Rr. 233
Marburg, Dienstag, 5. Oktober 1886
Wöchentliche Beilagen: AmtlicheEnzeiger f. i>. Kreise Marburg n. Kirchhain
Expedition. Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
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Deutsches Reich. "
Berlin, 2. Okt. Der Minister Dr. Lucius wird vom Urlaub am Montag zurückerwartet. — Die „Bert. Polit. Nachr. “ erklären heute, daß weder der Unterstaatssekretär Meinecke noch der Generalsteuerdirektor Burchardt auch nur entfernt daran denken, ihren gegenwärtigen Wirkungskreis mit einem anderen, oder insbesondere mit der Stelle des Präsidenten der preußischen Seehandlung vertauschen zu wollen. — Der Reichstag soll nach einer zuverlässigen Meldung am 18. November zusammentreten. Die zu erwartenden Militärvorlagen sollen demselben aber, wie von informierten Berichterstattern jetzt geschrieben wird, erst in einem späteren Stadium der Session zugehen, weil angeblich selbst grundsätzliche Fragen, die diese Vorlagen betreffen, noch nicht entschieden sind. Daß die Regierung nicht ein Septenat, sondern eine unbegrenzte Präsenzstärke verlangen wird, gilt für feststehend. — Offiziös wird geschrieben : Nach den nunmehr vollständig vorliegenden Meldungen betrug die Gesamtzahl der während der diesjährigen Herbstübungen bei den 14 der preußischen Kontingentverwaltung angehörigen Armeekorps an Hiyschlag Erkrankten 196. Ein großer Teil der Erkrankungen gehörte der leichtesten Form des Hitzschlages an; von den Schwerkranken sind 9 gestorben. Außerdem weisen die Monate Mai, Juni und Juli 76 Erkrankungen mit 5 Todesfällen auf. Hiernach kommt im Durchschnitt auf jedes Armeekorps ein Todesfall. — Die „Kreuz-Zeitung" bespricht an leitender Stelle die Resultate des Börsensteuer-Gesetzes. Sie ist ohne den geringsten Beweis überzeugt, daß bedeutende Defraudationen stattfinden und resümiert sich dahin: Der geringe Ertrag der Steuer ist aus zwei Ursachen zu erklären: Aus der Wahrscheinlichkeit von Defraudationen und aus dem langsamen Geschäftsgang. Die erstere Ursache wird sich auch dann geltend machen, wenn das Ge
schäft wieder lebhaft wird und deshalb ist es vielleicht an der Zeit, schon jetzt auf Mittel zu denken, die Steuer wirksamer zu machen. Nach der Ansicht von Sachverständigen ist ein solches Resultat nur dann mit Sicherheit. zu erwarten, wenn die Organisation der Börse eine vollständige Umgestaltung erfährt. Vielleicht dürfte es sich empfehlen, die Berliner Börse nach dem Muster der Londoner Exchange zu organisieren, jedenfalls ist die heutige Organisation der Berliner Börse auf die Tauer nicht zu behaupten. — Die statistische Ermittelung über den Wildstand im preußischen Staate ist nun beendet. Es handelte sich dabei, wie bekann^lim die Ergebnisse des in der Zeit vom 1. April 1885 bis dahin 1886 im ganzen Lande geschossenen Wildes. Der Zweck der unter Aufsicht der Landräte nach Gemeinden und Gutsbezirken vorgenommenen Feststellung ist folgender: zunächst Ermittelung des Wildreichtums Und des Vorkommens der verschiedenen Wildarten in den einzelnen Laudeseilen, dann Klarstellung der Bedeutung der Jagd in volkswirtschaftlicher Beziehung zur Gewinnung weiterer Anhaltspunkte für die Verwaltung und Gesetzgebung auf dem Gebiete des Jagdpolizciwescns, zumal das letztere schon Gegenstand beabsichtigter gesetzlicher Regelung gewesen ist. Die Regelung des Wildschaden- Ersatzes und die Wildschaden - Verhütung bildeten damals