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Rr. 235.

Marburg, Donnerstag, 7. Oktober 1886.

HI. Jahrgang

WkWscht jfitmio

daß sie sich als Nihilisten entpuppt hätten, waren eben so wenig nihilistisch, wie der Zar selbst. In der Regel hatten sie keine Ahnung, welche Mißbräuche von Sekre­tären und Unterbeamten sie mit ihrem Namen deckten und wie sie in üblicher Gedankenlosigkeit die Unterschrift unter ein Aktenstück setzten, das sie in hohem Grade kompro­mittieren mußte. Die russische Verwaltungs-Einrichtung verhindert die General-Gouverneure und die hohen Würden­träger überhaupt, die Geschäfte anders als durch Referenten zu besorgen. Ihre Stellung verpflichtet sie zur Repräsen­tation, die ihnen kaum Zeit läßt, ihre Namen unter die Schriftstücke zu setzen. Die Referenten selbst handeln nach der Wohlmeinung von Sekretären und Unterbeamten, die im russischen Volksleben als Inbegriff von Pfiffigkeit, Verworfenheit und Geldgier dargestellt werden. Sie allein sind den Bittstellern zugänglich, sic geberden sich als Ver­treter zwischen Volk und Regierung. Was denn dabei manchmal zu Stande kommt, braucht nicht weiter ausge­führt zu werden.

Allein in einem gewissen anderen Sinne sind die rus­sischen Beamten dennoch Helfershelfer des Nihilismus. Ihre Zahl ist wie Sand am Meere. Kenner behaupten, daß sechs- bis siebenmal so viel Beamte vorhanden sind, als zur Besorgung der Geschäfte notwendig wäre. Bezahlung ist eine über die Beschreibung schlechte; das Normalgehalt scheint seit undenklichen Zeiten nicht geän­dert zu sein. Der Despotismus, der für jeden General die Bezüge je nach der Beliebtheit festsetzt, der die Ge­wöhnung derfreien Hand" in Geldsachen hat, und, wie bewiesen ist, 14 Millionen Rubel jährlich für außerordent­liche Pensionen und Gratifikationen ausgiebt, kann in diesem Mißstande niemals Wandel schaffen. Mit fataler Notwendigkeit wird der darbende Staatsdiener der Korrup­tion in die Arme getrieben. Auch er haßt das Gouverne­ment aus tiefster Seele, er freut sich jedes Mißerfolges, und wenn der ganze Bau eines schönen Tages zusammen­stürzen würde, so würde er der Sorge, daß seine unred­lichen Schliche aufgedeckt werden könnten, überhoben sein. Der Beamte ist also unbewußter Nihilist, denn seine Teil­nahme gehört der Regierung durchaus nicht. Eine feste Stütze des Zarentums war lange das Landvolk. Aber auch hier hat der Nihilismus Eingang gefunden, und den von Beamten und Popen gleich bedrückten Leuten seine Lehren verständlich gemacht. Sehr bezeichnend ist eine Er­zählung, die jetzt unter den Bauern Rußlands kursiert und die lautet: Alexander III. habe sich eines Tages die Orden Alexanders I., Alexanders II. und seine eigenen Orden angelegt. Darauf rief ihm ein Geist zu:Lege die Orden Alexanders I. ab, Du hast sie nicht verdient." Ein anderer Geist rief:Lege die Orden Alexanders II.

speziellen Falle recht einträglichen Posten eines Kommis Voyageur verschafft; er hätte sonst auch ohne Schwierigkeit einen noblen Kavalier oder zünftigen Diplomaten gespielt. Ich hatte ihm damals meine Reiseroute angegeben und er mich zu besuchen versprochen, falls sich seine Tour mit meinem Reiseplan kreuzen sollte, nun war er da und ganz der Alte!

