte rne wichtige Konzession stecken, welche ber Fortschritt bei st»$U tCn °n .Sezessionistcntum in programmatischer gemacht hatte. Jetzt aber verkünbet bas Richtersche Blatt. „Ob die sreifinntge Partei bei Ablauf des Septennats von Cbtt OffCt b"Mng° Festsetzung eintritt, wird 'unerhalb der Partei abhängig ^url. Die Wähler werden gut thun, sich zu merken freifim^e" Programmfeststellungen 7®b n' 3« kernen, indem die diktatorische Gewalt innerhalb der Partei sich über dieselben hinwegsetzt soba'd nUS ^"ktischen Erwägungen beliebt. Jene aber
Erdings in der ehemals sezessionistischen Presse das Vorhandensein einer Diktatur in der beu W f, »Brt'r .b-Mtt-n h-bm, ,-m-n verlältniss-^"'.?^ ra.cr,l3 ste selbst über bte realen Macht- J ^rer eigenen Partei unterrichtet sind. —
. verzeichnet heute früh das hier kursierende Lucht, Churchill werbe sich in Begleitung bes enMchen Botschafters Malet zum Fürsten Bismarck nach Varzin begeben. — Der russische Botschafter in Parich Baron Mohienhelm, ist heute von München hier eingetroffen 2 ST jter Petersburg und begibt sich erst dann nach Paris zuruck. — Aus Paris wirb der Kreur-^ta" ro-ftb£l$ -rUJ ber bor"gen russischen Botschaften sterprasidenten v. Giers ein Runbschreiben ein- getroffen fet, tn welchem mttgeteilt ist, baß bie Beziehungen der drei Kaisermachte augenblicklich intimer seien als 9je R.d^sKa-s°r wird bis zum 20. Oktober in £*£ gaben blechen unb dann erst nach Berlin zurückkehren. —
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Oberhessische Zeitung nebst deren wöchentl. Gratis-Beilagen: Aiml. Anzeiger für die Kreise
Marburg und Kirchhain
nnd
Illustriertes Sonntagsblatt werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpvstboten), sowie in Kirchhain von unserer Agentur Herrn Buchbinder Rindt) und unserer Expedition für hiesige -Stadt noch fortwährend angenommen.
L-rV Churchills Reis- «ach Berlin.
r rieben dem greifen Gladstone hat in Englanb in bett letzten Monaten kein anberer Staatsmann von sich rebett mma$ '. a 8 btt. Schatzkanzler int jetzigen konservativen erQUUl Aattsbury, ber erst in ben breißiger Jahren geMe Lord Ranbolph Churchill. Der ruhige Salisbu y hat sich tn ber letzten Wahlkampagne sehr zurückqehalten und dem Heißsporn Churchill die Vertretung ber konservativen Part« den Massen gegenüber überlassen. Die ^"terhause unb ber wichtige Posten bes Lchatzkauzlcrs waren Churchills Belohnung, ber unbestritten if? San^rrberft9K9enroärtiseU englischen Regierung dv'b Churchill ist der erste konservative Parteifübrer einer Art in England. Mit großem Recht nennt man ihn einen konservativen Demokraten, denn er hat mit den st-^^^ferungen des alten englischen Konservatismus voll- gebrochen. Er stutzt sich nicht auf die Besitzenden ' JOnbcrrt.t erstreckt seine Agitation auf die breiten
IaLSK'- Wrer7b 5 ^gleich dem alten konservativen Schlendrian m England erbarmungslos die Wahrheit ae- sagt hat. Lord Churchill ist für einen Minister noch sehr jung und deshalb sehr hitzig; es läßt sich aber voraussehen, daß er spater einmal ber konscrvatie Premierminister con Englanb sein wird. An Energie unb Thatkraft über» stugelt er alle seine, mehr ober minber behäbigen Kollegen weit. ‘ a