den Stein des Anstoßes, so daß der Gesetzentwurf nicht zu Stanve kam. — Ueber die Einrichtung der Bauverwaltung für den Bau des Nord - Ostsee - Kanals ist das „Zentralblatt der Bauverwaltung" in der Lage, Mitteilungen zu machen, welche die von uns gebrachten ergänzen: Wie bereits verlautete, ist dem im preußischen Ministerinm der öffentlichen Arbeiten angestellten Geheimen Oberbaurat Baensch, welcher auch bisher mit den technischen Vorbereitungen des Entwurfs betraut war, die Prüfung der Pläne, der Anschläge und der Bauausführung nebenamtlich im Reichsamt des Innern übertragen worden. Ebenso wurde bereits mitgeteilt, daß die kaiserliche Kanalkommission, welche in Kiel ihren Sitz hat, aus dem Regierungs- und Baurat Fülscher als technischem und dem Regierungs- Rat Löwe als verwaltendem Mitgliede besteht. Unmittelbar unter dieser obersten Behörde arbeitet das Hauptbauamt, dessen technische Abteilung von einem Wasserbauinspektor geleitet wird. Für die besondere Leitung und Ausführung der Bauarbeiten werden vier Bauämter errichtet, an deren Spitze Wasserbauinspektoren stehen, und zwar in Brunsbüttel, Burg Rendsburg und Kiel. Das Bauamt in Brunsrüttel umfaßt die Mündungsanlagen und großen Schleusenbauten an der Elbe und ist nicht weiter in Unterbehörden geteilt. Die drei übrigen Bauämter sind in je drei, zusammen neun Abteilungen zerlegt, denen Regierungs- Baumeister vorstchen. Im Bezirke des Bauamts in Burg sind besonders die umfangreichen Erdarbeiten zur Durch- schneidung der Wasserscheide zwischen der Elbe und Eider
von Wichtigkeit; . das Bauamt in Rendsburg umfaßt das Gebiet der Eider bis zum Beginn des jetzigen Eiderkanals bei Steinrade, während dem Bauamt in Kiel die Durchstechung der östlichen Hauptwasserscheide zwischen Nord- und Ostsee und die Anlage der Schleusenwerke und der Mündung bei Holtenall an der Kieler Bucht zufällt. Dem Vernehmen nach sind die Verhandlungen zur Heranziehung der technischen Beamten bereits eingeleitet und sollen Techniker aus den verschiedenen deutschen Bundesstaaten bei dem Werke beteiligt werden.
— Von einem Deutschen, der jüngst aus China zurück- gekehrt-ist, wird der „Nat.-Ztg." über die subventionierten, deutschen Dampfer geschrieben: „Noch ist der erste der sogenannten Subventionsdampfer des Norddeutschen Lloyd nicht von Shanghai wieder eingetroffen und schon macht sich unter den Reisenden auf den ostasiatischen Linien eine gewisse Bewegung zu gunsten der neuen Beförderungs- Gelegenheit geltend. Für den Reisenden, der sich für 5 bis 6 Wochen auf die Dee begibt, sind folgende Hauptgesichtspunkte für die Auswahl der Dampserlinie maßgebend: In erster Reihe sucht man möglichst große Sicherheit, welche natürlich am besten durch seetüchtige Schiffe und nicht minder durch erfahrene und umsichtige Kapitäne gewährleistet wird. Die zweite Rücksicht wird auf die Schnelligkeit der Schiffe genommen; dann zieht man ferner die Verpflegung und den allgemeinen Komfort an Bord in Betracht und endlich ist selbstverständlich der Fahrpreis zu berücksichtigen. In bezug auf Die Sicherheit hat man lange Zeit den Engländern (Peninsular und Oriental Steam Navigation Co., Cunard Line, White Star Line rc.) einen, gewissen Vorzug vor den konkurrierenden französischen Linien (Mcssageries Maritimes, Campagnie generale transatlan- tique) eingeräumt und vielleicht auch nicht mit Unrechts obwohl eigentliche Unglücksfälle auch auf den genannten