Die Begrüßung war herzlich. Darauf kommandierte er ein paar Flaschen vom Besten aus dem Hotelkeller, wir nahmen auf einer Veranda Platz, die einen effiklvollen Aus­blick aus das schöne Meer gemährte und tauschten Eein- nerungen aus. Dem ersten Flaschenpaar folgte, so sehr ich mich dagegen sträubte, das zweite.Sie müssen abson­derlich gute Geschäfte gewacht haben," meinte ich, als sich der diensteifrige Ganymed wieder zurückgezogen.Passabel!' war die Antwort,aber ich habe ein nettes Abenteuer erlebt, das wir das Sümmchen von vierzigtausend Franken ein­gebracht hat und darauf kann ich schon mit einem Freunde ein paar Flaschen auSstechen!" Ich mochte ihn wohl etwas sehr zweifelhaft angesehen haben, denn er fuhr gleich fort zu sprechen:Meinen Sie, ich will Ihnen einen Bären aufbinden? Da sehen Sie, zählen Sie!" Er warf eine mit Banknoten gefüllte Brieftasche auf den Tisch.Hören Sie einmal,sagte ich,Sie werden doch keine Streiche gemacht haben?" Oder waren Sie in Monta Carlo?" Kems von Beiden, Verehrtester!" lachte er,Sie wissen, ich habe solide Grundsätze, aber wollen Sie, so sollen Sie das Abenteuer:eu? Rur eine Gegenleistung! Ich bin hier nicht der Kommis voyageur . . . sondern Monsieur le Baron . . Sie werden reinen Mund halten!"Warum nicht," meinte ich,Talmi Barone :c. laufen hier zu Dutzenden umher. Auf einen mehr kann es nicht ankommen. Ich schweige."Sehr schön! Aber Harron!" ES folgte, bevor ich es zu verhindern vermochte, die Bestellung eines exquisiten Diners und als dies verzehrt, die Gläser neu gefüllt waren, begann meinMann mit den vierzigtausend Franken:"