französischen Linien seit Lnge zur großen Seltenheit gehören. Einen größeren Vorzug gibt man indessen jetzt den deutschen Linien und der Passagier empfindet sehr wohlthuend den beruhigenden Eindruck, welchen beispielsweise die offenkundige Sachkenntnis und große Ruhe von Kapitänen und Mannschaften des Norddeutschen Lloyd Hervorrufen. Auf den englischen und französischen Steamern sind vielfach chinesische und malayische Mannschaften in Verwendung und auf diese Leute ist in Notfällen nicht mit der Sicherheit zu rechnen, wie auf deutsche Mannschaften, welche ihre Schulung zum Teil in der Kriegsmarine erhalten haben. — Ein in den Vereinigten Staaten sehr verbreitetes Blatt : „Harpers Magazine" widmete letzt- hm den deutschen Kapitänen einen längeren geradezu enthusiastischen Artikel, begleitet von den zum Teil wohlgelungenen Porträts der betreffenden Persönlichkeiten. Die Schnelligkeit der Bremer Schnelldampfer (in neun Tagen von Newyork bis Bremerhafen) schlägt auf dem atlantischen
Gefchichtskalenver.
5. Oktober.
1056. Kaiser Heinrich HL stirbt zu Bothfeld bei Blankenburg 39 Jahre alt.
1795. Ter Aufstand der franz. Royalisten gegen den Konvent wird unter der Leitung des Generals Nopoleon zurückgeschlagen.
1870.
5. Okt. Das 14. Armeekorps überschreitet die Vogesen.
Die Tochter der Zarin.
Im Frühjahre 1765 tauchte in Amsterdam plötzlich eine junge Dame auf, welche durch ihre seltene Schönheit, wie ihr zugleich würdevolles und bescheidenes Auftreten bald die allgemeiue Aufmerksamkeit erregte. Es währte nicht lange, so verbreitete sich das Gerücht, die Fremde sei eine russische Großfürstin, welche in Holland Schutz vor der sie verfolgenden Kaiserin Katharina II. gesucht habe; nach und nach erfuhr man noch Bestimmteres über die von einem eigentümlichen Zauber umgebene, jugendliche Erscheinung, welche stets schwarz gekleidet, wie in tiefer Trauer ging, und äußerst eiugezogen in G.sellschaft einer alten russischen Dienerin lebte.
Es hieß, fie wäre eine natürliche Tochter der Zarin Elisabeth und als solche die nächste und einzig rechtmüßige Thronerbin, welche die Nachfolger Elisabeths, Peter m und Katharina, in einem Kloster der Bastlianeriunen im südlichen Rußland gefangen gehalten hätten. Unter den größten Gefahre« habe fie sich geflüchtet und ein holländisches Schiff erreicht, das fie nach Amsterdam brachte. Sie nannte sich Elisawate Romanowna, und die Wenigen, welche sie näher kannten, fanden in der That bei ihr eine frappante Aehu- lichkeit mit der Kaiserin Elisabeth sowohl, wie mit deren Vater, Zar Peter dem Großen.
Die Goßfürstin, wie man sie in Amsterdam kurz nannte, war eine hochgewachsene Blondine, mit herrlichen Formen, und einer stolzen Haltung, ihre Züge verrieten bei aller Demut viel Entschlossenheit und Selbstbewußtsein, ihre großen, träumenden, blauen Augen konnten unter Umständen auch drohen und gebieten. Sie hatte in kurzer Zeit das volle Vertrauen des Wucherers David von Zandel errungen, bei dem sie zuerst eine Uhr und verschiedene Schmuckg-gen- stände verpfändete. Sie gewann den sonst so vorsichtigen Mann, ohne nur das Mindeste dazu zu thun, ohne daß sie ein Darlehn gesucht hätte, drängte er ihr fein Geld auf und streckte ihr bedeutende Summen vor. Nun veränderte sich ihre Lage bald zu ihrem Vo: teile. Sie mietete ein kleines, vornehm aussehendcs Haus, umgab sich mit Dienerschaft und einer gewissen, ihrem Stande entsprechenden Pracht.