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Okt. Die Kaiserin Augusta hat dem Berliner Magistrat und den Stadtverordneten ein Dankschreiben für die Glückwünsche zu ihrem Geburts- tage zugehen lassen.-DieNordd. Allg. Ztg." bekämpft die Anschauung desPester Lloyd", welcher das öster- relchrsch - deutsche Bündnis stets vom Standpunkte der be­dingungslosen Unterwerfung unter die Interessen Ungarns betrachtet. DieNordd. Allg. Ztg." meint, daß die Bürg- schaft für die Dauer des Bündniffes darin bestehe, daß dasselbe nicht mit den Parlamenten und der Presse ge. schlossen worden sei, sondern der Ausdruck der Freundschaft der in den Personen der Souveräne verkörperten Reiche sei. Die Schwierigkeiten, welche England darin finde, dauernde Beziehungen zu den befteundeten Mächten zu schassen, seien wesentlich bedingt durch die Ungewißheit infolge des Wechsels der parlamentarischen Majoritäten. Deutschland, das starke Bürgschaften für die Stetigkeit semer, auswärtigen Politik biete, bedürfe der Sicherheit, daß seine auswärtigen Beziehungen unabhängig vom wechseln- r &er Publizistik und der parlamentarischen Mehrheiten seren. - Der Herr Minister für Landwirt- schaft hat unter dem 25. September an die Regierungen folgenden Erlaß gerichtet:Nachdem wiederholt der Fall vorgekommen ist, daß die Beträge, welche zu Vorarbeiten und Verwaltungskosten behufs Deckung' der Kosten von o »®*.e Verehrtester, daß ich ein ungebundenes «eben über alles schätze. Daher mag ich von der Frau nicht recht etwas wissen, um so mehr aber vergöttere ich die Frauen. Ganz natürlich! Ich war bis Genua gekommen, hatte dort recht gute Geschäfte gemacht und beschloß also, a il Nizza zu besuchen. Gestern Morgen um 8 Uhr ttiste ich mit dem Kourierzug ab, nobel, erster Klasse, als dieses Ranges. Der Zug war spä< lich besetzt, ich hatte also allein ein Koupee für mich. Diese italienische Eisenbahnkoupees hatten zwar mit unseren deutschen gar keinen Vergleich aus, aber man gewöhnt sich an alles, be­sonders in der ersten Klasse. Ich wollte es mir bequem machen, als so ein Kerl von Gepäckträger die Thür öffnet, und ein Köfferchen hincinbringt. Ich wollte den Tropf mit einem halben Lire gleich wieder hinaus spedieren, als gerade der Besitzer des Gepäckstückes an der Thür erschien, oder vielmehr die Besitzerin, denn es war eine hochelegante Dam-, eme» schwarzen Schleier vor dem Gesicht, aber doch graziös, schlank, also jung. Ergo, ich blieb. Der Kerl hatte zwar seine 50 Centestnn fort, aber die waren zu verschmerzen. Er zog zum Abschied seine Mütze, nachdem ich ihm einen Wink gegeben, und sagte höflich:Merci monsieur le baron I Damit war ich zum Baron gestempelt, bevor ich daran ge. dacht. Die Dame, die mir gegenüber Platz genommen, hatte bei demBaron" leicht den Kopf gewendet, sich sonst aber nicht weiter gerührt. Eine Halde Stunde waren wir stillschweigend dahingesanst, als sie den Schleier zurückschlug. Hören Sie Freund, ich bin nicht so leicht überwältigt, aber das Gesicht thats mir doch an! Leichte, schwarze Löckchen an Stirn und Schläfen ein halbes Lächeln um den kleinen Mund und den holdesten Schalk in den Augen. Eine echte Vollblutpariserin, so war ich lebe! Zierlich, graziös in allem, ein Händchen, wie Füßchen zum Küssen. Sie schien mich aufmerksam zu beobachten und mir ward e8 gewaltig heiß unter ihren scheinbar, doch ganz gleichgiltigen Blicken. Ein leises Lächeln ging um ihren Mund und zwischen den Lippen zeigten sich die reizensten Zähne. Sie wurde plötzlich

ab, Du hast sie nicht verdient." Und ein dritter Geist rief:Deine Orden magst Du behalten, suche die Deiner Vorfahren zu verdienen.« Diese Fabel hat eine Wirkung bie sich nicht durch 10000 Bajonette aufwiegen läßt.

Auf die Bajonette kann sich das Selbstherrschertum in Rußland einzig stützen, seine breite Volkstümlichkeit hat e& total verloren. Die Armee war stets das Lieblinqskind des Zaren. Namentlich unter Alexander III. ist für das Otfizlerkorps viel geschehen, und die Armee ist auch durch- ganglg gut gesinnt. Aber auch die Armee ist von d7r Mißwirtschaft im ganzen Reiche angefressen und es wird ganz offen behauptet, daß die Stiefelsohlen aus Pappe, der Zwieback aus verfaultem Korn, die unbrauchbare Munition die wahrend des Krieges mit der Türkei so großes Auf­sehen erregten, auch heute noch vorhanden sind.Zn ganz Europa", so wird derW. Q. Ztg.« geschrieben,ist de? Abfolutismus gescheitert, da ex nicht vermocht hat, eine imponierende Organisation der Volkskraft zu bewerkstelliqen. Er machte im Innern Bankerott und wurde auf dem Schlachtfelde geschlagen. Aus dieser Parallele werden auch die beunruhigten Friedensfreunde ihre Zuversicht in einem Augenblick schöpfen, da die kolossale materielle Macht des Zaren gewissermaßen diktatorisch zu schalten droht!"

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Geschichtskalender.

7. Okto der.

732. Karl Martell siegt über die Sara eenen bei Poitiers. 1337. König Eduard in. von England erklärt sich zum König von Frankreich, damit Anfang des fast 100jährigen französisch-englischen Erbsolgekrieqes.

1571. Vernichtung der türkischen Flotte in der Bucht von Lepanto durch die verbündeten Venetianer und Spanier.

1813. Napoleon verläßt Dresden und nimmt den König von Sachsen mit nach Leipzig.

1840. Der König Wilhelm I. von Holland dankt zu Gunsten seines Sohnes Wilhelms H. ab.

1870.

7. Okt. Ausfall der Pariser Garnison gegen Malmaison; Ausfall der Metzer Besatzung bei Voissy; beide mit großen Verlusten für die Franzosen.

(Nachdruck verboten )

Mn Abenteuer am Mittelmeer.

Ich saß in dem prächtigen Garten des Hotel in Nizza, mit einem Briefe nach der Heimat beschäftigt. Gerade hatte ich die Schlußworte geschrieben, als der gewandte Zimmer- kellner herbeisprang:Monsieur . . werden gebeten, einen Augenblick in das Hans zu kommen; es ist soeben ein Herr eingetroffen, der sie dringend zu sprechen wünschtI" Das war eine sonderbare Meldung. Wer in aller Welt mochte mich sprechen wollen? Aber warum den Kopf hier draußen sich unnütz zerbrechen, drinnen im Hotel wird des Rätsels Lösung sich ja finden. Und sie fand sich auch.

Beinah hätte ich laut gelacht, als ich des Harrenden ansichtig wurde. Es war ein deutscher Reisender, den ich in Lindau am Bodensee kennen gelernt und der mich dort zu einer sträflichen Kneiperei verleitet hatte. Aber ich freute mich doch, er war der fidelste Bursche auf der Welt und nebenbei gesagt, das, was man einenpatenten Menschen" zu nennen pflegt. Sein Schicksal hatte ihm den in seinem

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Das Attentat gegen den Zaren, welches den Kaiser auf der Rückkehr aus Polen nach Petersburg treffen sollte, ist glücklich verhindert worden. Die Thatsache aber, daß trotz der enormen Ueberwachungs- maßregeln von Neuem eine Mine unter den Bahndamm gelegt werden konnte, lenkt die Aufmerksamkeit wieder auf die traurigen inneren Zustände des großen Reiches. Nicht zwei Monate gehen vorüber, ohne daß die Nihilisten ihre Gegenwart durch neue Verbrechen dokumentieren. Im Juli war es, daß in Petersburg eine Explosion ausbrach, der mehrere Menschenleben zum Opfer fielen; damals waren Bomben von den Nihilisten verwendet, welche sie nur aus dem Arsenal der Residenz haben konnten. Tie Nihilisten hatten gewissermaßen ihre Visitenkarte abgegeben und gezeigt, welche ausgedehnte Verbindungen sie selbst in jenem ängstlich geführten Waffendepot besitzen. Jndeffen darf man nicht gerade auf ein bewußtes Einverständnis von Offizieren mit den nihilistischen Schreckensmanövern schließen, wenn es auch in einzelnen Fällen stattgefunden. Zumeist sind Fahrlässigkeit, Schlendrian und gemeine Be­stechlichkeit im Spiele in den Fällen, in welchen Mitglieder des Beamtenstandes oder Militärs durch nihilistische Ver­schwörungen blosgestellt werden.

Der Nihilismus, welcher den politischen Zuständen Rußlands entspringt, wäre nicht halb so mächtig, wenn er nicht aus den elenden Verwaltungsverhältnissen seine Nahrung zöge. Der Beamtenstaud ist ganz aus den Fugen, seine Zugänglichkeit hat keine Grenzen, und die Leichtigkeit, einen Handel abzuschließen, ihm die wichtigsten Geheimnisse abzulocken, sich einzuschließen und Zutritt zu den verborgenen Gängen der Verwaltung zu gelangen, ist ganz erstaunlich. Die hohen Beamten, von denen es hieß,