Die Zeitungen hatten die Kunde von ihrem Auftreten durch die Welt getragen, die Gesandten im Haag an ihre Höfe über sie berichtet; man begann überall, sich für sie zu interessieren, für oder gegen sic Partei zu nehmen. Vornehme Russen, welche mit den Verhältnissen daheim unzufrieden waren, kühne Abenteurer aller Nationen kamen nach Amsterdam, um der Kronprätendentin ihre Dienste anzn- bieteu. Die Großfürstin hatte bald einen förmlichen Hof um sich versammelt, und die Agenten fremder Mächte gingen bei ihr ein und aus, wie bei einer legitimen Regentin.
Endlich war man auch in Petersburg auf sie aufmerksam geworden und die Zarin Katharina II. entschloß sich, einen jungen Diplomaten, den Grafen Paul Upraxin, in geheimer Mission nach Amsterdam zu entfeuden. Fast zu gleicher Zeit reifte, von einer Anzahl polnischer Magnaten entsendet, der Fürst Sapieha von Warschau dahin. Die Polen hatten nicht übel Lust, das Spiel mit dem falschen Demetrius zu erneuern.
Während Upraxin sich im Haag unter der Maske eines genuesischen Offiziers Serbelini ziemlich bescheiden und in
Amsterdam noch bescheidener als französischer Friseur Bou- langer einführte, trat Fürst Sapieha mit großer Pracht und zab/reichem Gefolge auf. Man sprach bald davon, daß er der Großfürstin nicht nur den Beistand des polnischen Adels und stinen eigenen Degen, sondern auch sein Herz zu Füßcn gelegt habe, und daß Elisawate Romanowna den schönen kühnen Starosten begünstige jund nicht abgeneigt scheine ihm ihre Hand zu reichen. Sapieha umgab sie mit einem wahrhaft asiatischen Luxus, veranstaltete ihr zu Ehren glänzende, feeentzafte Feste und streckte ihr außerdem bedeutende Summen vor. Mann nannte ihn den künftigen Zaren und David von Zandel den künftigen Finanzminister Rußlands.
Upraxin hielt sich abwechselnd im Haag und in Amster- dam auf. Hier hatte er einen kleinen Laden und maskierte damit seine diplomatische Thätigkcit; im Haag verfolgte er nur den einen Zweck, sich von den Strapazen seiner Mission zu erholen. Er stellte sich der Großfürstin vor und nachdem er sie einige Male zu ihrer Zufriedenheit frisiert hatte, gab sie seinen Bitten nach und ernannte ihn zu ihrem Leib- unb Hoffriseur. So sehr sie aber mit seinen Leistungen zufrieden war, so wenig schien sich Herr Boulanger an Ordnung gewöhnen zu wollen. Jede Woche einmal verschwand er für einen oder zwei Tage. Als er nach einer solchen Reise wieder einmal seinen Dienst antrat, wurde er sehr ungnädig empfangen.
Die Großfürstin trat in einem russischen Schlafpelz von grünem Sammt, der mit Zobel ausgeschlagen und gefüttert und reich mit Gold verschnürt war, goldgestickte, türkische Pantoffeln an den Füßen, aus ihrem Schlafgemach in das Toilettenzimmer und warf Upraxin einen zürnenden Blick zu. „Wo waren Sie denn wieder?" begann fie, „was nehmen Sie sich heraus? Wenn dies noch einmal vorkommen sollte, werde ich Sie einfach davon jagen? Sie nahm vor dem Spiegel Platz; Upraxin begann seufzend sei« Frisierzeng auszupacken. (Schluß folgt)